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„Grüne Zweige zeigen Knospen“ konkret 3/2010

Willkommen im Frühling –

anfang März erlebte ich fünf sonnige Tage in London, eine sehr angenehme Frei-Zeit nach dem Streß der Wochen zuvor. Ein Grund: ich habe in 5 Wochen ein Buch über Haiti (Der Grüne Zweig 270) gemacht, das nun fertig vorliegt.

London ist seit Ostern 1967 meine gefühlte Heimatstadt. Ich liebe es, tagelang – mit oder ohne Ziel – durch die Stadt zu laufen. Hier gehe ich gerne in Läden, sogar in Buchläden, die ich daheim ehr meide. Im British Museum erlebte ich eine Ausstellung der Kunst der westafrikanischen Ife (11. – 14. Jh), saß im Museums-Cafe stundenlang mit Amber Marks zusammen, unter den 3 Filmen in 5 Tagen war der über Streetart von Bansky (Exit thru the Gift shop), wie auch ein heftiger 1945-in-Berlin-Film (A woman in berlin); ich fand einige Infos für kommende Projekte, z.B. mein Buch über ‘Haare’, auf PortoBello ein billiger Pulluver, in meinem StammCafe seit 1969 tauchte erstmals seit Jahren der alte Chef auf und begrüßte mich herzlich. Und nicht vergessen die langen Nächte bei Freund Paki, dem ich u.v.a.1971 den Begriff ‘Medienexperimente’ verdankte. Und ließ mir an meinem Geburtstag in Brighton meinen Winterbart abnehmen. Volles Programm. Und so eine Zugfahrt Weinheim – London kommt allemal für den Leser in mir wunderbar.

Zum Haiti-Buch: So einen Schnellschuß habe ich auch schon lange nicht mehr hingelegt: 8 Wochen nach dem Beben kam das Buch vom Drucker, dabei hatte ich mich ja erst ein paar Tage nach dem Beben zu einer Publikation zum Thema entschlossen. Als sich bei mir die Infos stauten, die doch deutlich anders als jene in unseren Medien daherkamen, dachte ich erst an eine reine Weitergabe im Netz, dann ermutigte mich Drucker Benno, trotz der angespannten Finanzlage (siehe unten) doch ein Heft zu machen und weitere 250 € von zwei Sponsoren veranlassten mich, dann doch ein Büchlein zu wagen. Mir war schnell klar, daß ich auf dem Cover eine Kinderzeichnung oder ein Kinderportrait abbilden wollte, um deutlich zu machen, daß es ja um die Zukunft dieses Landes geht. Im richtigen Augenblick rief mich mein alter Freund Chuck (1971 CoGründer der Free Clinic HD) an und erzählte, er kenne da einen Lehrer aus Luxemburg, der regelmäßig nach Haiti fahre und dort ein Schulprojekt mit 170 Schülern unterstütze. Als ich diese kontaktierte, packte er gerade seine Sachen, um ins Krisengebiet zu fahren. So verwies er mich an die Sekretärin der Hilfsorganisation, die mir einen Link zu vielen Fotos verschaffte – und dort fand ich ein Foto, das mich sofort überzeugte. Auf Nachfrage erfuhr ich, daß das Bild von selbiger Sekretärin gemacht wurde, das Mädel Magdaline heiße und diese am 5. März ihren 5. Geburtstag feiere. Ich ließ sie fragen, ob sie einen Wunsch habe – aber da fiel ihr nichts ein. Doch über eine Puppe würde sie sich gewiß freuen, schrieb man mir. Wegen Staub vor Ort kein Plüschtier.
Mir war sofort klar: da kann ich keine weißhäutige Puppe schicken, also machte ich mich auf die lange, frustrierende Suche nach einer dunkelhäutigen. „Sie können doch eine normale Puppe dunkel schminken“ war einer der Tips einer Fachverkäuferin. Naja, in London werde ich schon eine finden, hoffte ich.
Dann saß beim Buchumbruch bei den Synergias Carol neben mir und sie erzählte von einer Puppe, die sie in der Schule genäht habe – die sei dunkelhäutig … und von der würde sie sich für Magdaline trennen. Trotzdem stiefelte ich in London nochmals los, vom größten Spielzeugladen Hamleys bis zum Portobello Markt: erfolglos. Ich fragte Mütter, die mich aufklärten: so Puppen habe es in den 60ern gegeben, heute nur noch manchmal.
Carol fand dann auch welche im Netz: für 300-400 SFR. Aber mit so einer Summe würde man dann doch lieber eine Familie in Haiti unterstützen, als für eine Puppe ausgeben. So geht vor Ostern ein Paket (via die Hilforganisation in Luxemburg) nach Haiti: ein paar Bücher, Malbücher & Stifte, 200 Spektralbrillen und die Puppe für Covergirl Magdaline – als Honorar.
Jedesmal, wenn ich nun das Cover mit ihr sehe, muß ich lächeln – obwohl es im Buch ja um das ‘Katastrophenthema’ Haiti geht.

