Ein Nachwort des Verlegers
Zur Geschichte dieses Buches, Albert Hofmann in
Highdelberg und zum Lob des Schauens
Die Originalausgabe dieses Buches erschien als Festschrift zum 80. Geburtstag von Albert Hofmann unter dem Titel Gateways to Inner Space. Die deutschsprachige Übersetzung erschien dann 1992 im Verlag Bruno Martin in einer leicht erweiterten Fassung. Sie war um einen nicht-akademischen Beitrag ergänzt worden - meinen (siehe die Seiten 240-255). Es war mir ein Anliegen, Albert und seinen Freunden von der nicht-wissenschaftlichen (›alternativen‹?) Nutzung seiner Haupt(-Er)findung, seinem chemischen Sorgen- aber auch Lieblingskind zu berichten.
Den Verlag Bruno Martin gibt es leider nicht mehr. Ich kaufte die letzten tausend Kopien dieses Buches auf, und nachdem diese vergriffen waren, erwarb ich die Rechte für diese Neuauflage. Für einen kleinen Verlag wie die MedienXperimente ist es eine große Ehre und Freude, solch ein Buch verantworten zu dürfen. Nicht zuletzt, weil ich in den vergangenen Jahren mehrfach das Vergnügen hatte, Albert Hofmann, inzwischen über stolze 90 Jahre alt (oder jung?), durch mehrere Begegnungen besser kennen, schätzen und lieben zu lernen.
Am 8. Mai 1995, dem 50. Jahrestag der Kapitulation Deutschands, veranstaltete ich mit Sharon Levinson im Gemeindesaal der neuen Synagoge in Heidelberg einen öffentlichen Abend mit Christian Rätsch und Albert Hofmann. Einige Zeit vorher fragten wir Albert, der Anfang Mai aus einem anderen Grund allemal nach Heidelberg kommen wollte, ob wir auch ein Video-Interview mit ihm machen könnten. Er lehnte dies mit Hinweis auf sein Alter, die Reisestrapazen und schließlich dem Argument ab, er habe einfach genug solcher Interviews gegeben. No Problem. Um so größer die Überraschung, als er sich am Morgen des 8. Mai um acht Uhr bei Sharon meldete und ein Interesse an dem Interview offenbarte. Zu spät, der Video-Crew war abgesagt worden. So traf er sich mit Sharon ohne Video-Crew am ursprünglich geplanten Interview-Ort, dem alten Apotheker Museum im Heidelberger Schloß. Erst nach Stunden, dem aktiven Drogen Yin Yang von einigen Kaffees und entsprechend vielen Schnäpschen (Alkohol zieht die Zellen zusammen, Kaffee lockert sie wieder, so Albert) kamen beide wieder, sehr angeregt, vom Berg ...
Schon vor 20 Uhr war der Saal mit rund 300 Menschen übervoll... Es war mein Job, den noch draußen vor der Tür Wartenden klar zu machen, daß wir niemanden mehr hineinlassen können. »What do you mean, not even jewish people?« Das Publikum war eine angenehme Mischung von Psychonauten aller Altersschichten, von ewig jungen Hippies über gestandene Akademiker bis hin zu Vertretern der Techno-Szene. Ein wahrhaft festlicher Rahmen. Das empfand auch Albert so, und folglich verließ er nach ein paar Sätzen sein Redemanuskript und redete den halben Abend spontan, frei und sehr, sehr bewegend. Nach seinem Vortrag wollte die Schlange der Autogrammsammler, Danksager und Fragensteller nicht enden. Albert hatte für jeden ein offenes Ohr, das richtige Wort, die gewünschte Unterschrift. Unermüdlich und voller Herzens-Wärme. Zum anschließenden Essen in einem Restaurant kamen gut dreißig Leute mit, das Essen war fast so gut wie die Stimmung, doch nach und nach nahm die Zahl der Anwesenden nach Mitternacht rapide ab. Schließlich, um zwei Uhr morgens, waren wir noch zu dritt - plus Albert und seine liebenswürdige Frau Anita. Highdelberg und sein Schloß haben eine lange alchimistisch/psychedelisch/romantische