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XTC-Verschwörung

Amy Ralston lebte von ihrem texanischen Mann schon Monate getrennt, als sie sein Hilferuf ereilte: sie möchte ihm bitte aus der Patsche helfen. Er war mit Millionen XTC-Trips von der Firma Imhausen in Deutschland erwischt worden. Es handelte sich um den bis dato größten XTC-Skandal. Der Mann saß schließlich zwei Jahre, die Firma löste sich auf; Amy erhielt 24 Jahre Knast, von denen sie 9 Jahre absaß, bis Präsident Clinton sie - als 1. Kriegsgefangene im war-on-drugs - begnadigte. Eine schreiende Anklage gegen das US-Rechtssystem, das in diesem Krieg wieder die Sippenhaft und andere 'dirty tricks' eingeführt hat. Amy Ralston beschreibt, wie sie überwacht, bespitzelt, bis zur Verzweiflung getrieben und schließlich verurteilt wurde ... "

"Dies ist eher ein Werk über die Ungerechtigkeit des Drogenkrieges, als ein Stück Drogenkultur. Ich möchte, daß die Menschen erfahren, um welch hirn-rissige Idee es sich bei diesem Drogenkrieg handelt, und welch entsetzliche Folgen er für viele Menschen mit sich bringt. Der Leser soll erkennen, was für ein Horror in seinem Namen veranstaltet wird. Dieser Zustand schreit, gerade auch im Vergleich zur internationalen Rechtsparxis, nach Veränderung. Mein Buch enthält Action • himmelschreiende Ungerechtigkeiten • Reiseberichte • Humor • Spiritualität • Psychologie • Verschwörungen • Korruption". Amy Ralston

Als Zugaben:

  • der komplette Text 'Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat' von Henry David Thoreau.
  • Die skandalösen und verwirrenden Hintergründe und Fakten über den Fortgang dieser Geschichte nach der Verurteilung, über den größten XTC-Deal in Deutschland, die Rolle der Firma Imhausen und was das alles mit Amy Ralston zu tun hatte.

“Starker Tobak ... Eine Geschichte, wie sie Hollywood nicht spannender hätte erzählen können ... Superspannendes Buch!”  Sina in Mushroom



EPILOG

I cover my ears, I close my eyes
Still hear your voice
and it’s telling me lies
Linda Thompson

Wie ging es mit Amy weiter?

