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Edition Rauschkunde
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Speisen der Götter
Terence McKenna, laut Tim Leary "ein wortgewaltiger und phantasievoller Poet der psychedelischen Erfahrung", offeriert uns mit diesem Buch eine radikale Geschichte von Pflanzen, Drogen und der Entwicklung derMenschheit.
Er schaut auf die Geschichte des Drogengebrauchs zurück, vom altertümlichen Gewürzhandel, von Cannabis und Kokain und verfeinerten modernen Substanzen bis hin zum ultimativen Einstöpsel-Beschwichtiger-TeleVision. Er bietet uns einen Masterplan, um zeitgenössische Drogenprobleme zu lösen, untersucht, warum es verboten ist, dem Verlangen nach Glückseligkeit zu folgen, wenn diesem durch Pflanzen aus Gottes Natur nachgeholfen wird. Seine Theorien sind leicht nachvollziehbar, erhellend und grundlegend.

"Er beharrt darauf, daß magische Pilze ein Weg zum ›irdischen Bewußtsein‹ des Planeten seien, zur kollektiven Stimme der Erde als Ökosystem. Was der Pilz sagt, so McKenna, sei, daß der Planet in Lebensgefahr ist und daß etwas getan werden muß. Und daß psychedelische Drogen der Weg voran sind … McKenna formuliert seine Ansprüche auf psychedelische Drogen in seinen konsequent durchdachten, gedankenreich annotierten Büchern, aus denen ein breites Spektrum an Gelehrsamkeit spricht …" Welt am Sonntag.

Übersetzt von Gunter Seipel



Inhalt

EINFÜHRUNG:
EIN MANIFEST NEUER ÜBERLEGUNGEN ZUM THEMA DROGEN 13
Eine schmerzhafte Neubewertung
Das Wiederbeleben des Archaischen
Ein neues Manifest
Das Erbe der Herrschaftskultur
 
PARADIES  
1. SCHAUPLATZ SCHAMANISMUS 25
Schamanismus und gewöhnliche Religion
Ekstasetechniken
Eine Welt aus Sprache
Höherdimensionale Realität
Ein schamanisches Mem
Schamanismus und die verlorene archaische Welt
 
2. DIE MAGIE IN DER KOST 39
Es war einmal ein zottiger Menschenaffe...
Du bist, was du ißt
Symbiose
Die Evolution des Menschen in neuem Licht
Das tatsächlich fehlende Glied in der Evolutionskette
Drei große Schritte für die Menschheit
Weg von Lamarck
Auf den Geschmack gekommen
 
3. DIE SUCHE NACH DEM URSPRÜNGLICHEN BAUM DER ERKENNTNIS 60
Halluzinogene als fehlendes Glied in der Evolutionskette
Die Suche nach dem Baum der Erkenntnis
Welche Pflanzen kommen in die engere Wahl
Die Urpflanze
Was sind pflanzliche Halluzinogene?
Das Transzendente Andere
 
4. PFLANZEN UND PRIMATEN: ANSICHTSKARTEN AUS EINER BERAUSCHTEN STEINZEIT 74
Die Einzigartigkeit des Menschen
Das kognitive Potential des Menschen
Umwandlungen der Affen
Das Auftauchen der menschlichen Vorstellungskraft in der Vorgeschichte
Strukturen und Begreifen
Bewußtseinskatalyse
Und das Fleisch wurde Wort
Frauen und Sprache
 
5. GEWOHNHEIT ALS KULTUR UND RELIGION 91
Ekstase
Schamanismus als Katalysator gesellschaftlicher Prozesse
Der Monotheismus
Pathologischer Monotheismus
Archaische Sexualität
Ibogain bei den Fang
Kontraste in der Sexualpolitik
 
6. DIE HOCHEBENEN VON EDEN 105
Das Tassili-Plateau
Die Rundkopfzivilisation
Das wiedergefundene Paradies?
Eine Kultur als fehlendes Glied in der Evolutionskette
Der afrikanische Ursprung
Çatal Hüyük
Der entscheidende Unterschied
Die Intelligenz der Pflanzen
Gaia-Holismus
 

