PIEPER – INTERVIEWS
1. Christiane Eisele, HanfBlatt 2001
2. Sina für MUSHROOM, Frühling 2002
3. Winnie für GROW, 2002
4. Peter Lau in brandeins 10/2001
5. Was andere über uns sagen, einige Zitate
6. Laudatio zum Blue Bird Award, von Sharon Levinson
Christiane Eisele besuchte im Sommer 2001 Werner Pieper in dessen Vertriebsbüro. Hier ihre Eindrücke, die sie damals für das Hanfblatt aufgeschrieben hat.
"Alle Grünen Zweige wachsen auf braunen Ästen!"
Eine Begegnung mit Werner Pieper
Keine Frage, Werner Pieper ist eine der Ikonen der Hanfszene. Er ist nicht nur der Fachverleger für Drogenliteratur sondern obendrein gesegnet mit einer gehörigen Portion Wortwitz und der Fähigkeit scheinbar ganz banalen Alltäglichkeiten ganz neue Dimensionen abzugewinnen. Zur Freude seiner Leser sorgt er auch nach 30 Jahren noch immer für spannende und vergnügliche Leseabende. Und er hat noch jede Menge Ideen auf Lager...
Ich besuche Werner Pieper an einem sonnigen Spätsommertag in seinen Vertriebsräumen in der Weinheimer Altstadt. Er öffnet mir persönlich die Tür, ich muß allerdings zweimal hinsehen um ihn wiederzuerkennen. Begegnete er mir das letzte Mal mit langen bunten Rasta-Zöpfen, ist er jetzt vollständig kahl rasiert, allerdings mit einem etwa ein Meter langen Zopf am Hinterkopf. Er führt mich durch die Räume, vorbei an Regalen mit tausenden von Büchern in sein geräumiges Büro. Das heißt, es könnte durchaus geräumig sein, wäre da nicht der riesige Schreibtisch, der fast den gesamten Raum ausfüllt. Dekoriert mit vielen bunten Tüchern mit afrikanischen Mustern, Bücheregalen und lustigen Kleinigkeiten, wie etwa einem großen Fliegenpilz, wirkt der Raum behaglich und gleichzeitig sympathisch chaotisch. "Eine Zeitlang war hier alles weiß, damit unsere beiden Vetriebsmitarbeiter konzentriert arbeiten können, aber das fand ich dann irgendwann so langweilig", Pieper lächelt, er ist sichtlich zufrieden mit dem Interieur seines Büros und findet es durchaus inspirierend.
Ich frage ihn nach seinen Anfängen. "Anfangen müßte man eigentlich mit der Zeugung oder der Geburt" schmunzelt er, tatsächlich begann er seine publizistische Laufbahn in der Schülerzeitung "Der Wecker". "Ich habe damals einen der ersten Beatles-Artikel geschrieben unter der Überschrift "Lieber Beatles-Haare in der Suppe, als Freddy-Schmalz im Ohr". Ich hatte einen Suppenteller geschenkt bekommen, in den die Beatles reingemalt waren... 1965 schrieb ich einen Artikel, in dem ich die Anerkennung der "DDR" gefordert habe. Der erschien in der Zeitung, als ich die Schule bereits verlassen hatte. Ich kriegte dann aber noch mit, daß der Direktor die Schülerzeitung eigenhändig einsammelte und auf dem Schulhof verbrannte. Jeder Umgang mit mir wurde den Schülern untersagt. Daran haben sich bis heute alle gehalten. Ich habe aber auch keinen vermisst." Für Werner Pieper war das ein einschneidendes, prägendes Erlebnis "Das war meine erste Bücherverbrennung und das ist natürlich eine Bestätigung, ich dachte, hey, wenn die das so wichtig nehmen..." Anfänglich hatte das allerdings keine Auswirkungen auf sein weiteres Berufsleben, er wurde Kochlehrling und träumte von einem Dasein als Hoteldirektor "oder daß ich vielleicht für irgendeine Hotel-Fachzeitschrift schreiben könnte." Glücklicherweise kam aber alles ganz anders. Er erinnert sich noch genau an den 1. Oktober 1969, "da wurde ich Haschisch- und LSD-Händler und merkte, daß die Leute häufig gar nicht wussten auf was sie sich da einlassen. Ich dachte, da machen wir doch so eine kleine underground-Zeitung, wie ich sie aus England kannte." Preisgestaltung und Vertriebswege dieser Publikation waren denkbar einfach. "Die ersten Ausgaben hatten keinen festen Preis, das ging auf Tauschbasis, egal was, eine LP, einen Kuss, ein piece, ein Räucherstäbchen. Den Vertrieb übernahmen meine Dealerkollegen." Heidelberg war damals Anziehungspunkt für viele Drogisten, die aus großer Entfernung anreisten um sich in der Stadt mit verschiedenen Stoffen einzudecken. "Die haben dann ihre hundert Trips oder 100 g und 10 Zeitungen mitgenommen. Einige machten dann Läden auf und die ersten 5 Jahre war das identisch mit dem Vertrieb von Drogen und Zeitungen. Das hat sich dann eben einfach weiterentwickelt." Nach sieben Jahren "Grüne Zweige" – so nannte er seine Publikationen- und einer Dealerkarriere machte Werner ein Jahr Pause, ging nach England und arbeitete zeitweise für einen Schäfer "um rauszufinden ob es das ist, was ich machen will. Ich fand diesen Schäfer bewundernswert, ich habe große Achtung vor Leuten, die hart arbeiten. Ich fand mich also plötzlich in einem heruntergekommenen Wohnwagen wieder, umgeben von zweihundertfünfzig Schafen und mußte alle zwei Stunden raus um bei der Geburt der Lämmer zu helfen" Er half nicht nur Lämmern auf dem Weg ins Leben, sondern verhinderte auch selbiges "Ich musste zwar erst schlucken, aber nun, das gehört zum Job, jedem Böckchen, das kam, mußte ich so ein Hartgummi umlegen, damit das Pimmelchen abfällt".
