The Powerhouse has been turned on oder Was machen wir nun mit den Drogen?
Erweiterter Reprint des Klassikers der 60er Jahre. Damals das 1. originäre deutsche Drogenbuch der psychedelisierten Neuzeit über psychoaktive Substanzen wie: Haschisch, Marijuana, LSD, Meskalin, Psilocybin, Ololiuqui, STP. Ein Basiswerk der Hippie- und Drogenkultur.
Aus dem neuen Vorwort, in dem Ronald Steckel seine Einstellung zu Drogen, nach einer 30jährigen Meditationserfahrung relativiert:
"Das Buch ist ein historisches Dokument, sowohl inhaltlich, wie formal. Wenn man es heute in die Hand nimmt, kann man das fiebrige, überhitzte Klima der Epoche spüren: Die ideologische Gehirn-Ekstase, die sich labyrinthisch überkreuzenden politischen, soziologischen, philosophischen und spirituellen Interessen, dazu die Angriffslust, die damals die Gegenkultur auszeichnete - und vor allem die Empörung, die uns angesichts eines wirtschaftlich/politisch/technologischen Systems beseelte, das sein Raubtiergebiss nur allzudeutlich zeigte."
Inhalt
| 9 |
VORWORT zur Neuauflage |
| 27 |
DIE BEWUSSTSEINSERWEITERNDEN DROGEN |
| 29 |
DIE DROGEN UND DER WESTEN |
| 31 |
DIE BIOCHEMISCHE MANIPULATION |
| 36 |
DEUTSCHLAND 1985 |
| 38 |
WIDERSTAND |
| 44 |
DIE POLITIK DER BEWUSSTSEINSERWEITERUNG |
| 53 |
LSD |
| 57 |
MESKALIN |
| 59 |
PSILOCYBIN |
| 60 |
OLOLIUQUI |
| 61 |
STP (DOM) |
| 63 |
VARIABLE FAKTOREN |
| 67 |
ALLGEMEINE PHÄNOMENOLOGIE |
| 78 |
VERÄNDERUNGEN DES BEWUSSTSEINS |
| 83 |
VERÄNDERUNGEN DES DENKENS |
| 86 |
DIE PSYCHEDELISCHEN DROGEN IN DER PSYCHOTHERAPIE |
| 91 |
ANGEWANDTER MYSTIZISMUS |
| 100 |
WARNUNG |
| 104 |
DER PSYCHEDELISCHE BACKLASH |
| 106 |
HOW TO ENJOY REALITY? |
| 108 |
HASCHISCH, MARIHUANA |
| 122 |
LEGALIZE POT? |
| 138 |
REVOLUTION AUS DER PFEIFE? Dossier |
| 145 |
TURN ON TUNE IN FLIP OUT |
| 153 |
SOMETHING IS HAPPENING |
| 154 |
DER WERDEGANG EINES HASCHISCHRAUCHERS |
| 160 |
EINE SEUCHE GEHT UM DIE WELT |
| 168 |
DON'T SMOKE POT |
| 169 |
RULES FOR THE BLACK PANTHER PARTY |
| 170 |
DIE POLITIK DER BEWUSSTSEINSERWEITERUNG |
| 176 |
DIE ZWEI GEBOTE DES MOLEKULAREN ZEITALTERS |
| 177 |
LSD UND DIE ZWISCHENWELTEN |
| 181 |
ANMERKUNGEN |
Vorwort
The Powerhouse has been turned on
oder Was machen wir nun mit den Drogen?
"Nostri maiores enim expugnando religionem
totum in experientia collocabunt.
Unsere Vorfahren bezwangen also die religiösen Skrupel
und setzten alles auf die Erfahrung."
