Gruene Kraft
* Heute
* News
* Catalog
* Der Grüne Zweig
* Edition Rauschkunde
* Transmitter
* By Author
* Ramsch & Raritäten
* Subscription
* ROOTS

* Shopping Cart
* Terms
* Contact
* Impressum


* !!Editorial!!

Logo
Der Grüne Zweig
Welcome > Catalog > Der Grüne Zweig
| English Deutsch | Print
Shopping Cart
(No items)
 
13 Leben des Heinrich Lübke
"Ähneln wir nicht zuweilen dem Mann, der sich kurz im Spiegel betrachtet, dann aber fortging und vergaß, wie er aussah? " -- Heinrich Lübke

Verkannt - Verspottet - Vergessen & Verdrängt

'Heinrich Lübke? Muß man den kennen?', fragen einen die Jüngeren. Kaum jemand erinnert sich an den Mann aus dem Sauerland, der 10 lange Jahre (1959 - 1969) Bundesprä-sident der BRD war. Über 50-jährige kennen bestenfalls noch die legendäre Pardon-LP mit seinen hahnebüchenen Sprüchen.

Jeder, der sich an ihn erinnert, trägt seinen eigenen Lübke in sich: die verbale Knalltüte, den ominösen KZ-Baumeister, den Bundespräsident. Global gesehen handelt es sich bei ihm um den verdrängtesten und vergessensten BRD-Politiker seit dem 2. Weltkrieg.

In den 60ern verkörperte er für die Jugend jene Elterngeneration, die ihr (Er-)Leben während der Nazi-Zeit verdrängte, ihren Kindern gegenüber verschwieg, ihre Spießigkeit stolz hochhielt und somit die wache Jugend erstmals geradezu zwang, 'Nein!' zu sagen und ihr eigenes Ding zu machen: heraus kam das, was man heute allgemein 'Die 60er Jahre' nennt.

Wobei die meisten Menschen Lübkes durchaus vorhandene Qualitäten übersahen: seine Visionen des Umweltschutzes, der Entwicklungshilfe und der deutschen Wiederverei-nigung.

Die vielen Facetten dieser Säulen der BRD, Heinrich Lübke und seiner Frau Wilhelmine, wurden lange sträflich vernachlässigt. Das Leben der Lübkkes war jedoch zu schillernd, als daß wir Wilhelmine und Heinrich im 21. Jahrhundert vergessen dürften.

Aus dem Inhalt:
• Sauerland ist Powerland (seine Jugend) • Kämpfer an der Grünen Front (20er) • Widerständler? Betrüger? Jedenfalls 20 Monate in U-Haft (30er) • KZ-Baumeister (40er) • Der gefallene Unschulds-Engel • Der Grüne Heinrich (Patenonkel der Grünen) (50er) • Der Lübkenbüßer • Der Bundespräsident • Wer ist Heinrich Lübke? • Pionier der Entwicklungshilfe • Gesamtdeutscher Visionär • Der verbale Lübke • Der Stiefvater der Sixties • Wilhelmine Lübke • Lübke-Chronik •

“Ein Buch, das auch für diejenigen, die sich nicht mehr an Lübke erinnern, eine herzerfrischende Lektüre ist.” Odenwälder Zeitung
“Lesenswert.” Westfalenpost, Sundern im Sauerland
“Lübke? Irre, unglaublich – auch für ein Auslaufmodell wie mich, der Lübke, Lumumba, U Thant, Mosche Dajan u.ä. grad noch mitgekriegt hat. Nur Hitler weigert sich, in Vergessenheit absinken, es sei denn, er wird demnächst deutlich überboten. Welch verrückte Fülle Du zusammengetragen hast!” Ulrich Holbein
Franz Münfering hat sich sehr über das Buch gefreut und läßt sie herzlich grüßen. Er wünscht Ihnen viel Schaffenskraft für weitere Werke! [...] Sie werden es verstehen, dass Herr Müntefering sich nicht als Werbeträger für Produkte jedweder Art zur Verfügung stellen kann - selbst wenn es darum geht, Heinrich Lübke zu neuen Ehren zu verhelfen. ... wenn überhaupt nur für karitative und gemeinnützige Einrichtungen und Projekte ... Ohne Ihnen nahe treten zu wollen - Ihr Verlag gehört denke ich nicht dazu. SPD - Vorsitzender - Büro - Referentin

