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Der Grüne Zweig
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Rosa Luxemburg
"Ziemlich allein tritt seit Jahrzehnten Rolf Schwendter auf (gegen den Rest der Welt). Der Professor, der mit seiner >Theorie der Subkultur< Subkulturgeschichte schrieb, sang, krächzte, räusperte sich seit Jahrzehnten als Urvater der SpokenWordundSoloAcapellaDrumwithoutbassBewegung durch die Auftrittsorte des subkulturellen Daseins. Und singt seitdem >Ich bin noch immer unbefriedigt< ... Kult." JazzThetik 3/98
"Rolf Schwendter ist der wichtigste deutschsprachige Lied-Newcomer der letzten Jahre." Song,`69. Seit dem geht es vorwärts mit dem guten Professor. " Ästhetik der Verstörung … " - meint die ratlose Frankfurter Rundschau "Wenn es nicht Rap ist, dann ist es mindestens Punk ... Jedes Lied eine kleine Demonstration." testcard 6.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort von Carl-Ludwig Reichert
6
Stirner-Ballade
10
Schlußlied des Narren aus Shakespeares "Was Ihr Wollt"
11
Die Ballade von Aschingers Erbsensuppe
12
Kein gelobtes Land
13
Babylon ersticken in Tränenwut
14
Ballade von Bertrand Russell und U Thant
15
In der Zeit des Endes der Diktaturen
16
Dereinst, aus eig'ner Kraft
17
San Francisco
18
Das Haus, in dem ich glücklich war
19
Trauriger Sonntag
20
Ballade vom Mann aus Beton
21
Das kann ich nicht
22
Kloster zur Einsamkeit
23
Champagner-Arie des Prinzen Orlofsky und Finale aus dem "Fledermaus"-Programm
24
Vogelhaus-Lied
25
Aus den "Katertotenliedern"
26
Nordhessen-Ostwestfalen-Südostniedersachsen-Rap
30
Video-Lied
32
50 Arten, die Welt zu zerstören
33
Ballade vom freundlichen Computer
34
Sagt, ihr Magnolien
35
Tschernobyl ist überall
36
Ein Hund kam in die Küche, politisierte Version
37
75 Jahre, Bob Jungk
38
Horch auf den Ton der einen Hand
40
Das schreibt sich ein in Deinen Leib
42
Wer da nicht paranoid wird, der ist nimmermehr normal
43
Genmanipulation
44
Von den Lemuren zu den Lemmingen gehend
45
Ballade vom Doppelcharakter der Selbsthilfe
46
Ballade von den Aufklärern
47
Lied vom Herrn Brissot (und anderen)
48
Ballade von der allgemeinen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (26. 8. 1789)
51
Die Ballade vom Freiheitsbaum
53
Georg-Forster-Lied
55
Das Lied von der Guillotine
57
Vendée-Lied
60
Lied von der Olympe de Gonges
61
Das Liebeslied der neuen Zeit
62
Laß' es gehn
63
Shake, rattle and roll
64
Zusatzstrophen zu Ferdinand Raimund "Aschenlied"
65
Eine Welt - brennt!
67
Lateinamerika-Tango
69
Neuer Donauwalzer
70
Ballade vom warmen Sofa der Wohlstandsgesellschaft
71
Ballade von der 3. Welt in unserem eignen Land
73
Waffenhändler-Blues
75
Feuerleiter-Ballade
76
Ein neues Lied
77
Los Angeles-Blues
78
Begrabt mein Herz nicht weit von Wounded Knee
80
Zusatzstrophen zum Lied von der Weltgeschichte
83
Hab lang brauch zan Kumman
86
Lied von der großen Kälte
89
Ermutigungslied zur eigenständigen Regionalentwicklung
91
Ballade von der allerletzten notwendigen Ausgrabung
92
Imitation eines im Text fehlenden Nestroy-Lieds
94
Begegnungen mit Rolf jedweder Art
 