Amy Ralston Finkle wurde nach ihrer Verurteilung ins Bundesgefängnis F.C.I.Dublin nahe San Francisco eingeliefert, wo sie die folgenden neun Jahre und drei Monate eingesperrt verlebte. Während ihrer Haft verbrachte sie unzählige Stunden in der Knastbibliothek, um zu lernen, wie man eine Berufungsverhandlung zu beantragen und zu führen habe, da sie sich keinen Anwalt dafür leisten konnte. Ihrem letzten Antrag waren auch eidesstattliche Erklärungen von sechs Mitangeklagten beigefügt. Diese gaben unter Eid (dem Verlag vorliegende) Auskünfte, daß Amy in keiner Weise, wie auch immer, Teil der Verschwörung gewesen war, derentwegen sie angeklagt und verurteilt wurde. Zu diesen Zeugnissen gehörten auch die Aussagen der beiden Haupttäter Sandy Finkle und Dr. Who. Richter Spitzel lehnte jedoch alle Anträge ab und versperrte ihr so den Zugang zu höheren Instanzen. In diesem Drogenkrieg herrscht ein Kriegsrecht, wie aus Amys Geschichte hervorgeht.
Doch Amy gab nicht auf. Ihr stand noch eine winzig kleine Möglichkeit offen: eine Amnestie durch den Präsidenten. Ihre Chancen waren gering, hatte doch noch nie ein Präsident einen solchen Fall begnadigt. Doch sie glaubte – auch nach vielen Jahren der Haft – fest an ihre Freilassung. Sie war überzeugt davon, daß die Gerechtigkeit siegen würde, falls man ihren Fall unabhängig beurteilen würde – zu offenkundig schien das ihr angetane Unrecht. Ungebrochen kämpfte sie unablässig für ihren Sieg, und setzte ganz auf ein Einsehen des Präsidenten der USA.
Dabei halfen ihr mehrere synchrone Zufälligkeiten. Der Journalist David France wurde durch zwei Kurzbiografien im Netz auf ihren Fall aufmerksam – The November Coalition und FAMM (Families Against Mandatory Minimum). Bis zu diesem Zeitpunkt war Amys Fall wiederholt Gegenstand von Presseberichten gewesen, aber keiner davon erörterte den Fall in solchem Umfang und Gründlichkeit wie Frances Arbeit in der März-Ausgabe 1998 des Glamour Magazines. Dieser Artikel fiel wiederum einem TV-Produzenten auf, der daraufhin fürs Kabelfernsehen eine Dokumentation über Amy drehte. Außerdem zierte ihr Konterfei den Umschlag des Buches Shattered Lives – einer Auflistung von vielen ähnlich abartigen Horrorgeschichten des War-on-drugs.
Die Politiker reden von Zero-Toleranz. In der Praxis sind jedoch jene die Gelackmeierten, die sich weigern, gegen ihre engsten Freunde und ihre Familie auszusagen und nicht mit dem Staat kooperieren. Für die Anwaltschaft einfach Dummköpfe, die das System nicht verstehen (wollen). ”Wenn ich jemanden an der Angel habe, der mir einen größeren Deal als jenen, wegen dem ich ihn festhalte, verrät, kann ich natürlich Vorteile für ihn herausschlagen”, mein Thomas Jones, ein Drogenpolizist aus Texas, der auch an Amys Fall beteiligt war. ”Ich meine, wir leben doch von Petzern”. Die großen Gangster verraten, wenn sie von der Polizei festgenagelt werden, ein paar Kleine. Der Verräter kann dann bald heim gehen, die Kleinen sitzen ein halbes oder ganzes Leben hinter Gittern.
Im Jahr 1999 berichtete die U.S. Sentencing Commission, daß von 20.000 Häftlingen aus Drogenfällen, nur 41 wirklich wichtige Drogenhändler seien. Bei den anderen handelte es sich zum großen Teil um Fälle wie Amy Ralston. Im April 2003 überschritt die Anzahl der in den USA inhaftierten Menschen erstmals die 2-Millionen-Grenze, d.h. jeder vierte Gefängnisinsasse der Welt sitzt im Land der Freien & Mutigen. 60% aller Insassen von Bundesgefängnissen sitzen auf Grund von Drogendelikten ein – ohne Vorstrafen wg. Gewaltdelikte zu haben. Der Gedanke, daß hunderttausende Kinder wegen solchen Ungerechtigkeiten ohne Vater oder Mutter groß werden, löst in meinem Hirn ein Chaos aus. Und meine Tochter hört derweil die US-Band ‘System of a Down’:

”Kleine Fische füllen eure Knäste, doch es schreckt euch nicht
mit unseren Steuern eure Kriege gegen die neuen Armen zu führen
Ich kauf mein Crack, ich schlag meine Schlampe, genau hier in Hollywood
Der Prozentsatz von Amerikanern im Gefängnissystem hat sich seit 1985 verdoppelt
Forschung und erfolgreiche Drogenpolitik zeigen, daß die Behandlung verstärkt und die Strafverfolgung vermindert werden sollte und verbindliche Mindeststrafen abgeschafft werden müssen
Drogen werden benutzt, um geheime Kriege in der ganzen Welt zu bezahlen
Drogen sind nun die Weltpolitik, ihr seid die Weltpolizei
Ich kauf mein Crack, ich schlag meine Schlampe, genau hier in Hollywood
Drogengeld wird benutzt, um Wahlen zu fälschen und brutale, vom Großkapital bezahlte Diktatoren auszubilden
Sie bauen ein Gefängnis, sie bauen ein Gefängnis
in dem wir leben sollen
Noch ein Gefängnissystem, noch ein Gefängnissystem
in dem wir leben sollen
Oh Baby, auch wir beide”