(Servius, Adv. Georg., III, 456)
1
Das vorliegende Buch erschien im Herbst 1969 in West-Berlin; das war eine wilde Zeit und einer der Höhepunkte der damaligen "Drogenhysterie". Ich war gerade 24 Jahre alt, hatte einige glückhafte Erfahrungen mit LSD und Meskalin hinter mir und sah nach einem zweijährigen Aufenthalt in London, der damaligen europäischen Hauptstadt der Gegenkultur, die "Drogenwelle" nun in Deutschland auf eine gänzlich unvorbereitete, ahnungslose junge Generation zukommen. Das war, einfach gesagt, mein Motiv für diese Arbeit: alle relevanten Informationen über die psychedelischen Drogen zu sammeln und verfügbar zu machen.
Ich erinnere mich gut an meinen damaligen Gemütszustand: er schwankte zwischen Euphorie, Zorn und Verzweiflung. Das war meine Reaktion auf das Desaster, das ich vor meinen Augen ablaufen sah: die Psychedelika, sicherlich die machtvollsten Instrumente zur Erforschung des menschlichen Bewusstseins, die jemals entdeckt worden sind, wurden - nolens volens - von allen Seiten missbraucht, sowohl von den hunderttausenden von Jugendlichen, die ahnungslos damit experimentierten - einfach, weil sie verfügbar waren - wie auch von Seiten der "etablierten" Gesellschaft, die nichts anderes zuwegebrachte als Hysterie und die üblichen brutalen und repressiven Ausgrenzungs- und Verdrängungsmechanismen. Hat sich an dieser Situation - bis auf die Liberalisierung des Cannabis-Sektors und die Tatsache, dass wir es jetzt bereits in der zweiten Generation mit den magischen Drogen zu tun haben - etwas Wesentliches geändert? Nein, es hat sich nichts geändert.
Insofern ist das Buch, sowohl inhaltlich wie formal, ein historisches Dokument zu einem Thema, das noch immer nicht vom Tisch ist. Wenn man es heute in die Hand nimmt, kann man das überhitzte Klima der Epoche spüren: die ideologische Gehirn-Ekstase, die sich labyrinthisch überkreuzenden politischen, philosophischen und spirituellen Interessen, dazu die Angriffslust, die damals die Gegenkultur auszeichnete - und vor allem die Empörung, die uns angesichts eines wirtschaftlich-technologisch-politischen "Systems" beseelte, das sein Raubtiergebiss nur allzudeutlich zeigte.
Eine Wiederveröffentlichung des Drogenbuches zu Beginn des dritten Jahrtausends verfolgt zwei Ziele. Als erstes geht es darum, das Buch als Dokument wieder zugänglich zu machen - im Faksimile, mit allen ideologischen Verquastheiten und anthropologischen Ungenauigkeiten. Weiterhin will ich die Gelegenheit nutzen, 30 Jahre nach der Erstveröffentlichung einige Überlegungen und Fragen zur psychedelischen Revolution und ihrer spirituellen Dimension zu formulieren, die mir zum Zeitpunkt der Niederschrift noch nicht klar waren.