Heinrich Lübke, unser ganz und gar einmaliger Bundespräsident! - wissen Sie noch? Wie konnte er bloß´aus unser3er Erinnerung abtauchen? Fast hätten wir uns um eine der witzigsten (und tragischsten?) Persönlichkeiten unserer Bundesrepublik gebracht! Und nun diese Neuentdeckung durch Werner Pieper. Ein wunderbares kleines Buch, daß jeder Deutsche neben die Bibel stellen sollt. Aber vorher lesen! Schon wegen der wegweisenden Zitate dieses unerschrocken sprachschöpferischen Meisters. Auch noch aus einem anderen Grund: Satire allein konnte diesen Heinrich Lübke eigentlich nicht fassen. Werner Pieper hat ganz andere - und diehe da!, erstaunlich erfreuliche - Seiten dieses Verehrers der zwergschule entdeckt. Vielleicht lohnt es sich mal, in den Spiegel zu schauen. Auf jeden Fal sieht man etwas Fröhliches! Hans A. Nikel, PARDON-Herausgeber in Zeiten der Lübke-Regentschaft.



Lieber Lübkes Heinrich!

Warum ich mich berufen
fühle, dieses Buch zu schreiben, woll.

Wir haben so viele Gemeinsamkeiten, daß ich mir einfach erlaube, Dich zu duzen.
Im September 2002 sah ich im WDR-TV einen preisgekrönten Film über den 7. Oktober 2001 – Momentaufnahmen aus aller Welt. Der Filmer erzählt aus seinem Leben. Bei ihm sei in einer katholischen Schulklasse nur ein Protestant gewesen. Helmut. Einige Mitschülern hätten sogar Mitleid mit ihm gehabt, denn während sie alle Chancen aufs Paradies hatten, sei ihm das Fegefeuer gewiß gewesen.
Da stiegen in mir Bilder aus meiner Sauerländer Jugend hoch, die ich nur wenige Kilometer von Deiner Heimat Enkhausen entfernt, erlebte. In meiner Geburtsstadt Meschede/Ruhr hatten sich nach dem Zweiten Weltkrieg die katholischen Pfarrer geweigert, ,so ein Kind‘ (d.h. mit einer evangelischen Mutter) zu taufen. Also wurde ich ungefragt ein Mitglied der prostestantischen Diaspora. Ich war 6, als wir nach Dörnholthausen (du erinnerst Dich, von Enkhausen aus am anderen Ende vom Sorpesee) umsiedelten und ich ab 1955 in Stockum die Vorzüge einer Sauerländer Zwergschulausbildung genoß: 40 Kinder aus 8 Jahrgängen in einem Raum, mit einem Lehrer. Ich jedoch als einziger Protestant. Dienstags und freitags in der ersten Stunde, während der Pfarrer alle andern Schüler in Religion unterrichtete, saß ich allein im Lehrerzimmer. Du bist ja in genauso eine Schule gegangen, aber wahrscheinlich zu einer Zeit, als es dort weit und breit noch keine Protestanten gab, woll. Keine Ahnung, ob mich meine Mitschüler auch auf dem Weg zum Fegefeuer sahen. Fest stand: ich war der Fremde. Einen Vorteil hatte die Situation für mich: meine Mitspieler in der Jugend-Fußballmannschaft des 1. TUS Stockum durften sonntagmorgens nur auflaufen, wenn sie die 7-Uhr-Messe besucht hatten – ich konnte derweil ausschlafen. Das steigerte nicht meinen Beliebtheitsgrad. Als Du 1959 zum Bundespräsidenten aufstiegst, klaute ich meine erste Fats-Domino-Single im Elektroladen in Sundern. Am 14. Juni 1964 wurdest Du Ehrenbürger selbigen Ortes, der sich damals weder Dorf, noch Stadt, sondern ,Freiheit‘ nannte. Als Klassensprecher der Abschlußklasse der örtlichen Realschule