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Der Grüne Zweig
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M

"Ah", sagt Hassan, "ich glaube nicht an die Welt. Es gibt noch eine andere Welt, dort ist das Leben ganz anders."

Dies sind Geschichten aus jener Welt. Das Wort m'hashish bedeutet in Moghrebi soviel wie voll von Haschisch und bezeichnet nicht nur eine Person im bekifften Zustand, sondern auch solche, deren Verhalten irrational oder sonstwie unerwartet ist.

"In diesen Texten steckt alles, was es über Haschisch zu sagen gibt. Der Rest muß geraucht werden." Grow




Mutationen eines Buches

Nachwort des Verlegers

Es war Mitte der 70er, als ich eines Tages dicke Post aus dem Knast bekam; jemand hatte sich die Mühe gemacht, marokkanische Dope-Stories aus dem Englischen zu übersetzen. Diese Geschichten gefielen mir so gut, daß ich sie kurzfristig als kleines 2 DM Heftchen (Der Grüne Zweig 49, die 1. Auflage auf Pergamentpapier gedruckt!) verlegte, ohne mich um das Copyright oder ähnliche Probleme zu kümmern. Es handelte sich um M'Hashish, von Mohammed Mrabet, daß nach einer langen Verlagsodyssee, nun endlich wieder, in einer guten Übersetzung von Carl Weisser, als Grüner Zweig vorliegt.
Was es genau war, das mich so an diesen Geschichten fasziniert(e), weiß ich nicht zu benennen, bin ich doch eigentlich ein Literaturmuffel. Plötzlich suchte und las ich fieberhaft alle verfügbaren Texte des Autorengespanns Paul Bowles & Mohammed Mrabet. Dabei war ich auf englischsprachige Quellen angewiesen, denn in deutscher Sprache war nichts lieferbar. Als ich bei Rowohlt nach Nachdruckrechten eines ebendort in den 50er Jahren erschienenen Bowles Romans nachfragte, wurde ich recht spöttisch abgewiesen »Das interessiert doch niemanden mehr«.
Nach Zehntausend verkauften Exemplaren machte ich mir dann doch Gedanken über diesen Raubdruck, erwägte gar, mich direkt an die zuständige Agentur zu wenden, als ich in einer amerikanischen Kifferzeitschrift ein Interview mit Bowles las. Er liebe Verleger, meinte er dort, sie würden alles drucken, was sie in die Hände bekämen. Doch von den Honorarzahlungen der Verlage und Agenturen käme allemal nichts in Tanger an. Schon machte ich mich mit Lebensgefährtin Nadina auf die Reise nach Marokko. Der Raubdrucker wollte sein schlechtes Gewissen erleichtern, also nix wie hin, zur Höhle des Löwen. Meine erste Fahrt aus Europa hinaus. Paying it all back.
Die paar Meter über die Straße von Gibralta führten uns in der Tat in eine andere Welt. Natürlich hatten wir all die warnenden Geschichten gehört & gelesen, aber das half uns nichts. Wir wurden abgeschleppt und geneppt, bevor der Hahn dreimal krähte. Stundenlang liefen wir ziellos durch die Medina, den Markt, fremde Geruchsschwaden in der Nase und ein akkustischer Overload für die Ohren. Verzaubernde Bilder im Wechsel mit dem Spießrutenlaufen durch den Basar. Die Grenze zwischen Traum und Realität verwischte zunehmend, zumal wir kaum in Sprachkontakt mit Einheimischen kamen. Was macht man als Ungläubiger zwischen lauter Gläubigen, wenn man nichtmals deren Sprache spricht? Jeder Augenkontakt wurde zur potentiellen Frustfalle: Männer glaubten, daß wir Haschisch kaufen wollten; die Frauen schienen alle Brüder präsent zu haben, die darauf achteten, daß ihnen niemand zu arg auf den Schleier schielte, und die Kinder hielten sofort erbarmungslos ihre leeren Hände in unsere Richtung, wenn sie sich beim Spielen beobachtet fühlten. Aber was hatten wir erwartet? Natürlich mußten wir davon ausgehen, daß trotz fehlender Kameras jeder davon ausgehen mußte, daß wir Touristen seien. Konnte doch keiner Wissen, daß wir in einer Mission unterwegs waren.
Auch wenn ich meine Company, als Hanfhändler nach unserm besten marokkanischem Stoff Grüne Kraft genannt hatte und den Verlag jahrelang aus meinem Dealersäckel subventioniert hatte, so wollte ich auf keinen Fall in Marokko Haschisch kaufen. Ich hatte meine eigenen Rauchwaren asiatischer Provienz, schwarz wie die Nacht, mitgebracht. Welcher Zöllner durchsucht schon einen nach Marokko Einreisenden nach Haschisch? Crazy. Witzig vor allem der Effekt auf Nordafrikaner. Sie kannten diese Dopefarbe nicht und sprachen dem superben Stoff jegliche Turnkraft ab. Und versuchten uns mit ihrem Besten das Hirn zu vernebeln. Im Nachhinein kann ich mich nicht mehr erinnern, während der Tage in Tanger überhaupt Bodenkontakt gehabt zu haben.

