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Edition Rauschkunde
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Chaos & Cyber Kultur

Mit Beiträgen von Winona Ryder, William Gibson, William S. Burroughs, David Byrne und John Perry Barlow, sowie einem Nachruf von Werner Pieper.

Ein letzter Rundumschlag Learys: Von der Chaos-Theorie, Kybernetik und Gegenkuturen über Info-Chemikalien und Drogenkriege, CyberErotik und Guerilla-Kunst bis zum Jahrtausendwahnsinn


Der große Inspirator des ausgelaufenen Jahrhunderts stellt uns mit diesem ›CyberPunk Manifesto‹ den CyberSpace vor, jenes magische ›Land‹, das auf dem ComputerMonitor kreiert werden kann. Leary und seine Bande von phantasievollen Cyber-Punks surfen auf den höchsten Wellen dieser neuen Technologie, die uns ins beginnende Jahrtausend katapultieren wird. Unter Mithilfe von Kulturschaffenden wie seiner Patentochter Winona Ryder, David Byrne, William S. Burroughs und William Gibson ("Die 90er sind hier und der Doktor ist in …") spiegelt Leary den Zustand der neuen Bewußtseinsfronten wider.
Es geht um die Entwicklung eines neuen Humanismus, der Autoritäten hinterfragt, unabhängiges Denken fördert, individuelle Kreativität hochschätzt und sich der neuen HilfsMittel wie Computer, psychoaktive Substanzen und BrainTech bedient. High Tech Heiden in virtuellen und anderen Realitäten.
Eine Sammlung von Learys bester Schreibe aus den 80er und frühen 90er Jahren, ein Nachlaß der besonderen Art.
Mit einem Abschied, von Werner Pieper. Übersetzt von Heinz Martin.
"Leary hat Pflöcke eingeschlagen, die für Orientierung sorgen … Aberwitzig, aber witzig!" Dt. Rolling Stone


Nachruf

Timothy Leary starb 1996.
Aus vorstehendem Buch der persönliche Nachruf des Verlegers.

Als ich mich auf den Weg zu einer Trauerfeier für Tim machte,
fragte mich mein sieben Jahre alter Sohn:
Dad, warum war Timothy eigentlich so berühmt?
Was hat er getan?
Die Sklaven befreit oder sowas? " Robert Forte

"I did nothing. I just surfed the waves"

Timothy Leary, der Große Inspirator, auf dem Weg ins All

Tims Ziel war es immer, den Status Quo und die Autoritäten zu hinterfragen. Er war sich bewußt, daß sein Tod große Medienaufmerksamkeit erzeugen würde. Also widmete er sich die letzten zwei Jahre seines Lebens dem Tabu des 'selbstbewußten Sterbens'. Er war der Meinung, daß die Umstände, in denen ein Mensch stirbt, von diesem weitmöglichst selbst bestimmt werden sollten. Ja, dies sei eine der wichtigsten Entscheidungen im Leben eines Menschen. Er verfügte testamentarisch, daß sein Körper auf keinen Fall länger als 36 Stunden in der Fabrikatmosphäre eines Krankenhauses verbringen dürfe. Er wollte nicht anonym im Kreis von Fremden sterben, sondern gab frühzeitig die Losung aus: "Do it with friends! Do it with friends! Do it with friends!"

"Nichts machte Tim glücklicher, als wenn seine Freunde gelobt wurden. Too bad, daß er es meist selber war, der diese Aufgabe übernahm. Doch nach und nach erkannten auch wir, daß Menschen mitunter den höchsten Anforderungen gerecht werden, die wir an sie stellen. Der Grund, daß die Menschen, die Tim besuchten fast ausnahmslos intelligent, anmutig und herzensgut waren, lag darin, daß Tim uns immer behandelte, als wären wir so. Uns blieb doch nichts anderes übrig, als seinen Anforderungen gerecht zu werden ....Tims ganzer Trip, von der Psychedelik über Computer bis zum Designer-Tod, galt allein dem Ziel, den Menschen klar zu machen, daß sie in der Lage sind, die Verantwortung für ihr eigenes Gehirn, Herz und ihren Geist zu übernehmen. Er glaubte, daß Menschen zu einer ganzen Menge mehr in der Lage sind, als ihnen von den Autoritäten zugebilligt wird." So formulierte Douglas Rushkoff in einem Nachruf Tims Mission.