Vergangenheit. Vom Winterkönig und den Alchimisten, über die Romantiker (1806 gab es hier eine Zeitschrift für Einsiedler!), Mark Twains witzige Erlebnisse und Abhandlungen, die illegale, doch qualitativ hochwertige LSD-Produktion der 60er Jahre, und in der Folge eine große Dealerszene, bis hin zu den Besuchen von Psychonauten wie den Grateful Dead, Tim Leary, Terence McKenna, Sasha Shulgin u.a. und schließlich dem großen psychedelischen Fachkongreß Welten des Bewußtseins, veranstaltet vom ECBS (Europäisches Collegium für Bewußtseins-Studien), dessen Ehrenvorsitzender Albert Hofmann ist, im Februar 1996. Die konservative örtliche Rhein-Neckar Zeitung berichtete über dieses Ereignis ausführlich: »Der Mensch sucht nach dem Zustand des Glücks, und vor allem die Jugend versucht, mit allen Mitteln glücklich zu sein, weiß Dr. Albert Hofmann, der vor 50 Jahren fast zufällig LSD entdeckte und so etwas wie ein Star des Kongresses in der ausverkauften Heidelberger Stadthalle ist. Der gerade 90 Jahre alt gewordene Hofmann, der Wert darauf legt, daß er ›kein Guru, sondern Chemiker‹ ist, weiß aber auch, daß der Mensch sein Glück finden kann, wenn er seine Antennen öffnet. ›Der große Sender ist die Wirklichkeit‹. Gegebenenfalls müsse der Mensch seine Empfänger entsprechend verstärken.« Als Ergänzung zu diesem wissenschaftlichem Kongreß veranstaltete ich zusammen mit John Beresford die 1. Internationale Konferenz über die Opfer im ›Krieg den Drogen‹. John war seinerzeit die erste Privatperson in Amerika, die ein Fläschchen reines LSD von der Firma Sandoz erstand. Einfach so. Am Inhalt dieses Fläschchens partizipierten viele, u.a. Allen Ginsberg, Donovan ... und Tim Leary. John geht als der Mensch in die Geschichte der Psychedelik ein, der als erster auf die Idee kam, LSD dosiert auf Zuckerstückchen zu tropfen. Er formulierte den Begriff ›Dropping Acid‹. Seit seiner Pensionierung widmet John seine Zeit vorwiegend wegen LSD und ähnlichen psychoaktiven Substanzen inhaftierten Menschen. (Siehe auch unser Heft Der blanke Horror, über die Zustände, die Angehörige von Opfern des Drogenkrieges in den USA erleben). Die Urteile, die in den USA verhängt werden, sind wahre Kriegsurteile. Wer sich weigert, gegen Angehörige auszusagen, kann mit Strafen von mehreren Dutzend Jahren rechnen - auch wenn die Strafe des eigentlichen Täters ungleich geringer ausfällt. Groß die Freude und Achtung, als, nach der anstrengenden viertägigen ECBS-Tagung, Albert Hofmann die Mühe auf sich nahm, auch bei unserer Knast-Konferenz zu erscheinen, zu der auch Ralph Metzner, Christian Rätsch und viele andere aus 14 Nationen gekommen waren. Ein Ergebnis dieser Versammlung war die einstimmige Verabschiedung der Heidelberger Deklaration, die inzwischen in mehreren Sprachen, im Internet und Zeitschriften dokumentiert und verbreitet wurde. John hatte aus den USA zehn Briefe von wegen LSD inhaftierten Kriegsgefangenen aus den USA für Albert mitgebracht. Der Grundtenor aller Briefe war: »Lieber Albert! Ich sitze hier XX Jahre / ein halbes Leben / ein ganzes Leben wg. LSD im Gefängnis. But don't worry. Ich danke Dir aus ganzem Herzen!« John verlas stellvertretend für alle einen davon. und es gab kaum eine Träne im Auditorium, die nicht floß. »Die Briefe der Gefangenen, die mir John weitergegeben hat, sind erschütternde Dokumente. Ich werde sie alle beantworten. Großes Lob auch für die Abfassung der Heidelberger Deklaration«, schrieb mir Albert anschließend. Doch nicht nur, daß er jene Briefe beantwortete, er gehörte zu den ersten Unterzeichnern der Deklaration und war der erste, der die ganze Aktion auch finanziell unterstützt hat. Was das wert ist, zeigt das Zitat des ehemaligen taz-Chefredakteurs Michael Sontheimer: »Wenn der olle Albert da mitmacht, ist es natürlich Pflicht zu unterschreiben.