wurde mir an jenem Tag die Ehre zuteil, Dir anläßlich Deines Besuches unserer Schule die Hand zu schütteln. Zwei Jahre darauf gehörten Du und ich zu einer kleinen radikalen Minderheit in Deutschland: wir akzeptierten das Wembley-Tor: Der Ball war im Netz. Ich habe es im Fernsehen deutlich gesehen. Anglophil, wie ich durch das Besetzer-Radio BFN [British Forces Network, heute BFBS], dessen Musikberieselung mir seinerzeit mehr fürs Leben gab als die Schule und soziale Umwelt, programmiert war, erkannte auch ich Tor das Tor als Tor. Für dieses Bekenntnis mußten wir beide zahlen: Du wurdest von der BILD niedergemacht, ich mußte als Kochlehrling wochenlang jeden Tag einen Sack Zwiebeln schälen. Als Du den Job nach 10 Jahren aufgabst, schluckte ich gerade meinen ersten LSD-Trip. Eine befreiende Zeit. Du hättest mich nicht gemocht, ich war Kriegsdienstverweigerer und wurde ein sogenannter ,Hippie‘.
Bei der Recherche zu diesem Buch mußte ich immer wieder schmunzeln, wenn ich eine Einschätzung deiner Person las und mich an ähnliche Formulierungen über meinen sturen Dickkopf und meine Weltfremdheit erinnerte. Doch da hören die Gemeinsamkeiten nicht auf. Klar, daß auch Du im Sauerländer Gebirgsverein Mitglied warst. Meine Eltern zahlten noch Jahrzehnte nach meinem Wegzug ohne mein Wissen den Mitgliedsbeitrag für mich weiter.
Als mir plötzlich ,Deine‘ Grüne Front von 1929 begegnete, rieb ich mir verwirrt die Augen. Kramte in einer Schublade rum und fand auf Anhieb dieses Zitat aus dem ,Rolling Stone‘ (Juli ’99): „Verleger Werner Pieper, jenem Sauerland-Emigranten, examinierten Koch und Ex-Haschischdealer, der laut ,Bayrischer Rundfunk‘ den Terminus ,Grün‘ in die Umweltschutzdebatte warf und laut Timothy Leary die grüne Bewegung in Europa gründete…“. Mit dieser Art von Komplimenten konnte ich jahrelang gut leben, vor allem mit Learys typischem Hollywood-Spruch. Immerhin heißt mein Unternehmen seit 1971 Grüne Kraft und im selben Jahr gründete ich die Grüne Hilfe, verlegte den Grünen Zweig inkl. einem ,Antiumweltverschmutzungsartikel‘ (es gab das Wort Umweltschutz wohl noch nicht), und rauchte Grünen Marokkaner. Die ,grünen‘ Gedanken der Hippies wurden damals von den 68er-Studenten ebenso als ,realitätsferne Naturschwärmerei‘ belächelt, wie seinerzeit Deine weitsichtigen Umweltgedanken von Deinen christ-demokratischen Parteikollegen.
Heute vermag ich beim besten Willen nicht mehr zu ergründen, ob deine ,Grün‘-Bezüge vielleicht irgendwo in meinem Unterbewußtsein abgespeichert waren und wucherten – erinnern kann ich mich beim besten Willen nicht daran. Dabei hast Du ja nicht nur in den swingenden Zwanzigern die Grüne Front mit aufgebaut, sondern auch in den 50er und 60ern den Grünen Plan entwickelt, eine Grüne Charta mit formuliert, Grüne Berichte veröffentlicht… Nie wieder kann ich – oder jemand Drittes – behaupten, ich sei als erster dermaßen ergrünt. Dieser Zweig der Ehre gehört zweifelsohne Dir. Und ein besonderes Verhältnis zu Afrika und seinen Menschen gehört auch zu unseren Gemeinsamkeiten. Aber wer konnte das damals schon ahnen.