"Eine der Gazillionen Dinge, die ich in meinen vierundzwanzig Jahren und vor allem in den letzten Monaten von (meinem Patenonkel) Tim lernte, war, wie nobel, wunderschön und witzig ein Mensch sein kann, wenn er seinen Tod kommen fühlt. Es nahm mir sehr viel Angst. Ich war sehr froh, bei ihm zu sein, als es um das Abschiednehmen ging", kommentierte die Schauspielerin Winona Ryder.

Flashback:

Ende der 60er wurde ich Psychedelika Dealer, und als solcher befolgte ich brav Tims Ratschläge: Dealen = Spirituelle Sozialarbeit statt Kapitalanhäufung. Geld war nie meine Hauptmotivation, ich hatte nie ein schlechtes Gewissen, und folglich bekam ich nie ernsthafte Schwierigkeiten mit der Polizei - nicht mal wegen meiner Raubdruckereien.
Als mir Mitte der 70er Jahre der wegen Schmuggels von mehreren Kilo Haschisch inhaftierte Arzt Dr. Dietmar Höhne ein Manuskript schickte, das er im Knast übersetzt hatte, zog ich mich damit einen Tag in den Wald zurück, las und glaubte, geistiges Dynamit in den Händen zu haben. Es war Neurologic, das Tim im Gefängnis geschrieben hatte. Es war just zu jener Zeit, daß Richard Nixon Tim zum gefährlichsten Menschen der Welt hochstilisierte. Sofort ließ ich den Text drucken, ohne Rücksicht auf das Copyright, denn es hieß, Tim habe seine Rechte allemal an Anwälte abtreten müssen. Witzigerweise wurde unsere Übersetzung von Neurologic, die ich bis heute im Angebot habe, zwischenzeitlich auch raubgedruckt. Der Raubdruck ist sogar teurer als das Original!
Dem einen Raubdruck folgten andere. Als Michael Horowitz seine Tim Leary Bibliografie zusammenstellte, fiel ihm auf, daß fast alle Bücher Tims in den 70ern und 80ern, als sie in den USA vergriffen waren, in deutscher Sprache ständig lieferbar waren, wenn auch nur in illegaler Form.
Wie häufig ich wohl als Dealer Menschen, die zum erstenmal LSD nahmen, Tims LP "You can be anyone" vorgespielt habe? Der erste Tonträger der Geschichte, der weitgehend aus Samples bestand. Klar, daß ich auch diese Aufnahmen auf Cassette vertrieb, bis sie vor wenigen Jahren endlich als CD (bei Ryko) wieder herauskam.

Als Tim dann Anfang der 80er erstmals nach Deutschland kam, stand ich am Flughafen, um meine Räubereien zu beichten. He loved it. Bei allen folgenden Reisen durch Deutschland stand ich ihm als eingeborener Führer & Roadie zur Verfügung: Wo willst du hin? Wen willst du kennenlernen? No problem. Für einen TV Auftritt Mitte der 80er in Dortmund (of all places!) prägte er sich das Wort Rausch ein, für das es keinen gleichwertigen amerikanischen Ausdruck gibt. Er sprach von Deutschland als Mother- & Fatherland of Rausch. Als ich ihn um einen Buchbeitrag zu diesem Thema bat, gab er mir ein paar angefangene Sätze und meinte: Schreib das fertig. Ich bin schon ein viertel Jahrhundert Verleger, aber nie hat mir ein anderer Autor angeboten, unter seinem Namen schreiben zu dürfen. "Du weißt was ich meine und du weißt, was die Deutschen brauchen. Just do it." Übrigens hatte jener TV Auftritt noch Folgen: Die zuschauende Rockgruppe Mush & the Rooms benannte sich in Rausch um und hatte damit ziemlichen Erfolg.