DAS VERLORENE PARADIES
 
   
7. DIE SUCHE NACH SOMA: DAS GOLDENE RÄTSEL DER VEDEN 135
Kontaktaufnahme mit der Intelligenz hinter der Natur
Was ist Soma?
Haoma und die Zoroaster
Haoma und Harmalin
Die Fliegenpilztheorie der Wassons
Einwände gegen den Fliegenpilz
Wasson: Die Widersprüche in seiner Theorie und andere Kandidaten für Soma aus dem Reich der Pilze
Peganum harmala als Soma
Soma als männlicher Mondgott
Soma und das Rind
Wassons Zweifel
Eine plausiblere Erklärung
Die Indoeuropäer
 
8. SCHWINDENDES LICHT ÜBER EDEN: DAS MINOISCHE KRETA UND DAS ELEUSINISCHE MYSTERIUM 162
Die Preisgabe des Mysteriums
Der Niedergang Çatal Hüyüks und das Zeitalter des Königtums
Minoische Pilzphantasien
Der Mythos von Glaukos
Honig und Opium
Das Bindeglied Dionysos
Das Eleusinische Mysterium
Ein psychedelisches Mysterium?
Die Theorie vom Mutterkornbier
Ranke-Graves Psilocybin-Theorie
Ein historischer Wendepunkt
 
9. ALKOHOL UND DIE ALCHIMIE GEISTIGER GETRÄNKE
181
Die Sehnsucht nach dem Paradies
Alkohol und Honig
Der Wein und die Frau
Natürliche und synthetische Drogen
Alchimie und Alkohol
Geißel Alkohol
Alkohol und das Weibliche
Sexuelle Klischees und Alkohol
 
10. DIE BALLADE DER TRAUMWEBER: CANNABIS UND KULTUR
195
Haschisch
Die Skythen
Indien und China
Cannabis als Kulturstil
Cannabis in der Antike
Cannabis und die Sprache des Geschichtenerzählens
Cannabis in Europa und die Versessenheit auf den Orient
Cannabis und das Amerika des neunzehnten Jahrhunderts
Die Entwicklung der Einstellungen zu Drogen
Fitz Hugh Ludlow
Cannabis im zwanzigsten Jahrhundert
 
   
HÖLLE
 
   
11. WOHLBEHAGLICHES IM MORGENROCK: ZUCKER, KAFFEE, TEE UND KAKAO
215
Geschmackserweiterung
Ein fade schmeckendes Leben
Noch ein wenig Zucker dazu?
Zucker als Sucht
Zucker und Sklaverei
Zucker und der Stil der Herrschaftsgesel-lschaft
Die Drogen der Vornehmen
Kaffee und Tee: Neue Alternativen zum Alkohol
Es braut sich etwas zusammen: Tee und Revolution
Kreisläufe der Ausbeutung
Kaffee
Kontra Kaffee
Kakao
 
12. RAUCH VERNEBELT DEN BLICK: OPIUM UND TABAK
238
Paradoxe Einstellungen
Europa führt das Rauchen ein
Die alte Verlockung des Opiums
Alchimistisches Opium
Die Reduzierung des Tabaks
Schamanentabak
Tabak als Medizin der Quacksalber
Gegen den Tabak
Der Triumphzug des Tabaks
Die Opiumkriege
Opium und Kulturstil: De Quincey
Die Anfänge der Psychopharmakologie
 
13. SYNTHETISCHE DROGEN: HEROIN, KOKAIN UND DAS FERNSEHEN
260
Harte Betäubungsdrogen
Kokain: Entsetzen in Weiß
Pro Kokain
Die moderne Hysterie gegenüber Drogen
Drogen und Regierungen
Drogen und internationale Geheimdienste
Elektronische Drogen
Der heimliche Verführer
 
   
DAS ZURÜCKGEWONNENE PARADIES?
 