Für uns befremdlich auch die Beschäftigungspolitik vieler der inzwischen privatisierten US-Haftanstalten. Für Peanuts stellen Häftlinge Zubehör für Microsoft her, nähen Jeans und vermitteln sogar die Reservierungen der Fluglinie TWA. Die Gefängnisindustrie ist mit 523.000 Beschäftigten nach General Motors der größte ‘Arbeitgeber’ des Landes. Moderne Sklavenhaltung 2003.
Im Vergleich zu ihren Erfahrungen mit dem US-Justiz-System ist es Amy ein großes Anliegen klarzustellen, daß sie großen Respekt vor der deutschen Justiz hat. ”Die Deutschen haben sich in der ganzen Geschichte sehr korrekt verhalten. Deutschland kennt kein Verschwörungsgesetz und läßt Gerüchte nicht als Beweise zu. In Deutschland wäre ich niemals verurteilt worden. Doch da ich in den USA wohne, wurde mein Leben vom War-on-Drugs zerstört – einem Krieg, der ursprünglich ausgerufen wurde, Leben zu retten. Das Gegenteil trifft zu.” Auch ihre Verballhornung der Englisch-Kenntnisse der Deutschen in diesem Buch, hat sie nicht als beleidigend gemeint. Und ihre Reaktion im Hotelzimmer in Baden-Baden ist ihr heute selber peinlich.
Eine ausgeprägte Meinung äußert sie auch über die beiden deutschen Anwälte Sandys: ”Der erste ‘was a silly kind of guy’. Der zweite, Rüdiger Weidhaas, den ich im Buch Roger nenne, war einfach wunderbar. Er teilte mir mit, daß Sandy kooperierte, als mein eigener US-Anwalt mir diese Information vorenthielt. Einer der Richter, ein Mitglied der Grünen, hat sich auch hervorragend verhalten. Ihnen möchte ich danken.”
Dieses Buch erscheint auf Deutsch, bevor es einen US-Verleger gefunden hat. Erste amerikanische Interessenten ließen jedoch durchblicken, daß in so einem Buch ‘Gott’ nicht vorzukommenhabe und die Autorin ihre eigene MDMA-Erfahrung verschweigen solle. Und alle Namen seien zu ändern. Eine Agentin war überzeugt, daß dieses Buch keinen US-Verleger finden würde, falls es zuvor schon in Deutschland erschienen wäre... Die Paranoia macht nirgends halt.

Wie es (ich) zu diesem Buch kam

Im Jahr 1993 erhielt ich eine Einladung (samt Flugticket) zu einer mehrtägigen Veranstaltung in San Francisco: 50 Jahre LSD. Beim abschließenden psychedelischen Picknick im Golden Gate Park bildete sich eine kleine Gruppe älterer Pilzfreunde. Mit einem von ihnen, John Beresford, kam ich ins Gespräch – hatte er doch während der Konferenz über Knastbetreuung von Drogenhäftlingen gesprochen. Ich erläuterte ihm unser Konzept der Grünen Hilfe (juristische Hilfe für Dealer) und er stellte sich proper vor: früher Psychiater, hatte er vor Jahren als erster Zivilist 1 Gramm LSD von Sandoz bezogen. (Mehr über dieses Gramm in Michael Hollingshead: The Man Who Turned On The World). Seit seiner Pensionierung kümmert sich John von Kanada aus hauptsächlich um Menschen, die wegen Drogen im Gefängnis sitzen. (Inzwischen gibt es auch in den USA eine Green Aid-Kampagne).
Wir wurden Brieffreunde und eines Tages steckte in seiner Post ein vielseitiger Bericht über die Situation der Frauen und Mütter US-amerikanischer Dealer und deren skandalöse Verfolgung. Sofort übersetzte ich den Text, erhielt von John die Druckerlaubnis. Das Ergebnis erschien unter dem Titel: Madame X: Der Blanke Horror – Frauen als Opfer des amerikanischen War-on-Drugs; Der Grüne Zweig 181, ISBN 3-925817-81-6, 2,50 Euro.
In den USA sitzen ungezählte Frauen zwischen 10 Jahren und Lebenslänglich im Knast. Ohne Bewährungschance. Ihr ‘Verbrechen’: sie weigern sich, gegen ihre Ehemänner, Söhne, Väter & Freunde, die im Verdacht stehen, mit Drogen gehandelt zu haben, auszusagen. Mittelalterliche Sippenhaft. Erbarmungslos... Wenn nicht Stellen aus amtlichen Dokumenten und frei verfügbaren juristischen Blättern als Referenz zum Nachchecken angegeben wären, man würde diesen Text nicht glauben.
Natürlich suchte ich via John sofort den direkten Kontakt zur Autorin. Da sie noch Hoffnungen auf eine Berufungsverhandlung hatte, hatte sie darum gebeten, – noch – nicht namentlich genannt zu werden. Madame X war Amy Ralston. Nach und nach erfuhr ich ihre Finkle-Geschichte und als klar war, daß sich ein Teil dieser Saga in Deutschland abgespielt hatte, fragte ich natürlich sofort: ”Gibt es irgendetwas, daß ich für Dich in Deutschland machen oder in Erfahrung bringen kann?”- ”Oh, ja”, kam die Antwort und die folgenden Bitten hebelten mich etwas aus:

