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Gisela Dischner
Müßiggang ist aller Lüste Anfang
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Der Grüne Zweig GZ 265 Permalink
ISBN 978-3-925817-14-4
| € 5.00
| Reflexionen über die Möglichkeiten einer zukünftigen Gesellschaft, in welcher der Müßiggang nicht ein Privileg nach Feierabend sein würde, sondern allen Menschen zugänglich:
Die Arbeit wird sich durch die ‘Revolution der Mikroprozessoren’ (André Gorz) auf ein Minimum beschränken. Der Zustand, in dem die Arbeitssuche selbst zu einer Arbeit wird, könnte bei gerechter Verteilung der Arbeit aufgelöst werden...
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Vorwort
Müßiggang ist nicht nur entspannendes Loslassen, es ist auch die Fähigkeit zu zenhafter Konzentration, zu einer hingebungsvollen Aufmerksamkeit, zu einer Wahrnehmung mit allen Sinnen. Es ist ein Zustand diesseits der Welt der Arbeit, wenn wir unter Arbeit die entfremdete Arbeit verstehen; sie ist es, die den Menschen zwingt, etwas zu tun, um für dieses Tun entlohnt zu werden und sich ein Mittel des Lebens zu beschaffen, das außerhalb dieser Arbeit das Leben als Selbstverwirklichung überhaupt erst ermöglicht.
Da der Begriff der Arbeit inzwischen zu einem Fetisch geworden ist und Arbeitslosigkeit als ein Mangel, ein defizitärer Zustand angesehen wird, wollen wir die freie bewußte Tätigkeit nicht in der Welt der Arbeit subsumieren, auch wenn Marx den Begriff dieser Tätigkeit von Schelling übernommen, als Synonym für unentfremdete Arbeit verwendet. Sie gehört zum Müßiggang!
Die hier versammelten Aufsätze umfassen einen Zeitraum von drei Jahrzehnten, sie sind Reflexionen über die Möglichkeiten einer zukünftigen Gesellschaft, in welcher der Müßiggang nicht ein Privileg nach Feierabend sein würde, sondern allen Menschen zugänglich:
Die Arbeit wird sich durch die ‘Revolution der Mikroprozessoren’ (André Gorz) auf ein Minimum beschränken. Der Zustand, in dem die Arbeitssuche selbst zu einer Arbeit wird, könnte bei gerechter Verteilung der Arbeit aufgelöst werden. Die Menschen werden dann sehr viel mehr Zeit für sich und ihre mögliche Selbstverwirklichung haben. Die Voraussetzung dafür ist der Müßiggang.
Diese Reflexionen sind gedacht als Begleittext zum im Jahr 2009 erscheinenden großen Wörterbuch des Müßiggängers. Im Eingangstext wird zur Inspiration eine lesende Müßiggängerin vorgestellt.
Gisela Dischner
Son Paulo, Januar 2009
Die lesende Müßiggängerin -
Entführt zu mir
Ich lese am liebsten im Liegen. Das kommt mir gelegen. Gelegentlich lese ich auch im Sitzen. Aber dann mit einem Polsterschemel, auf dem meine Füße ruhen können. Die Lage ist entscheidend für den Genuß. Ich erkenne die Lage. Wir befinden uns in einer Lage, die meist genußfeindlich ist. Mein Körper entwickelt Gegenstrategien. In einer genußfeindlichen Lage begehrt er auf, stört mich bei dem Versuch, meine Alltagslage vergessend in die andere Welt zu schlüpfen: Die Lesewelt. Die Welt der Fiktionen? Alle Dichter lügen? Flucht aus der Wirklichkeit? Aus welcher Wirklichkeit? Was ist wirklich? Ich lese einen Dichter. Der Dichter ist wirklich, wenn ich ihn wirklich lese. Lese ich ihn wirklich? Lasse ich mich nicht ablenken von der genußfeindlichen Lage einer Zeit, in der keine Zeit ist, weil Zeit angeblich Geld ist? Ich nehme mir Zeit für einen Dichter. Ich stehle mir nicht die Zeit, ich nehme sie. Ich bin in einer anderen Zeit. Der Zeit der Lesung. Roland Barthes wünscht sich einen aristokratischen Leser. Ich melde mich. Hier bin ich. Lego ergo sum. Bin ich? Wer bin ich, wenn ich lese? Ich werde. Ich werde entführt. Mein Aggregatzustand verändert sich. Ich fließe in den Text. Der Text fließt in mich. Ich werde Wort. Das Wort wird Ich. Ich schmecke die Worte ab. Ein köstliches Gericht: dieser Text. Was mir nicht schmeckt, lese ich nicht mehr. Ich nehme mir keine Zeit,für schlechten Wortsalat. Mein Geschmack verfeinert sich an der Feinheit eines Textes. Weshalb soll ich mir noch sekundärtertiärliterarische Büchsennahrung zumuten, die mir sofort den Appetit verdirbt. Zu den Quellen! Was nicht quillt, macht mich nicht an. Es geht nicht um Inhalte. Die besten Rohmaterialien. können, schlecht zubereitet, den Appetit verderben.