„Wir waren eine Generation, die von den Eltern Auskunft verlangte“, sagte Peter-Jürgen Boock letzthin in der taz. Diese Auskünfte hast Du uns genauso vorenthalten wie die meisten Eltern jener Zeit ihren Kindern. Ich wollte mehr wissen, fing an zu lesen, zu fragen, zu forschen und bin bis heute immer wieder verblüfft, was man alles in der Familie und Schule nicht lernte. Mein Abschied vom Sauerland erfolgte kurz nach deiner Wiederwahl. Vom Schulbetrieb nicht gefordert fing ich irgendwann die Herausgabe einer Schülerzeitung an. Im März ’65 erlangte ich die Mittlere Reife, verließ die Gegend & never looked back. Die Schülerzeitung wurde von Jüngeren übernommen, die in der nächsten Ausgabe einen von mir auf Halde geschriebenen Artikel abdruckten, in dem ich grundsätzlich die Anerkennung der DDR forderte. Heinrich, Du wirst Dich erinnern: zu jener Zeit war es verboten, „DDR“ ohne Gänsefüßchen zu schreiben. Mir wurde berichtet, der Direktor habe die Zeitung eigenhändig wieder eingesammelt und auf dem Schulhof verbrannt. Die Kids bekamen ein Sprechverbot mit mir auferlegt, da ich ,von drüben bezahlt‘ würde. Glatt gelogen, aber effektiv: ich hatte nie wieder auch nur einen Kontakt zu jenen Menschen, die mich immerhin wiederholt zu ihrem Klassensprecher gewählt hatten (bis ich vor zwei Jahren telemündlich zum 75. Schuljubiläum eingeladen wurde, aber ich hatte wichtigere Termine). Du wärest so einem Wunsch sicherlich stolz nachgekommen. Aber Du warst ja auch ein echter Sauerländer, ich nur ein sauerländischer Teilzeitler.
Dann lese ich in der Wintersonnenwendenausgabe (2003) der NRW-taz zwei Nachrichten und visualisiere unsere Geister durchs Sauerland huschen.
• „Landwirte und Umweltverbände gemeinsam gegen Zerstörung von Naturflächen: ,Wir sind bündnisfähig‘.“ Dann folgen viele deiner alten Thesen. Wird da eine neue Grüne Front etabliert?
• „Stoned im Sauerland. Die Selbstbefreiung der Landjugend schreitet unaufhaltsam voran. Auch im Sauerland… raucht jeder fünfte Schüler Joints, in jeder Klasse gibt es Erfahrungen mit Ecstasy. In Trance auf den Trecker? Knülle in der Gülle?“ Und im ,Mushroom‘, dem Zentralorgan der Trance-Kids trauert man 2004 der ,guten alten Zeit‘ nach, als es das Sauerland noch für seine Trance-Parties berüchtigt war. Eine Vergangenheit, die erst nach uns kam.
Nachdem ich das Manuskript dieses Buches beim Lektor abgeliefert hatte entschloß ich mich im Januar 2004, ,zur Belohnung‘ ins Sauerland zu fahren. Naja, eigentlich auf der Suche nach einem (bestimmten) Foto für dieses Nachwort.
Erstmals nach 39 Jahren in Sundern. Ich hatte es als nettes Nest in Erinnerung. Aber aus der Hauptstraße wurde eine Fußgängerzone, im engen Talkessel mußte deshalb innerhalb es Ortes eine Umgehungsstraße angelegt werden. Im örtlichen Buchladen klärt man mich auf, als ich meine Verwunderung ob der Verschandelung kundtue: „Die Kirche steht noch, alles andere hat sich verändert.“ So isses. Alles übel zersiedelt & verbaut. Häßlich. Zur selben Zeit hält sich hier ein taz-Reporter auf, denn wenige Tage später lese ich: „40 Jahre später sieht die Welt auch in Sundern freundlicher und ein bißchen roter aus… Die Fußgängerzone, die hat die Stadt dem Franz [Müntefering] zu verdanken.“ Na, Danke!
