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Der Grüne Zweig
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Ein Grundkurs der deutsch-namibischen Geschichte. Vor 120 Jahren erklärten die Deutschen SüdWestAfrik zu ihrem ersten 'Schutzgebiet'. Vor 100 Jahren wehrten sich die Menschen vor Ort. Der 'Aufstand' der Herero und der jahrelange Guerilla-Krieg der Nama richteten sich gegen den ersten deutschen Völkermord und die Errichtung der ersten deutschen KZs (inkl. medizinische Menschenversuche). Eine bei uns heute verdrängte Generalprobe für die Ekelhaftigkeiten des Dritten Reiches - für uns fingen die Bösen Deutschen ja erst mit Hitler an.
Bei den hier dokumentierten Aufzeichnungen des Nama-Häuptling Witbooi handelt es sich um die einzige zeitgenössische Darstellung von Widerstand undd erlebter Gewalt aus Sicht der Unterdrückten. Der Herausgeber hat viele dieser Briefe und Tagebuchaufzeichnungen in ihren zeitlichen, geographischen und politischen Kontext gestellt und sich dabei auf eine Fährten- und Spurensuche der tragischen Auswirkungen des deutschen Kolonialismus in Literatur, Archiven und vor Ort gemacht. So wird hier erstmals die traurige Geschichte der Musik und der Drogenkultur dokumentiert.
Landraub, zwischen-ethnische Konflikte, Verlust traditioneller Lebensformen und Werte, Ausrottung von Musik und Einführung des Alkoholismus waren die direkten Folgen und daraus resultieren die heutigen Probleme für die Nachfahren von Tätern und Opfern, aus unterschiedlichen ethnischen Zugehörigkeiten eine namibische Nation zu bilden. Deutschland drückt sich bis heute vor einer Entschuldigung; 'nicht entschädigungsrelevant' meinte Außenminister Fischer.
Was geschah seit der deutschen Kolonialzeit, wie sieht es heute in Namibia aus und wie wird es weitergehen?
Ein Kapitel dieses Buches wurde im Juli 2004 von der größten Tageszeitung Namibias, The Namibian, nachgedruckt.

Wo eine Wolke ist, da ist auch Hoffnung
Eine persönliche Einleitung
Im Grunde genommen ist das Wesen aller Kolonialpolitik die Ausbeutung einer fremden Bevölkerung in der höchsten Potenz. August Bebel
Diese Kontraste. Für die einen ist Namibia das Land der Wüste - für andere der längste Strand der Welt. An die Hitze hat man sich nach einigen Tagen fast gewöhnt, an die Menschenleere unterwegs noch nicht. Plötzlich, nach stundenlangem Dahingleiten auf endlosen geraden Schotterstraßen, erst am Strand entlang, dann durch die Savanne - ohne Ortschaften, Gegenverkehr oder einem menschlichen Zeichen (außer Zäunen) - tauchen aus dem Nichts unvermittelt eine Farm, ein riesiger Standing-Stone und die Tafelberge des Waterberg-Komplexes auf. Stop. Eine Übernachtung nahe der einsamen ehemaligen deutschen Polizeistation (heute ein Restaurant), eine Klettertour auf den Waterberg: eine atemberaubend breite und tiefe Aussicht. Vielleicht wäre es ja von Vorteil, nicht um die Vergangenheit dieses Platzes zu wissen? Vom ersten deutschen Vernichtungskrieg. Dieser Kolonialkrieg wurde in unserem historischen Bewußtsein ja komplett ausgeblendet. Gerade 100 Jahre ist es her, als der ‘brutale Militärschlächter’ General Lothar von Trotha hier den Genozid an den Hereros beschloß und vollzog: Wir machen keine Gefangenen! Wir treiben alle in die Wüste und sorgen dafür, daß sie nie zurückkommen. Im trothaschen Originalspeak: »Ich kenne genügend Stämme in Afrika. Sie gleichen sich alle in dem Gedankengang, daß sie nur mit Gewalt weichen. Diese Gewalt mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeit auszuüben, war und ist meine Politik. Ich vernichte die aufständischen Stämme in Strömen von Blut und in Strömen von Geld.«
Schock. Meine Begegnungen und Erlebnisse in anderen afrikanischen Staaten sind mit der trothaschen Wahrnehmung nicht kompatibel - aber er ist mit seiner rassistischern Meinung bis heute nicht allein. Es fällt schwer, in älteren deutschen Büchern Stimmen zu finden, die die Menschen in Afrika als gleichberechtigt akzeptieren. Eine große Ausnahme: Hugo Bernatzik, im Jahr 1933: ““Ich habe viele noch [von Europäern] unberührte Volksstämme Afrikas kennengelernt, ihr friedliches, oft hartes Dasein beobachtet und versucht, ihre Sitten und Denkungsart zu verstehen. Doch niemals habe ich den Eindruck gewonnen, daß diese Menschen uns brauchen, daß ich hier der Gebende sein könnte. Stets empfand ich Achtung und Bewunderung vor der klaren, sinngemäßen Einfachheit, mit welcher sie das Leben meistern. Um diese sogenannten ‘Wilden’ verstehen und lieben zu lernen, ist es aber notwendig, ihnen ohne jede Voreingenommenheit entgegen zu treten und den Hochmut der weißen Rasse fahren zu lassen. Vor allem aber niemals den Versuch zu unternehmen, sie zur eigenen Anschauungsweise bekehren zu wollen. Ich beherzigte stets diese Grundsätze und kam immer gut mit den Eingeborenen aus.” (Bernatzik) Viele deutsche Touristen nehmen in Namibia auch heute noch die Nicht-Weißen nur als Helfer wahr, wirkliche Kontakte pflegt man lieber mit den EuroAfrikanern.
Mein Reisekumpel Hartmut und ich hatten gerade im Waterberg-Camp eingecheckt, da regnet es nach 10 Minuten. Beide entledigen wir uns der Klamotten und tanzten nackt im ersten Regen seit Tagen. Ein Geschenk...
Auf dem Waterberg hat man viele Tiere ausgesetzt. Ich gebe mir eine Wanderung rauf zur Kante. Schweiß in Strömen! Aber dann: was für ein BLICK! Was für ein Panorama auf Erden und am Himmel! Um mich herum tollen Klippenschliefer, auf den ersten Blick sehen sie aus wie große Ratten, und schwarze Riesenkäfer. Vor mir offenbart sich die Welt. Hier sitze ich eine gute Stunde, stille staunend on top of this world. Mein Hirn & Herz laufen ob der Tragik dieses Platzes heiß, Wie konnte die europäische Sicht Afrikas nur so aus dem Ruder laufen?
Tim Learys Thesen von der Kriminalisierung des Natürlichen drängen sich auf: »Das Leben im milden Norden stellt höhere Anforderungen als das Leben unter und auf den Bäumen des Urwaldes. Deine Jagd- und Sammler-Kreditkarte ist hier allein nichts wert, Junge. Die natürlichen Schlaraffenland-Techniken reichen nicht mehr aus. Aus den Bewohnern des Südens, ehemals freien Individuen, entwickelten sich total abhängige und unterwürfige Vasallen. Unter der Bevölkerung der Tropen kam ein gewisser Stolz auf, war sie doch traditionell in der Lage, ihren Unterhalt ohne großen Aufwand, ohne Neid und Feindschaften zu decken. Alles, was diese Menschen brauchten und hatten, waren die Fähigkeiten des eigenen Körpers und Dschungel-Schläue. Dieses Selbstwertgefühl, dieses Urvertrauen war den Mitgliedern feudaler Gesellschaften fremd. [...] Seit mehr als zehntausend Jahren haben Völker aus dem Norden immer wieder jene des Südens invasioniert, sie erobert und versklavt. Tötet sie! Plündert sie aus! Vergewaltigt sie!« (Leary) Nun, wo wahr solcherlei Kulturanthropologie auch sein mag, erklärt sie trotzdem vor Ort nicht viel. Denn die Ursachen der Tragödie liegen eher in Gier, Arroganz, Dummheit, Brutalität und Verachtung - also mangelndem Mitgefühl und Solidarität.

