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Der Grüne Zweig
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Die Aktiven der 60er werden 60:
Was trieb sie damals um, was machen sie heute?
Rückschau & Bestandsaufnahme einer Generation,
die weiterhin auf Sendung ist.

« ...ein überfälliges Werk. ... ein kühnes Unterfangen, denn so bunt wie diese Zeit war, so vielfältig ist ihr Niederschlag in der Erinnerung. Ein facettenreiches Lesebuch, das seinem Anspruch gerecht wird.»   Rhein Neckar Zeitung

„Was hatten die Sixties, was andere Jahrzehnte nicht hatten? Mit dieser Frage haben sich Dabeigewesene und Nicht-Dabeigewesene, Vorgeborene und Nachgeborene, Geschichtskritiker und Kulturkritiker schon so heftig beschäftigt, dass selbst die Historisierung der Sixties inzwischen Geschichte ist und trotzdem nicht langweilig wird. Nun hat Werner Pieper ein Fundgruben-Buch herausgegeben, in dem "60 Sechziger über die 60er Jahre und was aus ihnen wurde" Auskunft geben.Was trieb sie damals um, was machen sie heute? Was bei dem Titel "Alles schien möglich" dazu gehört, sind gemischte und radikale Gefühle, Nostalgie und Utopie, Summer of Love und Notstand im Sex, Aufruhr und Innenschau, Musik und Bewusstsein, Demos und Drogen, Konfusion und Kosmos, Persönliches und Politisches.“ Kabarett Sinnflut, Weimar. Ebendort wurde ein Gespräch von Micky Remann & Werner Pieper zum Thema aufgenommen, das hier im Netz zu sehen ist.

INHALT:
• Vorwort des Herausgebers: Als die Welt für uns ein Spiel war
• Al Imfeld: Der Vulkan - Aufbruch zu Beginn der sechziger Jahre
• Bruno Martin: Wir alle leben verwoben mit einem geistigen Netzwerk des Bewußtseins
• Ronald Steckel: „als würde jemand das licht immer heller drehen“
• Luisa Francia: Klassenkampf und Espresso
• Günter Wallraff: Das Große Spiel des Lebens begann - und ich übertrat Grenzen
• Peter-Paul Zahl: Dann aber wurde ich nach Babylon verschleppt, in den Goldenen Westen
• Andreas Bernstorff: Als man noch nicht links und grün sein konnte...
• Gregory Sams: Wie Buchweizen & Fraktale via PortoBello zu uns kamen
• Werner Pieper: Anglo-feelings • Dieter Duhm:Studentenbewegung, freie Liebe und die Bewegung GRACE
• Sabine Reichel: Die Nackten und die Roten
• Herman Prigan: Wie aus den 50ern die 68er wurden
• Ronald Rippchen: Cool Users (& how to get away with it)
• Michael Geißler: Knaststories aus 12 Ländern
• Carl Ludwig Reichert: Wir mußten uns kennenlernen, denn wir hatten die längsten Haare
• Ariana-Maria Montemaggi: Onkel Hans, der Kifferlklatscher
• Werner Pieper: Rolf-Ulrich Kaiser aka Cristallis, Vater der Mutter aller Festivals
• Adi Kwiatkowski: Die Internationalen Essener Songtage 1968
• Karl Geck: Ein Kapitel der unendlichen Geschichte
• Waldraute Hölter: Beiträge zur Entwicklung von Lebensfreude
• Wolfgang Bauer: Schwebezustände, ein Zettel, ein General und ein Flug in den ... Hexenkessel
• Reimar Lenz: Ein Jahrzehnt zwischen Stambul und Tanger
• Eugen Pletsch: Meine Morgenlandfahrt
• Hadayatullah Hübsch: ‘Haben Sie eine Erlaubnis?’
• Hans Plomp: Leben im post-lunatischen Zeitalter
• Marco Bischof: Es sind die praktischen Folgerungen des Alltags...
• Bruno Minder: Lebewesen und Lebensformen erdulden Misshandlung nur eine begrenzte Zeit.
• Kai Ehlers: Gesättigt und versorgt träumten wir von einer konsumfreien Welt
• Bobo: Ich war jung und ich brauchte die Welt
• CONrad Schnitzler: Aber mehr und mehr wollte keiner von freien Tönen etwas hören
• Ulrich Freise: Das Waldeck Konzil
• Uli Trepte: Schlüsselzeitgedanken
• Manfred Gillig: Only Rock’n’Roll ...
• Margita Haberland Unsre Bedürfnisse verwandeln die Erde in ein Scheisshaus der Industrie
• Achim Roedelius: Ich führe einen intensiven Dialog mit Menschen in aller Welt ...
• Ulrich Holbein: Unmündiger Kleckerkram, klitzekleine Schlüsselerlebnisse eingestreut • Jürgen Ploog: Wer war Rudi Dutschke?
• Jürgen Ploog: Damals in den ungeduldigen Jahren - Über Biby Wintjes
• jörg burkhard: SUN FUN FUTURE
• Micky Remann: Summer of Love revisited
• Bernd Brummbär: Die Stellung des Samstagsnachmittags im Universum
• Sabine Reichel: Uschis Märchenstunde
• Jörg Schröder & Barbara Kalender: Sexfront • Albrecht Götz von Olenhusen: Laßt 1000 Raubdrucke blühen! • Arthur Brunsloch jr.: Der psychopatische Spaßvogel
• Lutz Kroth im Gespräch mit Peter Unfried: Ich sitze am Ufer eines Flusses und warte
• Rainer Kölmel: Die riesige Neugier und das hedonistische Bedürfnis nach großen Gefühlen
• Werner Pieper: Dank so Grün wie die Hoffnung
• Hans Peter Duerr: Genußmenschen ohne Herz
• Günter Amendt: Warum ich nicht ...
• Daniel Kulla: Missing Links
•••