Unsere Mission: die Übergabe von Honorar für einen Raubdruck. Der Empfänger war klar, nur fehlte uns jegliche Anschrift oder Anhaltspunkte, ihn zu finden. Wir zogen stundenlang unsere bekifften Kreise. Letztendlich überraschte uns dann auch nicht, daß eine ältere Amerikanerin auf unsere Frage, ob sie Paul Bowles kenne, auf das nächstbeste Haus zeigte. Dort wohne er.
Ein mehrstöckiges Haus mit Fahrstuhl und einem Charme, den man von Reihenhäusern aus der DDR kannte. OK. Tief durchgeatmet und geklingelt. Mr. Bowles ist daheim und bittet uns freundlich, hereinzutreten. Im abgedunkelten Zimmer sitzt auch Mohammed Mrabet, allerdings nicht ansprechbar. Es ist Samstag und die Fußballreportage im Radio absorbiert seine ganze Konzentration. Derweil small-talken wir mit Paul. Er raucht von unserm, wir von seinem, schließlich gesellt sich auch Mohammed zu uns. Jaja, Deutschland: Beckenbauer, Müller! Hurra, wir haben ein gemeinsames Thema! Nach einer Stunde dann die Frage der Gastgeber, was denn unser Anliegen sei. Also raus mit dem Geständnis, ein paar handvoll Dollar auf den Tisch und nochmals tief durchgeatmet. Verblüffung allenthalben.

Paul Bowles: Einmal kam ein Mann namens Werner Pieper hierher und sagte zu Mrabet - das ist Jahre her -: Die Deutschen mögen »M'hashish« sehr! Und Mrabet sagte: Wie können sie das, es ist nie übersetzt worden. Er sagte: Oh doch, das ist es! Und ich antwortete: Nein, ist es nicht! Er sagte: Doch, es ist auf Deutsch veröffentlicht worden, ich habe es veröffentlicht! - Und ich erstaunt: Sie haben es veröffentlicht!? Und er sagte: Ja, das habe ich! Ich sagte: Aber es existiert ja gar kein Vertrag! Und er: Ich weiß, ich habe es geklaut! Ja!! Dann zog er eine Banknote hervor, einen Fünfhundertmarkschein, druckfrisch, und legte ihn auf den Tisch, für Mrabet. Er sagte: Das ist ein Teil Ihrer Bezahlung, ich schulde Ihnen noch etwas mehr, weil ich 11 000 Exemplare verkauft habe. Alles Raubdrucke, … sehr kleine Büchlein. Er verkaufte sie ganz billig, ich glaube, so um die zwei Mark. Das hat Mrabet dann - ah, wie war sein Name - Roberto de Hollanda erzählt …, und der sagte: Ich werde Kontakt mit Werner Pieper aufnehmen, ihm etwas Geld anbieten, damit er eine Einführung zu einer Neuauflage schreibt …, die dann von Maro verlegt wurde - das war der Grund, warum es nun diesen scheußlichen Umschlag hat! Dann weiß ich nicht mehr, was damit passiert ist. Es war vergriffen, Goldmann kaufte die Rechte und gab eine neue Auflage heraus, als Taschenbuch.

Aus: Paul Bowles, How could I send a picture ito the desert? Fotografien, Scalo Publishers, 1994.