Durch die Abgabe des Handels-Vertriebes an Synergia liegen mir nun auch genaue monatliche Absatzzahlen vor – und die fürs 2. Halbjahr 2009 waren doch recht ernüchternd: von 46 unserer Titel wurde in der Zeit kein einziges Exemplar verkauft, von 25 Titel je 1 Ex; von 53 Titel eine einstellige Anzahl, von 46 Titeln eine zweistellige und von 10 Titeln eine 3-stellige Menge.
Für mein im Oktober erschienenes Sterbe-Buch bekam ich mehr direktes positives Feedback, auch aus dem engsten Freundeskreis, der sich sonst weniger über meine Bücher äußert, als für irgendeine meiner Publikationen seit Jahren. Doch in den drei Monaten bis Ende Dezember nahm mir der Handel nur ernüchternde 14 Exemplare ab.

Beispiele aus der Welt des Buch-Handels. Immer wieder rufen Buchhändler an und fragen, ob ich vielleicht noch für sie ein Exemplare des Buches ‘…you name it…’ für sie finden würde. Wenn ich ihnen sage, daß das Buch absolut noch lieferbar ist heißt es: aber vom Großhandel kommt die Nachricht 17 (glaub ich) – und diese Ziffer bedeutet ‘nicht mehr lieferbar’. Eigentlich sollte das heißen: der Großhändler hats nicht lieferbar, weil es sich für ihn nicht lohnt – doch leider haben die noch keine Ziffer die bedeuten würde ‘nur noch vom Verlag lieferbar’. Eine brutale geschäftsschädigende Lüge. Ein i-Tüpfelchen: Großhändler LIBRI schickte mir dieser Tage ein Liste von Remittenden, aber keine dazugehörigen Bücher. Seltsam, denn die beliefere ich ja seit Mai nicht mehr. Ich frage bei Synergia nach: auch sie haben keine Remittenden erhalten. Um Aufklärung gebeten antwortet LIBRI: „Wir haben doch eine Abmachung, daß wir so Bücher vernichten“. Auch nach Wochen waren sie nicht in der Lage, mir eine Kopie dieser ‘Abmachung’ zukommen zu lassen. ‘So Bücher’ bedeutet: ein Händler konnte es nicht verkaufen, gab es an den Großhändler zurück und da sein Aufkleber drauf bebbt, ist das Buch halt nicht mehr verkäuflich und wird vernichtet. Und für so Exemplare zahle ich u.U. auch noch Honorare. Eine Lösung: alle Bücher in Plastik einschweißen, dann lassen sich ja diese Buchhändler-Sticker entfernen …

Ein weiterer Dämpfer: zum einen habe ich im 2. Halbjahr 2009 (erstmals) 3500€ an Werbung (inkl. Buchmesse) ausgegeben, zum andern bekommt der Großhändler nun 51,5%, hinzu kommen die 10% für Synergia, was bedeutet, daß ich nun vom Großhandel statt wie bislang 55% nur noch 38,5% bekomme. Ist bei Ladenhütern ja trotzdem angenehm, bei aktuell gut laufenden Titeln mit Honorarzahlungen heftig, Beispiel: von den 124 im Dezember abgesetzten Psychoaktiven Pflanzen gingen 100 an KNV und Bert Marco erbittet nun sein Honorar in 3-monatigen Abschlagzahlungen.

Wieder lieferbar: das teilweise neu gestaltete Helen Keller Buch.
Demnächst ist wohl auch mein schon länger vergriffenes Mark Twain in Heidelberg wieder lieferbar; Twains Todestag jährt sich im April zum 100 x.

Als Autor sitz ich derweil an meinem Buch über HAARE. Die Recherche dürfte zu 90% erledigt sein, alle Fundstücke habe ich schon in ca 60 Kapitel eingeordnet – aber ich habe noch keinen Dunst, wann ich zum Schreiben kommen werde.

Als nächstes muß ich endlich das Lager in den zwei Kellerräumen und der Scheune nochmals ganz neu stapeln, doch dieser Tage ist mir das noch zu kalt, zumal die meisten Kartons etwas Feuchtigkeit gespeichert haben und sich nach trocknender Frühlingssonne sehnen.

Groß die Freude sollte Dir jemand einfallen, der Möglichkeiten hat (& Willen ist), die erwähnten Publikationen in irgendeinem Medium zu rezensieren oder sonstwie zu fördern, da die Rahmenbedingungen für Kleinverlage doch zusehens eingeengt werden. Herzlichen Dank!

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