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Nazis On Speed II

In dieser Dokumentation finden sich – zum Teil gekürzte – Original-Beiträge zum Drogenthema aus Wirtschaft, Kultur, (Rassen-)Politik und wissenschaftlicher Forschung aus der Zeit zwischen 1928 und 1945:
• Untergang der bürgerlich-rechtlichen Persönlichkeit im Rauschgiftmissbrauch
• Junkies für Volk & Vaterland – die Soldaten des 1. WK
• Genusspharmaka
• Selbstversuche und freiwillige Drogenerfahrungen
• Missbrauch, Süchte, Entzug & Lager
• Das Opiumgesetz
• Drogenforschung
• Mit den deutschen Armeen marschierte das Pervitin
• Drogen als internationale Verschwörung
• Trinksitten & Rassenhygiene
• Bayrischer Haschisch

“Eine fleißige und intelligente Materialsammlung zu einem vergessenen Erbe”, RNZ

“Alles in allem ist Pieper mit ‘NoS’ eine außerordentlich informative Mischung aus Sittengeschichte und Sachbuch gelungen, die keine Fragen zum Thema offenläßt”. JuBaz 5/2003

Das komplette Literaturverzeichnis für Band I und II (ca. 350 Titel).



Das Drogenproblem -
ein Erbe der (Vor-)Väter*

Ein Vorwort / Thesen

‘Question authority, think for yourself’.
Timothy Leary


In diesem Buch geht es um Politik, vor allem die Drogenpolitik des 3. Reiches. So erlaube ich mir in diesem Vorwort ergänzend zum Inhalt anzudeuten, was wir (und der Rest der Welt) heute mit den Auswirkungen jener Politik des Nationalsozialismus eigentlich zu tun haben. Leider mehr als uns lieb sein kann. 1945 gab es in der deutschen Geschichte einen heftigen Einschnitt, jedoch nicht in der Drogenpolitik: Drogen-Gesetze, die negative Drogen-Terminologie und der ‚Krieg gegen das Rauschgift’ wurden von den Nachkriegsdemokraten direkt von den Nazis übernommen und bis heute weitgehend beibehalten. Wir mögen mit der Vergangenheit abgeschlossen haben, die Vergangenheit jedoch noch nicht mit uns. Das Erbe der Drogenverteufelung durch die Nazis verhindert heute noch die EntKriminalisierung von Konsumenten ‘illegaler’ psychoaktiver Substanzen.

Wenn heute die Massenmedien über Drogenprobleme berichten, ist es nicht ungewöhnlich, wenn dort der historische Hinweis auftaucht, daß diese Probleme ja durch die Hippies oder gar ‘die 68er’ in unsere deutsche Welt Einzug gehalten hätten. Dies ist pure Geschichtsfälschung auf Kosten von Minderheiten. In den 50ern und 60ern bestimmte die US-Armee den illegalen deutschen Drogenmarkt: die hier stationierten GIs gierten nach Haschisch und LSD, ihre aus Vietnam zurückkommenden Kollegen kurz darauf nach Heroin. Das eigentlich nichts besonderes, denn seit Jahrhunderten dienen Soldaten als Vorreiter im Gebrauch und als Schrittmacher in der Verbreitung neuer Drogen. Das war schon beim Tabak so, der sich durch den 30jährigen Krieg flächendeckend verbreitete; im Krieg 1870/71 wurde die Morphium-Fixe eingeführt, im 1. Weltkrieg Heroin und Kokain, im 2. Weltkrieg Pervitin (= Amphetamin = Speed). Die russische Armee erlebte in Afghanistan ihr ‘Drogen-Vietnam’, aus dem viele Soldaten als Kiffer und Fixer zurück kehrten. Aber es verblüfft Laien wie Fachleute, wenn ihnen bewußt wird, daß der Großteil der psychoaktiven (Pulver-)Drogen des 19. und 20. Jahrhunderts (ohne erkennbaren Grund) von deutschen Chemikern entwickelt wurden: Morphium, Heroin, Kokain, Ecstasy, Pervitin und Methadon. Lange Zeit beherrschte Deutschland den Weltmarkt für ‘Rauschgifte’ und ihre chemischen Grundstoffe. Globale Dealer. Für die Umsätze der deutschen pharmazeutischen Industrie spielte und spielt es nicht einmal eine große Rolle, ob diese Drogen nun legal oder illegal gefertigt und verkauft werden - denn ohne die chemischen Grundstoffe, die damals wie heute häufig bzw. tonnenweise von deutschen Chemiefirmen stammen, könnten heute die Drogenchemiker in Kolumbien oder Laos kaum Kokain oder Heroin herstellen.