• Amy hatte Namen und eventuelle Anschrift der neuen (deutschen) Freundin von Sandy. Selbige wohnt Luftlinie keine 10 km von mir entfernt, mit ihrer älteren Schwester lebte ich 1972/3 in einer Kommune.
• Amy nannte mir einen deutschen Anwalt. Nun habe ich in meinem Leben nicht viel mit Anwälten zu tun gehabt, war aber immer dankbar, seit 1969 einen zu kennen, auf den ich mich im Fall der Fälle verlassen konnte. Ich frage ihn nach dem von Amy genannten Kollegen und er antwortet: ”Der hat bei mir seine Ausbildung gemacht, worum geht es?” Als ich ihm Sandys Namen nenne, erfahre ich: ”Für den habe ich auch mal gearbeitet”.
• Ich erzähle meinen Reisekumpel Ede von der Geschichte, er runzelt die Stirn und eröffnet mir dann: ”Der Sandy hat mich auch mal drei Tage nach Amsterdam eingeladen, das war großartig”. Und eigentlich waren wir beide, ohne daß ich es ahnte, auch einmal mit Sandy und A. in New Orleans verabredet gewesen, woraus dann aber nichts wurde.

Ich traf noch mehr Menschen in meinem Umfeld, die Sandy begegnet waren und alle schwärmten von ihm: so charmant, so großzügig – und niemand wollte mir Amys Geschichte abnehmen. ”Die muß doch paranoid sein” – ganz so, wie sie es selber vorausgesagt hatte. Sandy hat als Blender in meinem Umfeld großen positiven Eindruck hinterlassen.
Klar also, daß ich mich sofort als Verleger anbot, als mir Amy berichtete, ein Buch über ihre Geschichte zu schreiben. Zur Autorin wie auch zu John Beresford besteht noch eine aktive Verbindung. Von ihm motiviert veranstaltete ich 1996 in Heidelberg die 1. Int. Konferenz über die Opfer im Krieg-dem-Rauschgift und er 1998 in Toronto The 2nd int. Conference on the prisoners in the war-on-drugs.