Es regnet 15 Stunden am Stück, ich verkrieche mich im Hotel Sunderland. Zum Frühstück finde ich in der Welt eine Seite über das neue Springer-Haus in Berlin. Ein Foto zeigt Dich mit Axel Springer. Treffer. They remember you! Welch eine für unsere Zeiten ungewöhnliche Loyalität. Rührend.
Laufe in meine ehemalige Schule und hoffe auf ein Foto unseres historischen Handschlags. Vergebens, solch ein Foto findet sich nicht, wenn auch ein anderes im Jubiläumsbuch der Schule, von meiner ’65er Entlassungsklasse, ganz vorn, umgeben von lauter Mädels, yours truely, mit Fliege. Weiter gehts.
Als ich in Enkhausen ankomme, dämmert es schon. Und regnet. Ich schlendere einmal durch den Ort, alles scheint ruhig. Der Gasthof hat Ruhetag, einen Lebensmittelladen gibt es nicht mehr. Allein die Schaufenster einer ,L-Boutique‘ leuchten. L für Lübke? Nein, für ,Lady‘; Boutique für Damenmoden in Übergrößen. Im Lübkeschen Familienhaus wohnt heute ein Großneffe von Dir.
So besuche ich Dich erstmal auf dem Friedhof. Ich laufe durch einige Grabreihen, bevor ich die Lübkesche Grabstelle finde. Zu meiner Verblüffung hast Du kein pompöses ,Bundespräsidenten‘-Denkmal, sondern liegst neben Deiner Wilhelmine und drei weiteren Angehörigen, mit einem großen Gedenkstein für alle und einer Gedenksteinplatte für Dich. Davor ein Kranz mit zwei Schleifen, eine von der CDU, die andere von Angela Merkel. Niedergelegt wurden sie am letzten Volkstrauertag von Friedrich Merz aus Brilon. Der würde Dir gefallen, der spricht von deutscher Leitkultur und dem von Dir schon deinerzeit angemahntem Mangel an nationalem Bewußtsein seit 1968 u.s.w. Wenige Tage später nach meinem Sauerland-Trip wird dessen Opa, Josef Paul Sauvigny, in den Medien zum Politikum, als Enkel Merz ihn, der 1933 antrat, um ,das rote Rathaus zu stürmen‘, zu seinem Vorbild für die Kommunalwahl 2004 erklärt. Der alte Sauvigny wurde, wie Du Dich erinnern magst, ebendort vor 1933 als Dein Zentrums-Parteigenosse Bürgermeister, schwenkte dann aber heftig auf NS-Kurs und zug den Job bis 1937 zur Zufriedenheit der Braunen durch. Die Vergangenheit ist noch nicht vorbei.
In selbigem Brilon gingst Du einige Jahre zur Schule. Und just hier entstand später das erste große Aussiedlungsprojekt innerhalb deines Grünen Plans. Gegen einigen örtlichen Widerstand hast Du Dich damals durchgesetzt und Jahre später hieß es in der Presse: „Heute zählen sich stolz viele Bauern und Bürger von Brilon zu den Freunden des Mannes, der westfälische Dickköpfigkeit einst mit westfälischer Dickköpfigkeit und Klugheit überwand […] Seine komprimierte, übersichtliche Darstellung der historischen Entwicklung und aktuellen Problematik, seine intime Kenntnis von Einzelheiten und die humorvollen Pointen überraschten die Zuhörer“. Mit deinem flämischen Kollegen hast Du Dich gar mit Sauerländer Platt verständigt: da hiaät hei flamsk kiert un iek Suerlänner Platt.
Die Sauerländer Dickköpfigkeit erklärte ein örtlicher Zeitgenosse mit folgenden Attributen: Zähigkeit, natürliche Skepsis, gesundes Selbstvertrauen, Zurückhaltung und eine gehörige Portion Mutterwitz. Bei Dir zählten Deine Landsleute noch die Geradlinigkeit Deiner Auffassungen und Deine zu jeder Zeit klare geistige Haltung hinzu, die ihren Ursprung in der religiösen Welt Deiner Sauerländer Heimat habe.