Erste Stimmen der Autoren:

Al Imfeld: Dein sehr schönes Buch ist ein tolles Dokument

Bruno Martin: Das Buch ist so ganz typisch 60er Jahre, eine wilde Collage unterschiedlichster Typen mit unterschiedlichsten Ansätzen - so wie wir waren! Auf jeden Fall interessant. Man sieht dabei halt auch, dass es keine einheitliche Bewegung war, so wie das Leben im Allgemeinen...

Eugen Pletsch / CyberGolf : Werner Pieper ist es gelungen, die Verschollenen aufzuspüren und die Verborgenen zu finden. "Alles schien möglich" ist das Manifest einer Generation von Visionären. Die illustre Autorenliste, sozusagen die Allstar-Band deutscher Vorrausblicker, übt sich im Rückblick einer Zeit, von der sich mancher Morgendlandfahrer immer noch fragt, ob sie tatsächlich stattgefunden hat.

Ullerych Holbein: Schönes Zeuch. Reichhaltiger als gedacht. Gratulatio!
Ronald Steckel: ich gratuliere! eine echte tat!
Haddaytullah Hübsch: Diese Anthologie ist ja fast ein monumentales Werk geworden, ein Zeitzeugnis ersten Ranges.


brand eins 10/2007
Kultur-Kolumne: Der Krieg ist vorbei Was bisher geschah: Den modernen Menschen gibt es seit etwa 150 000 Jahren. Seitdem führt er Krieg. Wird Zeit, dass sich etwas ändert.
Text: Peter Lau
- Zum Krieg gehören zwei. Wenn einer nicht will, kann ihn der andere überfallen, unterwerfen oder gar vernichten, aber er kann gegen ihn keinen Krieg führen. Die 68er riefen zum Krieg gegen das System und verloren: den Kampf gegen den viel stärkeren Staat oder sich selbst im Marsch durch die Institutionen. Doch die sechziger Jahre waren auch der Beginn einer unklareren Bewegung, die heute gern unter "Hippies" zusammengefasst wird. Sie führte keinen Krieg - und konnte deshalb nicht verlieren. In Werner Piepers großartigem Buch "Alles schien möglich ..." erzählen prominente (Günter Wallraff, Peter-Paul Zahl, Hans Peter Duerr etc.) und weniger bekannte "Aktive der 60er", was sie in jenem Jahrzehnt bewegte und was daraus wurde. Alle Autoren erwähnen natürlich die damaligen Machtverhältnisse, die heute, mit Abstand, grotesk wirken: Das Land wurde von aggressiven Idioten regiert, die von der Politik bis zum Haarschnitt alles bestimmen wollten. Der gesellschaftliche Deal war dabei denkbar schlecht: Verlangt wurde unbedingter Gehorsam, wofür man einen Platz in einer Gesellschaft bekam, von deren Inhalten nur noch Symbole übrig waren - Gesetze statt Gerechtigkeit, störrische Patriarchen statt weiser Alter. Dagegen rebellierten sämtliche in dem Buch versammelten Autoren, doch für die meisten war der Widerstand nur ein Zwischenstopp: Mit der Zeit wandten sie sich eigenen Interessen zu, Drogen und Esoterik, Fernreisen und fremden Kulturen, Kunst und sinnvoller Arbeit. Und dabei, schreiben sie übereinstimmend, erlebten sie etwas Neues: Sie waren nicht allein. Das war die Geburtsstunde der Kommunen, WGs, Betriebe im Besitz der Belegschaft und so weiter. Wir kennen das, und wir wissen auch, dass viele gescheitert sind. Aber die Betonung auf die