Zum Abendessen im Restaurant genieße ich Oryx-Steak, akustisch eingelullt von KlassikMuzak. Plötzlich erklingt das Deutschlandlied, in der ursprünglichen Instrumentalfassung von Haydn. Schock. An diesem off all places! Einen Besuch des deutschen Heldenfriedhofs nebenan schenk ich mir.
Bei der langen Fahrt steigt der Grübelfaktor. Wieder geht es schier endlos geradeaus. So weit das Land auch erscheint, überall begegnen einem Zäune, die den Besitzanspruch eines Unsichtbaren manifestieren. Der Naturzustand endet immer dort, wo Zäune gezogen werden, philosophierte Rousseau. Die seltenen Autos wirbeln gnadenlos Staub auf und ziehen eine lange Fahne nach sich. Von Waterberg bis zu unserm nächsten Ziel sind es über 200 km. Die erste der Hälfte der Strecke scheint absolut menschenleer, kein Ort, kein Haus. Dann unvermittelt links in der baumlosen Steppe zur glühenden Mittagszeit apathische Gestalten. Einige hocken, andere stehen, noch weitere irren ziellos herum, nur wenige scheinen einem Ziel zu folgen - von irgendwo her Holz zu besorgen. Das Flüchtlingslager Osire. Früher, d.h. noch vor 20 Jahren, waren hier die SWAPO-Kämpfer inhaftiert, ein Kriegsgefangenenlager der SüdAfrikaner. In the middle of nowhere. Heute leben hier rund 24.000 Flüchtlinge aus Angola - offensichtlich ohne Zukunft. Auf über 5000 Kinder kommen 150 Lehrer. Hartmut würde gern für Kids Musik machen - aber sein Angebot wird leider abgelehnt. Kein Zugang zum Lager. Also hängen wir noch ein paar Kilometer dran, bis wir in Groß-Barmen ankommen, wo wir für zwei Nächte die einzigen Übernachtungsgäste sind.
Tief durchatmen. Zeit, sich an die ersten Eindrücke im Lande zurück zu erinnern. Und an die erste befremdliche Information noch daheim. Ich hatte bei Namibia-Kennern nachgefragt, ob es ein traditionelles Gastgeschenk gäbe, so wie Kolanüsse in Westafrika. Die verblüffende Antwort: »Schnaps und Werbekäppis.« Wirklich?
Partner Hartmut und ich landeten am heißesten Tag seit 92 Jahren - bis 42°C: Willkommen! Nicht nur die Hitze verpaßt uns einen Windhoek-Schock. Im Gegensatz zu den anderen Afrikas: wenig Lachen auf der Straße, Ruhe, keine Musik, kein Getrommel, alles sehr sauber. Mehr saubere öffentliche Toiletten denn in irgendeiner anderen Stadt anywhere in this world, an die ich mich erinnern kann.
Eine große Fußgängerzone ohne leerstehende Geschäfte wie bei uns oder in England; riesige coole Shopping-Malls, Cafehäuser mit einem deutschen Konditorenangebot, Ketten von Wimpy bis Woolworth, SPAR und plus (but no McDonald, no Schlecker). Drei Tageszeitungen: eine auf Afrikaans, eine englische (The Namibian, pretty good) und die ätzende deutschsprachige Allgemeine Zeitung.
»Die Unterwerfung dieser Völker unter deutsche Herrschaft ist bis heute ein Kapitel unbewältigter Vergangenheit, verdrängt und überlagert von den späteren deutschen Katastrophen. Doch in Südwestafrika ist jene Epoche nicht vergessen. Die Deutschen kamen als letzte weiße Eroberernation nach Afrika, und ihre Herrschaft dauerte nur 30 Jahre, aber sie schafften es, alle Sünden zu wiederholen, die die anderen in 400 Jahren begingen. Brutaler hat in der modernen Zeit keine andere Kolonialmacht in Afrika zugeschlagen.« (Jaenecke)
Ich lese: »Den Anfang des Untergangs der Kulturen in Südwest-Afrika machten die Missionare, denen 1885 Heinrich Göring mit zwei Beamten folgte. Als Deutschland rund 30 Jahre später die Kolonie durch den Völkerbund abgesprochen bekam, waren alle traditionellen sozialen wie wirtschaftlichen Strukturen zerstört, ein Großteil der Einheimischen ermordet, ihre Stämme aufgelöst, der Grund- wie Viehbesitz weitgehend in weißer Hand. Die afrikanische Bevölkerung war von freien, selbstständig wirtschaftenden Bewohnern ihres Landes zu besitzlosen Untertanen des Deutschen Reiches geworden.« (Zimmerer)
Während sich die mit den Menschen- und Landverlusten verbundene Gewalterfahrung tief in das kollektive Gedächtnis der Afrikaner eingegraben hat, bedeutet der Krieg für die Namibia-Deutschen eine historische Hypothek. Nicht wenige von ihnen empfinden die Völkermord-These als Verletzung ihres Selbstbildes und wehren sie als pauschale Kriminalisierung der deutschen Vergangenheit in Namibia ab. Ex-Senator Schill könnte sich hier in strahlenden Snow-Ovambo-Gesichtern sonnen. Nein, nicht alle EuroAfrikaner sind Nazis, auch unter einigen euro-afrikanischen Farmern findet man Empörung über brachliegendes Land von weißen Besitzern, die sich im Ausland herumtreiben. Irgendwo vor Ort sehe ich ein Zitat von Helmut Schmidt: »Die deutsche Geschichte ist kein Verbrecheralbum!« Nun, die deutsche (und nicht nur die deutsche!) Kolonialgeschichte ist ein Verbrecheralbum. Ein fettes!
In der ganzen Stadt (ohne die Townships mit einzubeziehen) gibt es zwei afrikanische Restaurants, informierte uns ein Reiseführer. Ich finde nur eines und das in der alten Feste, die zeitgleich auch als Nationalmuseum dient. Direkt davor befand sich vor gut 100 Jahren das erste deutsche Konzentrationslager. Auf der Terasse genießen wir bei köstlichem Essen die Aussicht über die Stadt.
Hartmut schrieb später: »Eins wurde mir schnell klar: Auf dem schwarzen Kontinent ist die Zeit ebenso wenig stehen geblieben wie in Europa. Der moderne Afrikaner geht mit dem Laptop ins Büro, im Internetcafé waren alle Plätze besetzt, und ein paar Ecken weiter landete ich in einem hochmodernen Supermarkt. Dort gab es alles, was ich von zu Hause kenne: Popmusik aus dem Lautsprecher, Nutella, Pampers und Maggieintopf.«
Nur alte Herero-Frauen tragen traditionelle Kleidung, alle andern sind westlich gekleidet. Das zu ändern ist Ziel von Beatrice Yeboah, die vor Jahren aus Ghana nach Windhoek zog, und hier eine Produktionsstätte für westafrikanische Kleidung betreibt: »Wissen Sie, der Kolonialismus hier hat niemanden ermutigt, traditionelle Kleidung beizubehalten. Ich möchte diese Kette der westlichen Kleidung durchbrechen und den Menschen etwas orignal-Afrikanisches anbieten.«
Die Innenstadt Windhoeks entpuppt sich nach 20 Uhr als Geisterstadt. Keine Menschen, aber bewaffnete Wächter (Einkommen im Schnitt 30 Euro im Monat) vor vielen Firmeneingängen. Wenige geöffnete Restaurants, keine Kinos, kein Leben auf den Straßen. »Das ist ja wie Stuttgart!« meint Hartmut. Ghosttown. Auch dem Journalisten Orizio fiel auf, daß in Windhoek zwar kaum etwas los wäre, »aber wer die Parkuhr nicht füttert, erhält nach 10 Minuten, wie in Stuttgart, von einem unbestechlichen Polizisten einen Strafzettel.« Zweifellos die sauberste Innenstadt Afrikas. Im Radio plärren ganztägig deutsche Schlager und Nachrichten.

In Groß-Barmen, in den 1840ern Ort der ersten deutschen Missionsniederlassung, sprudelt eine heiße Therme aus dem Boden. Im modernen Hallenbad (!) hat das Wasser 35°C, im Außenbecken wundervolle 26°. Zur Erinnerung: um uns erstrecken sich hunderte von Kilometern trockener Steppe und Wüste - und hier liegen und wiegen wir uns nächtens allein zu zweit in einem großen Schwimmbad (not just a Pool!) - das Kreuz des Südens über uns. Keine Ahnung, wie es uns gelang, das auch noch zu genießen - aber wie! Ein kleines, feines, privates Paradies. Dutzende von Bungalows stehen leer und weltfremd träumen wir davon, Insassen des Flüchtlingslagers herbei beamen zu können.

Die Tageslektüre eröffnet Heimatbezüge. Nicht nur, daß Major Leutwein aus Strümpfelbrunn im Odenwald kam, es geht die Geschichte, das 1852 ein Missionar aus Heppenheim an der Bergstraße ein halb Dutzend Schweine mit auf diese Missionsstation brachte. Sein geradezu visionärer Gedanke: »Wenn ich die Neger dazu bewegen kann, Schweinefleisch zu essen, werden sie nie Muslims werden.« Für die Schweine war es hart, im Sand statt im Schlamm zu suhlen. Ihre Schwarte litt unter ständigem Sonnenbrand. Außerdem wimmelte das Land von Warzenschweinen. Aber das deutsche Schwein überlebte. Die Bedingungen für eine großangelegte Schweinezucht seien in diesem Lande äußerst günstig bei so viel Dreck und Unrat, den die deutsche Truppe hinterlasse.
In den meisten Regionen Namibias ist es extrem trocken. Der Regenfall in Namibia schwankt zwischen den feuchtesten tropischen Regionen im Nordosten und der extrem niederschlagsarmen Namib-Wüste im Südwesten. Die Regenwolken kommen vom Indischen Ozean, überqueren den Süden Afrikas und nur ab und an bleibt Wasser für Namibia am Himmel - so die Wolken nicht über Namibia hinweg direkt zum Atlantik treiben und dort Wasser lassen. So fällt in der gesamten Küstenregion nur selten mehr als 50 mm Niederschlag pro Jahr, im gesamten Südwesten maximal 200 mm, nordöstlich von Windhoek steigen die durchschnittlichen Niederschläge stetig an und im Caprivi-Zipfel betragen sie mehr als 600 mm. So fallen in Swakopmund pro Jahr maximal an 5 bis 10 Tagen mindestens 1 mm Regen, in Windhoek an etwa 40 Tage und in Caprivi um die 50 Tage. Im Durchschnitt wird das Land alle 14 Jahre von einer Trockenheit heimgesucht, d.h. daß dann in Windhoek nur um 150 mm Niederschlag fallen, an der Küste weniger als 25 mm, im Norden weniger als 350 mm.