Vorwort von Carl-Ludwig Reichert

Ich wollte eine Abendzeitung klauen. 1966 oder 67. Das war damals der Brauch. Ich näherte mich dem AZ-Kasten, Ecke Leopold-Georgenstraße. Da stand ein dicker Mann. Ein sehr dicker Mann. Ein Pykniker mit Vollbart. Unmöglich angezogen. Unter der Trevira (?)-Hose undefinierbarer Farbe schaute ein Pyjama-Unterteil (gestreift?) hervor. Neben dem Mann, der in aller Ruhe die Abendzeitung las, standen zwei mit losen Papieren prall gefüllte Plastik-Einkaufstaschen. Ein Gammler? Ein Penner? Ein Provo? Ich trat an ihn heran, interessiert. Er hob die Augen einen Moment über den Zeitungsrand. Was er sah, schien ihm nicht zu gefallen. Er las weiter. Ich sagte: Entschuldigen Sie bitte, und holte mir mein Freiexemplar. Ich ging ein Stück weiter. Da war eine Bank. Ich schlug die Zeitung auf. Ich las. Der dicke Mann ebenfalls. Da er früher angefangen hatte, war er schneller fertig. Doch anstatt die gelesene AZ verächtlich in den nächsten Papierkorb zu stopfen, schlug er ordentlich Seite für Seite um, faltete und glättete das Blatt, bis es wie neu aussah, hob den Deckel des Verkaufskastens und legte das Exemplar zum Weiterverkauf zurück. Ich glaube, in diesem Augenblick habe ich das Prinzip des ökologischen Anarchismus begriffen. Ich las meine Zeitung fertig und tat es dem dicken Manne nach, der längst, eine Plastiktasche in der Rechten, die andere in der Linken, seiner Schwabinger Wege gegangen war.

Es muß irgendwann im Jahr 67 gewesen sein, als ich dann zusammen mit meinen Freunden Hanns Zischler und Lukas Liebl auf der schmalen Treppe stand, die abwärts in den Kellerraum führte, den die Künstlergruppe Spur gemietet hatte und der uns, der nach eben jenem Keller beannnten Schleißheimer Gruppe, als Ort der Forschung, Lehre, Kommunikation und Konspiration diente. Vor uns die Treppe hinab standen, wie es auch der lebensgeschichtlichen Hierarchie entsprach, die Damen und Herren der subversiven Aktion, diejenigen also, die, dem legendären Max Bense Seminar über Marx und Lenin entwachsen, versuchten, im Wettstreit mit der situationistischen Internationale neue Formen der politischen Praxis zu entwickeln. Es waren dies insbesondere die Herren Kunzel- und Böckelmann, der Soziologe Goeschel, der Bakunin-Fan Wetter, und während sie sich mit einem dicken Mann, der immer noch zwei Plastiktüten mit sich schleppte, über das mir gänzlich unbekannte Gesetz der tendenziell fallenden Profitrate verständigten, glotzten wir Youngsters die unirdisch schöne Malerin Anita Albus an, bereit, auf ihren kleinsten Wink jedweden Tyrannen auf diesem Erdball schwerstens zuzusetzen.
Doch die Göttin ignorierte uns einfach. Sie unterhielt sich mit Dagmar aus der Kommune 1 über Frauenangelegenheiten. Dagmar war die Referentin des Abends und berichtete über die Situation der beiden Berliner Kommunen. Irgendwann machte ein Joint die Runde, der den kurzen geselligen Teil des Abends eröffnete. Rolf, der als "der Genosse aus Wien, der grade den dritten Doktor macht", vorgestellt wurde, lud zu einem Armeleute-Essen in Anitas Wohnung in der Türkenstraße ein. Fünfzehn Gänge für 5 Mark pro Person. Das konnten sogar wir uns leisten. Ich zahlte gleich für meine hedonistische Freundin mit.

Rolf und ich hatten zufällig denselben Heimweg. Ich wohnte damals in einem Doppelzimmer der Arbeiterwohlfahrt in der Gravelottestraße in Haidhausen. Mein Mitbewohner war Vertreter für schnapsgefüllte Pralinen. Davon lebte ich im wesentlichen, denn die Wuchermiete für die höchstens 10 Quadratmeter betrug 180 Mark. Aber es lag so, daß ich in langen Fußmärschen meine geliebte Monika in Giesing besuchen konnte, die dort mit ihrer Großmutter lebte, weswegen ich nicht die ganze Nacht bleiben durfte.
Rolfs Gegenwart ließ zudem den frivolen Gedanken an eine Taxifahrt Richtung Haidhausen gar nicht est aufkommen. Ich kann mich an die Einzelheiten unseres nächtlichen Gesprächs nicht mehr erinnern, aber ein Gefühl blieb, nämlich das, trotz meines geringen Wissensstandes in Sachen Profitrate etc. von diesem monströsen, aber höchst liebenswürdigen Außenseiter akzeptiert zu werden in meiner ganzen damaligen Wirrköpfigkeit. Während es andere aus der Gruppe selten unterlassen konnten, sich an uns Youngsters zu profilieren, was leicht genug war, griffen Rolf und meistens zu unserer Freude auch Anita mit Witz und Grütze häufig zu unseren Gunsten ein, was unsere heimliche Verehrung nur vergrößerte.