Etwa in dieser Zeit erschien eine TAZ-Ausgabe mit einem Artikel, der ihn als Nazi darstellte. Pieper hatte 1973 Hopi-Indianer nach Heidelberg eingeladen, die ihn ermutigten, nach seinen Wurzeln zu suchen. Auf der Suche nach diesen Wurzeln verlegte er ein kleines Büchlein, "Geister und Abergeister". Einer der Autoren, ein Forstmeister Fabrizius outete sich im Vorwort als Mitglied der NSDAP. "Ich empfand das Buch vom Inhalt her wie Castaneda ohne Drogen. Ich hatte mit ihm ein sehr gutes Verhältnis und ich war froh, daß er sich an seine Mitgliedschaft erinnern konnte, ich kannte ja sonst nur Leute, die sich nicht daran erinnern konnten. Ich fand es sehr spannend, wie er das aufgearbeitet hat. Für mich war er integer, ich hatte damit überhaupt keine Probleme. Ebenso wenig wie mit Prof. Wirth, der ebenfalls an dem Buch mitgearbeitet hat und sehr bräunlich angehaucht war." Er machte daraufhin wieder eine Zeitung über dieses Thema, "weil ich das spannend fand und relativ früh gesehen habe, welche Fallen dieses alternative Hippieleben hat, wenn man politisch nicht wach genug ist. Da muß man aufpassen, dass man nicht mit diesen Blut- und Boden-Typen in einen Korb geworfen wird, weil man viele grundsätzliche Gesellschaftskritiken mit ihnen gemeinsam hat. Viele Konsequenzen aber nicht." Nach dem TAZ Artikel flogen alle seine Bücher aus den damals für ihn ökonomisch wichtigen linken Buchläden. "Ebenso wie einige Jahre später alle meine Bücher aus den Naturkostläden rausflogen, weil ich ein Buch über Frisbees gemacht habe und man mir die Propagierung von Plastik vorwarf" Er lächelt verschmitzt. "Man kann’s nicht allen recht machen..." Forstmeister Fabrizius Kommentar zu der Angelegenheit hat Werner Pieper bis heute nicht vergessen: "Alle Grünen Zweige wachsen auf braunen Ästen". Er lacht herzlich "Ich fand das so witzig und so wahr! So war ich also auch mal ein Nazi."
Letztendlich war das der Auslöser, wieder Bücher zu verlegen. "Danach war ich sicher, es gibt so viele Informationen, die zwar nicht beachtet werden, aber für mich wichtig sind. Und wenn etwas für mich wichtig ist, weiß ich, es gibt noch ein paar Leute, die das auch interessiert. Damit habe ich bisher überleben können."
Allerdings sind nicht alle seiner Bücher finanzielle Erfolge " Vom Verkauf her ist es erstaunlich, wieviele wunderbare Flops ich schon gelandet habe". Pieper lacht. "Einige Bücher haben sich dagegen sehr gut verkauft, wie etwa 1973 das erste Buch über Naturkost. Als ich das gemacht habe, gab es zwei Naturkostläden in Deutschland, als ich wegen Plastikpropaganda rausflog waren es schon 800. Für die Naturkostbewegung hatte ich die ersten Bücher, da war ich der Fachverleger." Weitere Verkaufserfolge waren das "definitive deutsche Hanfhandbuch" und die "Hackerbibel". "Die Hackerbibel hat mich vor dem Untergang bewahrt, weil mir gerade jemand zweimal in einem Jahr in Löhrbach Feuer gelegt hatte und ich nicht versichert war." Ein weiterer Verkaufshit war das "Scheißbuch", "durch meinen Auftritt bei Jürgen von der Lippe, nur deswegen". Ebenso erfolgreich war die Neuauflage des Hanfhandbuchs "das ja nicht mehr die mittlerweile indizierten Teile enthält." Ein Bestseller ist auch das Buch von Bert Marco Schuldes "Psychoaktive Pflanzen". "Das läuft gerade aus und ich verlege es nur neu, wenn Bert Marco es überarbeitet. Ich weiß erst seit relativ kurzer Zeit, dass das Buch überarbeitenswert ist, daß da Fehler drin sind, und das kann ich so nicht neu auflegen. Das Buch ist ein klasse Buch, aber es ist schon ein paar Jahre alt, das Interesse hat zugenommen, die Erfahrungen haben zugenommen, man weiß heute mehr als damals und dieses Wissen muß in ein solches Buch permanent rein. Ich lege großen Wert darauf, daß unsere Drogenbücher, wenn sie denn dergestalt sind, daß man weiß, Leute lernen mit dem Buch, machen aber neue Erfahrungen, alle paar Jahre überarbeitet werden müssen. Das ist ganz wichtig." Auch das Hanfhandbuch hat er 20 Jahre überarbeit, "aber das reicht mir jetzt. Inzwischen gibt es ja tausend Hanfbücher von allen möglichen Verlagen. Ähnlich wird es bei dem "Psychoaktive Pflanzen" Buch sein. In fünf Jahren wird es da dutzende von Büchern geben. Nur ist das unsere das erste, weitgehende solide Informationswerk, das man sich leisten kann." Auf günstige Preise legt Werner Pieper größten Wert " Der niedrige Preis der Bücher ist eine der Eigenarten dieses Verlags. Die Preisgestaltung übernimmt immer der Konsument in mir, nicht der Geschäftsmann. Ich frage mich immer: können sich das Jugendliche leisten?" Eines ist ihm klar: "Deswegen sind etliche von meinen Büchern viel zu billig." Preisdiskussionen mit seinen Autoren setzt er ein nicht von der Hand zu weisendes Argument entgegen: "Kuckt Euch doch die Jungs und Mädels an, die haben eben nur diese 12 Mark und wenn die Information wichtig ist, dann naja... dann werde ich halt nicht reich." Allerdings diskutieren nur wenige Autoren mit ihm über seine Preisgestaltung und ihre dementsprechenden Honorare. Wesentlich mehr Kopfzerbrechen macht ihm da der Handel. Während Buchhändler sich an die gesetzlich vorgeschriebene Preisbindung für Bücher halten, sind einige Hanfladenbesitzer da kreativer. Obwohl die Preise bei den "Grünen Zweigen" und der "Edition Rauschkunde" aufgedruckt sind, verkaufen einige die Bücher zu ihrem eigenen Preis. "Besonders schmerzhaft ist es ganz konkret bei dem Büchlein von Richi Moscher "too much – Erste Hilfe bei Drogenvergiftungen", das kostet 5 Mark, das ist ein extrem wichtiges Buch. Wir haben uns genau überlegt, warum machen wir das im Postkartenformat – damit man es in die Tasche stecken kann. 5 Mark, mein Gott, da wird niemand dran reich. Wir haben sowieso schon große Schwierigkeiten, das Buch bei Drogenberatungen und Sozialarbeitern unterzubringen, weil unser Ruf als "Drogenverlag" so schlecht ist in diesen Kreisen, daß die diese wichtige Information gar nicht von uns beziehen. Was bedauerlich ist. Wenn mir der Autor dann erzählt, daß jeder dritte Laden, den er besucht hat, das Buch für 7,50 Mark oder für 10 Mark anbietet, dann muß man leider, wenn der Handel so unsolidarisch ist, zukünftig auf Druck des Autors Konsequenzen ziehen." Teurer machen will er dieses Buch nicht, es geht ihm um die Verbreitung der Information und nicht darum "irgendwie Geld zu verdienen. Mein Job ist es Informationen zu verbreiten."