Bei wiederholten USA-Besuchen hat mich Tim immer wieder zu sich eingeladen und war mir stets ein sehr guter Gastgeber. ("Wen willst du in Hollywood kennenlernen? Michael Ventura? No problem."). Bei einem seiner stand-up-comedian Auftritte mit John C. Lilly (dessen The Scientist ich übersetzt habe) holte er mich in einem Nachtclub am Sunset Boulevard als seine encore auf die Bühne, stellte mich als Gründer der Grünen in Europa vor und brachte gleich ein Commercial zu meinem Scheiß-Buch ein. Charming. Bevor ich schamrot werden konnte, erinnerte ich mich: This is Hollywood. Also spielte ich meine Rolle.

Ich bin übrigens mehrfach auf zwei meiner Bücher angesprochen worden: einmal das Buch über menschliche Scheiße, zum andern eines zum Thema Gastfreundschaft weltweit. Mehreren Menschen ist aufgefallen, daß man wohl LSD genommen haben müsse, um diese Themen in einem solch breitem Spektrum zu sehen. Sie hatten recht.

Tim war in den vergangenen Jahren mehrfach in Europa. Besonders memorabel sein Besuch in Linz in Österreich bei der Ars Electronica, einem weltweit führenden Event der elektronischen Kunst. Tim erzählte von seinem Aufenthalt in Österreich 1970, als er auf Einladung von Kanzler Kreisky ein paar Wochen in Wien verbrachte. Ein Land, das Leute wie Sigmund Freud und Erwin Schrödiger auf seinen Banknoten abdrucke, könne nicht schlecht sein. Willy Brandt schrieb ihm seinerzeit einen Brief, in dem er sich entschuldigte, daß er nicht nach Deutschland kommen könne. Brandt hatte ja selber einige Jahre im Exil verbracht und wollte Tim in Deutschland Unterschlupf gewähren. Aber die öffentliche Meinung, nicht zuletzt von amerikanischer Propaganda programmiert, verbot ihm eine offizielle Einladung. Verblüffend: Bis zu seinem Tod wurde Tim die Einreise nach England und in die Schweiz verwehrt. Sie erinnern sich noch daran, daß er einstmals der meistgesuchte Verbrecher der Welt war.

1991 wurde dann mein Traum wahr: Endlich kam Tim nach Heidelberg. In seiner Begleitung John Perry Barlow, der nach ein paar alten Hippie-Geschichten gleich nach Acid lechzte & genoß. Den ganzen Tag verbrachten wir terminfrei, ohne Interviews, just sightseeing. Da Mark Twain über 100 Jahre vorher fast ein Jahr in Heidelberg verbrachte (worüber ich ein Buch verfaßt habe), kenne ich genügend Anekdoten, um freigeistige Amerikaner zu unterhalten.
Mein Verlag liegt in einer Gasse, in der manche Häuser älter als 400 Jahre sind. "Beautiful! Just like Hollywood - only it's real!" rief er überwältigt aus. Er hatte mir einmal mitgeteilt, daß sein Vater Anfang des Jahrhunderts in Heidelberg studiert habe und wollte wissen, ob es da noch Unterlagen an der Universität gäbe. Meine Recherchen ergaben, daß zwischen 1900 und 1930 kein Amerikaner namens Leary in Heidelberg studierte. Große Frage: Was hatte der Papa gemacht, als seine Familie ihn in Heidelberg vermutete? Am Abend dann ein öffentlicher Auftritt, zu dem zu unser aller Verblüffung plötzlich Terence McKenna als Überraschungsgast auftauchte und auf der Bühne mitmachte. The psychedelic Allstars, zum ersten Mal gemeinsam auf einer Bühne. Magic Moments.