Vor der groß-barmigen Dämmerung steht Feuerholzbeschaffung an; mit dem Wagen ein paar km am breiten trockenen Flußbett des Swakop (ursprünglich: Tsao-Xaub) entlang fahren. Neben einem seltsamen größeren quadratischen Metallkasten parken wir und schwärmen - sowohl über die Natur wie auch aus. Angeregt durch diese traumhafte Landschaft flashen gemeinsame Erinnerungen von den Swamps Lousianas, durchs Mekong-Delta in Vietnam bis hin in die sumpfigen Rheinauen zur Sonnenfinsternis. Aber solche Bäume wie hier? Never before. Ich schaukele auf einem 10m lang ausladenden Ast in 1m Höhe, an einem Nebenast schaukelt meine Weste im Gegentakt. Einer jener raren Plätze im Leben, auf denen man das Gefühl bekommt: Hier könnte ich alt und Eins mit Allem werden. Die Sonne steht schon tief, brennt aber noch und treibt den Schweiß, als ich anfange Holz zu sammeln, während Hartmut den Wagen näher fahren will.
Er will, aber er kann nur bedingt. Nach fast 2000 problemlos gefahrenen Kilometern juckt es ihn - für mich als Nicht-Fahrer absolut nachvollziehbar -, und er will endlich die Möglichkeiten des Wagens voll ausschöpfen, zumal im wunderbar feinen Sand des Flußbetts ganz klar die Spur eines anderen Wagens zu sehen ist. Immerhin hatte er sich die ganze Strecke über beherrscht und kein 100 m großes KSC-Zeichen für immer in den Sand gesetzt. Doch nach vier Metern steckt unser wunderbarer 4-Wheel-Drive im Sand fest. Brrrrmm, bbrrrmmm - hilft alles nix. We’re stuck. OK, nix wirklich heftiges - zum Camp sind es höchstens zwei Stunden zu laufen, aber in zwei Stunden ist es auch schon sehr dunkel. Würden wir schaffen, aber ... das kann ja nicht die Lösung sein. Warten, daß ein anderer Wagen vorbeikommt? Eher nicht, das kann bis zum nächsten Mittag dauern. Wann haben wir den letzten Menschen gesehen?
Bevor wir Zeit haben uns richtige Sorgen zu machen, kommt aus dem Gebüsch plötzlich ein alter Mann, mit drei jungen Männern im Schlepptau - erst viel später dann auch seine Frau. Immerhin Gesellschaft, ist mein erster Gedanke. Der Mann stellt sich vor: Zacharias sei sein Name. Nichts ungewöhnliches in einem Land, in dem viele Menschen die obskursten biblischen bzw. christlichen Namen führen. Warum Zacharias? Er hätte doch eigentlich Nepomuk heißen müssen, wie der Heilige der Brücken. Der heilige Zacharias war päpstlicher Briefpartner von Bonifatius, dem Mann der mit aller Gewalt Deutschland christianisierte. Wie auch immer. Ich glaube wir dachten, es sei die Hitze, als wir überraschender Weise trotz seiner Zahnlücken und sehr eigenen Ausdrucksweise Zacharias Sprache verstanden: Deutsch.
Hartmut ist noch etwas mißtrauisch und stutzt, als selbiger alter Mann mit einer natürlichen Autorität in der Stimme die Wagenschlüssel verlangt. Er schwingt sich behende in den Wagen, startet, drückt aufs Gas, stellt den Motor ab, steigt aus und weiß Bescheid. Schon sammeln wir alle Äste, Zweige, anything, das man unter die 4 Räder legen kann. Ich bemerke nichtmals den 30 cm blutigen Kratzer am Bein. Nicht tief, sieht aber zünftig aus.
Hilfreich einen Spaten im Wagen zu haben und daran zu denken; wir anderen schaufeln mit den Händen. Auf die Knie, mit Händen den Sand unter den Rädern mindern, dann wieder ‘Schiebung!’. In der Hitze und angesichts der Situation, in der wir nur mitmachen, trotzdem im eigenen Schweiß stehen, und über die fast wortlose Kooperation staunen können, erscheint die Aktion unendlich lang. In dieser Welt zeigt die Uhr im Wagen 23 Minuten an, dann hat er das greifende Ufer wieder unter den Reifen. Uff!
Endlich Ruhe und Zeit, sich etwas näher zu kommen. Zacharias gibt an Jahrgang 1929 zu sein - so wie Hartmuts Vater. Weiße Haare und ein alter Hut, ein faltiges Gesicht. Sein Vater sei Deutscher gewesen, daher seine Sprachkenntnisse - an seinem Äußeren hätte man das auf den ersten oder zweiten Blick nicht erkannt; seine Mutter war eine Damara. Außerdem spreche er Ovambo, Afrikans und andere Sprachen. Wir danken spontan mit Worten, Lächeln, Geldschein, Nüsse für die Frau ... bevor wir fragen, welchen Wunsch wir ihnen erfüllen könnten.
Hartmut läuft, sichtlich erleichtert, zur Hochform auf, seine in Goodwill transformierte Erleichterung scheint sich über die ganze Szene zu legen. Was braucht ihr? Diesel. Der Metallkasten ist ihr Brunnen und der steht still, weil Sprit für den Motor fehlt. Also erstmal einen großen Kanister Trinkwasser ausgeladen. »Sprit holen wir morgen.” Nun hat ‘tomorrow’ für viele Menschen hier, die wirklich im Hier&Jetzt leben, eine andere Bedeutung als bei uns. The time is NOW. Mit ‘maybe tomorrow’ wimmelt man diplomatisch Bettler und Händler ab.
What else? Hartmuts Blicke fallen auf Zacharias Patchwork-Schuhe. Schon packt er seine Lieblingsschuhe aus - die dem Alten zu groß sind, aber dem Sohn bestens passen. Thank you! Zacharias steht immer noch in seinen Latschen da. OK, Let’s go! Sofort.

Also besteigt Zacharias den Wagen, ich krieche nach hinten. No problem, aber dadurch verstehe ich leider kaum etwas vom lebhaften Gespräch zwischen den beiden. Gut 30 km bis Okahandjia, wo die Läden gleich zumachen. Unser Retter genießt die Fahrt sichtlich. Auf der Höhe der Abzweigung Groß-Barmen drängt er Hartmut, anzuhalten. Auf der anderen Straßenseite, für den Ortsfremden kaum zu sehen, liegt eine Grabstädte. Vorn ein Schild: Gepflegt von der Deutschen Kriegsgräberhilfe. Ein halbes Dutzend Gräber vom Anfang des Hereroaufstandes. Max Müller • am 4.3.1904. Im Lande stößt man öfters auf solche Gedenkstätten - aber fast ausschließlich von den deutschen ‘Helden’, nicht von den abgemetzelten Einwohnern. Für ein Foto setzt Zacharias meine Lesebrille auf, seinen Hut ab und sieht aus wie ein afrikanischer Sartre.
Wir düsen weiter und erreichen um 18.35 die Stadt. Der Schuhladen hat schon pünktlich geschlossen, aber Dank Hartmuts Einsatz - Jahrzehnte Kindertheater und einen geradezu bluesbrother’schen Missionseinsatz vermag er jederzeit mit Gewinn ins tägliche Leben einzubauen - wird uns trotzdem die Tür geöffnet und innert kurzer Zeit ist Zacharias stolzer Besitzer guter Lederschuhe. Da der Computer im Laden (jawoll, überall im Lande berechnen Maschinen die Preise) schon abgestellt ist, bekommen wir keine Quittung mehr, was für die Verkäuferin problematischer scheint als für uns. Zacharias zeigt stolz auf ein modernes Gebäude gegenüber: »Meine Bank!« Dort holt er monatlich seine Rente von knapp 40 Euro ab.
An der Tankstelle zwei Kanister mit Diesel gefüllt. Nochwas? Ja, bitte, Zucker. Im Supermarkt nehme ich eine zwei Kilo-Packung aus dem Regal - die größte. Mit einem Schmunzeln legt Zacharias noch eine 500 gr Tüte drauf.
Zurück, geblendet von der untergehenden Sonne tauchen wir drei über längere Zeit in Schweigen ab. Und wenn geredet wird, wird es zunehmend schwieriger Zacharias Redefluß zu folgen. Aber es scheint völlig klar: wir haben einen Freund gewonnen und er zwei.
Wir laden ihn wieder daheim ab. Bevor er aussteigt und ich mich gerade frage, ob er die schicken Schuhe wohl nur an Feiertagen anziehen wird, liefert Hartmut einen jener magischen Momente, die ab und an aus ihm sprudeln. Er bittet Zacharias die Augen zu schließen und singt ihm aus vollem Herzen Wenn alle Brünnlein fließen ... More than words can say.
Dann kommen seine Jungs, er steigt aus, wir reichen seine Sachen raus und machen uns schnell davon. Hinter uns hören wir noch die Einladung, ihn doch bald wieder zu besuchen, morgen, überhaupt. Maybe tomorrow.
Diese Begegnung ist so intensiv, daß wir hinterher noch länger brauchen, um wieder zur Sprache zurück zu finden. Irgendwo sammeln wir unser Holz. Zurück am Bungalow tauchen große Schwärme von Mauerseglern auf. (Mauersegler? Es gibt hier kaum Mauern - aber viele, viele Vögel.) Das alte Hartholz brennt prächtig die ganze Nacht hindurch. Hartmut grillt Kudusteak, neben dem Feuer wärmen sich Bohnen in der Dose, ein Bier aus dem Kühlfach, die untergegangene Sonne flasht unbeschreibliche Farben an den Himmel und dann ist es dunkel. Was wohl jetzt bei Zacharias daheim erzählt wird?
Bei 38° steigen wir in den Flieger (jemand summt Hans Albers & Achim Reichels Braun gebrannt wie ‘nen Hottentot! aus Auf der Reeperbahn Nachts um halb Eins) und ein paar Stunden später landen wir bei 12° minus. Daheim stelle ich den in der Wüste gefundenen Tierschädel erstmal hinters Haus in den Schnee. Am nächsten Morgen ist er verschwunden, nur ein paar Hundespuren bleiben.
Was ansonsten bleibt, ist eine große Verwirrung. Nein, keine Schuldgefühle für die Untaten unserer Altvorderen, aber für die eigene Ignoranz, und es tröstet nicht, von Ingnoranten umgeben zu sein.


