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Ayahuasca Analoge
Ayahuasca, das legendäre Ambrosia, ist eine psychoaktive Pflanzenmischung aus dem Regenwald Südamerikas. Jonathan Ott hat sowohl die ethnobotanische, chemische und pharmakologische Fachliteratur studiert, als auch häufig vorort Eigenversuche mit diversen Ayahuasca-Zusamenstellungen durchgeführt.
Ott beschreibt in diesem Buch die Herstellung und Wirkung dieses stark psychoaktiven Gebräues, mit dem auch in Deutschland Seminare abgehalten werden. Ein Hauptgewicht legt er dabei auf Pflanzen, die auch bei uns wachsen können.
Unbedingt beachten: Vor dem Konsum ohne erfahrene Begleitung wird ausdrücklich gewarnt.

Vom Autor autorisierte Übersetzung von Bert Marco Schuldes.


Inhaltsverzeichnis
Exordium
Das Amazonische Amrta und die
Entheogene Reformation
11
Kapitel Eins
Naturgeschichte von Ayahuasca
Ein Pan-Amazonisches Entheogen
17
Kapitel Zwei
Pharmakognosie von Ayahuasca
Pflanzen und Tränke
41
Kapitel Drei
Ayahuasca-Analoge und
Psychonautische Berichte
63
Kapitel Vier
Vom Pan-Amazonischen zum
Pan-Gæanischen Entheogen
 
Anmerkungen 113
Bibliographie 129
Index 145
Weitere Bücher von J. Ott 159
Exordium


Das Amazonische Amrta und die Entheogene Reformation

How do you know but ev´ry Bird that cuts the airy way, Is an immense world of delight, clos´d by your senses five ?
William Blake
The Marriage of Heaven and Hell (1973)
Nachdem R.Gordon Wasson im Jahr 1955 in Südméxico den traditionellen schamanistischen Gebrauch entheogener1 Pilze wiederentdeckt hatte, veröffentlichte er zwei Jahre später in einem populären Artikel in der Zeitschrift Life sein "großes Abenteuer". Er beschrieb dort, wie er das heilige Sakrament mit der mazatekischen Schamanin María Sabina teilte. Diese Entdeckung und der Bericht darüber bewirkten ein erstaunliches Wiedererwachen des Interesses an schamanistischen Rauschmitteln [Wasson 1957; Wasson & Wasson 1957].

Die entheogene Droge Psilocybin war durch Albert Hofmann aus María Sabinas Pilzen isoliert worden. LSD, ein halbsysnthetisches pilzliches Entheogen, war von Hofmann, der etwas ganz anderes gesucht hatte, 12 Jahre bevor Wasson den Schleier des heiligen Mysteriums in México gelüftet hatte, entdeckt worden. Beide Drogen zusammen wurden zu den wichtigsten Wegbereitern einer weltweiten anachronistischen Wiedergeburt archaischer Religionen, von der die westliche Gesellschaft bis in ihren Kern erschüttert wurde [Horowitz 1991; Ott 1978]. Die daraus resultierende "kulturelle Gegenbewegung" der "psychedelischen sechziger" Jahre markiert einen noch nie dagewesenen Aufbruch vom "Business as usual", der die Bühne für eine moderne entheogene Reformation bereitete und verspricht, radikalere und weitreichendere Änderungen in westlichen Religionen herbeizuführen, als es irgendwelche vergangenen Ereignisse vermochten. In der Tat waren Martin Luthers 95 Thesen vom Oktober 1517 ein weit geringerer Schlag für die Amtskirchen, als es Gordon Wassons eine These 440 Jahre später war. Wasson hatte die vielen, vielen verknöcherten Schichten von Symbolen und Dogmen hinweggefegt, die den Kern des Mysteriums in undurchdringliches Dunkel gehüllt hatten. Vor den Augen einer erstaunten Welt enthüllte er das heilige Sakrament selbst in seiner leuchtenden täglichen Demut, ein Sakrament, das "seinen eigenen Beweis in sich trägt" und nicht belastet mit dem Glauben an eine absurde Doktrin von der Transsubstantiation daherhinkt; ein Sakrament, das sogar die Notwendigkeit des Glaubens selbst aufhob und es jedem Kommunikanten erlaubt "das Wunder, das er erfahren hatte" zu bezeugen [Ott 1990; Wasson 1961].