« Im Oktober 1996 wurde Albert Hofmann in San Francisco der Award des Committee on Unjust Sentencing verliehen. Begründung: »Albert Hofmann, Scientist, humanitarian, »Father of LSD‹ for his outspoken support of LSD Prisoners in the United States.« Daß Albert Hofmann schon lange den gläsernen Turm der Wissenschaft verlassen hatte, davon zeugen auch seine Schriften. Nicht nur als Chemiker beschritt er andere Dimensionen. Ihm war und ist vor allem an der Erkenntnis, dem Schauen der Ganzheit gelegen. »Was ist wahr, das Bild der Wirklichkeit, das uns die Naturwissenschaften erschließen, oder jenes, das der Mystiker in seiner Schau erlebt? So kann man nur fragen, wenn man meint - und das ist wohl die allgemein vorherrschende Meinung - Naturwissenschaft und mystische Welterfahrung würden sich erkenntnismäßig ausschließen. Das ist aber nicht der Fall. Im Gegenteil, Naturwissenschaft und mystische Welterfahrung ergänzen sich. Das aufzuzeigen, ist der Sinn meiner Ausführungen.« Bei den zitierten Ausführungen handelt es sich um eine ›Volkspredigt‹, die er vor Jahren in der Leonards-Kirche in Basel gehalten hat, und die als Der Jubiläums-Grüne Zweig 150 unter dem Titel »Naturwissenschaft & mystische Welterfahrung« von uns publiziert wurde. Hier prangert er die Entwicklung unserer Zivilisation an: »Fast noch schlimmer als der praktische Mißbrauch von Erkenntnissen der Naturwissenschaften, der zur Technisierung, Industrialisierung und Zerstörung weiter Lebensbereiche geführt hat, ist der geistige Schaden solcher nihilistischen Theorien. Sie entziehen dem Leben die geistigen und religiösen Grundlagen und lassen den Menschen in der Einsamkeit und Ungeborgenheit einer total technischen Welt zurück. «Ältere Herren tendieren angesichts solcher Erkenntnisse (zu) oft zu negativen Schlüssen. Nicht so Albert Hofmann. Er schwärmt von der Botschaft der Schöpfung, von der »Botschaft aus erster Hand. Es ist die Botschaft der Unendlichkeit des Sternenhimmels und der Schönheit unserer Erde, mit all ihren wunderschönen Geschöpfen. Die Naturwissenschaft entziffert immer neue Texte aus dieser Botschaft, und der religiöse Mensch erfährt in der Meditation, in der mystischen Schau ihre Ganzheit und damit das Wunder unserer Existenz. Das könnte die Grundlage einer neuen, erdumfassenden Spiritualität werden.« Er schließt seine Abhandlung mit einem Zitat von Rabindranath Tagore: »Durch den Fortschritt der Naturwissenschaft wird die Ganzheit der Welt und unser Einssein mit ihr unserem Geist immer klarer. Wenn diese Erkenntnis von der vollkommenen Einheit nicht nur eine intellektuelle Erkenntnis ist, wenn sie unser ganzes Sein erschließt für ein helles Allbewußtsein, dann wird sie zu strahlender Freude, zu einer allumfassenden Liebe.« Zu seinem 90. Geburtstag hat Albert Hofmann ein eigenes Büchlein verlegt. »In mir erwachte der Wunsch, zu einem so hohen Geburtstagsjubiläum, an dem man nicht mehr schön ist, irgendetwas Schönes zu gestalten und mit Gedanken und Einsichten, die dem Alter zustehen, irgendwie zu verbinden.