Bei meinem Besuch in Beverly Hills '95 zahlte ich Tim fälliges Honorar in Cash mit Geld, das ich Wochen vorher von einem alten Konto in London abgehoben hatte. Das Geld kam ursprünglich von Orson Welles, und c/o Ernest Borneman zu mir. GeldGeschichten ganz nach Tims Geschmack.
Wir haben nie schriftliche Verträge abgeschlossen, denn als Dealer habe ich gelernt, ein Leben ohne Verträge zu führen. Tim kam gerade von einem offensichtlich nervtötenden Treffen mit Anwälten und fragte mich: You want any of my rights? No, Sir. I spread your word anyway. Witzigerweise habe ich, im 24. Jahr als Verleger, gerade meinen ersten Vertrag mit einem Autor gemacht, für Food of the Gods von Terence McKenna, denn der hatte das Buch schon an Bertelsmann verkauft.

Als ich Tim fragte, ob er seinen Stoppelbart nicht länger wachsen lassen wolle, so wie die Sadhus in Indien, fauchte er mich an: "Stupid! I'm no fuckin' Guru!" Right. Genausowenig war er je ein Drogen-Papst. Päpste sind recht autoritäre Seppel, Tim war das Gegenteil, er ermunterte jeden, alle Autoritäten anzuzweifeln. Vor allem bat er immer wieder darum, daß wir seine Worte hinterfragen und nicht auf gut Glück akzeptieren und glauben. "Don't believe anything I say!" Ob er damit auch seinen Spruch: "I did nothing, I just surfed the waves" meinte?

Seit vergangenem Herbst war klar, daß er uns bald verlassen würde. Schon im November schrieb mir die psychedelische Oma Nina Graboi (einigen Lesern vielleicht als Autorin des Grundrezeptes in dem Buch "Die HanfKüche" bekannt): "Timothy stirbt sehr öffentlich. Nie habe ich ihn so geliebt und bewundert wie jetzt, wo er einer Welt voller zu Tode geängstigter Menschen zeigt, daß man seinem Tod mit Würde und Stil begegnen kann. What a man! Ich war kürzlich zwei Tage bei ihm. Obwohl er ständig Schmerzen hat, ist er so munter und vital wie je! Er hat mich zu seinem Tod eingeladen. Der wird sicherlich bald kommen, sein Körper sieht sehr elend aus....
Ihn gekannt zu haben und seine Freundin gewesen zu sein, ist für mich eine der Juwelen in der Krone meines Lebens. ... Du kannst mich retro nennen, das macht mir nichts. Mein Timothy ist der Timothy der 60er Jahre, als er der Prophet und Super-Vertreter für höhere Bewußtseinszustände war. Als er lauthals, eloquent und poetisch die Existenz einer unbekannten Dimension der Realität verkündete. In all den Jahren habe ich nie aufgehört, Tim für seine Beiträge zur Evolution des menschlichen Bewußtseins zu lieben - bis er den Sterbevorgang neu definierte und lebte. Und das war, zweifelsohne, sein gloriosester Verdienst."

"Jeder bekommt den Timothy, den er verdient", sagte er kurz vor seinem Tod. Sein Haus war für jedermann offen. Die Besucher kamen zu jeder Tages- und Nachtzeit. "Sieben Millionen Menschen habe ich angetörnt", schmunzelte er angesichts der Besucherströme, "aber nur ein paar Hunderttausend sind vorbeigekommen, um sich zu bedanken."