Fehlschläge verdanken wir nicht einer überwältigenden Reihe von Enttäuschungen, sondern einer Macke, die der Mensch im Laufe der Evolution entwickelt hat - wir nehmen vor allem Ausnahmen wahr. In der Vorzeit war das sinnvoll, um auf Neues reagieren zu können, aber in der Medienwelt blockiert unsere Fixierung auf das Besondere den Blick für das Normale. Wir vergessen bei jedem Flugzeugabsturz sowohl die Flugzeuge, die zur selben Zeit nicht abstürzen, wie die Menschen, die gleichzeitig bei Autounfällen sterben - weil die so alltäglich sind. So ist es wohl auch mit den Hippies der sechziger Jahre, die den Beginn einer unglaublichen Erfolgsgeschichte markieren. Und ich meine nicht nur den Weg von den Land-WGs zum heutigen Bio-Boom oder das Aufflackern von Spiritualität bis zur New-Age-Wirtschaft. Der Kinowelt-Chef Rainer Kölmel fasst es in seinem Beitrag für "Alles schien möglich ..." zusammen, wenn er beschreibt, wie er nach dem Bankrott seiner Firma 2001 noch mal von vorn anfing: "Ich hatte viel gelernt. Das meiste aber in den sechziger Jahren, wo wir den Mut zum Neuanfang entwickelten, den Durst nach Freiheit stillten, die Lust an der Bewusstseinserweiterung fanden und diese ungeheuerliche Neugier uns zu treiben begann, die auch heute noch jeden Tag zum großen Erlebnis macht." Kölmels Kinowelt ist eines von unzähligen guten Beispielen: Da hat einer verloren, gegen Gegner, die viel stärker waren, doch statt aufzugeben oder sich ihnen anzuschließen, rappelt er sich auf und versucht es noch mal - ohne die Konfrontation zu suchen. Das war früher unmöglich. In der alten Welt war das beherrschende Prinzip Verdrängung - das Alte musste das Neue zerstören, um an die begrenzten Ressourcen und Produktionsmittel zu kommen. Dank des technischen Fortschritts ist das heute nicht mehr nötig: In der neuen Wettbewerbsgesellschaft geht es nicht darum, wer am schnellsten hundert Meter läuft, sondern wer interessant läuft, wer bessere hundert Meter findet oder eine schöne Alternative, Hammerwerfen zum Beispiel. Die Jugendbewegungen der fünfziger Jahre waren noch auf Konfrontationskurs mit der alten Welt, die ihnen allerdings auch aufgedrängt wurde - und es fehlte Raum zum Ausweichen. Spätere Bewegungen, von Punk über Bio und Techno bis zur neuen Wirtschaft entwickelten sich zunehmend zu Parallelgesellschaften, die immer noch misstrauisch beäugt und wo es geht behindert werden, die aber letztlich nicht mehr wegzudenken sind. Sie alle teilen das Wissen, dass man anders als die Mehrheit leben kann - das Wissen um die Vielheit. Und weil die sich nicht gegen andere durchsetzen muss, kann sie ohne Krieg leben. Ein netter Unternehmer schrieb mir kürzlich in einer Mail: "Du kennst ja unsere Strategie: Wir greifen niemanden an und sagen niemandem, was er falsch macht oder wie er es machen sollte. Wir machen einiges einfach anders und zeigen, wie wir es machen. So erspart man sich sinnlose, kraftzehrende Auseinandersetzungen." Der Krieg ist vorbei. (gekürzt)