Obwohl María Sabinas Pilze und Psilocybin den urspünglichen Anstoß für dieses bemerkenswerte Phänomen gegeben hatten, wurde LSD in der Folge zum Bannerträger der entheogenen Reformation. Nach Beendigung der legalen LSD-Herstellung 1965 und der darauf folgenden internationalen Ächtung dieses einzigartigen Pharmacotheons entstand ein Netzwerk provisorischer chemischer Untergrundlaboratorien, die aus technischen und kommerziellen Gründen hauptsächlich LSD herstellten. In der Tat konnte diese Droge für einen Pfennig pro Dosis produziert werden; und dies sogar trotz der weit überteuerten Preise für benötigte Materialien und Reagenzien, die unter Schwarzmarktbedingungen meist gefordert wurden2. Als die sechziger Jahre den Siebzigern Platz machten, ließ die Popularität dieser Droge, mitverursacht durch eine heftige Propaganda-Kampagne der Regierungen der USA und anderer Länder, nach. In der Folge interessierte sich ein harter Kern von aficionados von Entheogenen zunehmend mehr für Phytoentheogene als für Produkte der chemischen Industrie, wie gegenkulturell diese auch sein mochten. Dies war Teil einer "Zurück-zur-Natur-Bewegung", die ihrerseits weitgehend eine Folge der Entheogenen Reformation war, und LSD wurde fälschlicherweise als "synthetische" (soll heißen: künstliche3) "Chemikalie" stigmatisiert. Diese Tatsache, sowie die Einführung zuverlässiger, nur wenig an Technologie erfordernder Methoden für die Zucht kleiner Mengen psilocybinhaltiger Pilze in den Jahren 1975-1978 [Harris 1976; Oss & Oeric 1975; Ott & Bigwood 1978] lenkte den Brennpunkt des Interesses gegenkultureller Kreise wieder auf das Psilocybin als das primäre Entheogen. So wurden psilocybinhaltige Pilze, insbesondere Psilocybe [Stropharia] cubensis in den späten Siebzigern zum Entheogen der Wahl und es wurde immer schwieriger, LSD zu erhalten.

Gegen Ende der achtziger Jahre fokussierte sich das anhaltende Interesse an entheogenen Drogen mehr und mehr auf Ayahuasca, einen pan-amazonischen entheogenen Trank, der aus Pflanzen des tropischen Regenwalds hergestellt wird [Ott 1993]. Dies war ein Ergebnis der internationalen ökologischen Bewegung, die sich für die Erhaltung der Regenwälder einsetzt; eine Bewegung, die ebenfalls ihre Wurzeln in der entheogenen Reformation hat. Als aus den Achtzigern die Neunziger wurden, geriet Ayahuasca mehr und mehr als das neue, moderne Entheogen der "cognoscenti" ins Rampenlicht, als das Entheogen, das "in" war. Genauso wie der "Pilztourismus" auf Wassons erstaunliche Entdeckung in México gefolgt war [Ott 1975, 1976], begann um 1980 das Phänomen des Ayahuasca-Tourismus aufzutreten [Ott 1993]. Die wenigen übriggebliebenen und gefährdeten Vorkomnisse präliterater Spiritualität in Amazonien und der flüchtige "pharmakratische Friede" [Escohotado 1989], während dem es schien, als hätte der gleichzeitig stattfindende Kreuzzug gegen schamanistische Rauschmittel Ayahuasca übersehen, wurden durch die plötzliche Ankunft perfervider Kontigente kosmopolitischer Ayahuasca-Touristen in Amazonien ernsthaft gefährdet.