Zu diesem Buch
»Im Gegensatz zu den Afrikanern fürchten die weißen Siedler in Südwestafrika alle Arbeiten, die sich mit dem Kampf der Herero und Nama gegen den deutschen Imperialismus beschäftigen. Die Ursache dafür zeigt mit wünschenswerter Deutlichkeit ein Artikel (der dt. Zeitschrift ‘Der Kreis’, März 1961), in dem es heißt, daß solchen Arbeiten widersprochen werden muß, weil sie ‘das schon so stark belastete Verhältnis Schwarz und Weiß nur weiter verschlechtern’ würden. Aus diesem Grunde dekretieren die weißen Siedler in Südwestafrika: ‘Die Frage nach der Schuld an den Ereignissen von 1904 sollte heute nur noch akademisch behandelt werden’. Dieser Gefallen kann ihnen, ob sie deutscher oder südafrikanischer Herkunft sind, jedoch nicht getan werden.« (Drechsler, 1966)
Ich besuche alle größeren Buchläden in Windhoek und Swakopmund. Bücher über namibische Musik? Fehlanzeige. Aber das Dritten Reich lebt, buchmäßig. Fast überall ist eine ganze Regalwand von Kolonial-Literatur belegt. In Deutsch, in Englisch, alte Bücher, neuere - aber ausnahmslos die weiße Sicht. Die namibische Sicht der Kolonialzeit? Da gibt es nix, heißt es. Auf unsympatischstem Deutsch klärt mich ein Buchhändler auf: Wenn die schreiben würden, hätten wir das auch. Aber von denen schreibt doch keiner! Meine Frage, ob ‘die’ denn einen Verlag fänden, bleibt unbeantwortet im Raum stehen.
»Leider steht die Qualität der bisher erschienen Bücher in einem argen Mißverhältnis zu ihrer Quantität«, schrieb Horst Dechsler 1966. Daran hat sich vor Ort augenscheinlich nicht viel geändert. Selbst jenen Büchern in der großen Flut der Darstellungen, die sich um eine gerechtere Sicht bemühen, »ist jedoch gemeinsam, daß sie die Geschichte Südwestafrikas aus der Perspektive der Kolonialherren schildern. Afrikaner, soweit überhaupt erwähnt, werden ausschließlich als Objekt des historischen Prozesses erwähnt.«
In der Tat lebt(e) in vielen Teilen Afrikas die Geschichte durch mündliche, nicht schriftliche Überlieferung. Hier verschaffte sich der Europäer durch seine ‘Dokumente mit Stempeln’ einen Vorteil (siehe auch: Toubab Pippa: Wurzeln des afrikanischen Albtraums).
Dann werde ich doch noch fündig, antiquarisch. Die Briefe des Nama-Häuplings Hendrik Witbooi aus den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts auf Englisch.
Der Verleger in mir möchte dieser einzigen schwarzen Stimme zur deutschen Kolonialzeit in Namibia unbedingt wieder Gehör bzw. LeserInnen zu verschaffen, denn: »Den hier zum großen Teil dokumentierten Aufzeichnungen Witboois, vor allem Briefen und Tagebuchaufzeichnungen, kommt eine besondere Bedeutung zu, weil sie über das politische Denken und Handeln eines afrikanischen Führers zur Zeit der Etablierung der Kolonialherrschaft einer europäischen Macht Auskunft geben. Solche schriftlichen Quellen von afrikanischer Seite aus dieser Zeit sind an sich schon äußerst selten, für Namibia sind die Aufzeichnungen Hendrik Witboois dagegen einzigartig.« (Drechsler)
Die Baseler Afrikastudien (siehe: Weiterführende Fährten) bezeichneten die Nichtverfügbarkeit dieses »einzigartigen Textes« als »schmerzlich«, denn er »stehe als schriftliches Dokument des primären schwarzafrikanischen Widerstands gegen die Kolonisierung ziemlich einzigartig da«.
Ich finde heraus: Die Briefe des Häuptlings Hendrik Witbooi erschienen schon einmal in deutscher Sprache, 1982, noch zu Zeiten der südafrikanischen Diktatur, unter dem Titel Afrika den Afrikanern, aber sie sind beim ehemals sozialdemokratischem Verlag Dietz und Nachfolger schon lange vergriffen. Fünf Monate und mehrere An- und Nachfragen vergehen, bevor ich endlich von Dietz folgende Mitteilung erhalte:
»Sehr geehrter Herr P., ich muss Sie heute leider enttäuschen: Nach Rücksprache mit der Verlagsleitung möchten wir von einem Lizenzvertrag zwischen dem Dietz-Verlag und The Grüne Kraft über unsere Witbooi-Ausgabe Afrika den Afrikanern defintiv Abstand nehmen. Die Begründung ist in erster Linie eine ökonomische, denn der von Ihnen kalkulierte Ladenverkaufspreis von 10,00 Euro bei einer Auflage von 2000 Ex. ist so niedrig bemessen, dass die zwischen Verlag und Verfasser gebotene 50:50-Aufteilung des Nettoerlöses aus der Lizenzvergabe finanziell nicht lohnt. Es tut mir leid, Ihnen nach so langer Zeit keinen anderen Bescheid geben zu können. Für Ihre weiteren Bemühungen wünsche ich Ihnen viel Erfolg.
Mit freundlichen Grüßen aus Bonn! D.M - presse/werbung - Verlag J.H.W. Dietz Nachf.«
Da hockt sich ein deutscher Verlag auf Rechte und sorgt dafür, daß eine afrikanische Stimme unterdrückt wird. Auch mein ‘Gnadengesuch’ an die Verlagsleitung (»zahle das Geld gerne direkt an eine namibische Initiative oder Witboois Erben, für die ist das viel Geld!«) bleibt ohne Antwort. Dabei handelt es sich hier nichtmals um die Rechte des seit 98 Jahren toten Verfassers, sondern nur um die Überarbeitung einer älteren Übersetzung seiner Texte. Und diese Übersetzung ist, peinlicherweise, ein Geschenk des Sohnes des 1. dt. Gouverneurs von Namibia an selbigen, also von Herrmann Göring an seinen Vater. Der Originaltitel der Übersetzung aus dem Niederländischen, die das Herz des vorliegenden Buches ausmacht, lautet: Das Tagebuch des Hottentottenkapitäns Hendrik Witbooi in Deutsch-Südwest-Afrika aus den Jahren 1884 - 1894. Widmung in der - damals nicht publizierten - Originalübersetzung: Im Juni 1939 gewidmet dem Gedenken des Ersten Deutschen Reichskommissars von Deutsch-Südwestafrika (1884-1889) Dr. H.E.Göring anläßlich der Eröffnung des Dr. H.E. Göring-Kolonialhauses in Hannover.
Einer der Gründe, warum in der alten BRD die Kolonien nie wieder wirklich ein Thema waren, mag der Umstand gewesen sein, daß die gesamten Unterlagen des Reichskolonialamtes sich in Ost-Berlin befanden und dort aufgearbeitet wurden. Zwar sind dies in der Regel nur Aufzeichnungen deutscher Beamter, da aber diese Unterlagen nie zur Veröffentlichung vorgesehen waren, wird dort in der Regel recht ungeschminkt über die Lage in den Kolonien berichtet. Also fahre ich im August 2003 nach Berlin zum Bundesarchiv und kopiere mir die Originalübersetzung vom Mikrofilm, Aktensignatur R 1001/9331. Auf der selben Filmrolle findet sich auch ein Lebenslauf des Reichskommissars für DSWA: Dr. Heinrich Göring.
Um Witboois Aufzeichnungen für den Laien verständlicher zu machen, straffte ich sie und recherchierte den zeitlichen und politischen Kontext, wobei mir die ungeheuerlichen Fakten das Hirn und Herz zum Glühen bringen und meinen ursprünglichen Plan umwerfen, mich auf die rein schwarze Darstellung der Ereignisse zu beschränken, da diese erst ihre volle Wirkung entfalten, wenn man auch ein wenig um die damalige Zeit und Umstände Bescheid weiß. Also schreibe ich die Geschichte noch weiter über den Herero-Krieg und Witboois Tod hinaus bis heute, wobei ich bei der Recherche weitgehend auf weiße Quellen angewiesen war. Ich suche in der Uni-Bibliothek Heidelberg nach Büchern über die Kolonialgeschichte, finde dort nichts, werde an die Bibliothek des Theologischen Seminars verwiesen. Dort gibts eigentlich keine verstaubten Regale, aber die Kolonialgeschichtsabteilung ist richtig versifft und offensichtlich seit langem ungenutzt.
***

Aus Respekt vor Hendrik Witbooi und seinen ehemaligen Weggefährten werden ihre Schriftstücke etwas größer abgedruckt als die deutschen Ergänzungen. Folgende Begriffe wurden auf den heutigen Stand gebracht: Hottentotten - jetzt Nama; Werft - Siedlung; Kamaharero - Maharero; Kapitain - Häuptling; Windhuk etc - Windhoek; Hereros - Herero. In manchen Zitaten wurden sie beibehalten. Die Kolonialherren bezeichneten den bewaffneten Widerstand als ‘Aufstand’; aus afrikanischer Sicht handelte es sich dabei um einen Krieg. Dem schließe ich mich an. Man entschuldige mir bitte, wenn ich trotzdem manchmal ohne Absicht in kolonialherrliche Deutschismen zurückfalle, wie auch eventuelle (inhaltliche) Flüchtigkeitsfehler. So habe ich z. B. bei einigen Zitaten die korrekt-akademische Quellenangaben vermasselt. Weiterführende Literatur wird am Schluß des Buches dokumentiert und teilweise auch empfohlen. In ihr finden sich Antworten auf viele Fragen und Themenkreise, die ich aus Platzgründen unterschlagen habe.