Es war ja so, daß Paul Bowles, als Mann von (westlicher) Welt, die von Mohammed erzählten Geschichten aus dessen Sprache übersetzt und auf englisch aufgeschrieben und an Verleger und Agenturen aus seiner Welt verkaufte. Mohammed hatte von all diesen Rechtsdealereien keine Ahnung. Ein-, zweimal hatten ihm Leute erzählt, seine Geschichten seien in Deutsch übersetzt worden. Aber Paul, als der, der es hätte wissen müssen, hatte immer abgewiegelt, das könne nicht sein, da lägen keine Verträge vor. In mehrere andere Sprachen? Ja. Aber nicht in Deutsch.
Für Mohammed ist es ein sichtbarer Schock. Erst rauchen wir uns gegenseitig die Hucke voll und dann bin ich so dreist, mich als hinterhältiger Dieb zu outen. Ein ungläubiger Dieb dazu. Und ich grinsender Pirat ergebe mich bedingungslos. I surrender. Was nun? Mohammed kämpft offensichtlich mit sich. Hält Rücksprache mit seinem väterlichen Freund, schaut auf das Geld, ist sichtlich verwirrt. Schließlich finden sich Argumente, die ihn gändig stimmen: erstens hat er erstmals auf dem Fachgebiet seines Mentors Recht behalten - doch eine deutsche Ausgabe! - und zum zweiten der Stolz ob der Auflage unseres Heftchens, höher als die restlichen Auflagen in mehreren anderen Sprachen der Erde zusammen. OK. It's a deal. Er nimmt das Geld, wir schütteln uns die Hände. Wir befriedenspfeifen uns reichlich und alle sind zufrieden. Zumindest alle Anwesenden. Denn meine Zahlung war natürlich unrechtens, waren diese Geschichten doch schon Eigentum einer Agentur und mein Raubdruck durch die Zahlung an Mrabet um keinen Deut legaler als verboten. Aber das gute Gewissen des Verlegers zeugte davon, daß seine Mission gelungen war.
Nach ein paar Tagen gingen wir nochmal bei Paul vorbei. Jaja, inzwischen habe Mohammed begriffen, daß wir im quasi drei Monatsgehälter gezahlt hätten, natürlich erwarte er noch mehr (was er später auch bekam), und vor allem das Titelbild sollten wir ändern. Done. Später drohte er mir durch deutsche Besucher, er wolle mich umbringen, aber da war ich wohl schon zur Figur einer seiner oftmals furchterregenden Geschichten geworden.
Inzwischen weiß ich auch etwas mehr über ihn. Er kam etwa 1940, bevor die Geburtenregistrierung in Marokko eingeführt wurde, im Rif-Gebirge zur Welt. Seine Eltern zogen bald drauf nach Tanger, wo er, statt die Schule zu besuchen lieber fischen ging und sich im Vogelschießen übte. Das Familienleben scheint traditionell streng gewesen zu sein, Mohammed erzählt, daß er mit 12 Jahren von zu Hause fortgelaufen sei. Auch von Schwierigkeiten mit dem Recht und der Polizei ist die Rede. Seine formale Ausbildung beschränkte sich aufs Lernen der Suren des Koran. Spanisch brachte er sich autodidaktisch bei.
Nachdem er sich in seinen Jugendjahren wohl recht ausschweifend in Cafés und Bars herumgetrieben hat, gründete er eine Familie, hat vier Kinder, von denen die älteste Tochter inzwischen in London lebt. Er lebt vorwiegend von der Fischerei, hat sich aber inzwischen ein Haus mit großem Grundstück an den Grotten von Herkules gekauft, bewirtschaftet seinen Boden und hält Schafe.
In den 60er Jahren besuchte er dreimal die USA, aber das Leben dort gefiel ihm nicht: »Du bist erst drei Tage in New York und schon spielst du verrückt!« rief sie. »Richtig. Ich werde hier schier verrückt. Was hast Du denn von mir erwartet? Viel Geld, viel zu trinken, alle Frauen die ich brauchen kann, ja selbst Jungs, wenn ich sie will« .... Er schlachtete die Ziervögel seiner Gastgeber, die ihn daraufhin nicht mehr unbeaufsichtigt aus dem Haus lassen wollten, »als sei ich ein Tier«.... Zurück in Tanger berichtete er seinen Angehörigen aus Amerika: »Dort sind fast alle Leute Kriminelle!« Doch eine Woche nach seiner Rückkehr fing er schon wieder an zu sinnieren, warum er Amerika eigentlich verlassen habe. Er sei doch verrückt, nach Tanger zurückzukommen, nur um dort tatenlos am Strand zu sitzen und an Amerika zu denken. Doch auch nach der nächsten USA-Reise, diesmal als Chauffeur von Paul Bowles in Kalifornien, hielt ihn nichts in den Staaten. »Los Angeles? Endlos wie die Sahara, nur viel dreckiger«.
