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Edition Rauschkunde
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Highdelberg
Vom Winterkönig über Perkeo & das Große Faß, übers badische Bier- und Tabakzentrum, bis hin zu den Hippies, der Free Clinic, dem Apotheken-Museum, dem ECBS Kongress &der Rave Szene reicht diese einmalige heimatkundliche Drogen-Chronik Heidelbergs.
"Diese anscheinend so auffällig drogenlastige Stadt lockt seit Jahrhunderten ganz spezielle Genießer an, Kurfürsten, die ›wohl mal wieder vollgewest‹, gut bezahlte Quartalssäufer wie den Zwergen Perkeo, aber auch Literaten wie Jean Paul, die behaupten, ›Heidelberg ist die Gastwirtschaft Deutschlands‹. In Heidelberg wurde Schnaps erstmals urkundlich erwähnt. Drogenforscher wie Hans Prinzhorn versuchten sich in Heidelberg an psychoaktiven Substanzen, wie spätere Wissenschaftler auch. Heidelberg war in den Spätsechzigern eine feste Adresse auf dem Hippietrail zwischen Amsterdam und Istanbul. Angeblich wurde das beste LSD weit und breit in Heidelberger Labors hergestellt. Heidelberg war eine florierende Tabak-Hochburg. In Handschuhsheim soll es den ältesten Weinberg gegeben haben. Und heute: Heidelbergs OB Weber bekennt jedenfalls: ›Heidelberg ist so eine Art Droge, von der man nicht wegkommt‹." Rolf Kienle, RNZ
Visionäre, Wissenschaftler, Industrielle und Psychonauten wie Alchemisten, die Romantiker, Alexander von Bernus, Kurt Beringer, Mark Twain, die Landfried Dynastie, Tim Leary, Albert Hofmann, Howard Marks, Terence McKenna, die Grateful Dead, Rudy Rucker u.v. a.m. erweiterten hier ihr Bewußtsein (und/oder Bankkonto). Zur Geschichte der Apotheken, Brauereien, der Tabakindustrie, der akademischen Drogenforschung der 20er & dem legalen und (in diesem Jahrhundert) illegalen Genuß der Freigeister. Der Autor kommt zu dem Schluß, daß es in der Welt wohl keine zweite Stadt gibt, die eine so lange und breite Drogentradition vorweisen kann.



Inhalt

Higdelberg - Eine Stadt wie eine Droge?

Alk-Heidelberg  
Sind die Heidelberger ein Volk von Trinkern? 16
Eine lückenhafte Wetter- & Wein-Chronlogie 20
Adam Eisenlohr: Das Lied vom Zechstein 23
Wilhelm Busch: Die HochZeitsreise 22
Die Großen Fässer 23
Das frühe Gastgewerbe 26
   
Der Stoff  
Wein Der älteste Weinberg Deutschlands und die Folgen 28
Bier Zur Erfindung des Bieres 31
Bierordnung der Stadt Heidelberg von 1603 34
Das harmlose Christen-Bier 37
H. Treiber, K. Sauerland: Dionysos versus Apollon 39
Zum Drogenkonsum der Studentenverbindungen 43
Zur neueren Brauereigeschichte 45
Tabak Vom Wundkraut zum Genußmittel - Tabak in Baden 47
Die Landfrieds 49
M.&F. Liebhold 53
Gloria Astoria 54
Die Entdeckung des reinen Nikotins durch Posselt & Reimann 56
Zur Heidelberger Tabakszene im 20. Jahrhundert 60
Hanf Die Gärtner der Blauen Blume 65
Heidelberger Pot-purri 67
   
Pharmazie & akademische Drogenforschung in Heidelberg  
Zu den Anfängen des Heidelberger Heil- und Apothekenwesens 71
Krankenhaus der Welt? 71
Der Pillendreher als Künstler 73
Das Apotheken Museum im Schloß 76
Die Heidelberger Drogenschule der 20er 78
Kurt Beringer: Er dachte durch sein Herz hindurch 82
Das Haschischproblem M.G. Stringaris 91
Die Kotzbrocken & MK Ultra 93
   
Ausflüge in die Drogeografie  
Im Darmstädter Underground 96
MERCKst du was in Darmstadt? 98
Viktoria die Opium-Queen aus Amorbach 101
Der Aufschwung der Ludwigshafener Chemie 103
Im Reich der Musik: Drogiges Liedgut 104
   