Werner Pieper macht auch keinerlei schriftliche Verträge, weder mit Autoren noch mit anderen Geschäftspartnern. Als Albert Hofmann ihn einmal fragte, weshalb eigentlich nicht, da mußte ich wirklich mal ein bißchen nachkramen in meinen grauen Zellen bis ich auf die wahrscheinliche Wahrheit kam. Ich habe in meinen sieben Jahren als Dealer gelernt, ohne Verträge zu arbeiten. Als Dealer mußt Du einfach vertrauenswürdige Partner haben.
Ideen für die Zukunft hat Werner Pieper noch massenhaft. "Ich könnte jederzeit noch etwa 12-15 Bücher machen, wo ich zu den Themen zeitweise seit Jahren sammle. Ich brauche nur irgendeinen Auslöser um mich drum zu kümmern". Einmal im Jahr zieht er sich fastend auf eine Insel zurück, in dieser Zeit entstehen die meisten seiner Bücher. "Im restlichen Jahr findet sich dann ab und zu eine Woche, da ergänze oder überarbeite ich die Sachen dann." Ein Ende der witzigen und erfrischend anderen Bücherflut ist also zum Glück nicht zu befürchten. Werners Vergnügen daran, zu erfahren, was wirklich hinter den Dingen steckt und seine amüsanten Einblicke in scheinbar belanglose Alltäglichkeiten ist auch nach 30 Jahren nicht weniger geworden.
Zum Abschied überrascht er mich aber doch noch mit einer ungewöhnlichen Forderung: "Legalisierung von Drogen für Rentner! Sie haben einfach eine Steigerung ihrer Lebensqualität verdient." Er lächelt verschmitzt. "Das ganze hat noch einen interessanten Nebeneffekt: Die Omas und Opas wären plötzlich bei ihren Enkelkindern richtig populär!" Grübelnd mache ich mich auf den Heimweg. Hat er das denn jetzt ernst gemeint?
Sina vom Mushroom Magazin verbrachte im Frühjahr 2002 ein paar Tage in der Alten Schmiede. Hier folgt, was dabei hierbei herauskam – und zwar die Langfassung, nicht die gekürzte aus dem Magazin
Wir sind die neuen Wurzeln
Ein Interview mit Werner Pieper
Werner Pieper ist ein Geschichtenerzähler, im besten, traditionellen Sinne des Wortes. Kein Märchenonkel, sondern einer von denen, die von jeher von Dorf zu Dorf, von Stamm zu Stamm zogen. Einer, der dabei Dinge erlebt und Menschen trifft und zuhört und erzählt; der Nachrichten überbringt und die Erfahrungen von Vielen in seinen Geschichten bewahrt. Da die Stämme der Neuzeit nur noch selten am Lagerfeuer versammelt sind, bewahrt er die Geschichten nicht nur in der mündlichen Überlieferung, sondern auch in mannigfaltigen Druckwerken …
„Verleger und Autor“ ist seine moderne Berufsbezeichnung. „Werner Pieper & The Grüne Kraft – MedienXperimente“ steht etwas sperrig auf dem Verlagskatalog. Über 200 Grüne Zweige hat die Grüne Kraft bis heute sprießen lassen.
Für den mushroom erzählte er, wie die Festivals früher waren, was aus den Hippies geworden ist, warum er die Legalisierung von Drogen für Rentner fordert und vom Überleben im Kapitalismus.
Angefangen hat es Ende der 60er Jahre, als ein Haufen bunter Menschen am Piccadilly Circus rumhing. Menschen, die ihr Leben mit Schlafsäcken, 2-Pfennig-Stücken und einer Mischung aus Cleverness und Spaß bestritten. Einer von ihnen war der Pieper, und der bekam eben dort 1969 ein kostenloses Heftchen in die Hand. Jemand hatte die Idee gehabt, hunderte Tips & Tricks zum geldlosen Überleben in London zusammenzustellen und unter die Leute zu bringen. Nützlich und neu war diese Idee, und ihr Same war im Pieperschen Kopf gesät. Ein paar Jahre später, back in Germany, ging die Saat auf: Warum nicht sowas für Heidelberg machen? Die Idee wuchs und nahm Gestalt an, und 1971 war es soweit – der erste Grüne Zweig erschien. Und konfrontierte Deutschland z.B. mit dem Anti-Unweltverschmutzung-Artikel – das Wort "Umweltschutz" gab's da noch nicht … Dem ersten Grünen Zweig folgten Underground-Zeitungen – das Kompost- und später das Humus-Magazin – und immer noch mehr Grüne Zweige. Gemein ist ihnen bis heute, dass es nicht um das Geldverdienen mit dem „Produkt“ Buch (oder Heft) geht, sondern darum, Informationen, Wissen und Erfahrungen verfügbar zu machen.