Imhausen – von der Fettsäure zum Ecstasy

Am 11. Januar 1989 verlängerte US-Präsident George Bush die gegen Libyen verhängten Wirtschaftssanktionen und verwies auf Libyens Unterstützung des internationalen Terrorismus. Zwei Tage später leitete die Staatsanwaltschaft in Offenburg ein Ermittlungsverfahren gegen den Unternehmer Jürgen Hippenstiel-Imhausen ein. Der Vorwurf: Bau einer Giftgasfabrik im libyschen Rabita. Davon hatte der BND schon im April 1980 berichtet...
Imhausen? Zeitsprung. Chemiker, Kaufmann und Ingenieur Arthur Imhausen (1885-1951) kam 1913 nach Witten, wo er die kleine Seifenfabrik "Märkische Seifen industrie" (MSI) übernahm. Imhausens Hauptinteresse galt aber der Herstellung synthetischer Nahrungsmittel, insbesondere der Fettsynthese. Dabei nutzte er das Fischer-Tropsch-Verfahren zur Gewinnung künstlicher Margarine aus Kohle. Für seine Forschungen griff Imhausen schon Jahre vor dem Krieg zu Menschenversuchen, die noch kurz vor Kriegsende andauerten. Arthur Imhausens Firma galt im 3. Reich als Glanzstück großdeutschen Strebens nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Obwohl Alfred Imhausen als Halb-Jude eingestuft war, wurde er auf Druck von Flick und wg. Göring ob seiner ‘Verdienste um die kriegswichtige Fettsäureproduktion’ mit Hitlers Einverständnis zum ‘Vollarier’ erklärt. Zufälligerweise trieb zu jener Zeit ja auch der Vater von George Bush Geschäfte mit der deutschen Chemie, aber das ist eine andere Geschichte... (Dokumentiert in: Pieper, Nazis on Speed, 2002)
”Die Gewinne aus ihren dubiosen Libyen-Geschäften fielen den Managern der Lahrer Schummelfirma Imhausen-Chemie offenbar zu mickrig aus: Die Bilanz wurde mit Drogen-deals aufgemöbelt.” (taz, 21.2.89). Laut der Staatsanwaltschaft belieferte Imhausen auf Sandy Finkles Bestellung hin seit 1986 eine Chemie-Firma in Guatemala mit dem Stoff Piperonyl-Methylketon (PMK), aus dem relativ einfach MDMA (= Ecstasy) hergestellt werden kann. Im Herbst lieferte Imhausen dann 170 Kilogramm fertiges MDMA direkt an Finkle. Reiner Warenwert: 48.000 DM, Schwarzmarktpreis: 30 Millionen Mark. MDMA ist der chemische Name für jene (nicht halluzinogene) Droge, die im Volksmund als Ecstasy oder XTC bekannt ist. Laut ‘dpa’ ”bewirkt diese Droge eine Senkung der Hemmschwelle zum intimen Gespräch und unterstützt bei Männern die Fähigkeit zu ruhigem und langanhaltendem Körperkontakt”. Die Erkenntnis der Jugend, daß man auf diese Substanz auch tanzen & raven kann, kam erst mit der Zeit.
Kalauerte die taz: ”Wieviele nach Libyen gelangt sind, blieb, wie so vieles in Sachen Imhausen, im dunklen. Man wird wohl die nächsten Staatsbesuche des Obersten Gaddafi abwarten müssen, um Genaueres über eine eventuell gesteigerte Intimität seiner Konversation erfahren können. Unbestritten dürfte jedoch sein, daß Imhausen das erste in Rüstungsgeschäfte verstrickte Unternehmen ist, das den alten Hippie-Slogan ‘Make Love – Not War’ praktisch umgesetzt hat. Eine Pioniertat, die in den Zeiten militärischen Tauwetters durchaus eine Revolution oder gar Wende auf dem Rüstungssektor bewirken könnte.” Nun, der Traum ist aus.
MDMA ist in Deutschland seit dem 1. 8. 1986 verboten.* Der Werks-Jurist habe eine veraltete Ausgabe des BetäubungsMittelGesetzes gehabt, hieß es von Imhausen. Unklar bleibt, ob sich Imhausen, wie sie behaupten, selbst angezeigt hat, oder diese Drogengeschichte im Zuge der Untersuchungen zum Giftgas-Fall aufflog. Die Firma selber wies vergeblich darauf hin, daß sie diese Deals in Kooperation mit dem Bundeskriminalamt durchgeführt habe – was dieses jedoch zurückweist. Zwei Imhausen-Mitarbeiter wurden festgenommen. Der zweite Geschäftsführer, Renner, unternahm einen erfolglosen Selbstmordversuch im Rheinauenwald. Nur wenige Wochen später wechselte die Imhausen GmbH ihr Management aus.
Dieser Fall war einer der größten illegalen Drogenskandale, und mit Sicherheit der größte XTC-Deal in der Geschichte Deutschlands.