Genießer, Forscher und Traumtänzer  
Der Heilige Herrmann 110
Erst verbrannt, dann geduldet: Hexen in HD 110
Terence McKenna: Träumer von der Veränderung der menschlichen
Gesellschaft - Friedrich V, Der Winterkönig (und wir)
113
Perkeo: Säufer von Stadtes Gnaden 128
Im Tempel des Weltgeistes: Franz Joseph Schelver, der Wunderheiler 132
Alexander Foyle: Bernus, der dichtende Alchemist 133
Hans Prinzhorn: Schwingen zwischen Unendlich und hier 141
Der Perkeo der Neuzeit - Werner 'der Alte' Pinnau 151
Um die Opfer kümmert sich niemand: Doping-Gespräch mit Brigitte Berendonk 157
   
It's a Deal!  
Schutzheilige 161
60er: William Levy - Bekenntnisse eines verhinderten Dealers 162
60er/70er: Heidelberger Blitze - die Vision der Grenzenlosigkeit 168
70er: Ein kleiner Rauschangriff - Sieben Jahre Hanfhändler 175
80er: Mit Herbert Rusche vom Whiskey a-go-go in den Bundestag 181
80er: Von den Anfängen der Ecstasy Kultur 182
90er: Oli Koehler: The Raving Society 184
   
Nette Besucher  
It's like Hollywood, only it's real - Timothy Leary 198
Terence McKenna: Reisen mit Tim 200
Der große Sender ist die Wirklichkeit - Albert Hofmann 202
Alexander Foyle: Welten des Bewußtseins in Highdelberg 206
Howard Marks: Memories of Highdelberg 211
   
Die andere Seite  
Drogenverbote im Wandel der Zeit 216
Dr. Karl Geck: Über das Release und die Free Clinic 216
Release Flashbacks 217
Dr. Karl Geck: Von Wein, Weib & Gesang zu Sex'n'Drugs'n'Rock'n'Roll 220
Die Grüne Hilfe, 1971-73 226
Der '1. Int. Kongreß über die Opfer im Krieg dem Rauschgift' '96 im Karlstorbahnhof 229
Die Heidelberger Deklaration 231
Interview mit Harald Kurzer, dem Pressesprecher der Polizei 234
Von der Suche siechend zur Sucht 238
Fragen an die Aktionsgemeinschaft Drogen e.V. 239
   
Der psychedelische Generationenkonflikt  
Prof.Dr.med.Dipl.Psych. Rolf Verres: SehnSüchte - Über den Gebrauch und Mißbrauch psychoaktiver Substanzen 243
Bilderverzeichnis und Quellen 249
Über den Autor 255


VORWORT

Highdelberg: Eine Stadt wie eine Droge?
Wie nur wenige andere mitteleuropäische Städte diente Heidelberg über Jahrhunderte als Schnittstelle verschiedener Dichter-, Maler-, Komponisten- und Wissenschaftler-Biografien. Hier versammelten sich kurzfristig Freigeister und Alchimisten, Künstler und Sektierer jeglicher Provenienz: Pilger, Vaganten, bilderstürmende Calvinisten, Alchimisten, Jesuiten, Romantiker, Theosophen, Antroposophen, Georgeaner, Talmudisten, Freimaurer, russische Revolutionäre, SDS und KBW, Patienten-Kollektive, Hippies, Psychonauten, Krishnas, Raver & Touristen.... 'Ein gefährliches Klima', urteilte schon Karl Jaspers (Mittler, '96).

Von der Sehnsucht (zur Sucht?)

Die Stadt lockt seit Jahrhunderten Genießer an, die vor lauter 'High-life' nicht immer so diszipliniert ihren Arbeiten nachgingen, wie es ihre Eltern (bei Studenten) oder Arbeitgeber erwarteten. Ein Beispiel: Victor von Scheffel, dessen Vater kein Verständnis für den Lebensstil des Sohnes aufbrachte, wie dieser später in Verse setzte:
Du rauchst zuviel, du saufst zuviel,
Du wirst ein Lump am End,
Du sollst mir nicht mehr bleiben
In Heidelberg Student."
Dementsprechend gab es schon immer repressive Reaktionen von 'oben': Drogenverbote durch Kirche und Staat, von den Hexenverbrennungen (S.110) bis zu den BetäubungsmittelGesetzen im Wandel der Zeit (S.216).

