Knackige Winterbrösel
1. Die Tage werden wieder länger, doch die Arbeit trotz sinkender Umsätze nicht weniger. Mal schauen, ob wir aus meinem Lieblingszitat dieser Tage einen Aufkleber machen.
“There’s too much reality these days!” (Jack Womack in seinem S.F. Acts of senseless violence)
2. Schreiberlaubnis (wenn in Druck)
Nachdem ich das Glühwürmchen-Buch fertig hatte, verhängte der Verleger in mir dem Autor in mir ein Schreibverbot – wg. kommerzieller Erfolgslosigkeit der letzten 5 oder 7 Titel. Nun trickste ich mich zur Wintersonnenwende überraschend selber aus, d.h. der Verleger schenkte dem Autor für ein paar Tage – die Zeit der Rau(ch)Nächte – Schreibfreiheit. In diesen feierlichen Wochen der langen Nächte war ich meist allein daheim, hatte Muße und … erlaubte mir, was zu schreiben, wenn auch keine ganzen Bücher. Konkret: die Begleittexte zu meiner schon länger vorliegenden Übersetzung von Sultanas Traum – und schon ist das neue Buch druckfertig.
3. Sultanas Traum – Der Grüne Zweig 279
Die Purdah (wie die Burka) verschleiert Frauen. Sie war und ist in manchen Regionen eine religiöse Pflicht. Manche Frau empfindet sie als willkommenen Schutz der Privatsphäre, andere hassen sie als Unterdrückungsinstrument der Männer.
Sultanas Traum, eine Science/Social-Fiction-Geschichte wurde 1905 von Roquia Sakhawat Hussain (1880 – December 9, 1932), einer verschleierten Muslima und Frauenrechtlerin aus Bengalen (heute Bangladesh) geschrieben – eine der ersten Science Fiction Geschichten einer Frau überhaupt. Die Autorin gründete kurz darauf eine erste Mädchenschule in Kalkutta, die es heute noch gibt.
Zur Geschichte: Sultana findet sich plötzlich in einer entschleierten Frauenwelt, aus der die Männer – zum Wohle aller – verbannt sind, wieder. Die Frauen haben sowohl gelernt Sonnenenergie, wie auch Wasserkraft wissenschaftlich zu bändigen und zu nutzen, gekocht wird (von den Männern) rauchfrei, sie schweben in solarangetriebenen Flugautos, es gibt keine Überschwemmungen mehr, keine Kriminalität, keinen Krieg …
Ergänzt wird Sultanas Traum mit Kapiteln über die Autorin und deren Geschichte(n), über die Zwangsverschleierung und ihre Folgen in verschiedenen Kulturen – damals wie heute, über Helden und HeldInnen der Gleichberechtigung, die besten (?) Väter der Welt, die Erfahrungen einer Frankfurter Schleierträgerin … und unsere Vorurteile.
Das Buch hat 82 Seiten, die ISBN 978-3-930442-79-9 und kostet 10 Euro
4. Michael Buschow: “Poller-Elly und Rattenpack” – Der Grüne Zweig 280
Hier ein Bericht der örtlichen Zeitung zu einer Lesung des Autor aus seinem kommenden Grünen Zweig:
Von Rumschmugglern und Exluden: Vorlesung in “De Molenkieker”
23. Dezember 2011 | Von mjs
Glückstadt. “Von kuriosen Menschen auf kuriosen Schiffen” lautete das Motto der Lesung mit Michael Buschow (55). Er las in der Gaststätte “De Molenkieker” aus seinem Buch “Poller-Elly und Rattenpack” vor. Die Kurzgeschichten sind aus dem Leben gegriffen. Alle Hauptdarsteller hat der Autor getroffen. Keine Story ist ausgedacht.
Die meisten Geschichten handeln von Menschen, die auf ihren Schiffen wohnen. Buschow ist mit seiner Lebensgefährtin elf Jahre auf See gewesen. Nun sind sie in Glückstadt und wollen hier überwintern. Zuvor bereiste das Paar die Nord- und Ostsee sowie die Flüsse Norddeutschlands und lebten selbst auf ihrem Schiff. Wenn ihnen eine Stadt gefiel, sind sie dort für längere Zeit geblieben. Auf Reisen trafen sie auf Charaktere, die Buschow beeindruckten. Wie zum Beispiel die Bewohner einer schwimmenden Stadt in einem niederländischen Hafen, in dem der Autor mit seinem Schiff angelegt hatte.
Behörden wollten die dort Ansässigen vertreiben, doch die ließen sich nicht unterkriegen. Wenn die Polizei einrückte, wurden die Planken, die zu den Schiffen führen, eingezogen. Als sogar ein Hubschrauber eingesetzt wurde, blockierten die Einwohner die Landeplätze.