« Es entstand eine vierfarbige Preziose: Lob des Schauens. Seine Texte sind durch wahrhaft wunderschöne Fotos eines alten Chemikerkollegen ergänzt worden, der sich dem Fotografieren von Flora und Fauna verschrieben hat. Zu sehen sind mehr als zwei Dutzend verschiedene Schmetterlinge, wie sie sich auf der Wiese vor Alberts Haus auf Blumen tummeln. Geradezu paradiesisch: »Durch Schauen erweitert sich unser Bewußtsein vom Wunder der Schöpfung und unserer Geschöpflichkeit. Da die Evolution der Menschen parallel geht mit der Erweiterung des Bewußtseins, kommt der Vervollkommnung des Sehens zum Schauen die allerhöchste Bedeutung zu. Am Sehen lassen sich bis zur Entwicklung zum Schauen verschiedene Stufen unterscheiden. Den Anfang bildet das bloße Wahrnehmen eines Objektes, ohne daß dieses unser Interesse weckt. Die zweite Stufe besteht darin, daß das Objekt unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. In der dritten Stufe wird das Objekt genauer betrachtet und untersucht. Hier beginnt das Denken und die wissenschaftliche Erforschung. Die höchste Stufe des Sehens, der Beziehung ganz allgemein zu einem Objekt und zur Außenwelt überhaupt, ist dann erreicht, wenn die Grenze zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Betrachter und Betrachtetem, zwischen mir und der Außenwelt bewußtseinsmäßig aufgehoben ist, wenn ich mit der Welt und ihrem geistigen Urgrund eins geworden bin. Das ist der Zustand der Liebe. Die höchste Stufe des Sehens ist Liebe. Umgekehrt kann Liebe definiert werden als die höchste Stufe des Sehens. Höheres Lob kann man dem zum Schauen gesteigerten Sehen nicht spenden.« Wenn man Albert Hofmann sieht, erschaut man einen rüstigen, schönen, ausgeglichenen, freundlichen, zeitlosen Alten, wobei ›Alter‹ hier im Sinne von Elder gemeint ist. ›Alter‹ nicht als Summe von Zahlen, sondern als Maß der Weisheit. In unserer Kultur ist es ja leider nicht mehr selbstverständlich, daß ›Alter‹ gleichzusetzen ist mit Weisheit. Und wer von den Jüngeren denkt schon ans Altern. Aber kaum jemand, der Albert Hofmann erlebt, verspürt nicht den Wunsch, so würdevoll zu reifen wie er. So die Fähigkeiten des Schauens ins tägliche Leben umsetzen zu können, ohne dabei abzuheben. »Warum schreibt jemand in unserer Zeit ein Büchlein, das dem Lob des Schauens gilt, wo die heutige Welt fast überall, wo man hinschaut, wenig Erfreuliches zu bieten hat? Täglich berichten die Massenmedien von Kriegen, Katastrophen, Not, Elend und Umweltzerstörung; und auch im eigenen Land steht längst nicht mehr alles zum besten. Aber schuld an all diesem Übel ist der Mensch selbst. Ihm ward die Schöpfung mit ihrem ganzen Reichtum in eigene Verantwortung übergeben.« Albert Hofmann hat sich, wie wenig andere, dieser Verantwortung gestellt und seinen Teil dazu beigetragen, daß auch andere sich dieser Verantwortung bewußt wurden, das Tor zu inneren Räumen durchschritten und zurückkehrten, um die dort gewonnenen Erkenntnisse ins alltägliche Leben zu integrieren. Mein Dank, dem sich sicherlich viele anschließen werden, ist grenzenlos. Werner Pieper Sept. 96, Brighton
Nach seinem Vortrag wollte die Schlange der Autogrammsammler, Danksager und Fragensteller nicht enden. Albert hatte für jeden ein offenes Ohr, das richtige Wort, die gewünschte Unterschrift. Unermüdlich und voller Herzens-Wärme. Zum anschließenden Essen in einem Restaurant kamen gut dreißig Leute mit, das Essen war fast so gut wie die Stimmung, doch nach und nach nahm die Zahl der Anwesenden nach Mitternacht rapide ab. Schließlich, um zwei Uhr morgens, waren wir noch zu dritt - plus Albert und seine liebenswürdige Frau Anita.