Am Schwarzen Brett der Gemeinde hängt der ,Enkhausener Veranstaltungskalender 2004‘. Neben dem Hinweis für die Karnevalsveranstaltung der St. Laurentius Schützenbruderschaft: ,Achtung! Nur wer pünktlich ist, sieht das gesamte Programm!‘, finden sich drei weitere Nennungen des Lübke-Hauses: die Jahreshauptversammlung des örtlichen Tambour-Corps, die Aufstellung des Mai-Baumes durch die Mitglieder des Corps und am 4. April die – jährliche – ,Gedenkfeier zum Todestag des Altbundespräsidenten Dr. h.c. Heinrich Lübke‘.
Du hast Gerhard Hafner, meinen Gastgeber, noch gekannt, ihm bei Heimatbesuchen, wie auch andere Kindern des Dorfes, nach seinem Familiennamen befragt. Sagte der Dir nichts, mußten Dir die Kids den Mädchennamen der Mutter nennen. So konntest Du jedes Kind einordnen und Dein nie versiegender Vorrat an 5-DM-Stücken, die Du in solchen Fällen als ,Belohnung‘ austeiltest, ist heute noch Legende. Heute fungiert Gerhard Hafner als Ortsvorsteher, Autobahnpolizist & Verwalter des Lübke-Hauses hat in seinem Leben Toleranz gelernt. Er empfängt mich äußerst herzlich, gibt mir eine ausführliche Führung durch deine Gedenkstätte, erklärt Fotos, erzählt Anekdoten, hat Antworten auf meine Fragen, zeigt mir die Ordens-Ecke (Wer bekam eigentlich diese Orden, der Bundespräsident oder der Mensch?). Offensichtlich ist er sehr erfreut, als ich auch zwei, drei Dinge aus Deinem Leben mitteilen kann, die hier noch unbekannt sind. Anschließend lädt er mich zu sich nach Hause ein. Hätte es so eine schnelle ,Verbrüderung‘, zumal ohne Alkohol, in Deinem Raum/Zeit-Kontinuum gegeben? Naja, er erkennt wohl den Sauerländer in mir, das verbindet. Zumal er seine ehrenamtliche Aufgabe für das Lübke-Haus ernst nimmt. An Wochenenden gibt es immer wieder Führungen. Ich frage ihn, ob Du Deinen Jungendfreunden im Dorf die Treue gehalten habest. Er zeigt mir lächelnd ein großes, gerahmtes Foto, auf dem Du mit Deinen alten Kumpels in der Dorfkneipe Skat kloppst; u.a. mit dem ehemaligen Bürgermeister und Dorflehrer Klauke. Du erinnerst Dich, dieser wurde nach 28 Jahren an der Schule in Enkhausen Schulleiter in Sundern. Dessen Sohn unterrichtete mich zu meiner Zeit an der Realschule in Deutsch und Geschichte, wenn ich mich richtig erinnere.
Wir blättern Sammlungen von Zeitungsartikeln durch. Sie zeigen Dich immer wieder als den Häuptling Deines Stammes. Und als Wohltäter. Wenn die Enkhäuser schon einen Präsidenten hatten, dann sollten sie Anteil daran haben. Vielen Menschen hast Du vor Ort auf mannigfaltige Weise geholfen. Du hast dafür gesorgt, daß oben am Hügel ein Altersheim gebaut wurde – Du konntest ja nicht ahnen, daß sich die traditionellen dörflichen Strukturen auflösen und die Alten heute abgeschoben scheinen. Hafner wohnt – natürlich! – in der Heinrich-Lübke-Straße, deren Geschichte er mir erläutert: Zu Deiner Zeit war das noch ein im Rahmen des Grünen Plans angelegter landwirtschaftlicher Weg, hieß später ,Brinkstraße‘. Der 200 Jahre alte Brinkhof wurde mittlerweile abgerissen.