Außerdem erzählte Buschow von Rumschmugglern, Flüchtlingen aus dem Zweiten Weltkrieg und einem deutschen Rastafari, der mit seinem Schiff nach Jamaika wollte. Der Höhepunkt für Vorleser und Publikum war die Geschichte über Tattoo Theo: einem von Kopf bis Fuß und von 250 Künstlern tätowiertem Exluden aus St. Pauli. Er war jederzeit bereit, sich komplett auszuziehen, um sich als Gesamtkunstwerk zu zeigen.
Viel Applaus und eine Zugabe: Buschows wahre Geschichten begeisterten das Publikum.
Das Buch hat 96 Seiten, die ISBN 9783930442805, und kostet 11€
5. Absatzzahlen 2011
Lange Zeit wollte ich im Rechnungsprogramm keine eingebaute Bestandsliste unserer Bücher – ich wollte den Bestand etc immer im Kopf haben. Klappte auch Jahrzehnte, bis zum Auszug des Versandbüros aus der Judengasse in Weinheim und Abgabe des Vertriebe an den Handel an Synergia. Und von denen bekam ich nun auf Wunsch eine komplette Verkaufsliste aller Titel im Jahre 2011. Hätte ich eine größere Nähe zu Depressionen, wäre ich jetzt dran.
Autoren gebe ich gerne genauere Auskünfte über den Absatz ihrer Titel. Verraten sei nur einiges, z.B. daß die Durchschnitts-Verkaufsauflage von drei meiner Lieblings-AutorInnen, von denen jeweils ca 5 Titel im Angebot sind, um die 15 Exemplare lag.
Konkreter. Von über 20 Titeln wurden im kompletten Jahr nicht 1 Exemplar verkauft, z.B.:
Ventura: Vom Voodoo zum Walkman
Pieper: Musik & Zensur weltweit (mit CD)
Remann: Solar Perplexus
Rolf Schwendter: Rosa Luxemburg (CD wie Buch)
Immerhin 1 Exemplar setzten wir (Synergia im Handel, ich an Privat) von ca 40 Titel an, aber nur von 29 verkauften wir mehr als 100 Ex.
Vom Mark Twain Titel, der mich 2011 runde 6000€ Strafe (= mehr als der Durchschnittsgewinn von 4 Monaten) an den Aufbau-Vlg. gekostet hat, haben wir nur 33 Ex. verkaufen können – da ich durch den Rechtsstreit die Feierlichkeiten (& die entsprechende Abfeierei in den Medien) zu seinem 125 Todestag verpaßt habe …
6. HD zur Stunde Null
Dieser Tage mache ich mal wieder eine Generalinventur und es fällt wieder auf, daß ich noch einige Titel auf Lager habe, die es aus verschiedenen Gründen nicht in unsern Katalog geschaft haben. Wie z.B. mein Buch ‘Heidelberg zur Stunde Null’ – warum es 1945 nicht bombardiert wurde. (7,50€). Eine komplette Liste dieser versteckten Titel dann im nächsten Rund-Brösel.
7.
40 Jahre geSpiegelt
Ich habe hier die SPIEGEL-Ausgabe 33 vom August 1971. Titel: Rauschgift – harte Welle. Erst Hasch dann Heroin? …
Ich kann mich erinnern, wie ich mich damals (noch Spiegel-Leser) empörte, weil ich mich als Dealer in meiner Berufsehre beleidigt fühlte, ums mal so auszudrücken. Diese Ausgabe war ein weiteres Argument, eine eigene Zeitschrift zu basteln – rund 7 Wochen später lag der erste Grüne Zweig vor.
Für ein Buch hätte es wg. Schreibsperre nicht gereicht und wäre wg. Nachdruckrechten auch schwierig geworden. Eine Kleinauflage nur für Abonnenten kann ich mir derzeit nicht leisten, denn inzwischen sind ja die Hälfte aller Abos stolze Lebens-Abos, d.h. deren Gelder sind schon vor Jahren in Buchprojekte eingeflossen …
Stellvertretend für all die so nun nicht neu kommentierten Infos aus jener Zeit folgende Meldung:
“Vor 40 Jahren, am 25. Dezember 1971, trat das neue Betäubungsmittelgesetz (BtMG) in Kraft, einen Tag, nachdem es im Bundesgesetzblatt am 24. Dezember 1971 veröffentlicht wurde. Die Höchststrafe wurde von drei auf zehn Jahren erhöht (in den frühen 80er Jahren dann sogar auf 15 Jahren). Im Vorfeld dieser Straferhöhung wurde eine monströse Kampagne gegen Kiffer veranstaltet. Im Zuge dieser Kampagne und im Rahmen einer Großfahndung namens »Trabrennen« wurde das Mitglied des »Zentralrats der umherschweifenden Haschrebellen« Georg von Rauch von dem Polizisten Hans-Jochim Schulz erschossen. Georg von Rauch gilt als das erste Todesopfer des Krieges gegen Drogen in Deutschland. Wir gedachten seiner am Ort des Geschehens in der Eisenacher Straße in Berlin-Schöneberg. Impressionen dieses Gedenkens gibt es auf PSI-TV.