Im letzten Jahr feierten die MedienXperimente ihren dreißigsten Geburtstag. (Namensgeber war übrigens der gute Grüne, der in den 70ern die ersten Veröffentlichungen finanzierte.) Eine lange Geschichte also … Eine, die damals, in den „Hippie-Zeiten“ anfing, und immer noch weitergeht. Und die, wenn man darüber so nachdenkt und staunt, Fragen aufwirft: Was ist das für ein Mensch, dieser Pieper? Ist das echt ein übriggebliebener Hippie? Was ist aus den Ideen, Idealen und Leuten von damals geworden? Kann man als kleiner Freak in dieser Gesellschaft überleben? Oder wird man zwangsläufig irgendwann assimiliert? Und: Wie waren jene ersten OpenAirs der End-60er und frühen 70er, von denen Woodstock wohl das Verklärteste ist?
Also machte ich mich auf nach Löhrbach im Odenwald, um ein paar Antworten zu bekommen …
Es ist ein klarer, schöner Sonntag im April, als ich aufbreche Richtung Löhrbach. Sieben Stunden Bahnfahrt durch das frühlingshafte Land, das immer grüner wird, je weiter ich nach Süden komme. Ich bereite mich vor, lese, formuliere Fragen, bin gespannt, was mich erwartet. In Weinheim steige ich endlich aus dem Zug. Am Rande des Bahnsteigs lehnt jemand graugelocktes in einem sehr buntgemusterten Pullover. Kein Zweifel, das isser. Ein genickter Gruß, ein Grinsen über die Bahngleise hinweg, ich schleppe mein übertrieben umfangreiches Gepäck hinüber und stehe vor meinem Gastgeber. Das nächste, das mir nach dem bunten Pulli auffällt, sind seine Augen. Gelassen und aufmerksam blicken die in die Welt, und manchmal meint man fast, die Gedanken dahinter langflitzen zu sehen. Blitzt da nicht der Schalk aus den Augenwinkeln? Später denke ich, es ist mehr eine Energie, eine ständige Bereitschaft, Verknüpfungen herzustellen, Geschichten zu verweben.
Eine gewisse Zufriedenheit meine ich zu erkennen, und ein beständiges Staunen. Einer der Sätze aus dem Verlagsprogramm lautet „Wo die Angst aufhört und das Staunen beginnt“. Werner Pieper ist weitergegangen, von diesem Punkt an. Das Staunen ist geblieben.
Am deutlichsten wird es, wenn er von Tochter Oona spricht. 16 Jahre alt ist sie, und kürzlich nach Heidelberg gezogen. Zwei Klassen des Gymnasiums hat sie übersprungen. Im Büro in Löhrbach liegt ein dicker Stapel Papier: Oonas umfangreiche Recherche über „Müßiggang“ und „Faulheit“ – vielleicht bald ein Buch?
Wir sprechen über Eltern und Kinder und ob eine Abgrenzung oder gar Entfremdung zwischen den Generationen notwendig ist. Seine Stimme wird ganz leise, mit Bedacht wählt er die Worte, horcht ihnen nach. Und stellt mit Staunen fest, dass es diese Entfremdung zwischen ihnen bis jetzt nicht gibt. Keine Distanzierung von den „ollen Althippies“, wie es vielleicht hätte passieren können. Kein Abstoßen von alten Bindungen, um die eigene Selbst-Ständigkeit zu erkämpfen. Nicht notwendig, den Weg des anderen zu verdammen, um einen eigenen zu finden. Erstaunlich?
Werner sagt, er habe die Angewohnheit, kleine Kinder nie als "kleine Kinder" zu behandeln. Das ist ein Mensch, der eben jung ist. – Und dass er sich immer gewünscht habe, wenigstens mit den eigenen Eltern ehrlich und aufrichtig sein zu können.
Ehrlichkeit und Achtung vor dem anderen also. Klingt nach einer einfachen Formel für den Umgang miteinander, denke ich. Ist aber wohl nicht so selbstverständlich, wie man meinen sollte …
Um es vorwegzunehmen: Die Tage in Löhrbach waren für mich wirklich, im schönsten Wortsinn, erhellend. Die Gastfreundschaft dieser Menschen, wie selbstverständlich sie mich an ihrem Leben teilhaben ließen; das Haus (!), das eine einzige Schatztruhe ist, voll Perlen der "alternativen" (oder wie auch immer man das nennen will) Literatur und regalweise wunderbarer Musik; der Rhythmus des täglichen Lebens – strukturiert, ohne einzuzwängen; das Interesse an einander und die Aufmerksamkeit für einander, die jederzeit spürbar sind; der bewusste, achtsame Umgang mit allem – einander, der Umgebung, den Aufgaben des täglichen Lebens …
Davon ein Teil zu sein, war für mich eine Herausforderung und Anregung. Und ermutigend. "Eine andere Welt ist möglich" – dieser Satz (bekannt als Maxime der Attac-Bewegung) kam mir dort oft in den Kopf. Hier konnte ich sehen, dass es stimmt.
Im Interview finden sich viele Hinweise auf Bausteine dieser anderen – besseren – Welt. Klar, dies ist seine Welt, sein Weg. Ich würde jedoch nicht ausschließen, dass einige davon in allen Welten prima Grundsteine abgäben. Aber lest selbst.
S.: Bist du ein Hippie oder hast du dich mal als "Hippie" gesehen?