Die amerikanische Sicht

US-Untersuchungsbeamte gehen davon aus, daß die MDMA-Aktion anfang 1985 begann. Im März jenes Jahres sprach Sandy Finkle in einer Chemie-Firma in Guatemala vor. Aus jenem Kontakt ergab sich folgende Routine: Imhausen sandte die notwendigen Chemikalien nach Guatemala, wo selbige gemischt und als Tabletten gepreßt in den USA , anfangs noch nicht illegal, als XTC verkauft wurden. Zur Abmachung gehörte eine Garantiemenge von monatlich 1,5 – 3 Millionen Tabletten. Nachweisen kann die Polizei für die ersten zweieinhalb Jahre jedoch nur 3.323.273 Trips. Schon im Oktober 1987 beschlagnahmte die Polizei während des Transports 2,6 Millionen Tabletten und 870 Kilogramm in Mexiko, inklusive einem Papier von Imhausen. Mitte 1988 gab es Probleme mit der Firma in Guatemala und Finkle scheint Imhausen überredet zu haben, die Pillen doch gleich vor Ort zu pressen. Einer der Gründe: Der US-Markt war zu heiß geworden und die große Zukunft für ekstatische Geschäfte sah man nun in Europa. Im September 1988 begann die Produktion in Lahr. Zwischen dem 17.9. und dem 31.10. stellte Imhausen 1,3 Millionen Einheiten her. Im Dezember kündigte Finkle noch eine größere Bestellung zum Monatsende an, über die wir aber nichts genaues wissen. Im SDR berichtete Dr. Walter Katzung 2003, der Hersteller des ersten mobilen Analysegerätes für Designerdrogen, bei Imhausen seien schon 1987 etwa 950 Kilo Vorläufersubstanzen und 500 Kilo Tabletten beschlagnahmt worden.
Monate später, im August 1989, fand die Amsterdamer Polizei im Keller eines Blumengeschäftes 900.000 Tabletten Imhausen-Ecstasy, Made-in-Germany. In der Szene munkelt es, Hauptabnehmer seien weltweit die Sanyassins der ‘Zorba the Greek’-Diskotheken gewesen. Heute ist Holland weltweit größter Hersteller dieser Substanz – und das größte Problem ist die Umweltverschmutzung der Niederlande durch die nicht legal zu entsorgenden chemischen Überbleibsel bei der Herstellung.* So gesehen waren die Produkte der Badenser Drogenküche sicherlich vorzuziehen – muß man Imhausen doch unterstellen, daß sie zum einen ein reines Produkt hergestellt, und zum andern ihre Restchemikalien sauber entsorgt haben. So weit darf das Vertrauen in die deutsche Chemie doch noch gehen.
Acht Wochen nach der Verurteilung von Imhausen-Chef Jürgen ‘Hippy’ Hippenstiel-Imhausen zu fünf Jahren Haft, stand die Firma erneut im Verdacht, in Libyen neben Rabita eine weitere Giftgasanlage, die ‘Pharma 2000’ zu bauen. Waren es nicht auch deutsche Bauarbeiter für dieses Projekt, die nach einer Urinkontrolle in Libyen zu hohen Haftstrafen verurteilt wurden, da ihr Urin Opiumspuren aufwies? Es dauerte lange, bis die Quelle erkannt war: die Verpflegung dieser Arbeiter erfolgte via eine deutsche Catering-Firma in Hamburg. Und die hatte Mohnkuchen aufs Menue gesetzt – ein striktes No-No in Libyen...
Da will doch niemand mehr drüber reden

Als die Übersetzung dieses Buches abgeschlossen war, versuchte ich mehr über Imhausen zu erfahren: Wie lief das aus ihrer Sicht damals ab? Wer wurde von der Firma wie bestraft? Und: Um wieviel MDMA hatte es sich eigentlich gehandelt?
Doch dann stocken meine ‘Ermittlungen’. In Lahr gibt es keine Firma Imhausen mehr – überhaupt keine Imhausens oder Hippenstiels im Telefon-Buch. Die Firma Imhausen wurde aufgelöst, erfahre ich nach vielen Telefonaten, und an eine Schweizer Chemiegruppe (Üttikon) verkauft. Diese Firma ist so neu, daß sie von den alten Geschichten keine Ahnung mehr hat. Wie ein Spuk – alle Spuren scheinen spurlos verschwunden. Daß ich den ehemaligen Firmenchef Hippenstiel nicht telefonisch erreichen könne läge wohl daran, daß er wahrscheinlich noch in der Schweiz im Gefängnis säße. Warum? Niemand weiß Genaues.
Netterweise erfahre ich um drei Ecken Namen und Telefonnummer eines ehemaligen ‘Insiders’. ”Das ist doch schon Jahrzehnte her”, stöhnt dieser, ”darüber will doch heute niemand mehr reden”. Immerhin erfahre ich, daß damals in der Tat auch zwei Imhausen-Mitarbeiter angeklagt wurden: Prokurist Ingo Graefe und der Chemiker Jean-Marie Grunenwald. Das Verfahren gegen Renner wurde wg. dessen versuchtem Suizid abgetrennt.
Das Urteil vom 18.12.1990: ”Wegen bandenmäßigen Rauschgifthandels mit der illegalen Droge MDMA sind die beiden US-Amerikaner Benedict Finkle und Morris Key zu Haftstrafen von 6 Jahren und 3 Monaten bzw. 6 Jahren verurteilt worden. Sie wurden schuldig befunden, 1.35 Millionen XTC-Pillen herstellen lassen und verdealt zu haben. Das avisierte Ziel waren 6 Millionen Tabletten jährlich.”
Gegen die beiden leitenden Mitarbeiter Imhausens verhängte das Gericht wegen Herstellens und Veräußerung der Drogensubstanz lediglich Geldstrafen von sensationellen 3.600 bzw. 9.000 DM. Ein paar Tausend Mark wg. Herstellung und Verkauf von mehreren Millionen XTC-Trips in einem Verfahren, in dem es laut Staatsanwaltschaft um ‘eine neue Dimension im Drogenhandel’ ging? Da zuckt der Laie wie der Fachmann zusammen, und eine Stimme im Kopf will wissen: ”Was hatte denn dieser Richter genommen?” Und auch: ”Warum orientieren sich heutige Richter nicht an jener Verhältnismäßigkeit?”
Spät erhalte ich einenheißen Tip: ”Als informierteren Kontakt zu den Dingen, die damals bei Imhausen vorgefallen sind, könnte Dr. L. dienen. Dr. L. war damals Chemiker bei Imhausen und in das Thema Libyen einbezogen. Auch er war in Haft und kann sicher genaueres berichten. Ob er das möchte, kann ich nicht beurteilen” - so mein Informant.
Er mag nicht. Freundlich dreist erklärt mir Dr. L. am Telefon, er sei nie Chemiker gewesen und von einer Firma Imhausen habe er noch nie gehört. Das beweist eigentlich nur, daß er kein XTC genommen hat, denn dann ginge er sorgsamer mit der Wahrheit um.
Heute ist über die Geschichte so viel Gras gewachsen, daß nur ab und an eine Gerüchteblume durchzukommen scheint: ”Imhausen wurde auf höchste Regierungsanforderungen nach der Libyensache unentwegt und zum Erstaunen der Finanzämter mit Steuerfahndungen überzogen, obwohl man wußte, daß nun nichts mehr zu finden ist. Es wurde vermutet (in unserer Gegend um Lahr), daß Imhausen unter Regierungsobhut viele jahre zwielichtige Geschäfte durchgeführt hatte, wo andere Unternehmen, die staatseigen waren (Salzgitter z. B.). nicht auftreten konnten, oder ist bei seinen Geschäften zu selbstständig geworden.”