Sein blanker Wille scheint seinen Körper über viele Monate am Funktionieren gehalten zu haben. So ließ er vor wenigen Monaten im Internet Optimismus verbreiten: "Mental status: Excellent. Good spirits. Swimming webs of wise friendship. Very happy. Exultant, actually. Physical status: Mademoiselle Cancer has moved in to share 'my' body. So far she is taking Room & Board in 'my' prostate and 'my' back bones. 'I' feel minimal pain ... The 'I' speaking is my brain. Neuro-active drugs: 3 cups of coffeee, 36 cigarettes, 4 glasses of Champagne, 1 midnight brownie, 12 ballons of Nitrous Oxide, 3 lines of cocaine, 4 Leary biscuits (Ritz crackers spread with green marijuana butter)."

Den so oft fälschlich als 'Drogenpapst' Titulierten hatten in den 70er und 80er Jahren Fragen nach Drogen eher genervt. Von sporadischen Experimenten abgesehen, begnügte er sich weitgehend mit Zigaretten und Weißwein. Seinem Ruf als 'psychedelischer Guru' wurde er jahrzehntelang wirklich nicht gerecht. In den letzten Monaten seines Lebens steigerte sich sein Drogenkonsum jedoch in jene Sphären, die man ihm immer unterstellt hatte. Vielleicht sogar noch mehr. Plötzlich nahmen Drogen und auch das Gerede darüber einen sehr prominenten Teil seines Tagesablaufes ein. Freunde waren über die Radikalität dieses Wechsels sehr verblüfft. Sie fragen sich noch heute, ob es die ungeheuren Schmerzen waren, die Tim zu seinem ins Uferlose ausweitenden Drogenkonsum trieben, oder die Angst vor dem Tod oder die Präsenz der vielen jungen Menschen, die sich um ihn scharten, oder alles zusammen. Klar wurde, daß er an starken körperlichen, sowie mentalen und emotionalen Schmerzen litt. Er vermißte seine Familie, er trauerte seinen Ex-Frauen und Kindern nach - vor allem jenen zweien, die sich durch Selbstmord von dieser Welt verabschiedet hatten. Trotz der vielen jungen Menschen im Haus fühlte er sich zeitweilig einsam.
Sein Gebrauch von Lachgas wurde in den letzten Wochen geradezu chronisch. Als handele er nach dem Motto: Turn on, tune in, drop dead. Sein letztes psychedelisches Erlebnis hatte er wenige Tage vor seinem Tod, als er etwa 50 Milligramm DMT rauchte. Er liebte dieses Erlebnis. Nach seinem konkreten Erleben auf diesem Trip befragt, meinte er: "Ich fuhr gen Himmel und traf dort William Burroughs."
Gegen Ende nahm auch sein Alkoholkonsum, den er vormals fast eingestellt hatte, wieder zu. Wenige Monate vor seinem Tod zeigte ein Gehirn-Scan an, daß seine grauen Zellen 'normal' waren. Mit zunehmendem Alkoholkonsum nahm jedoch auch seine Verwirrung spürbar zu.

Eine Woche vor seinem Tod gab er bekannt, daß er seinen Drogenkonsum einschränken wolle. Er habe noch Arbeiten zu erledigen und wolle sein Leben bei klarem Bewußtsein beenden. Am Tag vor seinem Tod kündigte er seinen letzten Ballon Lachgas an. Er wollte sein Ende drogenfrei erleben. Seine Fähigkeit zu hören nahm rapide ab, und er hatte Schwierigkeiten, alte Freunde oder gar sich selber im Spiegel zu erkennen. Tim entschied sich voll bewußt für seinen Todestag und für eine Einäscherung.

"Voller Spannung erwarte ich das größte Abenteuer meines Lebens - das Sterben. Seit über zwanzig Jahren beschäftigt mich das Thema selbstverantwortlichen Sterbens. Man sollte das Sterben so angehen wie das Leben: voller Neugierde, voll Hoffnung, voller Faszination, mutig und mit der Hilfe von Freunden."