aus der TAZ vom 28.9.07
Das Hippie-Klassentreffen
Manchmal öffnet man unversehens ein Buch - und findet sich unter Musterhippies, Acidheads und Heute-noch-Langhaarigen wieder.
VON DETLEF KUHLBRODT
Ein Buch kam vorbei. Es heißt: "Alles schien möglich - 60 Sechziger über die 60er Jahre und was aus ihnen wurde" und ist bei Werner Pieper & The Grüne Kraft erschienen. Werner Pieper wohnt im schönen Löhrbach und verlegt seit 36 Jahren Bücher aus dem Umfeld der Alternativkultur, mitbegründete 1972 die "Grüne Hilfe" (eine Dealer-Rechtshilfe, analog zur "Roten Hilfe") und hatte Anfang der 80er eine Drogenkolumne in der taz, in deren Frühzeiten es bekanntlich auch einen Redakteursposten für Drogen gegeben hatte. In der von ihm herausgegebenen, umfangreichen Aufsatzsammlung spricht ein vielfältiges Wir aus den Frühzeiten der deutschen Alternativ- und Hippiekultur nebst versprengten Beatniks über die wilden 60er-Jahre, die bis in die 70er hineinreichen. Schwierig, über dies Buch zu schreiben. So viele Texte, die so viele Dinge berühren, mit denen man sich schon als Teenager rumgeschlagen hat. Deshalb hab ich mir dies Buch wie ein Klassentreffen vorgestellt (auch wenn viele der AutorInnen in ihrer Schulzeit vermutlich eher zu den Außenseitern gehörten). Veranstalter dieses Treffens wäre Werner Pieper, ein guter Gastgeber, den alle mögen, auch wenn manche manchmal ein bisschen genervt sind, weil er so überaus ordentlich und korrekt ist, ein Musterhippie sozusagen, jahrelang auch in der Elternvertretung aktiv. Das Essen ist sehr gut und gesund, denn Pieper ist gelernter Koch. Das Treffen findet auf einer großen Wiese statt. In der Mitte sitzen und stehen viele. Manche sehen ein bisschen freakig, die meisten aber eher normal aus. Sie sind zwischen 53 und 75. Der Anteil derer, die ab und an Hasch rauchen, dürfte ein wenig höher sein als in der Gesamtbevölkerung; der Anteil derer, die ihr Leben nach gesundheitlichen und ethischen Gesichtspunkten ausgerichtet haben, aber auch. Die meisten der ungefähr sechzig Gäste sind zu Fuß oder mit dem Fahrrad gekommen. Nur drei Autos stehen vor dem ländlichen Anwesen: zwei Ökomobile mit Hybridmotor und ein schicker, dunkelroter Opel Kapitän. Der verbraucht 13 Liter und gehört Jürgen Ploog. Der Schriftsteller, ehemaliger Pilot und Herausgeber der Beatnikzeitung Gasolin, trägt Anzug und eine dunkle Sonnenbrille und sieht recht elegant aus. Vor wenigen Wochen hatte ich Jörg Fausers Roman "Rohstoff" gelesen, in dem er auch beschrieben ist. Er steht da jedenfalls mit drei Leuten herum, die staunend an seinen Lippen hängen. Im Vorbeigehen hört man ein paar Sätze: "Konformität gibt sich heute befreit & liberalistisch, wie ein Blick aufs Fernsehen beweist, wo eine kleine Zahl bereits kodifizierter Aussagen, die Aussagen der herrschenden Realität sind, dazu dienen, diese Aussagen zu Aussagen der individuellen Subjekte selbst zu machen." - "Der individualisierten Subjekte!", wendet jemand ein. - "Meinetwegen. Auf diese Weise jedenfalls wird die geistige Realität auf die herrschende reduziert & die Ausdrucksfreiheit bleibt darauf beschränkt, zwischen bereits kodifizierten Möglichkeiten zu wählen." - "Seh ich auch so." Ein Langhaariger tippt mir auf die Schulter und sagt: "Du bist doch von der taz." Früher habe er ganz viel mit der taz zu tun gehabt. Ob der und der auch noch bei der taz sei? Die Namen sagen mir nichts. Ich schreibe ja erst seit 18 Jahren für die taz. Auf einer kleinen Bühne hält eine Frau eine Rede. Sie heißt Sabine Reichel, ist Journalistin. Von 1971 bis 1973 hatte sie in einer Kommune bei Hamburg gewohnt. Sie sagt, sie sei so etwas wie "ein kritischer Fan der Sechzigerjahre", die sie "so liebe wie ein missratenes Kind". Manche grinsen oder gucken hilfesuchend in die Luft. Ich gehe weiter und schnappe einen Satz auf: "Ich wusste, dass sich unsere Spülhilfe im Seed-Restaurant auf dem Klo Heroin spritzte, aber fristlos gefeuert habe ich sie erst, als ich sie in der Küche beim Cola-Trinken erwischte." "Wer ist das?" "Gegory Sams.""