Sandy Finkle

Don’t put your life in the hands of a man
with a face for every season
Don’t waste your time in the arms of a man,
who’s no stranger to treason
Linda Thompson

”Nachdem Sandy zwei Jahre im Exil lebte, erreichte mich das Gerücht, daß er einen Deal mit den US-Behörden eingegangen sei, obwohl diese ihn, der ja schon kooperiert hatte, eigentlich noch wegen Steuervergehen belangen wollten. Er bekam wg. der Steuergeschichte drei Jahre, mußte davon aber offensichtlich nichts absitzen.”
Amy erzählte von einer Mitgefangenen, der eine Namensgleichheit aufgefallen war. ”Kennst Du einen Sandy Finkle?” fragte diese sie, und wollte nicht glauben, daß es sich hierbei um Amys (Ex-)Mann handeln könne – denn sie sprach von einem Anwalt aus Dallas; genauer: dem Ehemann ihrer Anwältin Cynthia. Diese Cynthia war geschockt, als Amy sie telemündlich über ‘ihren’ Mann aufklärte; sie hatte ihm auch schon eine größere Summe Geld für Investitionen überlassen... und die Ehe war auch schon nach kurzer Zeit annuliert worden, als herauskam, daß seine vorherige Ehe nicht rechtmäßig aufgelöst worden war. Nun, was Wunder, auch diesesmal überzeugte der Charmeur Sandy seine Cynthia, daß Amy Kopf einer Drogenbande und völlig unglaubwürdig sei.
Sandy hatte den Bullen erzählt, daß Amy ihm Geld aus seinen Schließfächern besorgt hatte – und damit machte er sie, laut US-UnRecht, zu seiner Komplizin und Mitverschwörerin. Beim sogenannten Drogenkrieg geht es vor allem um Geld, beschlagnahmte Wertstücke und darum, Menschen zu brechen und zu korrumpieren. Amy: ”Wenn du ‘kooperierst’, kannst du dir fast alles erlauben!” Und mußt dann mit deinem Leben als Verräter, auf Kosten anderer, teils auf Kosten bester Freunde und Verwandter, fertigwerden. Wie würdest Du dich in so einer Situation verhalten?
C., ein ehemaliger Dealer-Kollege aus dem Jahr 1969, saß zwanzig Jahre später für 18 Monate zusammen mit Sandy Finkle in der JVA Herzogenriedstraße 111 in Mannheim. Nach seiner Entlassung erzählte er mir, sie seien beide Schänzer gewesen, d.h. ihnen unterlag der Reinigungsdienst auf den Gängen etc., mit der Gelegenheit, den Kollegen etwas zuschanzen zu können. ”Wir waren hervorragend” und Sandy war ”Nummer 1” – so C. Reiniger, die nicht ganz sauber waren. Ein Umstand kam ihren stark entgegen: im Gefängnis wurde ein Flügel umgebaut und dadurch ergaben sich im Keller zugängliche Lagerräume, mit Matratzen und Mülleimern und vielen Möglichkeiten für ehrgeizige Schänzer. Dealer im Underground – wenn auch nicht notwendigerweise mit Drogen. Checker. Schänzer halt. Selbst im Unten oben.
Laut C., hat Sandy vier Jahre abgesessen. Sandy sei von seinen Anwälten gelinkt worden. Der US-StaatsAnwalt wollte seinen Arsch, aber wg. Gesamtstrafenregelung keine Auslieferung. (Gilt das auch für Steuervergehen?) Nach seiner Entlassung sei Sandy bei C.s Freundin A. eingezogen, die er bei Knastbesuchen kennengelernt hatte. C.s Urteil:
Sandy sei zweifelsohne einnehmend, charmant, großzügig et al. Die personifizierten besten Seiten vom MDMA; Ecstasy-Fanatic, e-feeling total. Alle, die ihm hier begegnet sind, schwärmen von ihm und wollen nicht wahrhaben, daß er sich seiner Ex-Frau gegenüber völlig daneben benommen hat. Naja, ”er ist schon ein Gangster”, meinte C., eher bewundernd.
Nach seiner Haftentlassung lebte Finkle – aus Angst vor einer Verhaftung in den USA – mit einer Freundin zwei Jahre in Deutschland und Amsterdam, ohne sich auch nur einmal bei Amy, seiner Ex zu melden.