Die zeitgenössische Ethnobotanik von Ayahuasca wird durch die Tatsache kompliziert, daß dieses schamanistische Rauschmittel mehr als jedes andere Entheogen, das wir kennen, lange vor seiner Wiederentdeckung durch die entheogene Gegenkultur seinen Platz in der modernen Welt gefunden hat. Die Ayahuasqueros unter den Mestizen hörten auch in den städtischen Gebieten Perús und Kolumbiens nicht damit auf, das amazonische Ambrosia zu nutzen, genau wie ihre indianischen Vorfahren damit fortfuhren, wenn auch in zunehmend geringerem Maße, mit Sacha Runa (der "Dschungel-Mann") und anderen "Pflanzen-Geistern" in den immer kleiner werdenden Inseln primären Regenwalds überall in Amazonien zu kommunizieren [Dobkin des Ríos 1970a, 1970b, 1972, 1973, 1992; Lamb 1974; Luna 1984a, 1984b, 1986c, 1991; Luna & Amaringo 1991]. Darüberhinaus wuchs in den letzten sechs Dekaden eine bemerkenswerte synkretistische Neo-Christliche Religion mit Ayahuasca als Sakrament heran. Nach bescheidenen Anfängen im Staat Acre im brasilianischen Amazonien wurde aus diesen zeitgenössischen religiösen Gruppen, die mit Santo Daime oder Chá Hoasca (dies sind die Namen, unter den Ayahuasca bei diesen Gruppen bekannt ist) kommunizieren, große internationale religiöse Bewegungen mit tausenden von Mitgliedern [Centro 1989; Henman 1986; Lowy 1987; MacRae 1992; Prance 1970]. Diese Kirchen und die afrikanische Bwiti-Religion, die auf dem entheogenen Sacrament eboka [Samorini 1992] basiert, stellen keinesfalls eine Verirrung oder einen Anachronismus dar. Ganz im Gegenteil repräsentieren sie die Zukunft des Christentums, das durch die entheogene Reformation von der Doktrin der Transsubstantiation befreit wurde und dessen Placebo-Sakrament durch das eine oder andere wahre Entheogen ersetzt wird!

Der "Pilztourismus", der Wassons Eindringen in das arcanum arcanorum auf dem Fuße folgte, profanisierte die wunderbaren Pilze, die zu gewöhnlichen touristischen Handelsobjekten wurden. Selbsternannte Schamanen führten falsche Pilzzeremonien für die ungeduldigen Touristen auf; die Pilze selber wurden ganz offen wie so viele billige Schmuckstücke und Souvenirs verkauft. Dies alles trägt wesentlich zum schnellen Sterben des archaischen Kultes bei [Ott 1975; Wasson 1977, 1980]. Einige Schamanen, auch María Sabina, mußten sogar in der Stadt Oaxaca Gefängnisstrafen wegen angeblicher Verführung zum Pilzhandel mit Touristen verbüßen [Estrada 1977], was so ziemlich das gleiche ist, wie den Papst wegen der Abgabe von Hostien und Wein in den Knast zu stecken. Möglicherweise trug die Verbreitung von Informationen über das häufige Vorkommen psilocybinhaltiger Pilze außerhalb Méxicos [Cooper 1977; Gartz 1993; Haard & Haard 1975; Menser 1977; Ott 1976, 1978; Ott & Bigwood 1978, 1985; Stamets 1978], zusammen mit der oben erwähnten Einführung der Technik zur Zucht psilocybinhaltiger Pilze im Haushalt [Harris 1976; Oss & Oeric 1975; Ott & Bigwood 1978, 1985; Stamets & Chilton 1983] dazu bei, daß diese unwillkommene Belästigung durch Außenstehende beendet wurde. Dies erlaubte es den so unangenehm beeinflußten Dörfern, wieder einigermaßen zur Normalität zurückzukehren und auf diese Weise unerwünschte Aufmerksamkeit offizieller Stellen von dem pilzlichen Pharmacotheon abzulenken.