Geschickter stellte es da schon Alexander von Bernus an, was bei seinem Wohnsitz, dem Stift Neuburg, auch nicht so schwer erscheint: "Heidelberg ist nun einmal ein verführerisches Sumpfnest, in dem es sich so fruchtbar arbeiten wie himmlisch bummeln läßt." (S.133)

In Heidelberg nahmen und nehmen Romantiker, Studenten wie Professoren, Bürger, Touristen und Mitglieder der jeweils aktuellen jugendlichen Subkulturen vorwiegend Drogen, obwohl oder gerade weil es ihnen gut geht. Sie möchten gerne, daß es ihnen noch besser geht: Alkohol und Cannabis zur Rekreation, LSD zur Gottessuche und Bewußtseinserweiterung, Ecstasy zum Abtanzen - to get high. Anderswo, von New York bis Krankfurt, in Ghettos und runtergekommenen Gegenden nimmt man mehr Drogen gegen Depressionen, zum Abschalten, weil es einem beschissen geht und kein Ausweg in Sicht ist. Ein fruchtbarer Boden für Junkies. Heidelberg scheint traditionell ein Ort zu sein, an dem man es liebt zu forschen und zu feiern, und entsprechend gewichtet ist auch die Geschichte des Konsums von psychoaktiven Substanzen, wie ich in diesem Buch darlegen werde. Ein Klima anregender Bewußtseinsbewegung. Es dürfte schwer fallen, einen Ort mit einer breiteren Drogengeschichte zu finden als die Stadt zwischen the Kings Chair and the Mountain of the Holy.

Zu seinem 100sten Geburtstag verriet der Philosoph Gadamer, dessen Vater sich u.a. mit der Analyse von Alkaloiden beschäftigte, die heute Basis aller Psychopharmaka ist, was Heidelberg für ihn so reizvoll gemacht hat: "Hier war es stets ein großer Vorzug, dass die Universität von Weinstuben umrankt wird. Da habe ich dann dort bei einem Glas Wein zu den eigentlichen Geheimnissen der Welt ausgeholt und oft auch das gesagt, was ich nicht vom Katheder aus sagte." - "In fröhlichen Runden", so die RNZ, "habe er dann Fläschchen um Fläschchen auffahren lassen, ohne die geringsten Ausfallerscheinungen zu zeigen." Mit Erfolg, denn: "Ich habe meine Schüler einmal gefragt: Wobei habt ihr am meisten bei mir gelernt? Die allgemeine Antwort: bei dem Glas Wein nach dem Seminar ..."

Die Drogenhauptstadt

Auf manche Menschen wirkt die Stadt selbst wie eine Droge. Oder, in den Worten von Bürgermeisterin Beate Weber, anläßlich des Kongresses des Europäischen Kollegiums für Bewußtseinsstudien, 1996 in der Stadthalle: "Es gibt sehr viele, die fragen, was hier eigentlich los ist, warum sie immer wieder hierher kommen, daß diese Stadt sie in irgendeiner Weise bereichert. Manche gehen so weit, daß sie sogar sagen, Heidelberg ist so eine Art Droge, von der man nicht weg kommt. Ich weiß jetzt nicht, inwieweit das zutrifft, aber es gibt Leute, die sagen: Man hat nach einer gewissen Zeit das Bedürfnis wieder hierher zu kommen. Und offensichtlich heißt das, daß sich hier irgendwas abspielt ... Eine bestimmte Faszination übt diese Stadt mit Sicherheit aus." Wer kennt nicht den Text oder gar das Gefühl der SehnSucht von: Ich hab' mein Herz in Heidelberg verloren, und meint beim Singen jedoch: an Heidelberg verloren? Zur Sehnsucht: Rolf Verres (S. 243).

Im Zeitmagazin (Nr. 29/73) erging sich Karl Günter Simon wie folgt über diese Stadt: "O genius loci! Heidelberg ist der schönste Vorort zwischen Frankfurt und Karlsruhe, lebendiger-intimer als Schwabing, edel-verrückter als Blankenese, echter als Pöseldorf, utopisch-glücklicher als Dahlem. High-Heidelbergs Seele ist die konfuseste, zerrissenste unter allen deutschen Städteseelen und zugleich der lebendige Beweis, daß Schizophrenie eine gewisse Form von Glücklichsein nicht ausschließt... High-Heidelberg gilt als die Drogenhauptstadt der Bundesrepublik."