Das war natürlich auch in den 30er Jahren nicht unbekannt, fand jedoch eine zweigleisige, von der Drogenart und den Verwendungszwecken abhängige Bewertung. Während der private und persönliche Gebrauch von Rauschdrogen verteufelt wurde, wurden die leistungssteigernden Pulverdrogen für den Kriegseinsatz gerechtfertigt. Es sieht so aus als hätte sich diese Doppelmoral bis heute erhalten.


‘Volksschädigung’ und Rassenwahn

Die Hitlers und Himmlers waren - zumindest offiziell - Abstinenzler, ihr Fußvolk jedoch brauchte massenhaft Alkohol und später auch Amphetamine, um das Deutsche Tausendjährige Programm effektiv durchziehen zu können. Die Suche nach ‘Visionen’ und ‘Ekstase’ wurden als ‘schädigender Angriff auf die Rasse, das Volk und den Einzelnen’ uminterpretiert. Stellvertretend für viele seien zwei Autoren zitiert (die in Band II ausführlich zu Wort kommen):

Der Rassenpolitiker Hecht schrieb 1939: ”Seit Jahrzehnten war unserem Volk von marxistisch-jüdischer Seite eingeredet worden ‘Dein Körper gehört Dir’. Das wurde dahin verstanden, daß in Geselligkeiten der Männer untereinander oder zwischen Männern und Frauen jegliche Alkoholmengen genossen werden durften, selbst auf Kosten der Gesundheit des Körpers. Gegen diese marxistisch-jüdische Auffassung steht unvereinbar die germanisch-deutsche, daß wir Träger des ewigen Erbgutes der Ahnen sind, und daß demnach unser Körper der Sippe und dem Volk gehört.

Seit der Zeit der Kreuzzüge wird der germanische Geselligkeitsstil von vorsätzlich Ehelosen vorwiegend aus Klöstern und geistlichen Höfen bestimmt. Später werden die weltlichen Rittergesellschaften, die Landsknechte, die Studenten zusammen mit den Insassen der Klöster und geistlichen Höfe zu Trägern der neuen Geselligkeitsformen mit ihrem neuen ‘Männlichkeitsideal’ von Saufen und Huren. Dieses Männlichkeitsideal ist orientalischer und jüdischer Wurzel.”

Langerichtsrat Fraeb klärte 1937 das Deutsche Volk auf: ”Für den Menschen gibt es aber keine größere Schande als den Verzicht auf die freie Willensbestimmung. Kann man sich einen Staat vorstellen, in dem sämtliche Bürger sich an Opium berauschen würden? Welche Bürger, welche Krieger, welche Gesetzgeber! In der Tat, es ist den Menschen bei Strafe der Entartung und des geistigen Todes verwehrt, die Grundbedingungen seines Daseins über den Haufen zu werfen und das Gleichgewicht zwischen seinen Fähigkeiten und seinen Umgebungen, in denen sich zu betätigen seine Bestimmung ist, zu zerstören, mit einem Worte: sein Geschick niederzureißen. Das Gebiet der rätselhaften Suchten steht an der Grenze zwischen gesund und krank. Süchtige sind willensschwach und bedürfen eines Zwanges. Erst der national-sozialistische Staat steuerte der bis dahin bestehenden gesetzlichen Halbheit dagegen. Mit einem Gesetz vom 27. November 1933 machte er die zwangsweise Unterbringung von Rauschgiftsüchtigen in Heilanstalten bis zu einer Dauer von 2 Jahren möglich. (...)

Durch das Rauschgift verschwindet das Persönlichkeitsbewußtsein des Süchtigen, und dadurch wird die Daseinsordnung der Volksgemeinschaft, die ja allein auf jenem Einzelpersönlichkeitsbewußtsein beruht und aufgebaut werden kann, gefährdet. Durch die Sucht wird die freie Menschennatur in ihr Gegenteil verkehrt und damit gemeinschaftsfeindlich, weil sie nicht mehr geneigt und fähig ist, sich dem Gemeinschaftsgeist zu fügen und unterzuordnen, sondern völlig führungslos in die Bande einer unseligen Leidenschaft geschlagen ist. Sobald menschliche Vernunft dauernd in Unvernunft ausartet, muß aber das Vorrecht der Persönlichkeit untergehen. Das gilt aber auch in erster Linie für Menschen, die sich dem Rauschgiftgenuß wahl- und bedenkenlos hinzugeben beginnen.”