2
Im Nachhinein hat die explosive und unkontrollierte Verbreitung der psychedelischen Drogen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts (noch einmal: die stärksten bewusstseinsverändernden Substanzen, die jemals entdeckt wurden) etwas von einer "Kulturkatastrophe" - einer Katastrophe, die sich auf groteske Weise zu den anderen grossen Tragödien des Jahrhunderts fügt - den Alpträumen kommunistischer und faschistischer Prägung, den Weltkriegen, der Endlösung, der Atombombe, der Wasserstoffbombe, der ökologischen Zerstörung und der massenmedialen "Zerstrahlung" von gesellschaftlichen Zusammenhängen und von Menschenseelen. Was die plötzliche, internationale und massenhafte Verbreitung der psychotropen Drogen angeht, sind die Urheber (auch in den Texten des vorliegenden Buches) deutlich auszumachen: es waren die von dem englischen Romancier und Essayisten Aldous Huxley inspirierten US-Psychologen Leary/Alpert und ihre Mitarbeiter, die Mitte der 60er Jahre die psychotropen Substanzen LSD-25, Meskalin und Psilocybin aus den esoterischen Zirkeln europäischer und amerikanischer Intellektueller und Ärzte herausrissen, die nach dem zweiten Weltkrieg vorsichtig und staunend mit den Wunderdrogen experimentiert hatten (Hofmann, Gelpke, Jünger, Leuner, Grof, Huxley, Osmond, Metzner et al.) - und einer vollkommen unvorbereiteten Öffentlichkeit in den Rachen warfen. Dass hinter dem anarchistischen und prophetischen Habitus der amerikanischen "Brotherhood of Love" handfeste finanzielle Interessen standen, wie der Aufbau eines internationalen LSD-Dealer-Rings, kam erst später zutage - so laut, so schrill, so ekstatisch, so sensationell war das, was folgte: der summer of love, die Hippies, die Yippies, das empörte und hysterische Aufkreischen der "Bewusstseinsindustrie", die counter culture, die Aussteiger, die Landkommunen, die Suche nach neuen und "alten" Lebensformen - das alles vor dem planetarischen Hintergrund der ersten Mondlandung, der Befreiungskriege in der Dritten Welt, dem Vietnam-Krieg, der chinesischen Kulturrevolution... und "das alles" hatte wahrhaft unüberschaubare Auswirkungen auf die gesamte westliche Zivilisation: ohne LSD/ Meskalin/Pilze gäbe es in dieser Form kein erwachendes Umweltbewusstsein, keine Jugend-Kultur, kein New Age und keine New-Age-Industrie, keine Pop-Kultur, kein MTV, keinen Computer-Boom, keine psychedelische Werbung, keine Transpersonale Psychologie, keine LSD-Therapie, keine Bewusstseinsforschung und kein taoistisches "mind-management" auf den Führungsetagen der multinationalen Konzerne - eine echte Kulturrevolution also, bewirkt nicht durch Ideologien, sondern durch "magische" Moleküle.
Heute kommt es mir vor, als hätten die US-Amerikaner um Leary tatsächlich Perlen vor die Kinder geworfen und damit ein alchemistisches gesellschaftliches Massaker in Gang gesetzt - und als hätten die Kinder im Grossen und Ganzen an dieser evolutionären Front, an die sie unvorbereitet und ahnungslos als "unfreiwillige Avantgarde" geschickt wurden, Erstaunliches und Bewegendes geleistet und erlitten - und seien gleichzeitig hoffnungslos überfordert gewesen.
Ich klage also an dieser Stelle über die Opfer dieser "Schlacht" - die vielen persönlichen Freunde, die nach LSD- oder Meskalin-Erfahrungen in psychiatrische Kliniken wanderten, mit Elektroschocks oder Psychopharmaka behandelt wurden und daraufhin ihrem Leben ein Ende setzten; die vielen gänzlich verwirrten und geschockten Geister, die nach einmaliger traumatischer psychedelischer Erfahrung fortan allem, was mit Bewusstsein und Innenwelt zu tun hatte, skeptisch, ablehnend oder ängstlich gegenüberstanden; die tausende oder zehntausende von Kids in den USA und Europa, die jeden Realitätskontakt und jeden gesellschaftlichen common sense für immer oder auf Jahre hinaus verloren, auf irgendeinem kosmischen Umsteigebahnhof hängengeblieben, immer noch darüber nachsinnend, welchen Zug sie verpasst hatten - oder ob es ein Schiff war.