Das Essen war gigantisch. Fünf Stunden hatte Rolf Anitas Küche schon benutzt, bevor der erste Gang auf den Teppich kam, um den wir den alten Römern gleich akkubierten. Dazwischen Wasser, Wein und manchen Joint. Im Hintergrund Jefferson Airplane oder Velvet Underground oder Led Zeppelin oder Hendrix. Besser konnte Bohème nie gewesen sein. Als dann die Revolution mißlungen war und nur noch die enttäuschten Fanatiker den bewaffneten Kampf propagierten, hatte sich die Schleißheimer Gruppe längst aufgelöst. Die Frage lautete: What can a poor boy do? Und genau das tat ich dann. Einer der ersten, die mitspielen wollte, war Till. Julius Schittenhelm hatte ihn geschickt. Till brachte eine Platte mit, auf der er mitgewirkt hatte - als Publikum im Studio. Die Platte hieß Lieder zur Kindertrommel und zeigte einen mir gut bekannten Sänger. Daß er sang, hatte ich die ganze Zeit davor nur am Rande mitgekriegt. Klar, daß ich die Band mit Till machte. Sparifankal. Klar, daß wir auf unserer ersten Platte dem großartigen Rolf unsere Reverenz erwiesen.

I lis in meina Zeidung bis in de sinkad nachd
wos de sei Regierung fiaran Scheisdreg machd
I lis den Schmarrn und i wea ned fro wei mia mia schdingda sowiso

I bin mid so an Zeig ned zfrin i bin mid so an Zeig
ned zfrin weil i ned lewadamisch bin

De Groskopfadn zoang da wia ma d weid regiad
und wan da des ned basd na woasd scho wos da bliad
Du griagsd a wengal Freiheid in dei Gfris neigschlong
und wan da des ned glangd kosd gean no mera hom

De Groskopfadn hoitn unsaoan fia bled
und moana das dea Sauschdoi ewig weidaged
Das mir den Scheisdreg schlucka grod wiasn uns seawian
do hom sa de fei brend des weans scho no kapian

Wir lebten in einer Kommune und machten Musik, und bald besuchte uns ein Gnom aus Highdelberg und der kannte den Rolf auch, und dann hörten wir irgendwann, er sei jetzt Professor geworden, irgendwo im Hessischen - für Devianzforschung. Wir lachten uns eins und fanden das köstlich.
Dann lasen wir wieder in seiner Theorie der Subkultur oder in den Modellen zur Radikaldemokratie, zwei Büchern, die neben Ronald D. Laings Knoten, Brückner/Agnolis Transformation, Abbie Hoffmanns Steal this Book und Jerry Rubins Do it den Grundstock unserer hippen Bibliothek bildeten. Manchmal bekam ich Post von Rolf. Einladungen zum Jour fixe in München. Aber wir lebten inzwischen weit weg auf dem Land, und ich kann mich nur an einen Vortrag erinnern, nach dem wir uns kurz sehen. Aber trotzdem flog ich nie aus Rolfs Verteiler, obwohl ich kaum jemals die Fragebögen ausfüllte, die er beilegte (ich habe ein Problem mit Fragebögen). Und dann kamen die Achtziger. Die Band hörte auf. Alles änderte sich. Eines Tages stand ich in Kassel im Schnee, und der Schnee brannte lichterloh wegen Gisela. Und Rolf war auch da. Und Eugen Pletsch. Das war der Ursprung einer Viererbande, die dann ein Seminar im schönen Josefstal schwer verunsicherte. Der Vorgang ist dokumentiert, denn wie aus dem Nichts tauchte jener freundliche Gnom aus Highdelberg dort auf und schnitt das alles mit für seine Transmitter-Reihe. Nur wenige Auserwählte haben diese Tapes gehört.* Nicht alles ist für alle. Und manches bleibt für immer unbegreiflich. Zum Beispiel, daß auch Leute wie wir fünfzig werden. Rolfs Konsequenz aus diesem Faktum war eine Festwoche in Wien, sich selbst zu Ehren und in Gesellschaft vieler Freunde.
Eugen und ich machten zusammen Musik. Für Rolf. Es gibt ein Video davon, aber nur wenige Auserwählte.... (s. o.) Irgendwann in diesen dreißig Jahren sind Rolf und ich emotional Freunde geworden. Daß es verbal nicht so recht klappt, liegt nur an mir. Ich spreche nicht gut Fach und auch nicht Theorie. Aber ich glaube, wir beide wissen voneinander, daß wir wissen, worum es geht.

Immer noch und immer wieder und heiter weiter. Ich mag Rolf Schwendter einfach gern. Sogar, wenn er bei Phettberg auftritt. Aber in echt noch viel mehr.

Carl-Ludwig Reichert


Transmitter CD, absolutely live!, ca. 60 Min., 12,50 EURO

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