W.P.: Ich hab mich nie so genannt oder mich da angesprochen gefühlt. Ich mache seit 1969 eigentlich nur Sachen, die ich machen will, ohne dabei auf's Geld zu gucken, und wenn man ein bisschen fleißig ist und ein bisschen Glück hat, kann man damit überleben. Dabei hab ich gar keinen Nerv, mir zu überlegen, WAS ich denn bin … Erst waren es „die Hippies“, dann „die Alternativen“ …
Wir wurden wohl schon Anfang der 70er Jahre davon beeinflusst, dass wir "Hippies" genannt wurden. Vielleicht sind wir ein bisschen in die Falle getappt, dass die Öffentlichkeit wusste, was ein Hippie ist – also hat man sich so verhalten, wie es die Hippies in Amerika vielleicht vorher einmal gedacht und gemacht hatten. Das äußerte sich, indem man z.B. mit der Kleidung nochmal extra einen draufgelegt hat. Ich hatte beispielsweise ein BischofsCape … Und wenn man dann als Dealer auf'm Mofa im BischofsCape über die Szene fuhr … – war für die GI-Kunden natürlich großartig, hätte aber nicht sein müssen.
Wenn eine Jugendszene sich entwickelt und von den Medien einen Namen verpasst kriegt, muss man da nicht drauf reinfallen. Denn eigentlich geht es ja um das tägliche Leben und was man da macht, egal, wie das genannt wird. Unser Freund Craig Carpenter, Botschafter der Hopi-Indianer, hat sich darüber Gedanken gemacht und mir den Begriff "Hippie" so erklärt: Er ist die Abkürzung für "Help In Producing Peaceful Individual Existence". Damit kann ich leben. Ansonsten verbinden die Leute mit dem Begriff dieses Medienimage und stecken einen in eine Schublade. Es gibt keinen solchen Begriff, mit dem ich mich identifizieren würde … ich bin selbständiger Unternehmer! Ich unternehme seit 30 Jahren verschiedene Sachen.
S.: Wolltest du die Welt verändern? Was ist deine Motivation, etwas über ein Thema zu schreiben?
W.P.: Wollte ich nie, tu' ich aber … (lacht) Auch darüber hab ich mir keine Gedanken gemacht! Ich bin neugierig und habe gelernt: wenn ich mich für ein Thema interessiere, tun es meist auch andere Menschen. Ich fühle mich als so eine Art Sperrmüllsammler auf dem Informations-Sperrmüll, der guckt, was da noch für Schätze stecken, die die anderen übersehen haben. Es ist nicht so, dass ich überlege "welches Thema könnt’ ich noch …?" oder so. Meistens taucht eine Frage auf, wie "Warum sind es beim Fußball immer elf?" oder "Wie war das mit den Drogen im 3. Reich?" Ich suche ein Buch dazu und finde keins – und dann schreib’ ich's. Als Autor nehme ich das Buch als Anlass, ein Thema kennenzulernen. Ich fühle mich nie als "Fachmann", und ich glaube, davon leben viele meiner Bücher. Ich bin halt der Dummdödel wie jeder andere auch, es ist keine Fachsprache. Deshalb ist es für den Leser, der einfach nur neugierig ist, vielleicht leichter nachzuvollziehen.
S.: Bei Themen wie Umweltschutz scheint es aber schon so, als hättet ihr damit etwas losgetreten …
W.P.: Ich habe nie Wellen losgetreten, sondern ich war eben ein guter Surfer und war auf der ersten Welle! Warum auch immer, hat sich so ergeben. Die Schwierigkeit ist, dass Leute dann glauben, man wäre der Fachmann dafür …
S.: Glaubst du denn, dass die Szene und die Ideen von damals die Welt verändert haben?
W.P.: Ich mag einen Text von Heathcote Williams aus "The Immortalist" sehr, in dem er beschreibt, wie die Pflanzenwelt sich eines Tages Gedanken macht über diese Menschen, die so viel zerstören. Und die Pflanzen beschließen deshalb, bestimmte Pflanzen zu aktivieren, die das Bewusstsein des Menschen verändern können … Ich bin absolut überzeugt, dass LSD die Welt verändert hat – nicht nur in der Musik oder in der Mode. Von den Top-10-Computercracks aus Amerika haben – bis auf Bill Gates – alle LSD genommen! Da steckt eine Vision dahinter! Was die meisten heute natürlich verdrängt haben …
Der Einfluss auf die Wahrnehmung der Welt, in der wir leben, ist durch Leute, die LSD genommen haben, bestimmt immens verändert worden. Gerade im Umweltbewusstsein: Viele Städter haben ja kaum ein Verhältnis zur Natur, aber vielleicht sehen sie auf LSD einen Baum, und machen sich Gedanken …
Wir haben '71 diesen Umweltverschmutzungsartikel gebracht – das Wort "Umweltschutz" gab's noch nicht – und schon damals hab’ ich die Umverpackungen in den Supermärkten gelassen, was jedes Mal von der Verkäuferin oder dem Verkäufer als unfreundlicher Akt empfunden wurde …
S.: Ich hab schon öfter Sachen gehört wie "damals, als wir noch mit unserem Bewusstsein experimentierten und dachten, dass das was verändern könnte". Dass Leute auf die 70er mit so eine Resignation oder sogar Verbitterung zurücksehen … Du hast da aber nicht so eine Trennung vollzogen, oder?
W.P.: Nee, überhaupt nicht!
Ich hatte den Vorteil, dass ich, bevor ich ein sog. "Hippie" wurde, schon eine Berufsausbildung hinter mir hatte, in der ich eben erfolgreich war. Dadurch hatte ich das Gefühl, ich könnte im Prinzip jeden Job machen. Kann vielleicht eine Illusion gewesen sein, nur: Ich war so hochqualifiziert, dass das Arbeitsamt mir in Heidelberg gar keinen Job hätte vermitteln können. Natürlich bin ich nicht zum Arbeitsamt gegangen, ich wollte nie einen Pfennig von irgendjemandem, weder Eltern noch Staat. Da habe ich lieber zwei Jahre mit dem Schlafsack im Wald gewohnt, weil ich Geld verdienen nicht so spannend fand …
In unserer Gesellschaft kann man ja doch längere Strecken ohne Geld leben. Es wird schwieriger, wenn Familie da ist, wenn diese Art von Verantwortung aufkommt; und das war für viele meiner damaligen Zeitgenossen der Bruch. Da haben viele nicht mehr die Energie gehabt, ihre Ideale weiterzuleben und trotzdem in dieser Gesellschaft zu funktionieren. Und das kann ihnen niemand vorwerfen.