3
Dass der psychedelischen Bewegung auf ihrem Höhepunkt Mitte und Ende der 60er Jahre tatsächlich magische und offenbarende Qualitäten zu eigen waren, weiss jeder, der damals dabei war. Man kann über das besondere Klima, das diese Epoche auszeichnete, im Nachhinein nur Mutmassungen anstellen. Die Schwingung war so hoch und so strahlend, dass es eigentlich niemanden gab, der sich diesem Zauber nicht geöffnet hätte. Ort des Geschehens war ja keine wie auch immer geartete Öffentlichkeit, sondern der underground; die Drogen wanderten von Person zu Person, durch Mundpropaganda, ohne Medien-Hype. Und mit den Drogen wanderte: der Rock'n Roll und die gesamte Weltmusik - Klangwelten aus Indien, Tibet, Afrika, China... und mit den Drogen wanderten Texte: das Tibetische Totenbuch, die Bhagavadgita, das I Ging, Sufi-Texte, Zen-Literatur, Meister Eckhart, Jacob Böhme, Sri Aurobindo, Gurdjieff, Ramana Maharshi und vieles andere mehr. Akasha surfacing: Plötzlich schien die gesamte spirituelle Überlieferung zugänglich, "lag in der Luft" - als hätte die Quelle angefangen, heftiger zu pulsieren und zu strahlen. Für mich persönlich, aufgewachsen in der spirituellen Wüste Nachkriegsdeutsch-lands, begann damals, Mitte der 60er Jahre, nach den ersten psychedelischen Erfahrungen, die ernsthafte Beschäftigung mit Bewusstseinsphänomenen, mit Metaphysik, mit der geistigen Überlieferung der Weltkulturen. Als ich in den 70er Jahren die ersten Kontakte zu einigen der wenigen Vertretern der älteren Generation knüpfte, die in Deutschland den Nationalsozialismus geistig, d.h. spirituell überlebt hatten, begegnete ich nur ungläubigen und fassungslosen Reaktionen, als ich erzählte, dass es die Drogenerfahrungen gewesen waren, die mich zu metaphysischen Fragestellungen gebracht hatten.
4
Über nichts ist im Zusammenhang mit den psychedelischen Drogen mehr gestritten worden als über die vorgebliche spirituelle, religiöse oder mystische Interpretation der Drogenerfahrung.
Mittlerweile ist bekannt, dass alle psychedelischen Drogen - also LSD (in seiner natürlichen Erscheinungsform als Ololiuqui), Meskalin und Psilocybin - ihren Ursprung in amerikanisch-indianischen Stammeskulturen haben und dort ausnahmslos in sakralen Zusammenhängen genutzt wurden und werden. Von dorther ist die Entstehung der Pseudo-Religiosität zu verstehen, die die Verbreitung der psychedelischen Drogen umgab und teilweise immer noch umgibt.
Was sind "sakrale Zusammenhänge"? Was wissen wir über das Sakrale? Was wissen wir über den GEIST - ob wir ihn nun "Gross" oder "Heilig" nennen? Was wissen wir wirklich, nicht nur im Gehirn, weil wir spirituelle oder religiöse Texte gelesen haben, sondern existentiell, als Erfahrung?
Ich schlage vor, davon auszugehen, dass wir wenig oder nichts wissen; alles andere wäre Scharlatanerie. Die GEISTferne der westlichen Zivilisation ist eklatant. Das bedeutet z. B.: kaum einer der heute Lebenden weiss, was mit einem Satz wie "Das Reich der Himmel ist nahe herbeigekommen" oder "Alle Lebenden Wesen sind nichts anderes als der Eine Geist" (Huang-Po) in Wirklichkeit ausgesagt ist. Es wird eigentlich noch nicht einmal darüber nachgedacht.
Das heisst: die "psychedelische Revolution" hat den Westen in the darkest hour erwischt - im Zustand tiefer spiritueller Unwissenheit. Keine Orientierung, kein Gottesbild, kein Menschenbild weit und breit: der "Allmächtige Gott, Schöpfer Himmels und der Erden" und der Mensch als "Krone der Schöpfung" und "Ebenbild Gottes" - alles untergegangen in den Verbrennungsöfen von Auschwitz und den Feuern über Hiroshima und Nagasaki.