Heidelberg heißt die Antwort ... auf viele drogenhistorische Fragen, wie z.B. folgende:
Wo wurde Schnaps erstmals urkundlich erwähnt? (S.18)
Welch andere Stadt hat einen bezahlten Quartalssäufer wie den Perkeo als Maskottchen? (S.128)
Welches Schloß dieser Welt kann mit einem größeren Drogenbehältnis als dem Großen Fass prahlen? (S.23)
Wo war der erste Weinberg Deutschlands (S.28), wuchs die erste Tabakpflanze auf deutschem Boden (S.47), isolierte und benannte man Nikotin? (S.56)
Welche Stadt ist nicht nur für viele Japaner und Amerikaner das Sinnbild für alkoholisierte und studentenprinzige Burschenherrlichkeit? (S.39)
Wo wurde Anfang der 20er Jahre intensiver an psychoaktiven Drogen geforscht als bei den Herren Willmanns, Beringer (S.78) und Prinzhorn? (S.141)

Welche Stadt bot in den Spätsechzigern auf dem Hippietrail von London nach Kathmandu, zwischen Amsterdam und Istanbul die meisten Psyoaktivitäten (S.175) und das beste LSD (S.168), die ersten Drogenhilfsorganisationen wie das Release und die Free Clinic (S.220) und die Grüne Hilfe (S.226)? Welche Stadt diente als Gast-Stätte für führende Alchimisten und Psychonauten wie Alexander von Bernus (S.133), Werner Pinnau (S.151), Timothy Leary (S.198, Albert Hofmann (S.206), Howard Marks (S.211)? Welche Stadt kann eine so drogenlastige Umgebung vorweisen wie die Stadt am Neckar mit dem Odenwald (S.101), Darmstadt (S.96) und Ludwigshafen (S.103)?

Ein ganz spezieller Platz, meint Terence McKenna

Immer wieder wird, vor allem von amerikanischen Drogenforschern, die Frage gestellt: Warum sind die meisten der psychoaktiven Drogenentdeckungen und -synthetisierungen der vergangenen fast 200 Jahre im Umkreis von ein paar hundert Kilometern um Heidelberg gemacht worden? Außer den bekannten Substanzen wie Morphin, Kokain, Heroin auch DMT in Prag, LSD in Basel, Ecstasy in Darmstadt und schließlich Nikotin in Heidelberg? Und warum hat sich in diesem Umfeld die erste Industrie für psychoaktive Substanzen entwickelt? Zum einen bezogen vergleichbare Staaten (Frankreich, England) genügend NaturDrogen aus ihren Kolonien. Zum anderen wurzelte dieses gesteigerte Interesse sicherlich auch in den Arbeiten der Alchimisten. Terence McKenna, der 'Tim Leary der 90er Jahre' sieht in Kurfürst Friedrich, dem Winterkönig, gar den UrPaten der psychedelischen Bewegung (S.113) und schwärmt: "Homo Heidelbergensis, Kelten, Alchimisten, Romantiker ... seit 50.000 Jahren kommt ein endloser Strom der Visionäre durch das Neckartal. Das größte Werk der Alchimisten wurde in Heidelberg von Theodor De Bruy aufgelegt. Dies ist ein ganz spezieller Platz!"

Soldaten waren jenes Kanonenfutter, das schon im 30jährigen Krieg den Tabak einführte, und sich seit dem deutsch/französischen Krieg 1870/71 und vor allem nach dem 1. Weltkrieg mit Morphinspritzen die Venen zerstach. Schließlich gab es bis in die dreißiger Jahre tausende von Morphinsüchtigen im Lande. Warum wohl wurde in jener Zeit von der I.G.Farben Methadon entwickelt - das allerdings anfangs, dem Führer zu Ehren, heroisch Dolophin hieß? Borkin
Mehr zur Ludwigshafener Chemie auf Seite103.
Symptomatisch, daß das Kiffen und die LSD Trips just in jener Zeit Einzug in die Stadt hielten, als die Besatzerarmee der USA nach dem 2. Weltkrieg zwangsweise junge Menschen in dieser Gegend stationierte, die zum einen als Wehrpflichtige keinen Bock auf das Soldatenspiel hatten, zusätzlich Schiß davor, als Menschenmaterial nach Vietnam abgeschoben zu werden und in ihrer Welt lieber Hippie in Kalifornien geblieben wären. Sie führten viele Jugendliche, nicht nur in Heidelberg, in die Welt der Psychedelik ein. Ihre älteren Kollegen, die sich hier nach einem Frontaufenthalt in Vietnam erholen sollten, waren teils gebrochene Menschen, teils Verletzte, die ihren inneren oder körperlichen Schmerz seit ihrem Kriegseinsatz im fernen Osten mit Junk betäubten.
Wir haben heute die freie, wenn auch manchmal illegale Auswahl: neugierig die Sinne schärfen und das Bewußtsein verändern, oder den Frust betäuben - so oder so ein Abschied von dem Leben, das man bis dahin kannte und das als 'normal' gilt.
Die Hippies hatten keine Ahnung, daß es für beide Optionen eine regionale Tradition gab. Für die Psychonauten reicht der lokale Erlebnisbogen von ekstatischen Sekten, vom Winterkönig, über die Romantiker und führt heute zur RaveSzene (S.184).