Gift als Merkmal unserer Zivilisation p>Gottfried Benn schrieb 1943: ”Drogen, Räusche, Ekstasen, seelische Exhibitionismen, das klingt der Volksgemeinschaft infernalisch. Aber dieser Begriff ‘Schädigung’ gehörte zunächst in das Bezugssystem ‘Kausalanalyse’ und ‘Biologie’ und hat nur die sehr bedingte Geltung dieser. Aber selbst innerhalb ihrer steht die Vorhaltung dieses Begriffs einem Staat nicht zu, solange er Kriege führt, bei denen innerhalb von drei Jahren drei Millionen Männer getötet werden, dies ist ganz zweifellos eine stärkere Schädigung einzelner und gemeinschaftlicher Interessen, als es Experimente sein könnten, die die steigenden Wirkungen von Drogen prüfen. Es handelt sich gar nicht um Schädigung, sondern um Grundsätze und was man darunter verstanden wissen möchte. Wenn man den Begriff Schädigung noch allgemeiner betrachtet, so ist es äußerst interessant festzustellen, daß Schädigungen universaler Art, die eine Rasse treffen, ihre Kompensationen bringen können, die das verlorene weit an Lebenswert übertreffen.”

Der Schweizer Kollege Gelpke erklärte 1966, also 14 Jahre vor den ‚Grünen‘, rück- und vorausschauend: ”Derselbe Staat, der seine Bürger zwingt, sich für irgendeines dieser modernen Religionssurrogate (wie etwa ‘Nationalismus’, ‘Kapitalismus’, ‘Liberalismus’, ‘Sozialismus’ usw.) jahrelang in Uniformen stecken und abschlachten zu lassen, - ‘für Ehre und Vaterland’ steht auf längst vergessenen Kreuzen des Krieges 1870/71 - dieser selbe Staat, der seinen Wissenschaftlern und Technikern Vernichtungswaffen in Auftrag gibt ... dieser gleiche Staat hat die Anmaßung, uns vorschreiben zu wollen, wie, wo, wann und womit wir uns berauschen dürfen, welche Art Rausch als ‘natürlich’ und ‘erlaubt’, und welche als ‘künstlich’, ‘schädlich’ und ‘verboten’ zu gelten hat. Übertreten wir aber diese Vorschriften, so hetzt der Staat (wohlgemerkt auch dann, wenn wir keinem Mitmenschen das geringste Leid zugefügt haben) seine Polizisten, Juristen und Psychiater auf uns und läßt uns im Allgemeinen nur die Wahl, entweder als ‘kriminell’ oder ‘krank’ zu gelten ... Wie kann eine Gesellschaft, die Eros in die Kloaken verbannt, den Rausch prostituiert, die Seele entfleischt, das Fleisch entseelt, den Geist aushungert, Mystik für Aberglauben, Ekstase für Verrücktheit, Meditation für Faulheit, und alle drei zumindest für Merkmale primitiver Rückständigkeit hält - wie kann eine solche Gesellschaft, deren eingestandenes Menschenideal noch heute der von ‘Zucht, Verzicht, Redlichkeit, Unerbittlichkeit und unendlichem Leistungswillen’ geprägte Wissenschaftler ist, erwarten, das von ihr so radikal zerstörte Gleichgewicht zwischen Seele und Körper, Geist und Natur, werde sich nicht rächen - auch (aber leider keineswegs nur) an ihr selbst?”

Gustav Schenk (siehe Band II), erklärte in seiner Betrachtung über die ‘Gifte der technischen Zivilisation’: ”Es gehört zum Wesen und Charakter der technischen Zivilisation, daß sie in jedem Sinne giftig ist. Gift ist ihr Merkmal, Gift ist ihr unauslöschliches Zeichen. Gibt es, so fragen wir, eine groteskere Situation als die, wenn Angehörige einer Gesellschaft, welche die Natur immer mehr aus ihrem Dasein verbannt, und welche unter anderem die Welt mit ihren synthetisch hergestellten Beruhigungs-, Schlaf-, Aufputsch- und sonstigen Pillen überschwemmt, fremden und ungleich naturnäheren Völkern vorwerfen, sie suchten mit Hilfe von ‘schädlichen Rauschgiften’ (d.h. Mohnsaft, Hanfextrakt, Pilzen, Kaktusscheiben, Windensamen - also lauter reinen Pflanzenstoffen) ‘unerlaubte und künstliche Ekstasen’? Wer, so fragen wir weiter, soll mit dieser plumpen Heuchelei betrogen werden? Wessen Interessen erfordern diesen Sündenbock? Was soll damit verdeckt und versteckt werden? Ja, läge nicht in diesem groß aufgezogenen, täglich von einer interna-tionalen Schmierenpresse in Millionenauflagen kolportierten ‘Rauschgift-Mythos’ so viel bewußte Unehrlichkeit und berechnendes System, so könnte man darüber lachen - als über eines von vielen Symptome der offenbar unaufhaltsamen Verblödung des Menschen im Maschinen- und Atomzeitalters.”