Zu mehr Ehrungen hat es in der Heimat bislang leider nicht gereicht. Kein Denkmal erinnert an den größten Sohn der Gemeinde, weder in Enkhausen, noch in Sundern. Das ist ein Skandal. Da sind sich Hafner und ich einig. Es gab schon einmal Pläne, doch der dumpfe Entwurf mit einer vor Dir sitzenden, breitschultrigen Wilhelmine konnte glücklicherweise verhindert werden.
Heute ist immerhin die CDU-Mehrheit im Gemeinderat dafür, den 1970 gebauten Schulkomplex nach Dir zu benennen, die Lehrer & Schüler mehrheitlich dagegen. Es wäre mir eine heidnische Freude, wenn dieses Buch dazu beitragen würde, daß sich die Lehrer und Schüler dies nochmal anders überlegen, bevor sie plötzlich Müntefering- oder Merz-Schüler werden.
Nach Mitternacht beziehe ich mein Zimmer im Gasthof Brinkschulte, wo Du mit Deinen Kumpels oft Skat gekloppt hast. Eigentlich ist ja Ruhetag, aber… Danke!
Später erhalte ich weitere hilfreiche Materialien und Mails aus Enkhausen. Hafner hatte mir vor Ort angeboten, zum diesjährigen LübkeGedenktag zu reden. Doch wir einigten uns, daß er dieses Jahr lieber versuchen solle, den 82-jährigen ehemaligen Piloten Lübkes als Redner einzuladen. Aber vielleicht nächstes Jahr? Problem: der Raum des Lübke-Hauses würde eventuell nicht ausreichen, wenn alte Mitschüler aus Sundern, die Dörfler von Dörnholthausen und Stockum, sowie potentielle Leser meiner Bücher über die Berge kämen. „Dann müßten wir ins Schützenhaus umziehen“. Oder eine Veranstaltung zur Umbenennung der Schule? Das Spiel des Lebens geizt nicht mit Überraschungen. Aber ob ich mit diesem Buch im Sauerland Zuspruch erhalte? Ich hoffe mit Gerhard Hafner: „Ihrem Buch wünsche ich einen guten Erfolg und mir und uns Enkhausern, daß auch wir damit gut leben können.“
Vor 15 Jahren kam ich ins Dorf meiner Jugend zurück. Klassentreffen der Zwergschüler, die gerade 40 wurden. Ich glaubte allen, die sich nicht daran erinnern konnten, daß sie mich einmal richtig verprügelt hatten. Du hast ja selber vorexerziert, wie schnell man vergessen kann – vor allem, wenn man will. Nur einer, geistig wie körperlich etwas ungelenk, bestätigte meine Erinnerung. Schließlich kam es damals selten vor, daß nicht er das wehrlose Opfer kindlicher Agressionen war. Ich bin dagegen nie wieder verprügelt worden. OK. 15 Jahre sind vergangen. Ich besteige den Bus, der mich aus dem Sauerland heraustragen wird. Da redet mich mein alter Leidensgenosse an, als hätten wir uns gestern abend letztmals getroffen. Als ich ihm eröffne, daß ich demnächst vielleicht in der Gegend eine Rede halte, strahlt er mich an: „Dann kommen wir alle!“
Ein Zitat von Hesse kommt mir in den Sinn. Dieser hatte die Persönlichkeit des I-Ching-Übersetzer Richard Wilhelm nach dessen Tod so beschrieben, daß seine Aussage durchaus auch auf Dich gemünzt werden kann: „Inmitten dauernder Mißverständnisse stand er lächelnd, freundlich, chinesisch-weise, und tat in Ruhe sein großes Werk, dessen Umfang und Bedeutung von der öffentlichen Meinung Deutschlands noch gar nicht begriffen worden ist…“
OK, bei Dir müßte man wohl ,chinesisch-weise‘ durch ,sauerländisch-stur‘ ersetzen, aber ansonsten… wünsche Dir stetig wachsende Verbundenheit mit Deiner Heimat.

Werner Pieper
Enkhausen, im Winter 2004

<< Der Grüne Zweig Top of Page | Print