Ethnobotanische, pharmakognostische und pharmakologische Studien von Ayahuasca begannen um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts herum und hatten bis in die späten sechziger Jahre dieses Jahrhunderts mehr oder weniger die einzigartige Pharmakologie dieses Dschungel-Amrta4 erhellt. Es zeigte sich, daß es sich um ein geniales kykeon5 bzw. eine Mischung zweier Pflanzenauszüge handelt, von denen einer Harmine und verwandte Enzymhemmer, der zweite N,N-Dimethyltryptamin (DMT) enthält, ein Entheogen, das gewöhnlich oral genommen inaktiv ist [McKenna et al. 1984a; Ott 1993]. Gleichzeitig stattgefundene phytochemische Studien, die zusammen mit der Ethnopharmakognosie von Ayahuasca in diesem Buch zusammengefaßt werden, hatten inzwischen gezeigt, daß DMT und die Ayahuasca-typischen natürlichen Enzymhemmer (die technisch als b-Carboline bekannt sind) alles andere als selten sind. In der Tat gibt es theoretisch mehrere Tausend möglicher Kombinationen zweier Pflanzenextrakte, die einen entheogenen Trank analog dem Ayahuasca ergeben würden. Dies sind die "Ayahuasca-Analoge" aus dem Titel dieses Buches, die auch schon als Ayahuasca borealis oder "nördliches Ayahuasca" bezeichnet wurden, um sie von dem vollständig tropisch-amazonischen Ayahuasca zu unterscheiden, das wir aus technischer Sicht Ayahuasca australis nennen müßten [McKenna 1992]. Als ich für mein gerade erschienenes Buch Pharmacotheon Forschungen zu Ayahuasca anstellte, fiel mir auf, daß es in der wissenschaftlichen Kenntnis der Pharmakognosie von Ayahuasca zahlreiche lacunae gibt. So unternahm ich eine anspruchsvolle Serie psychonautischer Versuche, die darauf angelegt waren, die Phamakologie dieses einzigartigen entheogenen Trankes zu erhellen. Ich bemühte mich nicht nur darum, die Effekte von Ayahuasca australis mit Hilfe der reinen Wirstoffe in "Ayahuasca-Kapseln" (Pharmahuasca) nachzuvollziehen. Ich versuchte auch diese Effekte hervorzurufen, indem ich einfach erhältliche Pflanzen gemäßigter Zonen benutzte, die zum Teil aus der Sicht des Chemikers sinnvollere Quellen von Ayahuasca sind, da sie viel höhere Konzentrationen an DMT und b-Carbolinen enthalten, als ihre amazonischen Prototypen. Dieses Buch ist die Frucht meiner Forschungen über das amazonische kykeon im praktischen Versuch, in Bibliotheken und im Labor.

Ich hoffe inbrünstig, daß dieses Buch zum Verschwinden des Ayahuasca-Tourismus in Amazonien beitragen wird. Dieser kann sich nur zerstörerisch auf den schnell schwindenden Rest präliterater Religiosität auswirken, der in einer modernen Welt darum kämpft, seinen Platz zu finden, während die falsche Art politischer Aufmerksamkeit auf Ayahuasca gelenkt wird. Außerdem bin ich ein unerbittlicher Gegner der Drogenprohibition, und denke, daß weitverbreiteter Gebrauch von Entheogenen in unserer Zeit die größte ökologische Hoffnung für die Menschheit an der Schwelle eines neuen Jahrtausends bedeuten würde. Ein neues Jahrtausend, das der Anfang eines neuen goldenen Zeitalters sein könnte oder die Fortsetzung und die furchtbare Kulmination eines kataklysmatischen biologischen und kulturellen Holocausts. Ich hoffe, daß die einfache, in jedem Haushalt durchführbare Technik, die in diesem Buch beschrieben wird, den letzten Nagel in den Sarg des bösen und heuchlerischen, bereits fünfzehnhundert-und-achtundneunzig Jahre alten Kreuzzuges zur Tilgung dieser Klasse von Drogen vom Angesicht der Erde treiben wird. Möge die Entheogene Reformation über die pharmakratische Inquisition die Oberhand behalten und zur spirituellen Wiedergeburt der Menschheit an der Brust unserer heiligen Mutter Gæa6 führen, wo für immer reichhaltig die Amrta, die Ambrosia, das Ayahuasca des ewigen Lebens fließen möge!

Jonathan Ott, F.L.S.
Ecuador-México-Spanien

Frühjahr 1992 - Winter 1994


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