In ihrer Einstellung jenen gegenüber, die sich mit ‘rassefremden’ Mitteln berauschen, unterscheiden sich Spritzenfreund Hitler, Weinsüppler Kohl und der Kakao - und Brezelfreund2 Bush nur peripher. Auch der Bayer Stoiber redet nicht nur von einer ‚Durchrassung‘, sondern wittert das Böse schon dort, wo Menschen, und seien es Gerichte, laut über eine Hanflegalisierung nachdenken: "Wer dem freien Genuß von Cannabis das Wort redet, nimmt in verantwortungsloser Weise den Tod von Tausenden junger Menschen in Kauf. Durch solche Gerichtsentscheidungen [des Landgerichtes Lübeck, 1992] gefährden wir den Konsens in unserer Gesellschaft gegen Drogen, der doch eine der wichtigsten Voraussetzungen für ihre Bekämpfung ist." Da möchte man ihm zurufen ‚Prost Eddy!‘. Von Autofahrern erwartet man Nüchternheit, wie wäre es mit Urinkontrollen für Entscheidungsträger? Wie schrieb Joschka Fischer noch 1984 in seinem Buch ‘Von grüner Kraft und Herrlichkeit’: ”Der Bundestag ist eine unglaubliche Alkoholikerversammlung, die teilweise ganz ordinär nach Schnaps stinkt. Je länger die Sitzung dauert, desto intensiver. Du siehst sie bechernd und zechend in der Kantine, mit jeder Stunde weiter unter den Tisch rutschend. Und wenn dann wieder Abstimmung ist ... Es ist ein offenes Geheimnis, alle Journalisten erzählen dir, daß bei besonders langen Sitzungen am Ende die Beschlußfähigkeit fast am Alkoholspiegel scheitert. Deshalb auch jenes tiefe Bedürfnis nach Fahrern ... Der Gesundheit des Hohen Hauses - und damit auch der Funktionsfähigkeit unserer Demokratie - stünde die Frage der Legalisierung eines weitaus gesünderen Stoffes gut an. Dann würde alles etwas cooler werden.”




Die Original-Texte aus den alten Zeiten sind in Band I und II zum Teil gekürzt wiedergegeben - zum einen aus Platzgründen, zum anderen zur Lesbarkeit für Laien; für Fachleute sind alle Quellen (jeweils gesamtes Register in Band I, Literaturverzeichnis in Band II) ausreichend gekennzeichnet.


Dank

Mein herzlicher Dank gilt vor allem jenen Mitarbeitern und Freunden, ohne deren Input diese Bücher nicht nur völlig anders aussehen würden, sondern ihnen Wichtiges fehlen würde: Konrad Volz für seine unermüdliche Bibliotheksrecherche, H.-D. Heilmann und Alexander Foyle für ihr Mitdenken und ihre Anregungen.

Weiteren Dank schulde ich allen Informanten, Inspiranten und CoAutoren, vor allem:

Günter Amendt, dem Aufbau Verlag in Berlin, Wolfgang Bauer, Christian Beck, Mathias Bröckers, Hans Cousto, Rainer G. Feucht, Frank Fuchs, Albert Hofmann, Ulrich Holbein, Tilmann Holzer, Michael Horowitz, Elisabeth Huwer & dem Team des Deutschen Apotheken Museums Heidelberg, Wolf-R. Kemper, Dieter Klein & dem Team der Universitäts-Bibliothek Heidelberg, Daniel Kulla, Herr Lanz von den Temmler-Werken, Martin Lee, Holger Mach, Lutz Neitzert, Rainer Obert & das Team der Gedenkstätte Sachsenhausen, Torsten Passie, Christian Rätsch, Wolfgang Sternek, Scott J. Thompson, hermann de vries, Stephan Wiehler, Karl Ziegler, Reneé Zucker ...


Werner Pieper
auf dem deutschen 13. Längengrad: Hiddensee, Berlin und Berchtesgaden, 2002


Dieses Buch ist allen Opfern im Krieg-dem-Rauschgift - damals wie heute - gewidmet.


Dedicated to all victims in the wars-on-drugs.

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