Am Frei!tag, den 31. Mai, kurz nach Mitternacht, verließ Tim Leary, "a generations Pied Piper" (Los Angeles Times), seinen Körper & uns & den Planeten. Das letzte T-Shirt, das er anhatte, trug den Spruch: "If you only have one wish, make it BIG". Noch wenige Wochen zuvor hatte er in einem Arte Interview Roger Willemsem erzählt: "Dying is a team sport". Seit gut einem Jahr hatte er sich geradezu euphorisch aufs Sterben vorbereitet. "Da werden endlich Milliarden von Zellen befreit, was für ein Fest!" Ursprüngliche Pläne, sein Hirn einfrieren zu lassen, um später in einem gesunden Körper wieder aufzuerstehen, wurden kurzfristig storniert, da er mit der Tiefkühlfirma Schwierigkeiten bekam. "Auf keinem Fall will ich von diesen Typen, die mich hier einfrieren wollen, wieder aufgetaut werden."

"Tim starb, ohne daß jemand besorgt & pflichtgemäß lügen mußte 'Es wird dir bald wieder besser gehen'. Er starb, ohne sich zu einem makaberen und sinnlosen medizinischen Experiment degradieren zu lassen - daheim, ohne Schläuche in allen Körperöffnungen. Er unterwarf sich nicht der heute 'normalen', grundsätzlich aber stupiden Sterbeentfremdung, von der die Masse der Amerikaner schier hypnotisiert scheint. Rund 80% des gesamten Gesundheitsetats des Durchschnitts-Amerikaners werden, letztendlich vergebens, für seine letzten sechs Lebensmonate verbraucht. Er starb schamlos bewußt und erlebte dabei, wie für ihn üblich, eine wundervolle Zeit." So John Perry Barlow.

Er starb im eigenen Bett. Er starb im Kreis von 20 Freunden und Familienmitgliedern, unter ihnen auch seine zweite (Ex-)Ehefrau Rosemary, die nach längerer Trennung, zum Ende seines Lebens, wieder eine hervorragende Stellung innerhalb seines Familienkreises einnahm. Er starb, wie er es gewünscht hatte, weitgehend bewußt und mit offenen Augen. Kurz vor seinem Wechsel ins nächste kosmische Abenteuer rief er plötzlich aus: "Why?" Diese seine letzte Frage beantwortete er selber mit einem mehrfachen, jeweils anders betonten und im Wechsel jedem der Anwesenden zugerufenen, witzigen "Why not?", so daß die Anwesenden in Gelächter ausbrachen. Laut Stiefsohn Zachary war anschließend sein letztes Wort "Beautiful"......

Tims Asche wurde zum Teil in kleinen Behältnissen im Freundeskreis verteilt. Der Rest wird am 3. Dezember 1996 mit einer Pegasus-Rakete vom Luftwaffenstützpunkt Vanderberg in den Weltraum geschossen. Zwei Tage vor seinem Ableben fixierte er den Deal mit der Firma Celestis Inc., daß er mit seinem letzten Lift den Weltraum 'erobern' wird - die Erfüllung eines langjährigen Wunsches. Für das Urnen-Ticket brachten Freunde $4800 auf. Es wird die erste Bestattung im All sein, und an der Seite seiner Urne gehen die letzten Reste von Leuten wie dem Visionär der Raumstationen, Gerald O'Neill und dem Startrek Erfinder Gene Roddenberry auf ihre letzte Tour. Far out! Ihre Asche umkreist uns dann etwa 18 Jahre lang, bis der Satellit mit den sterblichen Überresten dann beim Wiedereintritt in die irdische Atmosphäre verglühen wird.

Timothy Leary war allemal wie ein aufregendes Engelswesen, das uns auf Erden besuchte und inspirierte. "Licht ist die Sprache der Sonne und der Sterne, wo wir uns alle wieder treffen werden", meinte er am Tag vor seinem irdischen Abschied.

Vielen Dank für die Zeit und Energie, die du dir für uns genommen hast. You still lift us up where we belong.

Keep on turning, Tim, wie jeder andere Stern.

Werner Pieper
Zu Tims 76. Geburtstag,
Oktober 1996
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