Aus den Reichen der Erkenntnisse
Außenseiter der Gesellschaft bewegen diese sehr oft gewaltig. Und sich selber häufig mit gar magischen Mitteln. Schon Nietzsche stellte in seinem 'Vorspiel der Wissenschaft' die These auf "... daß die Wissenschaft nicht entstanden und groß geworden wäre, wenn nicht die Zauberer, Alchimisten, Astrologen und Hexen vorangelaufen wären als die, welche mit ihren Verheißungen und Vorspiegelungen erst Durst, Hunger und Wohlgeschmack an verborgenen und verbotenen Mächten schaffen mußten? Ja, daß unendlich mehr hat verheißen werden müssen, als je erfüllt werden kann, damit überhaupt etwas im Reiche der Erkenntnis sich erfülle."
Damals redete man noch nicht von 'Drogen'. Man nannte sie, wie Dr. Hartwich in seinem grundlegenden Werk von 1911, 'Die menschlichen Genussmittel', aus dem ich einen Satz zitieren möchte: "Von großem Reiz ist es, die Wichtigkeit, die Genussmittel alle im Leben des Menschen, mal ganz abgesehen von ihrem direkten Nutzen oder Schaden, haben, nachzugehen, zu finden, wie der Mensch sich bemüht, sie mit höheren Mächten in Zusammenhang zu bringen oder sich selbst durch sie diesen zu nähern, von großem Reiz ist es, der Geschichte des Gebrauches der wichtigeren nachzuspüren, zu sehen, wie sie anfangs angefeindet, endlich, da sie mit wichtigen Trieben des Menschen im Bunde stehen, siegreich bleiben und mehrfach neuerdings, nachdem man tiefere Einblicke in ihr Wesen gewonnen hat, wieder angefeindet werden." (S.231)
Das ist alles zu drogig und versponnen? Nun, es geht auch bodenständiger. So meinte Jean Paul 1805, als es in der Altstadt 84 Kneipen gab: "Heidelberg ist die Gastwirtschaft Deutschlands ..." - "Ich habe hier Stunden verlebt, wie ich sie nie unter dem schönsten Himmel meines Lebens gefunden" , schwärmte er noch im Juli 1817.
1983 zählte man schon 157 Wirtschaften. Und heute? Hier muß niemand nüchtern bleiben, der nicht will. Alk-Heidelberg (S.16).

Wer nur am Ufer sitzt, lernt den Fluß nicht kennen
Zum schon erwähnten ECBS-Kongreß versammelten sich hunderte von akademischen Drogenforschern und Privatpsychonauten aus aller Welt zu einem lebendigen Austausch. Deren Fragen ob der (Drogen-)Geschichte dieser Stadt konnten wir Einheimische nur bedingt beantworten. Aber sie weckten meine Neugier und schickten mich auf einen aufregenden und faszinierenden Trip. Ihnen sei dieses Buch gewidmet. Vor allem auch Olaf aus Bremen, der auf einem ECBS-Kongress 1999 die Erwachsenen Psychonauten mit dem Spruch: "Ihr habt den 'psychedelischen Generationenvertrag' nicht eingehalten!" konfrontierte. Mehr dazu auf Seite 206. Da hilft es nicht, daß vor dem Gesetz Drogen, die einen 'zu' machen und Drogen, die einem potentiell das Bewußtsein 'erweitern', immer noch auf eine Stufe gestellt werden. Der Soziologe Günter Amendt kommentiert den Status Quo: "Im Rückblick werden Historiker und Historikerinnen, das ist schon heute abzusehen, das Festhalten am Prohibitionsdogma als eine der schwerwiegendsten politischen Fehlentscheidungen der letzten Dekade des zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnen." (WoZ 4/96)