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Vielleicht ist eine der auffallendsten positiven Wirkungen des psychedelischen Schocks, dass spirituelle Fragen überhaupt wieder zum Thema geworden sind. Zu diesen Fragen gehören - um nur einige, auf den Menschen bezogene, zu nennen (man könnte sie sicher auch anders formulieren oder anders stellen):
1. Die Frage nach dem Menschenbild.
Wer sind wir?
Was unterscheidet uns von den anderen hochentwickelten Säugetieren dieses Planeten?
Was oder wer ist "Ich"?
Wenn es in diesem Säugetierkörper, der ich bin, eine Seele gibt, wer oder was ist sie?
Wie äussert sie sich?
Wie fühlt sie sich an?
Wie unterscheidet sich die Seele von der Psyche (die ja offenbar auch anderen Säugetieren eigen ist)?
Wie kommt es, dass man die Seele des Menschen als unsterblich und transzendent bezeichnet hat?
Ist der Mensch eine planetarische oder eine kosmische Grösse?
Ist die gegenwärtige Erscheinungsform des Menschen (als Säugetier) die einzige Erscheinungsform des Menschen im Universum?
Wie kommt es, dass der Mensch als einziges Geschöpf des uns bekannten Kosmos die Fähigkeit besitzt, natürliche Verhaltensgrenzen einzureissen, zu überwinden und zu zerstören?
etc. etc. etc.
2. Die Frage nach dem GEISTESbild
Wer oder was ist der GEIST?
In welchem Zusammenhang steht er mit Seele und Säugetierkörper?
Wie äussert er sich?
Wie fühlt er sich an?
Warum ist auch dem GEIST das Attribut unsterblich und transzendent verliehen?
Ist die mentale Fähigkeit des Menschen, sein Denkvermögen und seine Vorstellungskraft, eine Eigenschaft des GEISTES oder des Körpers oder der Seele?
Was ist Bewusstsein? - eine Eigenschaft des GEISTES oder der Seele?
Gibt es Bewusstsein ohne materiellen Träger?
In welcher Art und Weise haben wir uns die Körper-Seele-GEIST-Einheit vorzustellen?
Als wechselseitige Durchdringung von materiellen und immateriellen Kraftfeldern?
Welche unterschiedlichen Qualitäten haben diese Kraftfelder?
Wo sind die interfaces (an denen vermutlich die Wirkung der psychotropen Drogen ansetzt)?
etc. etc. etc.
3. Die Frage nach dem Gottesbild
Wer oder was ist "Gott"?
In welchen Erscheinungsformen äussert sich das Göttliche?
Welche Beziehungen gibt es zwischen göttlichem und menschlichem Sein und Bewusstsein?
Welche Beziehungen gibt es zwischen dem Göttlichen und der uns zugänglichen Schöpfung?
Welche Beziehungen gibt es zwischen dem Göttlichen und dem individuellen "Ich"?
etc., etc., etc.
Basic questions dieser Art überfallen eine Kultur, auch wenn sie sich, wie die unsere, in einem spirituellen Vakuum befindet, nicht ohne fruchtbarste Auswirkungen. Und in der Tat, in den letzten dreissig Jahren ist in der "Noosphäre" unserer Zivilisation viel geschehen. Augenfällig ist dabei das langsame Einströmen der geistigen Überlieferung der Weltkulturen, vor allem der asiatischen, die ja eine Fülle von Antworten auf die oben genannten Fragen (und auf noch ganz andere) bereithalten. In Stichworten: Buddhismus indischer, tibetischer und chinesisch/japanischer Prägung; Hinduismus, Tantrismus, Sufismus, Taoismus etc. Dieses "Einströmen" asiatischer Geisteslehren ist in meinen Augen ein fast physikalischer Vorgang - wo ein Vakuum ist, kann etwas einströmen.