Warum es für die meisten Namibier und für uns
keine Namibische Musik gibt

Music-tracking in SüdWest
Werner Pieper

Rough Guides
Kumpel Hartmut und ich düsten anfang 2003 nach Namibia, formerly Deutsch-Südwest-Afrika. Er um mit und für Kinder zu musizieren, ich um mich mit den Folgen der deutschen Kolonoialzeit vor Ort vertrauter zu machen.
Vorher fragte ich die Kollegen vom britischen Verlag Rough Guide, warum in ihren prallen World-Music-Büchern Infos über namibische Musik fehlen. Sie baten mich, diese Lücke zu füllen. Und würde nicht ein Musikstück aus dem einzigen Land, das nach einer Wüste benannt wurde auf Networks Desert Blues-Compilations passen?
Kurz darauf sprach ich auf der 2. Conference on Music & Censorshipin Kopenhagen mehrere zensurerfahrene südafrikanische Musiker und Musikologen auf das Thema ‘namibische Musik’ an. Und erntete allgemeines Kopfschütteln. ”Sowas gibt es nicht!” David Marks, der Betreiber der südafrikanischen ‘Hidden Archives’, für während der Apartheid in SA verbotenen Musik, vermutete, daß im abgeschiedenen Norden bei den Himba und im Caprivistreifen eventuell noch traditionell musiziert würde, aber sicher sei er da auch nicht. Roots? Die musikalischen Wurzeln Namibias finden sich nicht im Boden, sie schweben wie Luftwurzeln der Mangroven - auf der Suche nach festem Boden.

Crash-Kurs Namibia:
Geografisch: umgeben von Südafrika, Zambia, Botswana und Angola.
Historisch: 1884 (- 1915) erste deutsche Kolonie, 1904, vor genau 100 Jahren, Tatort des ersten deutschen Völkermordes (an den Herero, von denen nur ein Fünftel überlebte und an den Nama, die zur Hälfte ausgerottet wurden), in der Folge die ersten deutschen KZs mit ekelhaften Menschenversuchen, ein Ursumpf deutscher Rassenhygieniker - all in all eine Generalprobe für die Scheußlichkeiten des 3. Reiches. Von diesen in der kollektiven Erinnerung so überdeckt, daß sich hier & heute kaum jemand an ‘Deutsch-Südwest-Afrika’ erinnert - vor Ort jedoch nur zu gut. Im Jahr 2004 wird das Thema etwas Platz in den Medien erobern, jährt sich der legendäre ‘Herero-Aufstand’ doch zum 100. Mal.
Das deutsch-namibische Verhältnis fing nicht urplötzlich mit der Gier der Kolonialzeit an. Schon 1842 zog es die ersten Aktivisten der Rheinischen Missionsgesellschaft an die warmen Quellen im Wüstenland - dem einzigen Land der Erde, daß sich nach einer Wüste (der Namib) beannnt hat. Die christlichen Propagandisten nannten den Ort Groß-Barmen und so heißt er heute noch. Auch viele Straßen in der Hauptstadt Windhoek tragen bis heute deutsche ‘.... - Straße’-Namen.
Schnell wurde eine erste Liste der missionarisch verfolgten No-Nos aufgestellt: bestimmt Tänze und Musiken wurden verboten, und als allererstes das Teufelszeug Dagga, hier & heute auch als Cannabis bekannt. Eigenhändig rupfte Missionar Hahn vor 160 Jahren die traditionelle Genuß-Pflanzen aus den ‘heidnischen’ Gärten. Das erste deutsche Marijuanaverbot. Im vergangenen Jahr klagte ein namibischer Rasta erfolglos auf freie Religionsausübung. Die Natur und Landschaften überwältigen, becircen: 280.000 Flamingos und Pelikane in der Walvis Bay vorm Frühstück ... Überall diese Deutschen Konditoreien aus den miefigen Fünfzigern, inkl. Schwarzwälder Kirsch ... die so heimatlich wie zeitreisig aussehende Architektur in einigen Städten, da mag man verdrängen in Afrika zu sein. Windhoek, meint Hartmut am ersten Abend in der Stadt, ist auf eine Art wie Stuttgart: sauber, pünktlich et al. Nur gibt es in Stuttgart wahrscheinlich mehr Straßenmusikanten als auf den Straßen dieser afrikanischen Metropole. Verblüffend. 18.30 schließt alles und kurz darauf werden die Bürgersteige hochgeklappt. Bis auf die für Hungerlöhne die Nächte durchmachenden bewaffneten Torwächte macht sich das Leben aus der staubfreien Zone.
Als Besucher ist man verwirrt ob all der Eindrücke von Stand, Land, Natur, sowie der aufklärenden Informationen aus den Büchern der (weißen) Sozialwissenschaftler (über die Kolonialzeit findet sich keine Schrift aus schwarzer Sicht). Niemand kann heute auch nur wagen zu behaupten, für die Situation vor Ort eine alle Menschen einschließende, versöhnliche Lösung parat zu haben. Only time will tell. Aber auf diesen Seiten geht es weniger um Politik oder Drogen, sondern um Musik. Und die tragischen Folgen des Musikverbotes sowie weiterer missionarischer und militärischer Aktivitäten unter deutscher Fahne.

Auf Spurensuche
Vor Ort gestaltet sich die Suche nach namibischer Musik nicht sehr erquicklich. In Katutura, dem Soweto Windhoeks, dort, wo die schwarze Mehrheit lebt, mag es grooven, aber ohne Einladung mag ich mich da nicht aufdrängen. Kumpel Hartmut schnappt sich seine Ukelele und erlebt vor Ort seine Abenteuer. Privilegien eines Musikers.

Ich ziehe derweil andere Kreise. Arno, ein Schweizer, Betreiber des bestsortierten Plattenladens Windhoeks, suchte mir ein paar ‘typische’ CDs und Cassetten raus, alles was er findet. Sehr wenig. Am ‘typischsten’ wären halt die Kirchenliedaufnahmen diverser Chöre. Ein weiteres Problem, so Arno, sei die Verfügbarkeit heimischer Cassetten und CDs. Manche bekäme er nur einmal angeboten & dann nie wieder. Ich höre mich durch: Schlager klingen wie Schlager, Reggae wie Reggae, Rap wie Rap - aber nix klingt eindeutig namibisch, globaler Mischmasch. Während wir in Arnos Plattenladen disputieren singt im Hintergrund the one and only Dolly Parton. Die war mir schon in Gambia in einem Musikladen begegnet - dort als einzige nicht-afrikanische Sängerin im Angebot. Hier gibt es eine Abteilung für Liebhaber des Deutschen Volks-Schlagers sowie andere Puristen und Spezialisten. Nur kaum etwas Namibisches. Ich befrage weitere potentielle Fachleute, jeder fügt ein Puzzlestück bei:
• Erica Gebhardt, Kultur-Redakteurin der Tageszeitung The Namibian: ”Warum wir keine eigene Musik haben? In my time, like the 80s, we only knew south-african music”.
• Pastor ‘Sankt’ Pauly: "Die Minenarbeiter brachten aus Südafrika Transsistor-Radios zurück in ihre Familien und Communities - wo niemand mehr selber musizierte."
• Vincent vom Franco-Namibian Kulturinstitut: "Es gibt schon örtliche Musiker, aber keinen wirklichen nationalen Markt."
• Ein Damara am Brandberg: "Traditionelle Musik? Das ist die Musik, die mit einer Farfisa-Orgel gespielt wird".