???" "Der hatte in London so ein makrobiotisches Restaurant. Da sind John Lennon und Yoko Ono oft hingegangen. Seit den Neunzigern macht er was mit Fraktalen. Computer und so." Die meisten hier schimpfen auf die studentischen, politischen 68er. Die seien "weitgehend humorlos", eine "beinahe fundamentalistische, bestimmt jedoch eine engstirnige Bewegung", machtorientiert, kurz: "lustfeindliche Protestpuritaner" gewesen. Conrad Schnitzler, der Ende der Sechzigerjahre mit Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius in der legendären Band Cluster eine der frühesten Formen von Industrial-Musik entwickelt hatte, poltert: "Studenten, nä, mit denen hatte ich nun wirklich nichts zu tun, wat warn die doch fanatisch, rechthaberisch, herrisch, ja der Anführer von diesen Deppen, der gebärdete sich doch glatt wie Jüppchen Jöbbels." Jemand zitiert, immer noch wutentbrannt, einen Philosophen der Frankfurter Schule, der Rockmusik doof fand und gesagt habe: "Die Musik ist die Hure des Wortes." Also, hör mal Eine Gruppe wirkt ein bisschen esoterisch, so als würden die gleich losfliegen. Einer von ihnen erzählt von einem bizarren LSD-Trip, auf dem er vor 30 oder 40 Jahren in Mexiko gewesen war. Ein anderer berichtet von dem Kongress in Basel, Januar 2006, anlässlich des 100. Geburtstags von Albert Hoffmann, "unseres Stammesfürsten". Ein anderer schwärmt von Timothy Leary und anderen Acidheads, die sich gegen die "Herrschaft der grauen Männchen" aufgebäumt und eine neue "Frohbotschaft" verkündigt hätten. "Die Flamme schwelt noch, aber heute in einer verborgenen Gralshöhe", raunt jemand. Und was sind das nun wieder für Leute? Der da würde Seminare leiten, der andere sei Medienkünstler, erklärt mir jemand, der am Rande wie ich schweigend zuhört. Das ist Uli Trepte, ein schlanker Künstlertyp, der Ende der 60er die Gruppe Guru Guru mitbegründet und bei vielen anderen Krautrock-Formationen mitgespielt hatte. Uli sagt, er befände sich immer noch "tief im Untergrund, als einzig erträglicher Daseinsform in einem geist-, traum- und drogenfeindlich eingestellten Grützestaat, den ich niemals bejahen werde". - "Sind die Drogen wirklich so wichtig gewesen?" - Klar! "Sie waren der Treibstoff eines neuen Zeitalters, gegen dessen Grundlage sich das Establishment bis heute eisern wehrt, wobei diese Lehre nicht zu stoppen ist." - "Aber die Leute nehmen doch heutzutage wahrscheinlich mehr Drogen als Ende der 60er." Das sei etwas anderes. Heutzutage würden Drogen ja zur Flucht- und Freizeitgestaltung genommen. Sie dagegen hätten Drogen aus spirituellen Gründen genommen. Oder um als Künstler besser arbeiten zu können. Vielleicht auch andersrum, denke ich. Vielleicht auch, weil ich grad an dem Pfeifchen gezogen hatte, das mir ein netter ehemaliger Haschrebell gegeben hatte. Dann gehe ich weiter zu einer Gruppe, in der Werner Pieper über Rolf Ulrich Kaiser erzählt, einen berühmten Mentor der psychedelischen Musik, der in den 70ern in der Schweiz obskure LSD-Platten von Ashra Temple produziert hatte und seitdem verschwunden ist. Fast sei es ihm also gelungen, den berühmten Mann, der sich irgendwann in "Christallis" umbenannt und astrologiegläubig geworden sei, wiederzufinden. Aber nur fast. Ich erinnere mich an eine endlose WDR-Fernsehdiskussion von 1971, die bei einer Veranstaltung von Bettina Allamoda, Ted Gaier und Claudia Basrawi mal im Rahmen einer Arbeit über die Siebzigerjahre gezeigt wurde. Kaiser war dabei gewesen, und ein Musiker von Ton, Steine, Scherben hatte plötzlich eine Axt herausgeholt und den Tisch, an dem sie saßen, zerhackt. Wahnsinn. Dann erzählt Pieper noch lachend von einer britischen Umfrage. 