Er lebt zwar vom Fischen und der Landwirtschaft, aber eigentlich ist er ein Geschichtenerzähler, so wie er es von seinem Großvater und seinem Vater in einem traditionellen Umfeld gelernt hat. Fängt er ersteinmal an zu erzählen, dann reiht sich eine Geschichte an die andere und jede möchte man am liebsten festhalten. »Ich sage ihm immer, warte, bis das Tonbandgerät eingestellt ist, aber er legt gleich los und kann sich hinterher selber nicht mehr an einzelne Geschichten erinnern. Ich weiß nicht einmal, welche seiner Stories er spontan erfindet, und welche einen traditionellen Hintergrund haben. Ich glaube auch nicht, daß er sich dessen bewußt ist. Für diese Marokkaner gibt es keine Trennung der objektiven Wahrheit und dem, das wir Fantasie nennen. Was bist du bereit zu glauben? Was möchtest du selber denken? Es gibt für jeden eine Wahrheit. Kein Marokkaner wird einem anderen erzählen, was er denkt, fühlt oder meint. Er erzählt einem etwas hiervon, etwas davon, erfindet ein paar Dinge und webt so ein Netz glaubwürdiger Geschichten. Was für einen Sinn soll es denn haben, die Wahrheit zu erzählen? Sie ist doch in den meisten Fällen allemal nicht sehr interessant, also macht man sie durch ein paar Elemente spannender. Außerdem wäre es doch eine Torheit, sich andern gegenüber zu öffnen. Du hast doch auch zwei verschiedene Kiffsorten in deinen Taschen: in einer guten Stoff für dich, den minderen in der anderen Tasche für Freunde«. So erklärt Paul Bowles. Überhaupt, warum heißt diese Sammlung Haschischgeschichten, wo es doch in Marokko Mohammeds immer um Kif geht? Paul Bowles: »Ja, erst die Ausländer haben vor so 30 Jahren die Methode der Haschischherstellung aus anderen Ländern hier eingeführt. Eigentlich gibt es kein gutes marokkanisches Haschisch, zumindest nicht als traditionelles Produkt. Die ersten Haschpressen im Lande wurden von AfroAmerikanern installiert, die den Marokkanern auch die Bedienung beibrachten. Was heute von den meisten Marokkanern als Haschisch verkauft wird ist in Wirklichkeit der Abfall beim Kifschneiden. Das Zeugs würde normalerweise niemand rauchen. Haschisch in Marokko ist ein ausländisches Produkt, das vor allem für Ausländer bestimmt ist. das einzige was Marokkaner traditionell kennen ist Majoun und Kif.«
Bowles hat Mitte der 60er damit angefangen, die Geschichten einiger Erzähler aufzuzeichnen und sie ins Englische zu übersetzen. Mohammed erzählt seine Geschichten in Maghrebi, einer schriftlosen arabischen Sprache. Seine Geschichten leben. Paul: »Sein literarischer Erfolg amüsiert Mrabet ziemlich. Er hält selbst nicht viel von Schreibern, Intellektuellen und ähnlich Beschäftigten. Mrabet trägt zwei Armbanduhren, beide auf eine andere Zeit eingestellt (gar Ortszeit & Mekka? Anm.d.Ü.) Er neigt dazu, manchmal in den unmöglichsten Situationen, laut zu lachen. Er weigert sich beharrlich, englisch zu sprechen, obwohl man den Eindruck gewinnt, daß er dabei jedes Wort versteht. Und wenn er sich einmal der englischen Sprache bedient, kann das wie folgt geschehen: Er beugt sich, seine wießen Zähne bleckend weit über den Tisch und spricht dich mit seiner rauhen, rauschgeschwängerten Stimme an: ›He, Du, Du mein Freund.› Das Grinsen wird breiter, sein Blick schweift ab, kehrt zurück. ›Irgendein Tag, und ich komme in Dein Haus und töte Dich,› dann lehnt er sich mit einem breiten Grinsen zurück.«
Berichtet ein anderer Zeitgenosse: »An einem Nachmittag komme ich bei Bowles an und finde nur Mrabet, der dasitzt und an seiner Pfeife zieht.