Clintons Einsehen

You don’t know what a chance is
Until you have to seize one
Linda Thompson

Derweil verbrachte Amy Jahr auf Jahr im Knast. Aus ihrer Zelle initiierte sie eine Briefaktion, die von ihrer geliebten Familie und ungezählten Aktivisten unterstüzt wurde. Sie schrieb einen bewegenden Brief, der zusammen mit dem Glamour-Artikel und Kopien der eidesstattlichen Erklärungen an hunderte von Politikern verschickt wurde. Diese Aktion veranlaßte siebzehn Mitglieder des Senats und des Repräsentanten-Hauses wiederum, Briefe an das Begnadigungs-Office zu senden, in denen sie Präsident Clinton aufforderten, Amys Gesuch stattzugeben und sie aus dem Knast zu entlassen.
Bei seinem Abgang berücksichtigte Präsident Clinton aus einer Liste von mehr als eintausend Gnadengesuchen ganze zwölf (12) – und Amy, zusammen mit drei weiteren Frauen und einem Mann mit einer ähnlichen Geschichte, wurden als allererste POWs (Prisoners of War), also Kriegsgefangene im amerikanischen Drogenkrieg, amnestiert.
Nach neun Jahren und drei Monaten Haft wurde Amy am 7. Juli 2000 ins Gefängnisbüro gerufen, wo man ihr mitteilte: ”Durch den Erlaß des Präsidenten können Sie nun nach Hause”. Haben wir damals nicht alle diesen Jubelschrei gehört und konnten ihn nicht einordnen?
Derzeit lebt Amy in Kalifornien, wo sie an einem weiteren Buch arbeitet, in dem es um ihre Erfahrungen während der Haft geht. Titel: The Impossible Dream.
”Ich bin sicher, daß ich dazu auserkoren wurde diesen Horror zu ertragen und durchzustehen, um in der Lage zu sein, anderen zu helfen. Möge es mir vergönnt sein, meine Erfahrungen so vermitteln zu können, daß sie anderen in einer ähnlichen oder gar schlimmeren Situation helfen. Die unschuldigen Opfer des War-on-drugs verdienen unsere Unterstützung. Obwohl ich viele unsäglich quälende Stunden durchmachen mußte, bin ich heute davon überzeugt, daß es einen Gott gibt, der minütlich über unsere Aktionen Buch führt. Demzufolge werden wir an unseren Taten gemessen und letztendlich für unseren Glauben und unsere Bemühungen belohnt. Und den Finkle-Namen habe ich sofort & für immer abgelegt.”

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