Mir war klar: Wenn wir schon behaupten, wir machen jetzt was Neues, wir sind "die Neuen", wir versuchen, Sachen anders zu machen, dann müssen wir unsere Hausaufgaben vorher gemacht haben. Das heißt, so zu funktionieren, dass man niemandem auf der Tasche liegt, dass man unabhängig ist, dass man Verantwortung für seine eigenen Sachen übernimmt. Und dann zu gucken, wie man etwas anders oder besser machen kann.
Eine bestimmte Disziplin, z.B. im Geschäftsleben, kann man sich erarbeiten und haben, statt erst mit den Idealen anzufangen und dann irgendwann mit den Schwierigkeiten des Geschäfts konfrontiert zu werden. Wenn wir schon so vermessen waren zu sagen, das, was im normalen, täglichen Leben der Spät-60er lief, sei scheiße, dann war klar, dass es viel Arbeit war, daran etwas zu verändern. Und nicht nur zwei Trips nehmen und 'ne andere Sicht der Dinge haben und hoffen, dass sich alles zum Guten wendet … – so geht' s leider nicht.
Im Lauf der Jahre und Jahrzehnte kriege ich schon mit, dass es immer weniger werden, von denen man sagen kann, die haben ihr Leben bis heute geführt auf Grund ihrer Visionen von damals UND haben das durchgehalten. Es ist halt nicht leicht, im Kapitalismus zu überleben mit eigenen Gedanken … Es ist viel leichter, sich anzupassen und irgendein Spiel mitzuspielen, nur … gibst du dem Kapitalismus den kleinen Finger, nimmt er gleich den ganzen Arm.
S:. Hast du dich denn als jemanden begriffen, der außerhalb der Gesellschaft ist?
W.P.: Von Anfang an hab ich gesagt: Hey, ihr könnt alle behaupten, wir wären Außenseiter – das ist nicht wahr. WIR SIND IM ZENTRUM. Und alle anderen sind Außenseiter. Diese Arroganz hab ich nun mal.
Jeder ist im Zentrum seines Lebens, seiner Welt. Und wer sich selber als Außenseiter sieht, der tut mir irgendwie leid.
S.: Und wie funktioniert das hier in der dörflichen Umgebung? Unter den Leuten, für die du vielleicht ja schon irgendwo den Paradiesvogel darstellst?
W.P.: Da müsstest du schon die Leute fragen … Ich hab zu den Dörflern eigentlich überhaupt keinen Kontakt, ich wohn' ja auch erst 25 Jahre hier …
Als ich 1973 hier hergezogen bin, hab ich dafür gesorgt, dass im örtlichen Rundfunksender, den alle tagsüber hören, vermeldet wird, dass die Grüne Kraft von HD nach Löhrbach gezogen ist. Das haben mehrere Dörfler gehört – und waren stolz drauf, dass ihr Dorf im Radio war. Und bis heute habe ich immer drauf geachtet, dass, wo immer über meine Unternehmung berichtet wird, sei es im Spiegel oder wo auch immer, dabei steht "Löhrbach im Odenwald".
Es ist gut, bestimmte Sachen im Dorfleben, und damit sozusagen das Selbstwertgefühl des Dörflers, zu unterstützen. Ich geh halt nicht in die Kneipe und steh an der Theke … Aber: hier hat zweimal jemand Feuer gelegt und die Feuerwehr hat' s jedes Mal gelöscht. Und obwohl ich als Journalist nie Mitglied in irgendeinem Verein sein wollte, bin ich jetzt passives Mitglied der freiwilligen Feuerwehr Löhrbach und spende mal einen Kasten Bier oder etwas für die Tombola. Auch das wird natürlich registriert von den Leuten. Sie merken, ok, ich bin anders, aber irgend etwas an mir wird akzeptiert.
Als z.B. der Herr Schleyer gesucht wurde und alle deutschen Landkommunen von der Polizei durchsucht wurden – und bei uns kamen Tag und Nacht obskure Autos an oder fuhren weg – da hat nicht ein Dörfler die Polizei geholt. Und das rechne ich ihnen hoch an. Wir haben da ein harmonisches Verhältnis, ohne wirklich miteinander konfrontiert zu werden.
Früher habe ich öfter Situationen erlebt … Bin zum Beispiel aus Wohnungen hinausgeflogen mit Begründungen, an denen nichts dran war, weil die Leute mich nicht einschätzen konnten. Ich habe mich dagegen gewehrt, indem ich von mir aus ein paar Handlungen gemacht habe: Als wir zum Beispiel in Weinheim in unser Büro einzogen, habe ich jedem Haushalt der Gasse eines von meinen Heimatkundebüchern in den Briefkasten gesteckt, mit einem Zettel dabei "wir sind die Neuen, wir sind anders, wenn's Probleme geben sollte, sagt's zuerst mir …" – und es hat nie Beschwerden gegeben.
S.: Anfang der 70er warst du 7 Jahre lang Haschisch- und LSD-Dealer. Du schreibst, dass du Erfahrungen aus der Dealerzeit ins spätere Unternehmertum übernommen hast. Was für Erfahrungen aus der Zeit haben sich denn als tragfähig erwiesen?
W.P.: ... ? ...Mein ganzes tägliches Leben!
Für das Verlagswesen am ungewöhnlichsten ist, dass ich keine offensive Werbung mache.