›Mrabet. Como estas?›
›Uhhh - › Mrabet grunzt nur leicht und konzentriert sich auf seine Pfeife. ›Muy, muy mal.›
›So schlecht? Warum das?›
›Ahh - › Mrabet schüttelt leicht den Kopf. Er ist sichtlich tief niedergeschlagen. ›Heute habe ich die Syphilis am Mund ... Tuberkolose an der Leber ... Krebs Herzen›, dabei schaut er einen betrübt an. ›und außerdem hatte ich heute morgen einen Kampf mit drei Spaniern und ...› traurig schaut er mich an, schaut auf seine Pfeife herab, ›sie haben mir alle Zähne ausgeschlagen«. Und dann kommt wieder dieses zähnebleckende Grinsen.«
»Nicht die Übersetzung des oralen Maghrebi ins Englische macht mir Schwierigkeiten«, berichtet Paul Bowles über die Arbeit mit Mrabet, »sondern ihm dabei behilflich zu sein, Brücken einer diplomatischen Beziehung zur Außenwelt aufrecht zu erhalten. Die gehört überhaupt nicht zu seiner Realität. Schon vor langer Zeit mußte ich anerkennen, daß er mich nur wie eine Maschine benutzt, wenn ich z.B. Briefe für ihn schreibe. ›Ich habe dich gebeten, Briefe zu schreiben, nicht, um mir Vorschläge zu machen.› Er versteht ausreichend englisch, um zu bemerken, wenn ich inhaltliche Änderungen des Textes vornehme. Das wurde mir spätestens klar, als er einmal solch einen leicht überarbeiteten Text zusammenknäulte und ins Feuer warf. Obwohl von ihm sieben Bücher verlegt wurden, hat er nie ein Buch gelesen, außer in seiner Jugend Teile des Korans.«
In einem Brief an Mrabets amerikanischen Verleger schreibt Bowles über die erste Fassung von M'Hashish im Amerikanischen: »Ich bin Dir für Deinen Brief sehr dankbar. Endlich hat mir jemand das Gefühl vermittelt, daß die ganzen Jahre Arbeit des Sammelns und Übersetzens der Texte mit Mrabet nicht umsonst waren und das ich Recht behalten habe, den Stil knapp und direkt, bar aller Verschmückungen durchgezogen habe. Zwischen uns gibt es keine Collaboration. Ich übersetze einfach, was aus dem Tonbandgerät schallt. Und Tonbänder haben den Vorteil, daß die Geschichte, wie Du bemerkst, einfach und erzählend herauskommen. Mein vorrangiges Ziel ist es, diese Einfachheit noch zu verstärken - faus-naif. Wenn es nicht natürlich klingt, existiert es nicht. So hat mich Dein Brief sehr glücklich gemacht.«
Inzwischen hat sich vieles verändert. Ein kürzlich aus Marokko zurückgekehrter berichtet: »Die Freundschaft zwischen Paul und Mrabet ist inzwischen ziemlich abgekühlt, nicht zuletzt wegen der Autorenrechte. Die Verträge benachteiligen Mrabet und daraus resultieren Probleme. Beide sehen sich nur noch selten. Es wird auch Zeit, daß man Mrabet als eigenständigen Erzähler betrachtet und nicht als irgendein Pseudonym von Paul Bowles. Leider ist es immer noch so, daß Paul an erster Stelle genannt wird und Mrabet als zweiter, obwohl Paul nur der Übersetzer ist.«
Tanger, vormals eine Internationale Zone, ist seit Jahrzehnten ein Anziehungsplatz für junge Europäer, die sich vorrangig bekiffen wollen und danach den Rest ihres Lebens meist die spannende Geschichte »Damals, als ich in Tanger gelinkt wurde...« erzählen können. In den 50er und 60er Jahren kamen viele Ami-Beats nach Tanger, anschließend bis heute Musikgruppen wie die Stones, Dissidenten, Led Zepplin und U2. Allein in der Woche in der ich dieses schreibe, berichten Der Spiegel, Tempo und der Rolling Stone über Tanger. Nach wie vor wirken das Flair der Altstadt, das permanente Gewussel und Feilschen in den Gassen, die Farbenpracht und die exotischen Gerüche faszinierend anregend für die Besucher. Selbige können aber nur einen Hauch von dem erahnen, was sich hinter den geschlossenen Hof- und Haustoren, den Fassaden der Kashba verbirgt. Paul Bowles, der großen Öffentlichkeit erst Ende der 80er Jahren durch Bertoluccis Verfilmung seines Buches Himmel über der Wüste bekannt (inzwischen sind auch fast alle seine Bücher in deutscher Sprache lieferbar), lebt seit fünfzig Jahren in Tanger und sieht auch keinen Grund, seine Wahlheimat zu verlassen:
