Und damit marschieren wir zurück zum Ursprung der Wissenschaft, beginnen von vorne - in unserem Gehirn, bei unseren Theorien und Ideen, bei den Projektionsmechanismen, beim Eurozentrismus. Denn mit der Hinwendung zum Schamanen werden wir gezwungen, die Grundlagen des Erkennens neu zu überdenken. Als primitiven Illusionskünstler verdammte man ihn. Und hatten ihm nicht die völkerkundlichen Theorien den Garaus gemacht? Und was wußten wir schon vom Schamanen ... daß er funktionalistisch, kulturrelativistisch, sozialanthropologisch, ethnomethodologisch oder symbolisch gedeutet werden kann.
Die Schamanen, so wie sie sind - haben nicht wir sie mit unseren einbalsamierenden Worten und neuerdings schwärmerischen Traumgesichten selbst geschaffen? Und der lebende, der urwüchsig-echte Schamane, der jenseits der Verschwörung von Ratio und Ethnozentrismus über Berge und durch Wüsten wandert, der Einzelgänger, wo ist er? Irgendwo muß er doch hausen in der wirklichen, unverfälschten Erinnerung jener, die einmal bei ihm zu Gast waren, irgend etwas muß doch hängengeblieben sein vom echten Leben, der Größe des Alltags, von der Zeit, als dem Forscher im Feld die Theorie gemeinsam mit der Methodik der Angst vom rauschenden Strom des Seins fortgerissen wurde?
Unverhohlen steigt der Schamane heute zum Lehrer von modernen Psychologen und Ärzten auf, die Fähigkeit, seine Bewußtseinsstruktur zu verändern, um in andersartige Daseinsräume einzudringen, widerspricht den neuen Forschungsergebnissen nicht mehr in dem Maße wie der traditionellen objektivistischen Wissenschaft. Der schamanische Bewußtseinswandel wird gesellschaftsfähig, und wie es scheint, kehren sich nun die Rollen um: Schamanen als Lehrer, Forscher als Schüler! - Der Zauberer ist also heute kein wunderliches Studienobjekt mehr, er ist zum humanistischen Meister einer rationalistischen Zivilisation aufgestiegen; er wird als Jungbrunnen für eine altverkrustet-materialistische und orientierungslose Gesellschaft gefeiert. Und hat er nicht das Recht dazu, ist er nicht Urvater der Psychologie, allererster in dieser Profession? - Wir fragen uns heute: Können wir den Schamanen tatsächlich fassen? Müssen wir nicht vielmehr zulassen, daß er unsere Arroganz und Ignoranz mit seinem Röntgenblick durchleuchte?
In einem Wort: Der neue Wahlspruch bei der Beschäftigung mit dem Schamanen heißt »Forschen durch Lernen, durch Selbstergriffenheit«. Diese Möglichkeit nun selbst wiederum zu erforschen, sollte heute erstes Anliegen sein. Allerdings darf die Selbstkritik darf dabei nicht fehlen: Welche Bedeutung haben die schamanischen Erkenntnisse für den westlichen Menschen, der - in einer immer enger werdenden Welt lebend - reist und fremden Kulturen und Völkern begegnen möchte? Was können wir durch die Exotik lernen? Wie mag uns das verändern, weiterbringen? Wie können wir uns öffnen und andere Erlebnisweisen und Weltaneignungsformen verstehen lernen?
Schamanentum spricht heute jeden Menschen an, der sich aus dem zwickenden und einschnürenden Korsett westlicher Denkmechanismen und Verhaltensstile befreien möchte - entweder um sich kulturell zu öffnen oder um die geistigen Traditionen mehr in sich eindringen zu lassen.