(Das hab ich früher für die Drogen auch nicht – wir waren damals so weit, dass meine Kunden sagten, sie wollen für 50 oder 100 Mark, und das haben sie gekriegt. Ich hab nie dazu gesagt, woher das kommt oder wie das heißt oder wieviel das ist. Es ging nicht nach "was kost' das Gramm" oder so. Sondern nach "du bist mein Dealer und ich vertraue dir". Meine Preise waren immer unter denen von anderen, das ist auch heute bei vielen Büchern noch so.
Erst vor kurzem kam mir der Gedanke, dass ich eigentlich einen Jugendbuchverlag mache. Meine Bücher werden mehr von Jugendlichen denn von Gleichaltrigen gelesen.)
Das andere, was übrig geblieben ist, ist meine Macke, keine schriftlichen Verträge mit Autoren zu machen. Wir sind ja anders geworden, um eben bestimmte Misstrauenssachen abzuschaffen! Und wenn du sieben Jahre Dealer warst und nie irgendwelche Polizeischwierigkeiten hattest, musst du in Bezug auf Vertrauen irgendwas richtig gemacht haben … Wenn du erst mit deinen Kunden so ein freundschaftliches Vertrauensverhältnis hattest, warum sollst du dann später in einem anderen Beruf wieder Misstrauen produzieren, indem du Verträge forderst?
Und das klappt!
Es gibt (bis auf einen sehr speziell gelagerten Fall) wohl keinen Autor, der sich über die Honorarfrage beschweren würde … sie kriegen manchmal mehr Geld, als sie vorher gehofft hätten. Andererseits gibt's auch Autoren von Schriften, die sich nicht so gut verkaufen, die so glücklich sind, dass die Sachen überhaupt im Angebot sind, dass sie gar keine Honorare wollen. Weil sie natürlich auch wissen, dass die Lage für einen kleinen Verlag immer schwierig ist.
Albert Hofmann hat mich mal gefragt, warum er für ein Heft von ihm, das ich verlegt hatte, Honorar bekam – wir hätten doch gar keinen Vertrag! Ich fragte zurück, ob wir denn einen Vertrag bräuchten? Daraufhin habe ich mir erstmals Gedanken darüber gemacht, warum ich keine Verträge mache und kam drauf, dass das mit diesem Dealerdasein zu tun haben muss. Es gibt nicht viele Produkte, mit denen man ein solche persönliche Bindung zu seinen Kunden herstellen kann …
S.: Das hängt aber auch sehr von der Art des Dealens ab, oder?
W.P.: Ich wusste halt schon vorher, wie man Geld verdient und was da die Fallen sind. Und mir war klar, dass ich das nicht wegen des Geldverdienens machte. Das ist eine Sache der Prioritäten. Und wenn man Geld als Priorität nimmt, hat man im Laufe des Lebens Schwierigkeiten, Freunde zu finden und zu erhalten, denn dann hat man halt einen anderen großen Freund …
Das Streben nach Geld lenkt häufig vom Leben ab. Geld ist ein Suchtmittel, und bei Suchtmitteln habe ich schon immer gesagt: Lieber die Finger davon lassen …
S.: Was bedeutet Arbeit für dich?
W.P.: Dazu hat meine Tochter Oona gerade recherchiert: Über Müßiggang, Faulheit – das heißt im Prinzip Arbeit. Sie hat super recherchiert von Marx über Freud und die Anarchisten … Der Begriff "Arbeit" ist ein schwieriger, weil jeder was anderes drunter versteht.
Ich habe ganz selten das Gefühl zu arbeiten. Und bin dabei immer beschäftigt … aber ich hab' ja nur Hobbies! Ich habe gearbeitet – als Koch, 11 Stunden am Tag – und weiß, was Arbeit ist. Und ich habe ein saumäßige Achtung vor den Menschen, die eine fremdbestimmte Arbeit machen. Vor denen, die in die Fabrik gehen. Oder vor Zahnärzten und Rechtsanwälten, weil die nur mit den Fehlern und dem Scheiß anderer Menschen zu tun haben. Im Vergleich dazu fände ich es sehr vermessen, wenn ich behaupten würde, ich würde arbeiten. Dazu habe ich viel zu viel Spaß am täglichen Leben!
Wie gesagt, ist eine Definitionssache … Für mich ist Arbeit dieses Fremdbestimmte. Maloche, wenn du abends kaputt nach Hause kommst, und froh bist, wenn du mit 65 deine Rente bekommst – denkste jedenfalls, und dann isses so weit und du weißt nicht, was du mit dem Restleben machen sollst. Deswegen ist ja auch eine meiner politischen Forderungen die Drogenlegalisierung für Rentner. Diese Menschen haben einen Hauptteil ihres Lebens für Arbeit verschenkt. Ihnen sollte man die Möglichkeit geben, sich in einer Art Volkshochschulkurs darauf vorzubereiten und Substanzen wie Ecstacy oder Cannabis zu nutzen. Und ihnen so ermöglichen, an ihrem Lebensabend noch mal eine erweiterte Erfahrung zu machen, statt nur vor'm Fernseher zu sitzen. Zumal die Erfahrung zeigt, dass sich für Menschen, die erst mit 50, 60, 70 zum ersten Mal kiffen, solche Welten auftun können, dass ein jugendlicher Kiffer das gar nicht nachvollziehen kann. Ich bemühe mich, das Wort "Bewusstseins-Erweiterung" zu vermeiden – es ist eine Bewusstseins-Bewegung bei den meisten Drogengenießern dabei – aber: Eine Erweiterung kann erst stattfinden, wenn man ein gewisses Weltbild bereits lebt. Und das ist bei den Rentnern durch ihre Lebenserfahrung nunmal gegeben. Und umso mehr potenziert sich das Erlebnis, das sie durch diese Droge haben.