Weniges, gut zubereitet, bekommt mir am besten. Fragmente, Aphorismen, Gedichte, ganz selten Romane. Ich bin kein Vielfraß. Ich fresse mich nicht durch spannende Inhalte, wenn sie schlecht zubereitet sind. Ich verweile gern. Ich horche den Worten nach. Ich beobachte meinen eigenen geistigen Verdauungsprozeß. Ich staune über die körperliche Wirkung, die ein schönes Gedicht, ein kluger Gedanke, schön komponiert, in mir auslösen: Ich werde warm. Wärmer werde ich bis in die Fußspitzen. Mein Herz klopft spürbarer. Ich atme tiefer. Ich lächle, lache, schüttle den Kopf vor entzücktem Staunen. Meine Augen werden feucht über ein Freudig-Tragisches. Ein lieblos zusammengeworfenes Gericht kann dies nicht bewirken. Nur ein Liebender kann dies in mir auslösen. Alle wahren Dichter sind Liebende. Alle wahren Leser sind geliebte Liebende. Ich liebe den Dichter, der so mein Äußeres erregt, wenn er mein Inneres berührt. Liebe verwandelt. Ich gehe verwandelt aus dem Text hervor. Was geht hervor, wenn ich in den Text gehe? Schriftbild. Tapetentür in den anderen Raum. In die andere Zeit. In ein Zauberland, das doch schon immer da ist. Das ich nicht wahrnahm. Das ich nicht für wahr nahm. Das mich zum Klingen bringt, weil es die Welt zum Klingen bringt. Was ist der Unterschied zu Glück und Gruselkitsch, der imstande ist, so viele Tränen, so viele körperliche Reaktionen auszulösen? Der so viele »tief bewegt«? Ist das eine Geschmacksache?
Läßt sich darüber streiten? Muß es immer Kaviar sein? Gibt es einen Maßstab?
Was passiert mit mir in der Gefühlswirkung auf Kitsch? Wann läßt er mich nicht kalt, sondern macht mich warm? Wann bin ich empfänglich dafür? Ich erinnere mich an die Jugendzeit: Ich liebte Kitschschlager, und in einem Heftchen, das solche enthielt, malte ich Blumen um die Texte herum, ich fürchte, sogar Herzchen. Das waren die Zeiten der ungestillten Sehnsucht, des unglücklichen Verliebtseins, Zeiten auch glücklicher Allmachtsgefühle, kosmischer Visionen, utopischer Träumereien. Es war eine Zeit des unreflektierten Hingerissenwerdens, der Bereitschaft zur Identifikation, wo immer diese Gefühlswelt angesprochen wurde. Es war die Zeit des identifizierenden Lesens. Wenn ich dem ein heute erreichtes existentielles Lesen entgegensetze, so kann ich dies an zwei einander entgegengesetzten Bewegungen erkennen: Im identifizierenden Lesen - es passiert mir selten und dann meist in gefühlslabilen Situationen - bewege ich mich von mir fort auf den Text zu, identifiziere mich mit Schicksalen, Helden, Konflikten, Melancholien oder Euphorien der Agierenden, bleibe dabei passiv. Durchaus möglich, daß eine »spannende Handlung« damit verbunden ist, die mich noch weiter von mir abzieht. Ich bin nicht da - und ich bin nicht hier -, ich bin dort und gaukle mir vor, dies gehe mich an, sei mein Schicksal, mein Leben. Dieses Von-sich-Fortgehen, auf dem die Traumfabrik Hollywood ihren Erfolg aufbaut, ist Flucht vor mir selbst. Aber ist diese Gefahr, für sich nichts zu fordern als das eigene Verschwinden, als reflexionsloses Aufgehen im andern, nicht in der existentiellen Lesung noch viel höher? Welche Bewegung entspricht ihr? Bin ich nicht voller Hingabe? Was ereignet sich in der lesenden Hingabe an das in Schönheit Gestaltete, das mich ergreift? Was ist anders? Es ist eine Gegenbewegung im Vergleich: Der Text kommt auf mich zu - er öffnet mein Inneres, dessen Reichtum mir plötzlich mit einem Schlag bewußt wird: Ich erkenne mich, begleitet vom Text, als Schöpfer meiner selbst. Ich nehme neu wahr: die Worte, die Welt, mich selbst. Ich fördere mich zu Tage aus einer Schicht in mir, die ich nur »dunkel« ahnte. Ich werde hellsichtiger, mir selbst durchsichtiger. Innen und Außen (der Text) durchdringen sich, ich blicke verändert in die Welt. Alles ist noch dort, wo es war, wenn ich aufschaue, aus dem Buch herausblickend, und doch scheint es ein wenig verrückt. Ich bin es, der die Perspektive verändert hat, ich sehe aus einer anderen Perspektive. Der Dichter hat mich aus dem Alltag verrückt in eine höhere Lage. Ich liege immer noch, das dicke Kissen unter dem Kopf hat sich verschoben, ich schopfe es auf. Wo liege ich? On top of the world. Der Text, der Schlüssel zu meinen mir selbst unbekannten Erzen, weitet sich zu einer Textur, die mich einhüllt. Ich fühle mich eingebettet in die Worte eines liebenden Dichters. Nur ein Liebender konnte Worte finden, die mich öffnen, verletzbar machen, Lust und Schmerz entfachen und jetzt einhüllen, unverletzbarer machen durch ihre Anwesenheit für mich. Ich habe mich geöffnet und bin gerade dadurch stärker geworden. Die Worte des Dichters beschützen mich. Ich lasse mich nicht so schnell aus dem Gleichgewicht bringen durch die Anfechtungen der Nützlichkeitsverkünder. Ich habe etwas gekostet, das besser schmeckt als alles, was ich mir »leisten kann«, wenn ich nützlich bin, mich anpasse, funktioniere, mitmache. Ich lasse mich nicht mehr vom Wissen der anderen »erschlagen«, weil ich erkenne, daß dieses Angelesene sie nicht verändert hat, ihnen äußerlich blieb. Die Wissensakkumulatoren kennen die Liebe nicht, sie tun mir ein bißchen leid und ich lasse sie reden. Soll ich ihnen von meiner geheimen unio mystica mit dem Text sprechen? Sie würden mich kopfschüttelnd für eine Närrin halten. Für eine Fremdlingin? Wie lange habe ich gelesen, wieviel Zeit hatte ich mir genommen? Woher nehmen und nicht stehlen? Ich habe mich aus der Nacheinander-Zeit davongestohlen in den ewigen Augenblick der Textbegegnung. »Vor mir war keine Zeit« flüstert der Dichter mir zu, der mich in die geheimnisvolle Landschaft meines Inneren entführt: Das Land der tausend Möglichkeiten. Ich werde wieder zum Möglichkeitsmenschen. Das Kind ist der Möglichkeitsmensch. Alles ist möglich. Der Text hat mich geöffnet. Ich entschwebe in einen magischen Raum, der sich außerhalb der Nacheinander-Zeit herstellt: Der Raum der Wortmagie. Mit Novalis' Zauberstab der Analogie heilt der Dichter die Sprache, die gelenkte, die verhunzte, die mißbrauchte. Er führt sie zur Quelle, indem er sich von ihr führen läßt. Ewiges Paradox: Die Sprache spricht. Die Sprache spricht zu mir, die ich lese. Ich lese in mir, wenn ich den Text lese. Ich lese ihn nochmals und lese ihn neu, wenn ich vorher in mir gelesen habe. Weinlese und Ährenlese in der inneren Landschaft. Landschaftsgartenkunst lehrt mich der Dichter.
0, wird mir das Chaos, das ich in mir trage, einen Stern gebären helfen? Die Welt neu geschaffen, die Welt der Sprache aus dem Geist des Dichters; ihm gebe ich mich hin im Text. Werde ich, der ich bin? Lego ergo sum. Eine Metapher kann mich fassungslos machen, eine Zeile erregt Herzklopfen, die Welt gerät aus den Fugen. Jede Lesung ist Interpretation. Ich interpretiere die Welt neu. Lang genug? Was war die Welt vor dem Text? Alles fügt sich neu, so schön, daß ich mich wieder fasse. Eine neue Fassung: ohne feste Grenzen, oszillierend, vibrierend, klingend wie die Welt, die sich nicht mehr zum Außen verschließt - mein Inneres öffnet sich ihr. Der Text hat dieses Wunder bewirkt. Er hat mich dynamisiert. Ich bin nicht Energiesparer. Ich bin Energie, ich bin Dynamit. Energisch vertreibe ich die krummbeinigen duckmäuserischen Flüstermännchen. Hüstelnd verdünnisieren sie sich. Und ich hühott sitze auf dem Pegasus und fliege davon. Für diesen Augenblick. Ich fliege in den eigenen Zaubergarten. Der Dichter hat mir seine Flügel geliehen. Dank sei ihm.