   
14. ZUR GESCHICHTE PSYCHEDELISCHER DROGEN
278
Die Halluzinogene der Neuen Welt
Ayahuasca
Der Vater der Psychopharmako-logie
Die Freuden des Meskalin
Eine moderne Renaissance
Das Geraune um einen Pilz der Neuen Welt
Die Erfindung des LSD
Der Deckel ist weg, die Büchse der Pandora ist offen
LSD und die psychedelischen Sechziger
Richard Schultes und die halluzinogenen Pflanzen
Leary in Harvard
Psilocybin: Psychedelische Drogen in den Siebzigern
Die eigentliche Bedeutung und die Auswirkungen psychedelischer Drogen
Das Problembewußtsein der Öffentlichkeit
 
15. AUSBLICKE AUF DAS ARCHAISCHE PARADIES
304
Das Wahlangebot an wirklicher Welt
Triftige Gründe für halluzinogene Tryptamine
Wie fühlt es sich denn an?
Im Angesicht der Lösung
Das Modell Tintenfisch
Kunst und die Revolution
Bewußtseinserweiterung
Der Krieg gegen das Rauschgift
Der Hyperraum und die Freiheit des Menschen
Das Neue daran
Die DMT-Erfahrung
Der Hyperraum und die Gesetzgebung
Begegnungen mit einer bemerkenswerten Überseele
Unsere wiedergefundenen Ursprünge
Der Beitrag der Fundamentalisten
Der Streit um die Legalisierung
Ein bescheidener Vorschlag
 
EPILOG: INNEN WIE AUSSEN SCHAUEN WIR AUF EIN MEER AUS STERNEN
335
Wenn nicht wir, wer dann? Wenn nicht jetzt, wann denn?
Den Ausweg finden
Von den Graslandschaften zum Weltraumschiff
Tief in der Vision warten wir schon auf uns
 
ANMERKUNGEN
341
GLOSSAR
352
STICHWORTVERZEICHNIS
357


EINFÜHRUNG:
EIN MANIFEST NEUER ÜBERLEGUNGEN ZUM THEMA DROGEN

Die planetarische Kultur wird von einem Schreckgespenst heimgesucht - dem Schreckgespenst der Drogen. Die durch die Renaissancebewegung geschaffene Definition der Menschenwürde, die sich zu den demokratischen Werten der modernen Zivilisation des Westens entwickelte, scheint sich am Punkt der Auflösung zu befinden. Aus den großen Medien tönt es in voller Lautstärke: Die Fähigkeit des Menschen zu zwanghaftem Verhalten und zur Sucht ist eine satanische Ehe mit der modernen Pharmakologie, dem Marketing und schnellen Transportmitteln eingegangen. Bis vor kurzem unbedeutende Formen einer Nutzung chemischer Substanzen konkurrieren jetzt offen auf einem globalen Marktplatz miteinander, auf dem es keine Regeln gibt. Ganze Regierungen und Nationen der Dritten Welt stehen im Bann legaler und illegaler Handelsgüter, die zwanghaftes Verhalten fördern. Diese Situation ist nicht neu; sie verschlechtert sich jedoch. Bis vor gar nicht so langer Zeit waren die internationalen Drogenkartelle gehorsame Diener der Regierungen und Geheimdienste, die die Kartelle dazu geschaffen hatten, Quellen für 'unsichtbare' Gelder zu suchen, mit denen ihre Art des institutionalisierten Zwangsverhaltens finanziert wurde.1 Durch den beispiellosen Anstieg der Nachfrage nach Kokain gleichen diese Drogenkartelle heute bösartigen, von der Herde verstoßenen Elefanten, angesichts deren Macht selbst ihre Schöpfer allmählich unruhig werden.2 Von allen Seiten dringt das traurige Spektakel der 'Drogenkriege' auf uns ein. Diese Kriege werden von den gleichen Regierungsinstitutionen geführt, die üblicherweise durch ihre Lethargie und Unwirksamkeit wie gelähmt sind oder offenkundig gemeinsame Sache mit den internationalen Drogenkartellen machen, die sie vor dem Druck der Öffentlichkeit zu zerschlagen gelobten.