»Zur Verteidigung der Stadt kann ich nur sagen, daß sie viel weniger als die meisten anderen Städte vergleichbarer Größe von den negativen Aspekten der heutigen Zivilisation berührt wurde. Viel wichtiger ist für mich der Gedanke, Nachts im Schlaf von lebeniger Zauberei umgeben zu sein. Sie gräbt ihre geistigen Tunnel überall durch. Ich genieße es, von tausenden Sendern und tausenden unwissenden Empfängern umgeben zu sein. Verwünschungen werden ausgestoßen, Gifte finden ihren Weg, Seelen verlieren sich, frei vom Zwang parasitärer Pseudo-Bewußtseinsebenen, die in den letzten Schlupfwinkeln des Gehirns lauern. Nachts trommelt draußen meistens irgendwo jemand. Ich wache davon nie auf. Ich höre die Trommeln und baue sie in meine Träume ein.«
Mohammed lebt in diesen Traditionen. Verbürgt ist ein Bericht, daß er zu den Jilila gehört, einem Bund, der durch spezielle Musik Trancezustände erreicht. Auf einer Party für Europäer spielten Jilala-Musiker mit ihren Flöten und Handtrommeln. Mohammed wurde vom Rhythmus erfaßt, was die Musiker erfreute. Da dies jedoch kein Fest der Einheimischen war, wurde sein wilder Tanz (mit dem Säbel in der Hand...) willkürlich gestoppt. Solch eine Unterbrechung der Trance ist immer gefährlich, sie kann mitunter tödlich verlaufen. Der Schock, aus solch einem rituellen Tanz/Zustand gerissen zu werden, hat schon viele Menschen zum Ausflippen gebracht. Von Mohammed weiß man, daß er im Tanz sehr aggressiv wird und häufig mit Mesern etc herumhantiert. Es gehört zu diesem Ritual, daß Blut fließt. Im beschriebenen Fall gelangte Mohammed mit Hilfe der Musiker nach etwa einer Stunde wieder ins Alltagsbewußtsein zurück. Er wirkte fit und entspannt. Für die anwesenden Festgäste war sein Säbeltanz sicherlich ebenso spannend und geheimnisvoll, wie für Dich und mich der Inhalt seiner Geschichten. Wie formulieren es deutsche Presse-Paranoiker? »Magie wird in Marokko mit größerem Eifer praktiziert als körperliche Hygiene … Mohammed Mrabet gilt als finsterster Mystiker der Stadt Tanger.« (Der Spiegel 21/95)
Alles ist wahr. Als unwahr kann diese Geschichten nur der empfinden, der sich ängstlich an seine eigenen Vorstellungen einer Realität der Welt klammert. Meine Mutter hat es ganz schön formuliert, als ein eifriger Staatsanwalt die hier vorliegenden Geschichten wegen potentieller Drogenverherrlichung prüfte: »Das ist doch keine Drogenpropaganda. Das sind einfach spannende Geschichten aus einem anderen Kulturkreis.«
Irgendwann wurde mir die Sache mit dem Raubdruck dann doch zu heikel. Just zu der Zeit fing Pociao an vehement die Verbreitung von Bowles und Mrabets Texten zu propagieren. So übernahm schließlich der MARO Verlag die ehrenvolle Aufgabe, eine neu übersetzte, legale Fassung der Geschichten herauszubringen. Kurz drauf gab es dann eine Lizensausgabe beim Goldmann Verlag. Als temporärer Fachverleger für Hanfinteressen fiel mir auf, daß diese Ausgaben heute in unserer Klientel kaum bekannt sind. Also haben wir die Nachdruckrechte legal erworben, in der berechtigten Hoffnung, daß die Autoren auch etwas davon sehen. Da zum Vertrag gehört, daß unsere Ausgabe mindestens 12 DM kosten muß, haben wir sie mit einem aktuellen Portraits Mrabets, das Pociao aufzeichnete und Fotos von Roberto de Hollanda, die er, Stück für Stück extra für jedes Kapitel dieser Ausgabe vor Ort in Tanger schoß, angereichert. Zum erstenmal werden diese Geschichten dem Inhalt angemessen auf Hanfpapier veröffentlich. Besten Dank, daß Du bis hierhin gelesen hast. Wem leihst Du das Buch jetzt?

Werner Pieper

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