http://www.psi-tv.de/40-jahre-gedenken-erschiessung-georg-von-rauch-berlin-05-12-2011”
8. Ausstellung Oona
Am 15. Fenruar um 17 Uhr eröffnet Oona Leganovic eine Ausstellung ihrer Zeichnungen in der Kaufbar in Berlin Friedrichshain. Letzthin war sie auch als Gründungsmitglied der Urban Sketchers Berlin im rbb zu sehen:
http://playinprogress.net/line/2012/01/exhibition-news-and-tv-appearance/
Und wenn jemand eine leere Wand und einen gefüllten Geldbeutel hat:
http://playinprogress.net/line/2012/02/how-to-buy-a-drawing/
9. RIF-CD
Vor einiger Zeit durfte ich für eine Ax Genrich Gesamtschau-CD (auf Sireena Rec.) die Linernotes schreiben. Nun wird demnächst die legendäre Transmitter Cassette Nr 9: Ax Genrichs’ RIF, auf einem mir unbekannten Label als CD erscheinen. Von der Cassette hatten wir in den 80ern über 400 unters Volk gebracht.
Und wahrscheinlich wurde sie im Laufe der Zeit auch raubkopiert, denn der Cover-Grafiker fand im Netz eine mir völlig unbekannte Version des CasettenCovers.
Mehr hierzu, wenn die CD vorliegt.
10. Heathcote Williams
Heathcote hat sich vor vielen Jahren völlig zurückgezogen, nicht nur ich habe ihn in diesem Jahrtausend leider noch treffen können. Dank Hans Plomp hier aber Aufnahmen von einem neuen Poem von ihm:
http://www.youtube.com/watch?v=KYBsD5BqZ5U&feature=related
11. Rezensionen…
Bis vor einigen Jahren konnte ich mich über die Anzahl von Rezensionen neu erscheinender Grünen Zweige nicht beklagen. Da ich – als ex-Dealer – nie Freund von bezahlter Werbung war (aber ein Liebhaber der Mundpropaganda), liegt ein Grund für die Umsatzrückgänge auch daran.
Mein Sterbe-Buch wurde bislang nur im Wiener Standart erwähnt, das Haiti- oder Denkmal-Buch auch nur in jeweils einer Zeitung.
Nun hat immerhin die ekz (Einkaufszentrale der öffentlichen Bibliotheken) in ihrer Zeitschrift mein Glühwürmchen empfohlen … und schon kamen Bestellungen. Nun hat auch Gereon Janzing eine längere – noch nicht erschienene – Besprechung für ein Bio-Blatt verfaßt. Danke!
12. Haiti-Ausstellung, Brief
Mehrere Leute (u.a. Herrmann Croop) hatten mich auf eine Ausstellung im Überseemuseum Bremen – Vodou – Kunst und Kult aus Haiti – aufmerksam gemacht und meine Bücher dort vermißt. Also schicke ich ihnen mein Haiti-Buch wie auch Venturas ‘Vom Voudoo zum Walkman’ mit der Frage, ob sie diese nicht auch anbieten können.
Die Antwort der Chefin Prof. Dr., samt rückgesendeter Bücher, folgt Monate später: “Leider können wir Ihr Angebot nicht annehmen, Ihre Bücher in unserm Museumsshop anzubieten …nur eine kleine Produktpalette zu diesem Thema… Ich bedauere, Ihnen eine positive Nachricht nicht übermitteln zu können …” Na, ist das ein Deutsch. Ich schreibe ihr nocheinmal, weise sie darauf hin, daß es nicht meine Absicht war, ihre ‘Produktpalette’ zu erweitern, daß es mir lediglich um ein Angebot von Haiti-Infos geht – falls sich jemand wirklich für Haiti und die Menschen dort interessiert – und nicht nur für diese Sammlung haitianischer Kunst von einer Schweizerin. Tough, wenn nichtmals Menschen, die sich für Kunst aus Haiti interessieren, Interesse für das Buch zeigen.
13. Leseempfehlungen:
Diese Bücher hätte ich sehr gern als GrünZweige aufgelegt!
Bei den ersten zwei Büchern geht es eigentlich um Fußball, aber sie sind auch für LeserInnen spannend, die sich nicht für dieses Spiel interessieren.