Noch nicht recht aufgetaucht in diesem regen Diskurs ist die geistige Überlieferung des Abendlandes, die ebenso reichhaltig ist wie die asiatische - und die seit der "Aufklärung" (also der Hypothese, dass die menschliche Vernunft ein Heilsweg sei) eine Art "unterirdischen" Daseins führt. Es mag auch sein, dass die über viele Generationen gelebte ungeheure gesellschaftliche und kollektive Anstrengung der Industrialisierung und Technologisierung des Planeten, dazu die beiden Weltkriege und die Höllenfahrten des Faschismus und Kommunismus, die Individuen der westlichen Zivilisation nervlich und psychisch so weitgehend erschöpft haben, dass sie ihrer eigenen spirituellen Wurzeln - und damit ihrer spirituellen Identität - temporär verlustig gegangen sind (man spricht ja bereits von einem "post-christlichen" Zeitalter). In Stichworten: Platonismus, Kabbalah, Renaissance-Theosophie, Hermetismus, christliche Mystik - oder, um nur einige Namen zu nennen: Platon, Plotin, Meister Eckhart, Johannes Tauler, Franz von Assisi, Giordano Bruno, Kopernikus, Jacob Böhme, Juan de la Cruz, Theresa von Avila, St. Martin, Novalis, Franz von Baader, Schelling, Fichte u.v.a.
Wie dem auch sei: the Powerhouse has been turned on - und wir stehen offenbar am Beginn des dritten Jahrtausends auch am Beginn einer langen, prüfenden Phase spiritueller Neu-Orientierung. In dem 1998 erschienenen Buch "Was die Erde will" schreibt der Philosoph Jochen Kirchhoff: "Wenn es ein Erbe gab, das den psychedelischen Aufbruch der 60er Jahre mehr sein liess als eine kulturhistorische Kuriosität, dann war es zweierlei: ein authentischer spiritueller Aufbruch, eine authentische spirituelle Öffnung im Geist der Epoche, der ohne LSD wohl so nicht erfolgt wäre, und die seitdem nicht mehr nachlassende Bemühung, die Rätsel des Bewusstseins, auch und gerade in seinen Grenzbereichen, zu erkunden und auszuloten (Stichwort: Bewusstseinsforschung und Transpersonale Psychologie). Also spirituelle Öffnung und Bewusstseinsforschung: Das bleibt, das hat sich als zukunftsträchtig und fruchtbar erwiesen, und beides ist längst abgekoppelt worden von dem einstigen "trigger" LSD, der nur noch gelegentlich ins Spiel kommt." (1)
Ich bin überzeugt, dass sich im Laufe der Zeit - als polares Pendant zu den asiatischen Geisteswegen - ein geistiger Weg des Westens herauskristallisieren wird - auch wenn dies länger dauern wird, als wir es vielleicht gerne hätten. Zu erwarten ist ein "Menschenbild" von kosmischer Grösse und Schönheit, das in der geistigen Überlieferung des Abendlandes bereits in wesentlichen Umrissen erkennbar ist: homo sapiens besitzt offenbar eine "Doppelnatur" - etwas in uns ist mehr als Biologie und scheint "nicht von dieser Welt" zu sein - und dieses "etwas" will erkannt werden.
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Nach über 30jähriger Laufzeit des psychedelischen Experiments möchte ich unter Berücksichtigung aller Erfahrungen, die ich mit psychotropen Drogen und verschiedensten Meditationspraktiken gemacht habe, einige Behauptungen zu den "spirituellen" Aspekten der Psychedelik aufstellen - im Bewusstsein der Tatsache, wie wenig wir von der Natur des menschlichen GEISTES wissen -
1. Die Interpretation der LSD/Meskalin/Pilz-Erfahrungen als mystische, religiöse oder spirituelle Erfahrungen lockt auf eine falsche Fährte.