Highdelberg und sein Schloß haben eine lange alchimistisch/psychedelisch/romantische Vergangenheit. Vom Winterkönig und den Alchimisten, über die Romantiker (1806 gab es hier eine Zeitschrift für Einsiedler!), Mark Twains witzige Erlebnisse und Abhandlungen, die illegale, doch qualitativ hochwertige LSD-Produktion der 60er Jahre, und in der Folge eine große Dealerszene, bis hin zu den Besuchen von Psychonauten wie den Grateful Dead, Tim Leary, Terence McKenna, Sasha Shulgin u.a. und schließlich dem großen psychedelischen Fachkongreß Welten des Bewußtseins, veranstaltet vom ECBS (Europäisches Collegium für Bewußtseins-Studien), dessen Ehrenvorsitzender Albert Hofmann ist, im Februar 1996.
Die konservative örtliche Rhein-Neckar Zeitung berichtete über dieses Ereignis ausführlich: »Der Mensch sucht nach dem Zustand des Glücks, und vor allem die Jugend versucht, mit allen Mitteln glücklich zu sein, weiß Dr. Albert Hofmann, der vor 50 Jahren fast zufällig LSD entdeckte und so etwas wie ein Star des Kongresses in der ausverkauften Heidelberger Stadthalle ist. Der gerade 90 Jahre alt gewordene Hofmann, der Wert darauf legt, daß er ›kein Guru, sondern Chemiker‹ ist, weiß aber auch, daß der Mensch sein Glück finden kann, wenn er seine Antennen öffnet. ›Der große Sender ist die Wirklichkeit‹. Gegebenenfalls müsse der Mensch seine Empfänger entsprechend verstärken.«
Als Ergänzung zu diesem wissenschaftlichem Kongreß veranstaltete ich zusammen mit John Beresford die 1. Internationale Konferenz über die Opfer im ›Krieg den Drogen‹. John war seinerzeit die erste Privatperson in Amerika, die ein Fläschchen reines LSD von der Firma Sandoz erstand. Einfach so. Am Inhalt dieses Fläschchens partizipierten viele, u.a. Allen Ginsberg, Donovan ... und Tim Leary. John geht als der Mensch in die Geschichte der Psychedelik ein, der als erster auf die Idee kam, LSD dosiert auf Zuckerstückchen zu tropfen. Er formulierte den Begriff ›Dropping Acid‹. Seit seiner Pensionierung widmet John seine Zeit vorwiegend wegen LSD und ähnlichen psychoaktiven Substanzen inhaftierten Menschen. (Siehe auch unser Heft Der blanke Horror, über die Zustände, die Angehörige von Opfern des Drogenkrieges in den USA erleben). Die Urteile, die in den USA verhängt werden, sind wahre Kriegsurteile. Wer sich weigert, gegen Angehörige auszusagen, kann mit Strafen von mehreren Dutzend Jahren rechnen - auch wenn die Strafe des eigentlichen Täters ungleich geringer ausfällt.
Groß die Freude und Achtung, als, nach der anstrengenden viertägigen ECBS-Tagung, Albert Hofmann die Mühe auf sich nahm, auch bei unserer Knast-Konferenz zu erscheinen, zu der auch Ralph Metzner, Christian Rätsch und viele andere aus 14 Nationen gekommen waren. Ein Ergebnis dieser Versammlung war die einstimmige Verabschiedung der Heidelberger Deklaration, die inzwischen in mehreren Sprachen, im Internet und Zeitschriften dokumentiert und verbreitet wurde.
John hatte aus den USA zehn Briefe von wegen LSD inhaftierten Kriegsgefangenen aus den USA für Albert mitgebracht. Der Grundtenor aller Briefe war: »Lieber Albert! Ich sitze hier XX Jahre / ein halbes Leben / ein ganzes Leben wg. LSD im Gefängnis. But don't worry. Ich danke Dir aus ganzem Herzen!« John verlas stellvertretend für alle einen davon. und es gab kaum eine Träne im Auditorium, die nicht floß.