Die Damara sind eine der etwa zwölf Ethnien des Landes, die Herero eine andere die auch von den Kolonialherren so genannt wurden. Die San bespöttelte man als ‘Buschmänner’ und die Nama als ‘Hottentotten’. Selbiger Name ursprünglich ein ein burischer Begriff für ‘Stotterer’, ob ihrer mit faszinierenden Klicklauten angereicherten Sprache. So wie die Helden im Film ‘Die Götter müssen verrückt sein’. Hier waren sie es bestimmt. Alle Namibier teilen sich ein Land, eine Flagge, eine Hymne, eine nationale Fluggesellschaft, aber ihre traditionelle Kultur trennt sie. Eine wahre Demokratisierung erfordert hier ein Vergessen der alten Tage und the old ways. Solang in jedem Dorf eigene Lieder gesungen werden, entwickelt sich kein Verlangen nach eine ‘namibischen’ Musik, oder gar einem nationalen Superstar. (Eine Namibierin nahm am ersten österreichischen TV-Superstar-Spektakel teil). “Wenn sie gefragt werden, was ‘die’ namibische Kultur oder ‘das’ namibische Wesen ausmacht, sehen sich die Menschen außerstande, eine Antwort zu geben, denn es gibt bislang noch keine ‘namibische Kultur’ oder Identität.” (Minet E. Mans)
Im Ovamboland erzählt man mir, daß die Herero und Nama traditionell keine eigene Musik gekannt hätten, und die Klänge der San: ‘naja’. Werch Illtum! In der Literatur finde ich durchaus Hinweise auf eine ältere Musikkultur in SüdWest. Zum Beispiel ist im Buch ‘Eine Weltgeschichte des Tanzes’ (1933) von der ‘extrem weitbewegten Tanzwelt der Herero’ die Rede: ”Eine Anzahl von 30 bis 40 Männern, alle von Fett und rotem Ocker triefend, bilden einen Kreis; in ihn hinein stellen sich zwei Tänzer und ein Vorsänger. Dieser besingt die Tugenden alter Häuptlinge, auch wohl die der Lieblingsochsen, und schlägt dabei mit den Händen den Takt, die beiden anderen tanzen in Luftsprüngen dazu. Die Männer ringsrum aber stampfen die Erde mit ihren Füßen, daß sie zittert.”

Vom rietgras zum plastikrohr:
”Die Rietflöte ist ganz nach Analogie unserer Schalmeiflöten aus einem circa fußlangen Stück Riet hergestellt, in dem sich ein Stück Holz bewegt, durch dessen Hoch- und Niederschieben die verschiedenen Töne hervorgebracht werden. Zur Abhaltung der Riettänze gruppieren sich die Männer kreisförmig, das Gesicht dem Zentrum zugewandt. Unter gemeinschaftlicher kanonartiger Begleitung mit der Rietflöte führen sie, sich immerfort auf der Peripherie des Kreises bewegend, die barocksten und wunderlichsten Sprünge und Biegungen des Oberkörpers aus, während die Weiber summend, respektive singend und in die Hände klatschend, um den Kreis der Männer einen zweiten größeren Kreistanz unter ähnlichen Bewegungen ausführen, wobei sie mit komischer Grandezza und origineller Koketterie die eigentümliche Belastung ihrer Kehrseite besonders hervorkehren. Die Tänze werden mit Vorliebe des Abends vorgenommen und dauern, besonders in schönen Mondscheinnächten, oft die ganze Nacht.” (v. Francois, ca. 1900)
”Auf meinem weiteren Weg durch Katatura höre ich 'schräge' Flötenmusik. Es klingt ziemlich stümperhaft, doch ein Stück weit weg sitzen einige Männer auf billigen Plastikstühlen und scheinen tatsächlich ernsthaft zu proben. Immer wieder brechen sie ab und wiederholen bestimmte Passagen, bis sie zufrieden sind. Neugierig komme ich näher, setze mich 10-15 Meter entfernt auf den Boden und staune. Ihre 'Querflöten' sind schlichte, weiße PVC-Rohre, wie sie bei uns zur Isolation von Elektroinstallationen in Feuchträumen verwendet werden. Mit dem Messer entsprechend gekürzt und mit Löchern versehen hat sich jeder hier sein Instrument selbstgebastelt - Improvisation à la Afrika. Erst jetzt kann ich das, was sie ihren 'Instrumenten' mit einem Gesamtwert von fünf Mark entlocken, entsprechend würdigen und bin plötzlich völlig fasziniert von ihrer Musik, die ich eben noch vorschnell als stümperhaft abqualifiziert habe. Einer von ihnen winkt mich herbei, bietet mir einen Stuhl an und so setze ich mich direkt neben sie und höre zu, wie sie proben. Wie ich später erfahre, ist diese Wiese die ‘Kirche’ und sie selbst sind quasi eine Mischung aus Kirchenchor und Orgel.” (Reisebericht im Internet, 2001). Desert Blues?
Die einzigen Cassetten mit traditioneller Musik der San (aus Namibia und vor allem Botswana) fand ich ausgerechnet im ‘Bushmen Shop’ in Windhoek, das von einer ehemaligen Briefträgerin aus dem Schwarzwald betrieben wird. Auf ‘Kalahari - Music from the Bushmen and their neighbours’ (Part 1 & 2) erklingen wahrhaft San-nige Klänge, inklusive traditionellen Instrumenten wie Mouth-Bow, Tiersehnen, Gras, Straußeneierschalen. Traditionell wurden in allen Kulturen die jeweils verfügbaren Materialien auf ihre Musik-Kompatibilität getestet. Oft dienten auch bestimmte Klänge der Natur (Donner, Vogelgesang) als Anregung für Musik oder einzelner Lieder. Heute sind neuere Instrumenten wie Ölkanister, Draht und Eisenstangen hinzugekommen, geblieben sind jedoch die typischen vokalen Schnalz- und Klicklauten. Die Musik der San lebt und verändert sich ständig. Da wird ein Trance-Lied im Laufe der Zeit zum reinen Unterhaltungslied etc.

Öffentliche Livekonzerte finden im Lande nur selten statt. Regelmäßig spielen Bands nur im zentral gelegenen Windhoeker Warehouse, einem wundervollen namibischen Kulturzentrum für Auge, Ohr und Gaumen. Nirgendwo sonst begegnet man so viel ‘künstlerischem Namibia’ im Lande wie hier. Als Kontrastprogramm bietet sich die Schunkelmusik im deutschen ‘Brauhaus’ an. Aber sonst: große Konzerte = Fehlanzeige. Eine Musikkneipe in Swakopmund, der Stadt, in der viele deutsche Besucher auf Kamelen reiten; den Nachkommen jener Kamele, die vor 90 Jahren von den Deutschen aus der Sahara eingeführt wurden, um die Vorfahren der heutigen Kamelführer in der Wüste aufzuspüren. Das erinnert an jenen Missionar, der vor 150 Jahren deutsche Schweine von der hessischen Bergstraße einführte, war ihm doch schon damals klar, daß die Menschen Namibias nie Moslems würden, wenn er sie - mit Gottes Hilfe - zum Schweinegenuß bringen könnte. Die Schweine verreckten an Sonnenbrand.

Musiker-portraits
Es macht nicht viel Sinn, auf bestimmte CDs hinzuweisen, denn Labels und Auflagen kommen und gehen. Einige Namen können einem auf der Suche nach Musik aus Namibia etwas weiterhelfen

- Jackson Kaujeuna
Jackson, Jahrgang 1953, fand über Gospelgesang in Katutura - gegen den Willen seines Vaters - den Weg zur Swapo Youth Leaguer. 1974 ging er ins Exil, lebte u.a. zehn Jahre in Schweden und kehrte kurz vor der Unabhängigkeit nach Namibia zurück. Im Laufe der Jahre wurde er zu dem AktivistenSänger der SWAPO bzw. heute zu der Stimme des Namibias. Seine aktuelle CD Reflections wurde in Norwegen, Deutschland und Namibia aufgenommen, er singt seine Lieder in mehreren nambischen Sprachen.

- Ras Sheehama
Ras ist der unumstrittene Reggae Star seines Landes. Seine letzte CD spielte er in Südafrika mit Musikern von Lucky Dube und dem Jaimaika Roots Musiker Don Carlos ein.

- Impactus 4
Diese junge Band von vier Geschwistern kam 1990 aus Angola ins Land ihrer Mutter.Sie hat mit ihren zwei CDs mit vor allem Latino-, Kazomba- und Semba-Rhythmen, gemischt mit britischen R&B. Auch sie beklagen in Interviews, daß es keine eigenständige namibische Musik gibt.

- Matongo Family
Ein junges Trio, die sich von schwarzem Jazz, Kwaito, R&B, sowie traditionellen Damara-Pansie-Musikern inspiriert wurden, ihre Zukunft aber eher in wirklich nambischer Musik sehen. Sie haben aber z.B. auch traditionelle Tänze aus Caprivi neu eingespielt. Die Jungs sind sehr christlich eingestellt und wollen die Musikindustrie Nambias revolutionieren.

- Pops Mohammed Ein international bekannter Jazzer aus dem südlichen Afrika. Pops ‘spielt’ mit der traditionellen Musik der Khoisan in Namibia wie Botswana. Über eine neue CD: “Das ist hundertprozentig echte traditionelle Musik. Ich spiele nicht mit, sondern bin nur der Produzent, Sie singen, spielen den Mundbogen und andere traditionelle Instrumente, aber auch das Gauka, ein aus Drähten und und einem Ölkanister gebautes Saiteninstrument.”

tonträger
- A Handful of Namibians (& Papa Wemba)
2002 erschien unter der Federführung des Franco Namiban Cultural Centre in Windhoek eine CD mit dem Titel ‘A Handfull of Namibians’. Sie bot 16 namibishen Musikern eine Chance, ihre Musik professionell zu präsentieren (100 hatten sich beworben). Musikalischer Leiter war der international bekannte Kongolese Papa Wemba.