27 Prozent derer, die Ende der Sechzigerjahre jung gewesen waren, hätten behauptet, damals Hippies gewesen zu sein. Auf Nachfrage erklärten sie aber auch, ihre Biografie modifiziert zu haben, um vor ihren eigenen Kindern als cool zu erscheinen. Diese Kinder waren dann Punks geworden, weil sie das Hippiegelaber der Alten nicht mehr ertragen konnten. Das heißt: Die, die nie echte Hippies waren, haben die echten Hippies in Misskredit gebracht. Mir fallen 68er-Lehrer ein, denen Mitschüler vorgeworfen hatten, sich bei ihnen einschleimen zu wollen, oder eine Kollegin, die zur Anti-68erin wurde, weil der Oberkiffer Wolfgang Neuss im Elternhaus oft zu Besuch gewesen war. Auch denke ich an einen Freund, der zum harten Punk geworden war, weil sein Vater ständig Amon Düül und den "LSD-Marsch" von Guru Guru gehört hatte. Bernd Brummbär, der mit Timothy Leary, John C. Lilly und den Helden aus Bernd Caillouxs "Das Geschäftsjahr 1968/69" gut befreundet war und seit 20Jahren in L. A. lebt, hält eine launige Rede über "die Stellung des Samstagnachmittags im Universum". In den Sechzigerjahren wollte er so gerne Beatnik sein, hatte sich also auch nicht so ganz zu Hause in seinem Jahrzehnt gefühlt. Ein paar bunte Freaks haben angefangen, Trance-beeinflusste Weltmusik zu machen. Die ganzen Eindrücke sind mir doch ein bisschen zu viel. Ich entferne mich von den 60ern, die immer noch aufgeregt über die Sixties sprechen. Da hinten stehen drei Leute etwas unschlüssig herum. Das sind doch..., genau: Günter Amendt, Günter Wallraff und Renée Zucker. Wallraff erzählt, dass er sich immer eher als Außenseiter und zu den Außenseitern hingezogen gefühlt hatte. In den 60ern hätte er übrigens ein Buch über Meskalin geschrieben. "Echt?" - "Echt!" Günter Amendt sagt, er hätte nur mal kurz vorbeischauen wollen, weil er die Arbeit von Werner Pieper schätze. Aber irgendwie sei er auch genervt von seinen Generationsgenossen, die "in diesem Jahrzehnt verharren, so als sei in ihrem Leben danach nichts mehr von Bedeutung geschehen", und von den Drogenesoterikern, die die Rolle von LSD völlig überbewerten würden. Seine eigenen Drogenerfahrungen nennt er zwar auch "Bewusstseinserweiterung", hat aber keine Lust, "öffentlich darüber zu räsonieren, wie ich selbst als Person diese Zeit erlebt habe. () Ich will mich nicht zum Historiker meines eigenen Lebens machen." Um die Sechzigerjahre richtig zu verstehen, sollte ich mir unbedingt alte Jimi-Hendrix-Platten anhören. Keiner hätte die 60er "tiefer ausgelotet als Hendrix". Die taz-Kollegin Renée Zucker erzählt, dass sie zunächst auch einen Beitrag für das Buch geschrieben hätte. Da wäre aber zu viel Wut drin gewesen, ein falscher Ton, den sie beim Redigieren auch nicht mehr rausgekriegt hätte. Deshalb habe sie den Text dann wieder zurückgezogen und Werner Pieper geschrieben: "Weißt du, mich interessiert dieses Thema überhaupt nicht. Ich habs eigentlich nur dir zuliebe getan, aber jetzt merke ich auch, dass das nicht ausreicht." Die Zitate sind entnommen aus: Werner Pieper (Hg.): "Alles schien möglich 60 Sechziger über die 60er Jahre und was aus ihnen wurde". Grüne Kraft Verlag, Löhrbach 2007, 252 S., 19,68 Euro

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