Damit meine ich: die psychedelische Drogenerfahrung ist bei entsprechenden Dosierungen eine heftige Ekstase-Erfahrung, so etwas wie ein "Heiliges Massaker". Der ganze Bau der Körper-Seele-GEIST-Einheit wird erschüttert, und durch den von hohen Energiespannungen gestressten, schockierten Körper und das ekstatisierte Nervensystem tönt - möglicherweise (das hängt wirklich ganz vom Individuum ab), und unter vielem anderen - machtvoll und unüberhörbar die "kosmische Posaune". Es ist eine Überwältigungserfahrung - grandios, furchterregend, ekstatisch oder friedvoll - die für viele schicksalshaften Charakter hat: man ist "nachher" ein anderer Mensch oder man fühlt sich zumindest so - für einige Zeit.
Aber: Intensität ist nicht gleich Wahrheit. Wer durch eine psychedelische Erfahrung - möglicherweise zum ersten Mal - höhere Formen seines eigenen Bewusstseins erlebt, wird - ob er will oder nicht - einen Zusammenhang herstellen zwischen "höherem Bewusstsein" und "Ekstase". Das ist die "falsche Fährte".
2. Wem es wirklich um den GEIST und die Erfahrung des GEISTES im eigenen Bewusstsein zu tun ist, meide kategorisch alle "Ekstase-Wege" (zu denen auch die Drogen-Erfahrungen gehören), weiterhin alle "Trance-Wege" und alle anderen Wege, die zur Preisgabe des vollen "Wachbewusstseins" führen - und er rüste sich für einen langen Weg.
Wenn sich der GEIST im Bewusstsein eines Menschen manifestiert, erfolgt das ohne die geringste Trübung, Verzerrung oder Ausblendung des Wachbewusstseins. Im Gegenteil werden die "normalen" Sinneswahrnehmungen durch die Erfahrung des GEISTES intensiviert und vertieft; dies geschieht aber immer in vollkommener Bewusstseinsklarheit. Das Erleben des GEISTES im eigenen Bewusstsein ist keine gedankliche oder "mentale" Erfahrung, sondern die Empfindung eines qualitativ anderen Bewusstseins im eigenen "Ich", im allgemeinen in der Form, dass dieses "Ich-Selbst"-Bewusstsein sich im ganzen Körper ausbreitet.
3. Die durch nervliche Erregung induzierten Ekstase-Erfahrungen, die durch psychotrope Drogen - und durch Fasten, holotropes Atmen, Gruppendynamik etc. - ermöglicht werden, berühren mit Sicherheit ein Gebiet, über das wir ebensowenig wissen wie über die spirituelle Domäne: die sogenannten "okkulten" (verborgenen) Naturkräfte, die "feinstoffliche" Welt - die ich weiter oben als interface bezeichnet habe - das ist auch die Welt der "Naturgeister", "Dämonen", "Kobolde", "Feen", "Nixen" etc., wie sie aus der Überlieferung bekannt sind.
Das bedeutet, dass die Bewusstseinsformen und -Inhalte, die im ekstatischen Aufruhr der psychotropen Drogenerfahrung zugänglich werden, sich weitestgehend in Vermischung mit nervlichen, zellularen, "feinstofflichen" Bewusstseinsformen abspielen. In diesen feinstofflichen Bereichen sind meines Erachtens auch alle parapsychologischen, spiritistischen und medialen Erfahrungen ("Channeling") anzusiedeln.
Es ist vor allem der spirituellen Unerfahrenheit der betroffenen Individuen unserer Kultur zuzuschreiben, dass derartige Erfahrungen (ebenso wie die Drogenerfahrungen) als religiös, spirituell, mystisch etc. interpretiert wurden - und zum Teil immer noch werden.
Wir brauchen also - und wir sind weit davon entfernt - eine möglichst klare, durch Erfahrung und Phänomenologie gestützte Unterscheidung zwischen feinstofflicher und spiritueller Sphäre - und ihren Eigenschaften.
4. Wir brauchen weiterhin eine klare, durch Selbsterfahrung gestützte Unterscheidung zwischen Ekstase ("ausser-sich-seiend") und Enstase ("in-sich-seiend") und den zugehörigen Bewusstseinsformen.