- Namib Marimbas heißt eine Band & CD aus Walvis Bay. Das klingt afrikanisch und mixt eigene Lieder wie auch traditionelle in Afrikaans. Ein Lied wird dabei explizit als ‘a traditional Xhosa song’ angespriesen. In Klammern heißt es dann weiter: ”originally played in Catholic Churches ‘The blood of the lamp’. So schnell kann es gehen: früher ein Kirchenlied, heute ein namibisches Traditionsstück.
eMail: hol@iafrica.com.na - www.namibia101.com/namibmarimbas

- 24 Khoekhoegowab (Damara/Nama) Concert Songs ist der Titel einer Cassette, die eine Auswahl von Jugend- und anderen Chören dokumentiert. Recorded by Niels Erlank, Mix & Reproduction in Oldenburg.

Marktrealitäten
NEUPROGRAMMIERUNG IN REALITÄT UND RADIO
Musik und traditionelle Tänze gehören bei jenen Menschen, die noch im traditionellen Verbund leben, untrennbar zusammen. In Namibia sind dies vor allem die San im äußersten NordOsten und die Himba im NordWesten. Dort hin gelangten die frühen Kolonialherren nie. In diesen abgeschiedenen Regionen Namibias finden sich durchaus noch Fragmente ursprünglicher Musikkulturen. Viele Nicht-Weiße leben dort nach wie vor in ihrer traditionellen Alltagskultur. Noch - denn der Staat plant ebendort einen großen Staudamm, um sich energiepolitisch unabhängig von Südafrika zu machen. Auf Kosten des Lebensraumes der San, die dann jedoch auch ‘Zugang zu modernen Kommunikationsmitteln’ erhalten werden. So steht es in den Sternen, wie lange sie noch ihre alten Lieder - ohne Instrumentalbegleitung - singend summen, während sie, so eine Besucherin zu mir ‘des Abends den hellen Sternenhimmel über sich betrachten’. Instrumente hatte sie bei den Himba nicht gesehen, ebensowenig wie Aufnahmegeräte. So sind bislang auch keine kommerziell erhältlichen Musikkonserven dieser Musik bekannt. Und der Sternenhimmel wird bald, Dank der neuen Energiequellen, auch nicht mehr so hell scheinen.
Heute gibt es vereinzelte Bemühungen, diese traditionelle Kultur wieder zu fördern, z.B. durch nationale 'Culture Festivals', die jedoch mehr einer folkloristischen Unterhaltungs-Veranstaltung ähneln, als der ernsthaften (Überlebens-)Pflege der eigenen Musikkultur(en). Dabei erscheint der Staat nicht sehr hilfreich.
Die SWAPO (South-West-African-Peoples-Organisation) war die verdienstvolle, wie erfolgreiche Widerstandsbewegung der 60er bis 80er - unterstützt von der DDR, bekämpft von Kissinger, Genscher & Co). 1990 wurde Namibia als ‘jüngstes’ afrikanisches Land, unabhängig. Seit dem erzielt die zur politischen Partei umfunktionierte SWAPO bei Wahlen die absolut Mehrheit. Aber hinter ihnen steht nicht ‘ein Volk’, sondern, viele Menschen einiger Völker, vor allem der größten Gruppe, die Ovambo. Minderheiten wie die San oder Himba haben da nichts zu lachen. An der Spitze steht Landesvater Nujoma, der zuvor 29 Jahre im Exil für die Unabhängigkeit kämpfte. Zu Kampfzeiten sang man noch gemeinsame Lieder, doch seitdem die SWAPO demokratisch von über 2/3-Mehrheiten gewählt wird, steht die Kultur nicht mehr auf der Agenda der Dringlichkeiten. “In Bezug auf die Entwicklungsprioritäten scheinen die Künste immer am unteren Ende der Liste zu stehen, überholt von wirtschaftlicher, technologischer und Strukturenentwicklungen. [...] Was ist seit der Unabhängigkeit geschehen? Es scheint, als wäre der politische und künstlerische Status von Musikern in dem Maße verschwunden, wie ihre politische Funktion abgenommen hat.” (Minette E. Mans) Einige alte Kämpfer haben noch ein Faible für Marschmusik. Schwule und Lesben sind für sie (& den Präsidenten) von westlichen Ideen verführte Totengräber des jungen Landes. No fun.

Die Entwicklung einer namibischen Musik bleibt dem ‘freien Markt’ überlassen. Wichtigster Multiplikator für namibische Musik ist Radio NBC, die auch regionale Programme senden. Im TV sieht man vorwiegend Vertreter der anglophilen Popwelt, die meisten Radios plärren Globalsounds. So ist es erstaunlich, daß in fast allen Interviews mit namibischen Musikern die ich las, von der 'Musik-Industrie' die Rede ist. 'Musik-Industrie' scheint hier jedoch gleichbedeutend für 'von der Musik leben können' gesetzt zu sein. Und das kann in diesem Land kaum jemand.
Jackson Kaujeuna ist die unbestrittene Nr. 1. Seit über 30 Jahren - früher im Exil, heute auch weltweit - musiziert er pausenlos, doch: "Der Markt ist sehr klein. Pro Jahr verdiene ich mit meiner Musik kaum mehr als $1.000. Da kannst du dir ausrechnen, wieviel junge, unbekannte Musiker verdienen." Kaujeuma zweifelt auch die Rechtschaffenheit der 'Industrie' an, geht davon aus, daß bei Auflagenzahlen immer - auf Kosten der Musiker - geschummelt wird.
Rosemary Nalisa beschrieb in The Big Issue Namibia die Situation der Nachwuchs-Reggae-Band ‘Mushitu Mukwame’, aus Windhoek. Einige der Bandmitglieder haben keine eigene Instrumente, geschweige denn eine korrekte Anlage. Sie können nur überleben, weil die Solidarität unter den Musikern groß ist. Für die ehrgeizigen Jungs trägt natürlich das ausbleibende Publikum die Schuld an ihrer Misere. Ähnlich ergeht es der Band 'Omidi D'Afrique', die oft 15 Kilometer zum nächsten Gig laufen müssen, da sie kein Auto besitzen. Sie wünschen sich mehr Präsenz namibischer Musiker im nationalen Radio und eine Stärkung der nationalen Musiker-Gewerkschaft. "Es geht doch nicht an, daß Namibia nun seit 13 Jahren ein unabhängiges Land ist und wir kulturell immernoch am südafrikanischen Tropf hängen," erregt sich Bandmitglied Farry.
Viele Musiker unterstellen, daß sie gut von ihrer Musik leben könnten, falls ihre Gewerkschaft 'Oruuano', sowie die örtliche GEMA, NASCAM, ihre Aufgabe des Eintreibens von Tantiemen etc. geflissentlicher nachkommen würden. Offiziell erhalten die 600 registrierten Musiker des Landes pro Jahr zusammen (!) $11.000 - und diese Summe wird noch mit den Komponisten und Textern geteilt. Kein Wunder, denn in den erfolgreichen kommerziellen Sendern finden sie nicht statt. Wie mir der - aus FFM stammende - Chef von Radio 99 bestätigte: "Wir spielen nur, was sich weltweit eine Millionen Mal verkauft hat". 'Oruuano' bemüht sich seit geraumer Zeit um eine höhere Radioquote für nationale Musik. Vincent Mwemba, der Generalsekretär der Musikergewerkschaft weist darauf hin, daß die meisten Musiker allemal ihre Mitgliedsbeiträge nicht zahlen können, und das, obschon er selber und seine Mitarbeiter ihre Arbeit freiwillig ohne Bezahlung erledigen würden.
Frau Öhl war die Chefin der deutschen Abteilung des NBC. Wir plauschten eine Stunde anregend, sie schien sehr interessiert & hilfsbereit. Der zuständige Musikredakteur sei aber leider gestern verstorben. Nur er habe einen wirklichen Überblick über ihr reichhaltiges wie unüberschaubares Archiv gehabt. Ein Interview zum Thema (‘suche namibische Musik!’) wurde am Tag darauf gesendet. Später, wieder daheim, erhalte ich eine eMail eines Hörers aus Swakopmund. Dieser möchte mir eine CD andrehen: der Deutsche Gesangsverein 1902 Swakopmund singt deutsche Volkslieder unter dem Kaktusbaum. Anläßlich des 100. Geburtstages hätten sie das Werk aufgenommen - für sie ist das namibische Musik ... Deutsche Volksmusik hört man im Radio, deutsche Karnevals-Vereine helau-en im namibischen Sommer in Windhoek und Swakopmund, das Oktober-Fest gehört zu den gesellschaftlichen Ereignissen des weißen Lebens, eine deutsche Polizei-Band spielte vor Ort ein Benefitkonzert für Nashörner. Nur das einzige mir bekannte westdeutsche Lied über Namibia, ‘Patrona Namibiae’ von FSK (bezeichnenderweise auf der LP ‘Son of Kraut’), scheint hier niemand zu kennen. Der Sender des nationalen Rundfunks, 1991 gegründet, wurde im Herbst 2003 völlig umgekrempelt. Statt wie bisher nur maximal 30% des Programmes (TV wie Radio) über Regionales zu berichten, wird diese Quote demnächst 80% betragen. Die Sendungen werden afrikanischer. Frau Öhl ist nicht mehr zu erreichen. Die Macher erhoffen mit neuen Ideen und Klängen endlich die alten archaischen und kolonialistischen Klänge und Bilder aus den Medien verbannen zu können. ”Wir müssen uns von diesen Ketten der mentalen Sklaverei befreien. Jene Ketten, die uns in unserem Lande fremde Lieder singen hießen. Es ist an der Zeit, daß wir in unserem Lande eigene Lieder singen”, so Uazuva Kaumbi, Chef des NBC. ”Unsere Mitarbeiter müssen am Puls der afrikanischen Menschen horchen, sodaß wir synkron mit dem Herzschlag unserer Menschen atmen können.” Ohne Verbreitung durch das Radio haben die Musiker der namibischen Regionen keine Chance, außerhalb ihrer Community Gehör zu finden - und bestimmt nicht bei uns.
Im multikulturellen Stadtleben bleibt keine Besinnung auf Traditionen. “Stadtmenschen ziehen es vor, vorproduzierte Musik zu kaufen und in Clubs und auf Partys zu tanzen. Nach meiner Erfahrung scheint es so zu sein: Je wichtiger eine Person ist, desto weniger wahrscheinlich ist seine oder ihre Beteiligung am Singen oder Tanzen. Deshalb wird die Vorstellung weitergegeben, daß solche Darbietungen auf ‘Künstler’ oder die unteren Klassen begrenzt sind. (Minette E. Mans)
Die Revolution hat gewonnen, doch (zu) viele alte Strukturen blieben erhalten.