In diese Situation eines allgemeinen Gebrauchs wie Mißbrauchs von Drogen kann kein Licht fallen, solange wir unsere gegenwärtige Lage nicht einer schonungslosen Neubewertung unterziehen und einige alte, fast vergessene, Verhaltensweisen und Erfahrungsmuster im Umgang mit Drogen untersuchen. Dieser Aufgabe können wir gar nicht genug Bedeutung beimessen. In Eigenregie psychoaktive Substanzen zu nehmen, wird in wachsendem Maße zu einem Bestandteil der zukünftigen Entfaltung globaler Kultur werden.

Eine schmerzhafte Neubewertung

Am Anfang jeder Neubewertung unseres Gebrauchs von Substanzen muß der Begriff der Gewohnheit stehen, "einer ständigen Neigung oder verfestigten Handlungsweise". Vertraut, sich dauernd wiederholend und größtenteils nicht Gegenstand einer Überprüfung, ist Gewohnheit einfach das, was wir tun. "Der Mensch ist ein Gewohnheitstier", sagt der Volksmund. Auch Kultur besteht zum großen Teil aus Gewohnheiten, die wir von den Eltern und den Menschen um uns herum gelernt haben und die langsam durch Veränderungen der Lebensbedingungen und inspirierten Neuerungen modifiziert werden.

Wie langsam diese kulturellen Umwandlungsprozesse scheinbar auch ablaufen mögen, im Kontrast zu den sich langsamer als Gletscherbewegungen vollziehenden Modifikationen einer Spezies oder eines Ökosystems präsentiert sich Kultur als ein fortwährendes Spektakel wilder Neuerungen. Wenn uns Natur das Prinzip der Wirtschaftlichkeit vor Augen führt, dann veranschaulicht Kultur sicherlich das Prinzip einer durch Exzess bewirkten Neuerung. Wenn uns Gewohnheiten vereinnahmen, wenn unsere Hingabe an sie die kulturell definierten Normen übersteigt, bezeichnen wir sie als Zwänge. In solchen Situationen haben wir das Gefühl, daß die nur dem Menschen eigentümliche Dimension des freien Willens irgendwie beeinträchtigt wurde. Ein Zwangsverhalten können wir in fast jeder Hinsicht entwickeln: Das Lesen der Morgenzeitung kann genauso zum Zwang werden wie die Besessenheit von materiellen Objekten (beim Sammler), von Land und Eigentum (beim Gründer eines Imperiums) oder von der Macht über andere Menschen (beim Politiker).

Viele von uns sind ja vielleicht Sammler, nur wenige von uns haben jedoch die Gelegenheit, unserer Besessenheit so weit zu frönen, daß wir ein Imperium gründen oder Politiker werden. Der normale Mensch neigt dazu, seine Besessenheit auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, und zwar auf den Bereich unmittelbarer Befriedigung durch Sex, Nahrung und Drogen. Bewirken chemische Bestandteile der Nahrung und Drogen (auch Metabolite genannt) zwanghaftes Verhalten, wird das als Sucht bezeichnet.

Sucht und Zwangshandlungen gibt es nur bei Menschen. Gewiß, es gibt genügend Anekdoten, die den Gedanken unterstützen, daß es auch bei Elefanten, Schimpansen und einigen Schmetterlingen eine Vorliebe für Rauschzustände gibt.3 Wir sehen jedoch, daß es wie bei der Gegenüberstellung der linguistischen Fähigkeiten von Schimpansen oder Delphinen und der Sprache des Menschen riesige Unterschiede zwischen dem entsprechenden Verhalten der Tiere und dem der Menschen gibt. Gewohnheit. Zwangsverhalten. Sucht. Diese Begriffe sind Wegmarken auf der Bahn eines immer weiter dahinschwindenden freien Willens. Der Begriff der Sucht beinhaltet das völlige Fehlen der Kraft des freien Willens, und in unserer Kultur wird Sucht jeglicher Art als ernste Sache angesehen - insbesondere bei einem exotischen oder unüblichen Suchtverhalten. Im neunzehnten Jahrhundert wurde der Opiumsüchtige im Englischen mit dem Begriff 'opium fiend' bezeichnet, wobei 'fiend' in der Bedeutung von 'Erzfeind' oder 'Satan' die Vorstellung einer dämonischen Besessenheit durch eine kontrollierende Kraft von außen anklingen läßt. Im zwanzigsten Jahrhundert wurde der Süchtige als besessene Person durch die Vorstellung von der Sucht als Krankheit ersetzt. Bei dieser Vorstellung ist der freie Wille endgültig zu einem Nichts zusammengeschrumpft. Für Krankheiten, die wir erben oder die wir uns zuziehen können, gelten wir ja schließlich auch nicht als verantwortlich.