Warum gerade ich dieses Buch zusammengestellt habe? Nun, zum einen weiß ich aus Erfahrung, wieviel Spaß es macht, lebendige 'Heimatkunde' über diese Stadt zu recherchieren, zum anderen war ich mehrere Jahre aktiv im örtlichen Psychedelika-Underground (als Konsument, Händler & Helfer zwischen HeligGeistKirche, Untere Straße, Neckarwiese und Brunnengasse) involviert, und schließlich lerne ich gerne mehr über die eigene Geschichte. So fand ich, passenderweise, im Sonderheft der 'Badischen Heimat' 1963 über Heidelberg folgenden Ausspruch von Maximilian Letsch: "Niemand kann wahrhaftig über etwas schreiben, das ihn nichts angeht. Aber die Anteilnahme trübt die Gerechtigkeit des Urteils. Wer nur am Ufer sitzt, lernt den Fluß nicht kennen. Werfen wir uns gleich in den Strom. So wollen wir etwas, was wir beschreiben sollen, als Erlebnis beschwören." Ich habe, in vielen Kurzetappen, über zwei Jahre immer wieder an diesem Projekt gearbeitet, u.a. verbrachte ich eine zweiwöchige Schreibklausur im Hotel Molkenkur, trieb mich tagelang im Stadtarchiv (frustrierend) und im Apothekenmuseum im Schloß (sehr anregend!) herum, befragte Fachleute wie Laien, und erhielt in ungezählten Gesprächen weiterführende Hinweise, denen ich nachwusselte, ebenso wie den vielen Fußnoten meiner schriftlichen Quellen. Literaturverzeichnis auf Seite 249.

Mein Dank
gilt allen InformantInnen und InspiratorInnen, die mich mit Rat, Tat und Materialien für die Arbeit an diesem Buch beglückt haben:
Red, Christoph S., dem Roten Baron und dem Schlitzer für Erfahrungs-Grundlagen; Henky Hentschel, Ronald Steckel, Tim Leary, Albert Hofmann, Terence McKenna, Werner Pinnau und Howard Marks für Anregungen; im Apothekenmuseum der sehr hilfsbereiten Frau Elisabeth Huwer und Herrn Martin Anton; den Mitarbeitern des Stadtarchives, stellvertretend: Dr. Blum und Frau Weber; den Mitarbeitern der Universiätsbibliothek; Pascal Lang vom Bücherwurm, Sharon Levinson , Hans Peter Duerr, Thorsten Passie, Christian Rätsch, Harald Kurzer (Pressesprecher der Polizei), Rolf Kienle, Michael Horowitz, Alexander Foyle, David Kirschner, Oli Koehler, Wolf Connert, Boris Pyromania, Tobias Schaedla, Urs Eberle, Dieter Schinz von der Firma P. J. Landfried, Joe Hackbarth, Tai M. Lüdicke und Claudia Wagenmann für Hinweise, Anregungen, Fragen und Antworten, ihre Zeit, ihr Interesse und Zuspruch.

Ich bin kein wissenschaftlicher Fachmann, sondern ein neugieriger Privatforscher. So bitte ich die geneigten LeserInnen, mir handwerkliche Fehler zu vergeben. Eine Unterlassungssünde habe ich aber gleich zu beichten: Es fehlen in diesem Buch Kapitel über die Genußmittel Tee, Kaffee und Schokolade. Ich könnte mich da jetzt rausreden, indem ich einen Auspruch der Heidelbergerin Liselotte von der Pfalz aus dem Jahr 1715 zitiere: "Ich kann weder thé noch chocolat noch cafféedrincken; all das fremdte Zeug ist mir zuwider: den chocolat findt ich zu süß, caffée kompt mir vor wie Ruß und das thé wie eine halbe Medicin, summa ich kann in diesem Stück wie in viellen andern garnicht alamode sein ..." Außerdem fehlen jegliche Informationen über die verheerendste Droge in der Menschheitsgeschichte überhaupt: Zucker. Ihre Aufnahme hätte den vorgegebenen Umfang dieses Buches gesprengt. Über die letzte Substanz habe ich ein kleines Büchlein verfaßt ('Die süßeste Sucht- Ist Zucker die Killerdroge?"). Außerdem könnte sich so ein Kapitel geschäftsschädigend auf den süßen Heidelberger Zuckerladen (in der Plöck) von Jürgen und Marion auswirken - und wer will seine LieblingsDealer schon in Schwierigkeiten bringen?
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