Wo eine Wolke, da ist auch Hoffnung
kinder & chöre

In der Deutschen Hochschule Windhoeks erlebe ich ein Konzert von vier namibischen Jugendchöre, incl. dem National Youth Choir. Alle Kids, darunter weniger Weiße als im Landesschnitt, trotz 38° propper in Anzügen mit Schlips - nur der deutsche Lehrer in bunten afrikanischen Klamotten. Nice try, aber daneben. Die heute dargebotenen Stücke sind den Jugendlichen von einem Musiker aus Benin einstudiert worden. Depressing - obwohl ansatzweise schöne Klänge und viel Begeisterung bei den Jugendlichen. Vor allem bei der Nationalhymne. Vom Jugend-Nationalchor gibt es eine CD mit Liedern aus vielen afrikanischen Kulturen, doch kaum aus Namibia. Aufgenommen zum Teil während ihrer Deutschlandtour vor zwei Jahren, u.a. in Amorbach im Odenwald.
Cassetten mit kirchlich inspirierter Musik - in Wort wie im Klang - gibt es mannigfaltig, ebenso mehrere CDs mit Kinder- und Jugendchören, deren Liedgut uns jedoch in weiten Teilen von daheim bekannt ist. Diese Chor-Musik ist ebenfalls stark von den Kolonialherren beeinflusst worden. Der Schwerpunkt liegt oft auf Chorgesang mit für ‘afrikanische’ Verhältnisse dezente Trommelbegleitung. Viele Chöre werden heute von der Kirche gefördert, dementsprechend werden viele Choräle mit Orgelbegleitung gesungen. Halleluhja in Afrika.

Wenn ich singe, muß ich auch tanzen
Partner Hartmut unterbrach die Reise ab und an, packte seine Ukelele und suchte die nächste Schule oder den Kindergarten auf, um dort mit den Kids zu musizieren - wobei es ihm egal war, ob die Kids nun traditionelle Lieder oder den neuesten Hit von Madonna trällerten. Hier sein kurzer Bericht über einen Besuch nahe dem Brandberg, nach einer unglaublich langen Fahrt durch die Wüste, ohne für lange Strecken einen anderen lange Staubfahnen aufwirbelnden Wagen, geschweige denn einen Menschen gesehen hatten:
"... Endlich tauchten in der Ferne Häuser und Hütten auf. Ich war richtig froh, wieder Menschen zu sehen und freute mich auf meinen Besuch in der örtlichen Schule. Dort packte ich meine Instrumente aus und fragte die Kinder nach ihren Liedern. Bereitwillig stellten sie sich im Halbkreis auf, ich stellte meinen Rekorder auf Aufnahme, und sie schmetterten los. Völlig unbeschwert und ohne jede Scheu. Ich verstand kein Wort, lauschte aber begeistert den fremden Klängen der unbekannten afrikanischen Sprache. Mit geschlossenen Augen lehnte ich an der Wand und hörte einfach zu. Es war einfach großartig. Plötzlich mischte sich ein seltsames Klopfgeräusch unter die Melodie. Ich öffnete die Augen und beobachtete, wie die Kinder sich beim Singen bewegten. Sie wippten und wiegten sich in den Hüften, sie ließen die Schultern zucken und wackelten mit dem Po. Das klopfende Geräusch aber kam von ihren nackten Füßen, die auf dem Boden hin – und her tanzten. Keines dieser Kinder besaß Schuhe. Sie gingen bar fuß tagaus, tagein. Das Problem war nur, dass der Rekorder die klopfenden Füße zusammen mit dem Lied aufgenommen hatte. Ich konnte aber kein Geklopfe gebrauchen. Ich bat die Kinder, beim Singen ganz ruhig stehen zu bleiben, und sie nickten brav mit den Köpfen. "No problem, Sir.". Kein Problem. Tolle Jungs und Mädels sind das, dachte ich. Und Eins, zwei – los ging es. Steif wie Zinnsoldaten standen die Jungen und Mädchen vor mir und fühlten sich sichtlich unwohl. Egal – solange ihre Stimmen nur so schön klangen wie zuvor. Beruhigt schloss ich wieder die Augen und gab mich der Musik hin. Ich hatte allerdings das Gefühl, dass diesmal dem Gesang irgendetwas fehlte. Es klang alles gezwungen und ein wenig leblos. So, als würde es gar keinen Spaß machen. Und außerdem, da – da klopfte doch schon wieder was! Alle standen stocksteif, nur ein kleines Mädchen nicht. Es lächelte mich entschuldigend an, während seine nackten Füßchen wie von selbst über den Boden hüpften. Ich musste bei diesem Anblick einfach lachen, und das kleine Mädchen erklärte mir, dass es nicht singen könne, ohne sich zu bewegen. "Wenn ich singe", sagte es, "dann muss ich gleichzeitig tanzen. Ich kann nichts dagegen tun, ich muss einfach. Das ist eben so." "Hmm", sagte ich. "Ist das bei euch allen so?" Halb verlegen, halb erleichtert stimmten die Kinder zu. Ich überlegte kurz und nahm dann den ganzen Chor mit ins Freie. Im Schatten eines großen Baumes haben sie dann gesungen und dazu nach Herzenslust getanzt. Die freundliche afrikanische Erde hat das klopfende Geräusch ihrer Füße verschluckt, und ich habe gelernt, dass in diesem Teil der Erde Musik und Tanz zusammengehören. Tatsächlich sind sie untrennbar miteinander verbunden ...”

Ausblende
Namibia ist jung. Das Land ist erst seit 13 Jahren unabhängig. Über ein Fünftel der Bevölkerung ist HIV-infiziert, die Lebenserwartung fällt. Viel Grundbesitz gehört noch wenigen Weißen und niemand mag eine Prognose über die politische, wirtschaftliche oder kulturelle Zukunft abgeben. Aber sicher ist: wie inzwischen wieder überall - vorwiegend aus Südafrika importiertes - Dagga genossen wird, besinnen sich jüngere Musiker wieder auf ihre, d.h. ihrer Urgroßväter Wurzeln. Auch die eigentümlichste Pflanze der Namib, die Welveritscha, liegt oft Jahrzehnte lang unscheinbar in der Wüste, bis sie bei richtigem Klima plötzlich zu einer berauschenden Schönheit aufschwingt. Und sie kann 1000 Jahre alt werden. Wie es in einem namibischen Sinnspruch heißt: Wo eine Wolke ist, da ist auch Hoffnung.

Ausstellung
Vom 7.3. bis 3.10, 2004 findet im Kölner Rautenstrauch-Joest Museum (und anschließend in berlin) eine große Ausstellung statt: ‘Namibia - Deutschland: eine geteilte Geschichte’. Der zur Ausstellung erscheinende Buchband dokumentiert viele Aspekte dieses tragischen Verhältnisses.


Quellen
Herbert Bräuer: Buschmann Beat; in: terra, Heft 3/2003
Jackson Kaujeua: Tears over the Deserts; New Namibian Books, 1994, ISBN 99916-31-21
Minette E. Mans: Musik und staatliche Kulturpolitik; in: Melber: Namibia, Grenzen nachkolonialer Emmanzipation, Brandes & Apsel, 2003
Rajmund Ohyl: The Poetics of Herero Song; publ. by the University of Namibia, o.J.
Dagmar Wagner-Robertz: Liedtexte der Dama; Rüdiger Köppe Verlag Köln
Mehrere Ausgaben der Zeitschrift The Big Issue Namibia, Windhoek 2002-2003, Rosemary Nalisa für Musicians let down by their own system und vor allem ihre Chefin Sarah Taylor.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine für TESTCARD überarbeitete Fassung des Musik-Kapitels aus dem im April 2004 erscheinenden Buch von
Toubab Pippa, Hg.
Von der Bosheit im Herzen der Menschen
Aus den Grauzonen der schwarz-weißen Geschichte Namibias.
Anhand der vom Herausgeber in ihren zeitlichen, geographischen und politischen Kontext gestellten Briefe und Tagebuchaufzeichnungen des Nama-Häuptlings Hendrik Witbooi.
Plus: Eine Fährten- und Spurensuche der tragischen Auswirkungen des deutschen Kolonialismus in Literatur und vor Ort bis heute
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