Die chemische Abhängigkeit des Menschen spielt heute jedoch eine viel bewußtere Rolle bei der Ausbildung und Aufrechterhaltung kultureller Werte als je zuvor. Seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hat die organische Chemie Forschern, Ärzten und letztendlich jedem immer schneller und effizienter eine unendliche Fülle synthetischer Drogen an die Hand gegeben. Diese Drogen sind stärker, wirksamer, wirken länger und rufen in einigen Fällen eine um ein Vielfaches stärkere Sucht hervor als ihre natürlichen Verwandten. (Eine Ausnahme ist Kokain, das ausgesprochen zerstörerisch wirkt, wenn man es aufbereitet, konzentriert und injiziert, obwohl es sich dabei um ein natürliches Produkt handelt.) Das Aufkommen einer globalen Informationskultur hat zur allgemeinen Verfügbarkeit von Informationen über der Erholung dienliche, aphrodisische, stimulierende, beruhigende und psychedelische Pflanzen geführt. Diese Pflanzen waren von neugierigen Menschen entdeckt worden, die in abgeschiedenen und bis dahin nicht miteinander in Verbindung stehenden Regionen des Planeten lebten. Zeitgleich mit dem Eintreffen dieser Flut an botanischen und ethnographischen Informationen in der westlichen Gesellschaft, durch die Gewohnheiten anderer Kulturen auf die unsere übertragen wurden und uns größere Wahlmöglichkeiten als je zuvor zur Verfügung standen, ging es auf dem Gebiet der Synthese komplexer organischer Moleküle und im Ausmaß unseres Verständnisses des molekularen Mechanismus der Gene und der Erbmasse in Riesenschritten voran. Diese neuen Einsichten und Technologien tragen zu einer ganz anderen Kultur psychopharmakologischer Steuerungstechniken bei. Designerdrogen, MDMA oder Ecstasy und Anabolika, die von Athleten und Teenagern dazu genutzt werden, die Bildung von Muskeln anzuregen, sind die Vorboten einer Ära, in der wir auf pharmakologischem Wege noch häufiger und wirksamer darauf Einfluß nehmen, wie wir aussehen, welche Leistungen wir vollbringen und wie wir uns fühlen. Die Vorstellung, den Gebrauch von zunächst Hunderten und dann Tausenden von leicht herzustellenden, heiß begehrten, jedoch illegalen synthetischen Substanzen auf globaler Ebene strengen Reglements zu unterwerfen, entsetzt jeden, der auf eine offenere und weniger reglementierte Zukunft hofft.