»Die Briefe der Gefangenen, die mir John weitergegeben hat, sind erschütternde Dokumente. Ich werde sie alle beantworten. Großes Lob auch für die Abfassung der Heidelberger Deklaration«, schrieb mir Albert anschließend. Doch nicht nur, daß er jene Briefe beantwortete, er gehörte zu den ersten Unterzeichnern der Deklaration und war der erste, der die ganze Aktion auch finanziell unterstützt hat. Was das wert ist, zeigt das Zitat des ehemaligen taz-Chefredakteurs Michael Sontheimer: »Wenn der olle Albert da mitmacht, ist es natürlich Pflicht zu unterschreiben.«
Im Oktober 1996 wurde Albert Hofmann in San Francisco der Award des Committee on Unjust Sentencing verliehen. Begründung: »Albert Hofmann, Scientist, humanitarian, »Father of LSD‹ for his outspoken support of LSD Prisoners in the United States.«
Daß Albert Hofmann schon lange den gläsernen Turm der Wissenschaft verlassen hatte, davon zeugen auch seine Schriften. Nicht nur als Chemiker beschritt er andere Dimensionen. Ihm war und ist vor allem an der Erkenntnis, dem Schauen der Ganzheit gelegen. »Was ist wahr, das Bild der Wirklichkeit, das uns die Naturwissenschaften erschließen, oder jenes, das der Mystiker in seiner Schau erlebt? So kann man nur fragen, wenn man meint - und das ist wohl die allgemein vorherrschende Meinung - Naturwissenschaft und mystische Welterfahrung würden sich erkenntnismäßig ausschließen. Das ist aber nicht der Fall. Im Gegenteil, Naturwissenschaft und mystische Welterfahrung ergänzen sich. Das aufzuzeigen, ist der Sinn meiner Ausführungen.«
Bei den zitierten Ausführungen handelt es sich um eine ›Volkspredigt‹, die er vor Jahren in der Leonards-Kirche in Basel gehalten hat, und die als Der Jubiläums-Grüne Zweig 150 unter dem Titel »Naturwissenschaft & mystische Welterfahrung« von uns publiziert wurde. Hier prangert er die Entwicklung unserer Zivilisation an: »Fast noch schlimmer als der praktische Mißbrauch von Erkenntnissen der Naturwissenschaften, der zur Technisierung, Industrialisierung und Zerstörung weiter Lebensbereiche geführt hat, ist der geistige Schaden solcher nihilistischen Theorien. Sie entziehen dem Leben die geistigen und religiösen Grundlagen und lassen den Menschen in der Einsamkeit und Ungeborgenheit einer total technischen Welt zurück. «Ältere Herren tendieren angesichts solcher Erkenntnisse (zu) oft zu negativen Schlüssen. Nicht so Albert Hofmann. Er schwärmt von der Botschaft der Schöpfung, von der »Botschaft aus erster Hand. Es ist die Botschaft der Unendlichkeit des Sternenhimmels und der Schönheit unserer Erde, mit all ihren wunderschönen Geschöpfen. Die Naturwissenschaft entziffert immer neue Texte aus dieser Botschaft, und der religiöse Mensch erfährt in der Meditation, in der mystischen Schau ihre Ganzheit und damit das Wunder unserer Existenz. Das könnte die Grundlage einer neuen, erdumfassenden Spiritualität werden.« Er schließt seine Abhandlung mit einem Zitat von Rabindranath Tagore: »Durch den Fortschritt der Naturwissenschaft wird die Ganzheit der Welt und unser Einssein mit ihr unserem Geist immer klarer. Wenn diese Erkenntnis von der vollkommenen Einheit nicht nur eine intellektuelle Erkenntnis ist, wenn sie unser ganzes Sein erschließt für ein helles Allbewußtsein, dann wird sie zu strahlender Freude, zu einer allumfassenden Liebe.«
Zu seinem 90. Geburtstag hat Albert Hofmann ein eigenes Büchlein verlegt. »In mir erwachte der Wunsch, zu einem so hohen Geburtstagsjubiläum, an dem man nicht mehr schön ist, irgendetwas Schönes zu gestalten und mit Gedanken und Einsichten, die dem Alter zustehen, irgendwie zu verbinden.« Es entstand eine vierfarbige Preziose: Lob des Schauens. Seine Texte sind durch wahrhaft wunderschöne Fotos eines alten Chemikerkollegen ergänzt worden, der sich dem Fotografieren von Flora und Fauna verschrieben hat. Zu sehen sind mehr als zwei Dutzend verschiedene Schmetterlinge, wie sie sich auf der Wiese vor Alberts Haus auf Blumen tummeln. Geradezu paradiesisch:
»Durch Schauen erweitert sich unser Bewußtsein vom Wunder der Schöpfung und unserer Geschöpflichkeit. Da die Evolution der Menschen parallel geht mit der Erweiterung des Bewußtseins, kommt der Vervollkommnung des Sehens zum Schauen die allerhöchste Bedeutung zu.