Das ist ein heikles, noch teilweise unbetretenes und nicht durchdachtes Feld. Was die Sache wirklich schwierig macht, ist der Umstand, dass unsere Kultur - die Kultur der westlichen Zivilisation - gerade im Begriff ist, die Gestalt einer Ekstase-Kultur anzunehmen: Geschwindigkeitsrausch, digitale Beschleunigung, elektronische Massenmedien, Ekstase-Kulte, Ekstase-Musik, Ekstase-Drogen, Leistungsideologie, rat race - "aus sich heraus", "über sich hinaus" etc. (während ich dies schreibe, an einem Juliabend in Berlin, im letzten Sommer des Jahrtausends, tobt im Zentrum der Stadt die love-parade und über eine Million Jugendlicher aus allen Teilen der Republik tanzen sich gerade gemeinsam in Techno-Trance - und machen dabei ganz nebenbei den umliegenden Stadtpark platt). Über Ekstase wissen wir also mittlerweile Einiges.
"Enstase" ist in diesem Zusammenhang ein noch weitgehend unbekannter Begriff, den ich hier für alle Bewusstseinsveränderungen verwende, die ohne Zuhilfenahme psychotroper Substanzen und anderer Ekstase-Techniken erreichbar sind. Enstatische Bewusstseinsformen eröffnen sich z.B. durch die Praxis der Meditation ("Stillsein") oder stellen sich von selbst ein, wenn das betreffende Individuum spirituell "motiviert" ist. Ihr Ausgangspunkt ist immer ein bewusstes zur-Ruhe-kommen des Körpers und aller körperlichen Prozesse. Alle wesentlichen, als "mystisch" oder "spirituell" bezeichneten inneren Erfahrungen, wie sie in Texten von Meister Eckhart, Jacob Böhme, Ramana Maharshi, Sri Aurobindo, Yogananda etc. festgehalten wurden, sind - methodisch betrachtet - Erfahrungen mit enstatischem Ausgangspunkt. Entscheidendes hängt davon ab, dass dieser Zusammenhang klar begriffen wird.
5. Das bedeutet in aller Einfachheit: Jeder, dem durch eine psychedelische Droge (oder eine andere Ekstasetechnik) eine "peak-experience" zuteil geworden ist, wie auch immer "religiös" oder "spirituell" sie ihm vorgekommen sein mag, muss nach dieser Erfahrung - wenn es ihm um the real thing geht - die Willensrichtung und die Methode ändern: Meditation (in welcher Form auch immer) statt Droge. Und: Geduld und Beharrlichkeit.
6. Der unschätzbare und nicht anzweifelbare Wert der psychedelischen Drogen liegt in ihrem Beitrag zur Bewusstseinsforschung. Das "mentale Selbst", die vorherrschende Bewusstseinsform unserer Epoche, geprägt von dem, was Gottfried Benn die "schizoide Katastrophe" nannte ("die Trennung zwischen Ich und Welt... die abendländische Schicksalsneurose"), ist durch die Psychedelik vollkommen aus den Angeln gehoben worden: das "moderne Ego" - ein körperloses, weltloses, schöpfungsfeindliches Konstrukt, das aus nichts als Konditionierungen besteht - scheinbar erfolgreich, in Wirklichkeit selbstzerstörerisch; titanisch und imposant in seinen Taten, aber tödlich für den Planeten. Durch psychedelische Drogen zugängliche Bewusstseinsformen liegen zum grossen Teil weit ausserhalb, unterhalb oder oberhalb des "mentalen" Bewusstseins. Dass es Bewusstseinsformen oberhalb des Mentalen gibt, ist der entscheidende Punkt. Sie sind auf keinen Fall durch die quasi-rituelle Benutzung von Drogen dauerhaft zu erreichen. Um dieses dauerhafte Erreichen aber geht es. Es wird sich nur einstellen, wenn der Einzelne sich zu dem bequemt, was die Sufis "Arbeit an sich selbst" nennen - ein in unserer Kultur noch weitgehend unbekannter Begriff.
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