Das Wiederbeleben des Archaischen

Dieses Buch will die Möglichkeit einer Wiederbelebung der archaischen Einstellung gegenüber der Gemeinschaft, der Verwendung von Substanzen und der Natur erkunden, die einer vorindustriellen, des Lesens und Schreibens unkundigen Kultur entsprach, und unseren prähistorischen nomadischen Ahnen vor dem Aufkommen des gegenwärtigen, 'westlich' genannten, Kulturstils über eine lange Zeit hinweg gute Dienste geleistet hat. Der Begriff 'archaisch' bezieht sich dabei auf die sieben- bis zehntausend Jahre zurückliegende Zeit des Jungpaläolithikums, die Zeit unmittelbar vor der Erfindung und Verbreitung der Landwirtschaft. Das Archaische war eine Zeit des nomadischen Hirtentums und der Partnerschaft, einer Kultur, die auf Viehzucht, Schamanismus und der Verehrung der Göttin beruhte. Die folgenden Erörterungen habe ich grob in chronologischer Reihenfolge zusammengestellt, wobei die letzten und am meisten auf die Zukunft ausgerichteten Abschnitte die archaischen Themen der früheren Kapitel wiederaufgreifen und umgestalten. Die Ausführungen folgen der Route einer pharmakologischen Pilgerreise. Daher nannte ich die vier Teile des Buches "Paradies", "Das verlorene Paradies", "Hölle" und, hoffentlich nicht zu optimistisch, "Das zurückgewonnene Paradies?" Ein Verzeichnis spezieller Begriffe mit den entsprechenden Erläuterungen ist am Ende des Buches zu finden. Offensichtlich können wir nicht weiter auf die alte Weise über den Gebrauch von Drogen nachdenken. Als globale Gesellschaft müssen wir ein neues Leitbild für unsere Kultur finden, das die Sehnsüchte der Menschheit mit den Erfordernissen des Planeten und den Bedürfnissen des einzelnen vereint. Eine Analyse der existentiellen Unvollständigkeit in uns, die uns dazu treibt, Abhängigkeits- und Suchtbeziehungen zu Pflanzen und Drogen aufzunehmen, wird zeigen, daß wir mit dem Heraufdämmern der Geschichtsschreibung etwas Kostbares verloren haben, durch dessen Fehlen wir uns die Krankheit des Narzißmus zuzogen. Nur eine Wiederentdeckung unserer Beziehung zur Natur, die wir durch die Verwendung psychoaktiver Pflanzen vor dem Sturz in die von der Geschichtsschreibung erfaßten Zeit entwickelten, können wir die Hoffnung auf eine menschliche und uns weiter offenstehenden Zukunft hegen.

Bevor wir uns unwiderruflich dem Hirngespinst einer drogenfreien Kultur anvertrauen, die zum Preis eines vollständigen Überbordwerfens der Ideale einer freien und demokratischen planetarischen Gesellschaft erkauft wird, müssen wir schwierige Fragen stellen: Warum sind wir als Spezies Mensch so sehr von veränderten Bewußtseinszuständen fasziniert? Wie haben sich diese Zustände auf unsere ästhetischen und spirituellen Bestrebungen ausgewirkt? Was haben wir verloren, indem wir dem einzelnen jede Legitimität absprachen, Substanzen zu nutzen, um persönlich das Transzendente und Heilige zu erleben? Ich hoffe, daß wir durch eine Antwort auf diese Fragen gezwungen werden, uns den Konsequenzen eines Leugnens der spirituellen Dimension der Natur zu stellen und zu erkennen, welche Folgen es hat, wenn wir in der Natur lediglich eine 'Ressource' sehen, um die wir kämpfen und die wir plündern. Eine informierte Diskussion dieser Fragen wird weder von Kontrolle Besessene noch ignorante religiöse Fundamentalisten noch braunen Faschismus jeglicher Form beruhigen.

Die Frage, wie wir als Gesellschaft und wie jeder einzelne von uns im späten zwanzigsten Jahrhundert zu psychoaktiven Pflanzen stehen, wirft eine noch umfassendere Frage auf: Wie wurden wir über die Zeit hinweg von den sich ändernden Verbindungen geformt, die wir auf unserem Weg durch den Irrgarten der Geschichte mit verschiedenen Vertretern der Pflanzenwelt eingegangen sind und die wir wieder aufgelöst haben? Diese Frage wird uns in den kommenden Kapiteln noch ausführlicher beschäftigen. Der Urmythos unserer Kultur beginnt im Garten Eden mit dem Essen der Frucht vom Baum der Erkenntnis. Wenn wir nicht aus unserer Vergangenheit lernen, könnte diese Geschichte mit einem vergifteten Planeten enden, dessen Wälder nur noch in unserer Erinnerung vorhanden sind, dessen biologischer Zusammenhalt zerstört wurde und auf dem das uns bei unserer Geburt übertragene Erbe zu einer unter Unkräutern erstickten verwüsteten Einöde geworden ist. Wenn wir bei unseren bisherigen Versuchen, unsere Ursprünge und unseren Platz in der Natur zu begreifen, etwas übersehen haben, befinden wir uns jetzt in einer Position, von der aus wir zurückschauen und nicht nur unsere Vergangenheit, sondern auch unsere Zukunft in gänzlich neuer Weise verstehen können? ...

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