Gruene Kraft
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"Konzentriere dich auf diesen Schrei, er zeigt nicht nur die Ergebenheit gegenüber Gott, sondern deutet auch auf die Ergebenheit und die Verbundenheit mit dem Heiligen Geist an. In diesem ekstatischen Augenblick werden die Ketten des täglichen Lebens gesprengt, und eine individuelle menschliche Stimme (Herz, Seele) erreicht und feiert diese Freiheit ...", so treffend definierte der Rock Kritiker Paul Williams die Essenz des Rock’n’Roll - die Stimme des Little Richard Penniman.
 
Mitten in den Wiederaufbau der 50er mit seinem allgegenwärtigen Herz/Schmerz/Capri-Gelalle im Radio platzte plötzlich dieser Mutant aus einem anderen Universum und erschütterte die Grundmauern der Jugend: Wild! Laut kreischend! Langhaarig! Obszön! Negermusik! Dschungelmusik! hetzten die Eltern erchüttert bis in ihre Wurzeln. Die Alten waren entsetzt. Erst Adolf und den Krieg verloren - und nun das.
 
Auch die Puritaner Amerikas, und welche Weißen waren in den 50ern dort keine paranoiden Puritaner (mit Schiß vor den Kommunisten), wurden von ihm überrumpelt. Allein diese Frisur. Hey, Little Richard erfand das PopElement der Haare, das erst die Beatles später nach langen GenerationsKämpfen bürgerlich salonfähig machten. Ihn buchtete man deswegen noch ein. Er bestellte den Rock-Acker im Schweiße seines Angesichtes, andere fuhren die reichliche Ernte ein. Doch bis heute ist es nur wenigen Kollegen, trotz reichlichem Einsatzvon psychoaktivem Kunstdünger und modernster Technik (Digital, my ass!) gelungen, Rockpflanzen von dieser urkräftigen Substanz zu ziehen. Tutti Frutti!
 
Deutschlands Ur-Rocker Achim Reichel (The Rattles): "Tja, und dann kam 'Tutti Frutti' von Little Richard. Das hat bei mir ein Gefühl ausgelöst, als ob ich innerlich platzen könnte. Wo ich danach, auf dem Weg morgens zur Lehrstelle, Gefühle hatte, schreien zu wollen - das kannte ich bis dahin noch garnicht ... ich hatte so eine Ahnung, daß das eine Musik ist, die einen von vielem befreien kann. Da hat mich wirklich etwas berührt, was stärker war als ... Mädchen zum Beispiel oder meine Liebe zur See. Das hat eingeschlagen wie ein Blitz"
 
The Originator! Richard Penniman kam am 5. Dezember 1932 in Macon, Georgia in diese Welt. Seine Jugend war von Armut und Gesang geprägt. Die Männer sangen bei der Arbeit auf dem Feld, die Frauen bei der Hausarbeit, man sang bei religiösen und politischen Zusammenkünften und daheim allemal. Richard sang in der örtlichen Baptistenkirche und betörte schon damals die älteren Ladies mit seiner phänomenalen Stimme. Noch heute erinnern sich einige Zeitgenossen daran, wie leicht er 'vom Geist besessen' wurde. Mit dreizehn verließ er die Schule und schloß sich einem farbigen Propheten und Heiler, als Marktschreier für die seltsame Medizin und Kräutermischungen an. Eine gute Schule, in der er lernte, wie man das Publikum anmacht, was geht und was nicht geht. Die Schulung für seine Stimme. Manchmal schien und scheint es, er habe, wie ein richtiger Schamane, mehr Stimme.

Viele Coverversionen von Richards Goldenen Eiern wurden Riesenerfolge - für andere. Dabei legte er diese Eier schneller, als andere sie ausbrüten konnten: Long Tall Sally, Rip It Up, Readdy Teddy und, für einen Film mit Jane 'er ist mein Lieblingssänger' Mansfield: The Girl Can't Help It. That boy just couldn't help it. Von dem, was monitär bei ihm hängen blieb, unterstützte er seine Familie back home. Er zog sich die wildesten Klamotten an, weil er überzeugt war, als Fool on the hill durchgehen zu können. Man sollte ruhig glauben, er sei verrückt und harmlos. So etwas Grelles hatte man in unserer Kultur noch nicht gesehen. Ein Outfit wie ein afrikanischer Medizinmann in einem Hollywoodschinken mit zu großem Etat. Gleichzeitig von einer Kraft besessen, die bestenfalls mit einer spirituellen Ekstase im ursprünglichen Afrika vergleichbar war. Body & Soul außer sich & gleichzeitig vereint. My my my! Auf seinem Kopf thronte eine hochtoupierte Haartracht sondergleichen, sein Make-up sprengte jeden Rahmen, alleine sein Striptease am und auf dem Klavier war das Eintrittsgeld wert. War das Geschehen auf der Bühne schon 'unerhört', so ging Backstage erst richtig die Post ab. Dionysos hätte seine WonnenFreude darangehabt. Real Rock'n'Roll-Lifestyle. "Teuflisch" nannte die öffentliche Meinung Rockmusik schon ohne solcherlei Auswüchse. Dabei blieb Little Richard, allen Skandalen zum Trotz, im tiefsten Inneren immer ein tiefgläubiger Mann. "Wenn Gott jemanden wie Little Richard rettet, dann muß dies ein guter Gott sein", predigte er fortan die Liebe seines obersten Bosses, nur um kurz darauf wieder zu rocken. Hallelujah all the way!
 
Ohne ihn hätte Mohammed Ali seine Klappe nicht so weit aufgerissen, und Prince hat ihm nicht nur den Schnurrbart abgeguckt. Jahrelang habe ich in viele meiner Bücher Zitate oder Anekdoten von Little Richard einfließen lassen. Derweil er immer wieder unverhofft in den Medien auftaucht: als Preisträger oder Gastredner bei der Rock and Roll Hall of Fame, bei Miami Vice, oderauch bei der wunderbaren Dokumentation A Shared Vision, über Leadbelly und Woody Guthrie. Wie berichtete die FAZ im Sommer '98 über ein aktuelles Konzert des Meisters in Deutschland? "Bei einigen Stücken wird auf einmal jenes animalische Moment des Rock & Roll wieder erlebbar, das vor vierzig Jahren die Jugendwelt ins Wanken brachte. Mick Jaggers Gestik, der Gesangsstil der Beatles, das Styling von Michael Jackson und Prince, die Glitzeranzüge und die endloslangen Limousinen - Richard Penniman hat dem Rock mehr als seine Musik hinterlassen".
AWOP-BOB-A-LOO-BOB-AWOP-BAM-BOOM.
Direkt aus dem Herzen.
 
Absolute Empfehlung: The Life and Times of Little Richard, von Charles White, bei Da Capo Press in New York erschienen. ISBN 0-306-80552-9
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