Fatou Diome: Der Bauch des Ozeans; Diogenes Vlg., 2004
Eine junge Senegalisin lebt seit 10 Jahren in Europa, ihr jüngerer Bruder träumt derweil daheim davon, in selbigem Europa groß als Fußballer rauszukommen – das ist der Hintergrund zu diesem Buch, das uns mit einem Einwanderer-Problem konfrontiert, daß nur wenige auf dem Radar haben.
Viele Afrikaner kommen nach Europa, um Geld zu verdienen. Schließlich wissen sie aus TV-Serien und einigen wenigen Ausnahme-Rückkehrern: in Europa ist jeder wohlhabend. Daraus resultiert z.B., daß sie in vielen Fällen nicht mehr zu Besuch nach Hause fahren können, denn dort erwartet jeder in der Großfamilie oder gar im Dorf ein Geschenk … von Menschen, von denen wir wissen, daß sie hier ganz unten, oftmals illegal, ums blanke Überleben kämpfen.
Dieser Konflikt wird hier von Fatou Diome aus afrikanischer Sicht und mit viel Herz erklärt.
Catrine Clay: Trautmann’s Journey – from Hitler Youth to FA Cup Legend. Yellow Jersey.
Die Lebensgeschichte des beliebtesten Deutschen in England, wobei er erst nach Seite 200 zum Torhüter wird. Bis dahin wird in diesem Buch die Geschichte eines großen, sportlichen, blonden Deutschen erzählt, wie er sich, durch die Hitler-Jugend und als Elitesoldat programmiert, 1945 in britischer Kriegsgefangenschaft wiederfindet, realisiert, was geschehen war, in England blieb, Torhüter wurde, bis er schließlich für Manchester City im Pokalfinale im Wembley Stadion spielend, ne Viertelstunde vor Schluß den Hals bricht – und durchspielt. A legend was born.
Für Sepp Herberger & Restdeutschland galt er als Vaterlandsverräter – sonst hätte er es eventüll zum Weltmeister geschafft. Statt dessen erhielt er von Chefin Elisabeth einen Orden für seine Verdienste für die Deutsch-Englische Freundschaft.
David Vine: Island of shame – The secret history of the US Military Base on Diego Garcia.
Seit langer Zeit sammle ich die raren Infos, die ich über die Chagoss-Islands, ink. Diego Garcia erhaschen kann. Völlig unbeachtet spiel(t)en sich auf diesem winzigen Fleck des Indischen (?) Ozeans Tragödien ab. Während die ursprüngliche Bevölkerung vor Jahrzehnten widerrechtlich entführt wurde, ist Diego Garcia heute der größte US-Militärstützpunkt auf dieser Erde, und wiederholt auf Google Earth nicht existent.
Der Autor durfte sieben (7) Jahre an diesem Buch arbeiten and it shows.
Luc Folliet: Nauru, die verwüstete Insel – Wie der Kapitalismus das reichste Land der Erde zerstörte. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2011, 137 Seiten.
Auch über diese Insel habe ich jahrelang alles gesammelt, um eines Tages ein Buch drüber zu schreiben, was sich nun wohl erledigt hat.
DUMMY, Unabhängiges Gesellschaftsmagazin, Ausgabe 32:
Thema: Scheisse.
Eine willkommene Ergänzung zu meinem Scheiss-Buch, vor allem die beiden Kapitel zum Thema ‘Nauru’ und die traditionelle Handlehrung vieler Latrinen in Indien.
14. James Hillman Nachruf
Der Grüne Zweig 249, “100 Jahre Psychotherapie” war ein Gemeinschaftswerk von Michael Ventura und James Hillman, der im Oktober 85jährig starb. Ersteren lernte ich auf einer Party bei Tim Leary kennen, zweiteren, der als ein Mix zwischen einem rabbinischem Wissenschaftler und einem Comedian beschrieben wurde, leider nie.
Hillman diente während es 2. Weltkrieges als Helfer für Blinde – was ihm zu vielen Einsichten sowohl ins reiche innere Leben der Blinden, wie auch über den mangelhaften Zustand der institualisierten Gesundheitspflege verhalf. Er studierte u.a. am Trinity College in Dublin, bereiste Afrika, verbrachte ein Jahr in Kashmir, wo er die Schriften Jungs kennenlernte. 1950 erlangte er ein PhD der Uni Zürich, wurde Mitglied vom Jung Institut, wo er bis 1978 blieb, bevor er nach Denver ging.
40 Jahre arbeitete er als Therapeut – um dann als starker Kritiker aufzutreten. Er argumentierte, die Krankheiten der Menschheit lägen eher an der Welt als in jedem Menschen. Die richtige Therapie, so meinte er, sollte sich mehr um die Politik, Städte, Gebäude, Schulen und unser Verhältnis mit der natürlichen Umwelt kümmern – als um unsere Innenleben.
Kommentare