Am Sehen lassen sich bis zur Entwicklung zum Schauen verschiedene Stufen unterscheiden.
Den Anfang bildet das bloße Wahrnehmen eines Objektes, ohne daß dieses unser Interesse weckt.
Die zweite Stufe besteht darin, daß das Objekt unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht.
In der dritten Stufe wird das Objekt genauer betrachtet und untersucht. Hier beginnt das Denken und die wissenschaftliche Erforschung.
Die höchste Stufe des Sehens, der Beziehung ganz allgemein zu einem Objekt und zur Außenwelt überhaupt, ist dann erreicht, wenn die Grenze zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Betrachter und Betrachtetem, zwischen mir und der Außenwelt bewußtseinsmäßig aufgehoben ist, wenn ich mit der Welt und ihrem geistigen Urgrund eins geworden bin. Das ist der Zustand der Liebe. Die höchste Stufe des Sehens ist Liebe. Umgekehrt kann Liebe definiert werden als die höchste Stufe des Sehens.
Höheres Lob kann man dem zum Schauen gesteigerten Sehen nicht spenden.«
Wenn man Albert Hofmann sieht, erschaut man einen rüstigen, schönen, ausgeglichenen, freundlichen, zeitlosen Alten, wobei ›Alter‹ hier im Sinne von Elder gemeint ist. ›Alter‹ nicht als Summe von Zahlen, sondern als Maß der Weisheit. In unserer Kultur ist es ja leider nicht mehr selbstverständlich, daß ›Alter‹ gleichzusetzen ist mit Weisheit. Und wer von den Jüngeren denkt schon ans Altern. Aber kaum jemand, der Albert Hofmann erlebt, verspürt nicht den Wunsch, so würdevoll zu reifen wie er. So die Fähigkeiten des Schauens ins tägliche Leben umsetzen zu können, ohne dabei abzuheben.
»Warum schreibt jemand in unserer Zeit ein Büchlein, das dem Lob des Schauens gilt, wo die heutige Welt fast überall, wo man hinschaut, wenig Erfreuliches zu bieten hat? Täglich berichten die Massenmedien von Kriegen, Katastrophen, Not, Elend und Umweltzerstörung; und auch im eigenen Land steht längst nicht mehr alles zum besten. Aber schuld an all diesem Übel ist der Mensch selbst. Ihm ward die Schöpfung mit ihrem ganzen Reichtum in eigene Verantwortung übergeben.«
Albert Hofmann hat sich, wie wenig andere, dieser Verantwortung gestellt und seinen Teil dazu beigetragen, daß auch andere sich dieser Verantwortung bewußt wurden, das Tor zu inneren Räumen durchschritten und zurückkehrten, um die dort gewonnenen Erkenntnisse ins alltägliche Leben zu integrieren. Mein Dank, dem sich sicherlich viele anschließen werden, ist grenzenlos.
Werner Pieper
Sept. 96, Brighton