Für 18-jährige kann das Kiffen meinetwegen noch 'ne Weile verboten bleiben … Ich will niemanden deswegen im Knast sehen, aber dieses kleine Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei finde ich ok – denn wo sonst hat ein Jugendlicher heutzutage noch die Gelegenheit, sich mit irgendeiner Autorität zu reiben, wenn ansonsten nur konsumiert wird? Aber für die Rentner fordere ich die Legalisierung.
Es ist schon merkwürdig mit dem Alter …
Als ich 20 war, kannte ich einen Menschen, der 30 war, mit dem man kommunizieren konnte. Ich kannte niemanden, der 40, 50, 60 war, mit dem man über das hätte reden können, was uns bewegte. Die ersten über 50-jährigen, die ich kennen lernte, waren in der Schweiz, Österreich und in England, in Deutschland hat das ganz lange gedauert. Und manchmal erinnere ich mich dran, und denk: und jetzt behaupten alle, ich wär' 54…!
Und auch wenn ein Großteil der damaligen angetörnten Jugend inzwischen relativ verknöchert und verhärmt ist, es gibt doch eine ganze Menge an älteren Menschen, die man zum Beispiel auf Drogenerfahrungen ansprechen kann. Das gab's bei uns nicht, wir mussten alles ausprobieren. Heute denke ich, wenn Kids zu viel ausprobieren, spinnen die? Das muss man doch gar nicht. Die können doch irgendjemanden fragen…
Es kann ja sein, dass viele Leute aus der sogenannten Hippie-Phase mit 40 oder 50 plötzlich denken "Scheiße, ich hab' ja gar keine Rentenversicherung", und dann kriegen sie irgendeine Torschlusspanik und verknöchern…
S.: Hast du dich jemals nach solcher wirtschaftlichen Sicherheit gesehnt – 8-Stunden-Job, Sozialversicherung, Urlaubsgeld usw.?
W.P.: Nee! Nie! Denn als ich Dealer wurde, habe ich radikal mit meiner Vergangenheit, mit allen Strukturen, sei es Familie oder Schule, gebrochen. Und hab gesagt: OK, wir sind die Wurzellosen. Was vorher hier an Wurzeln war, endete im 2. Weltkrieg, es war der falsche Weg. Also versuchen wir, die neuen zu sein. Und das geht nur mit einer bestimmten Gnadenlosigkeit, wenn du die Konsequenzen ziehst. Also dachte ich mir, ich bring mich lieber selber um die Ecke, wenn ich mich ausgereizt habe, als darauf zu spekulieren, irgendwann in einem Altersheim zu sitzen.
S: Musik und Festivals früher und heute …
W.P.: Das Glück, das wir hatten, als wir in dem Alter waren, in dem viele mushroom-Leser heute sind: Vorher gab's sowas nicht! Wir waren in einer Welle, in der wir wirklich die ersten waren. Das heißt es wurde noch viel mehr experimentiert. Es gab auch viel mehr Reinfälle, die aber nicht unbedingt als Reinfall empfunden wurden.
S.: Was heißt "sowas" gab's noch nicht?
W.P.: Na Festivals. Dass junge Leute ohne Aufsichtspersonen gemeinsam in Zelten übernachten! Als ich Lehrling war, war Damenbesuch auf dem Zimmer nach 22 Uhr völlig unmöglich! Und da waren PopFestivals, wie für viele Kids auch heute noch, das erste Mal, dass man unter freiem Himmel in der Natur schlief.
Die Festivals, zu denen ich damals ging, waren teilweise in der Region die allerersten. Die waren noch nicht kommerziell – Plattenverkauf spielte noch keine Rolle, es war Musik als gesellschaftliches, gemeinschaftliches Erleben. Viele der Bands, sei es Tangerine Dream oder Amon Düül oder Guru Guru, waren Live-Erlebnisse … was da alles abgelaufen ist … die LPs haben doch niemanden interessiert! Es war eine Produkt-ungebundene Sache damals, es war Musik als Teil des täglichen Lebens. Gerade bei deutschen Bands, gerade im Gegensatz zu vielen englischen Musikern, die wussten, ohne die Musik wären sie arbeitslos. Hier waren's irgendwelche Abiturienten, die sich selbst verwirklichen wollten. An Kohle haben viele die ersten Jahre gar nicht gedacht. Und entsprechend waren die Festivals! Die wurden häufig von irgendwelchen Musikern veranstaltet, die ihre Kollegen eingeladen haben. Die ersten beiden Herzberg-Festivals waren soo grandios! Mit dem Spirit von damals hat das heute nichts mehr zu tun.
'69 bis '73 bin ich auf sehr vielen englischen Festivals gewesen, und da war immer ein Community-Geist, den ich auf deutschen Festivals ganz selten erlebt habe. Dass man füreinander gekocht hat. Dass man Festivals nach einer Woche in der Natur verließ und es waren nicht mal mehr die Feuerstellen zu sehen und alles war aufgeräumt. Das habe ich in Deutschland so extrem nie erlebt. Es war immer mein Traum, das so hinzubekommen, aber da haben wir versagt …
Wenn ich jetzt auf Festivals bin, ist alles durchorganisierter; man hat viel mehr konkrete Erwartungen. Man rechnet auf: das Festival kostet so-und-so-viel Euro, dann will ich auch so-und-so-viel Spaß dafür haben … In meiner Welt war das damals nicht so, und ich denke, bei den meisten anderen so bis '73, '74 auch nicht.
S.: Wie war das Verhältnis von Publikum zu Bühne, war es mehr ein Art "Aufführung" oder "Darbietung" oder ein gemeinsames Erleben?
W.P.: In England waren es schon oft eher die "Stars" auf der Bühne und in Deutschland eher die Kommunen. Weil in England allein durch die Pop-Presse Namen und ein Image gemacht wurden, und dann ist es schon schwieriger, mit diesen Menschen ein Lebensgefühl zu entwickeln. Es gab auch Gruppen wie Man oder auch Quintessence (mit Raja Ram), bei denen klar war, wir führen ein gemeinsames Leben, wir surfen sozusagen auf der selben Welle, um zu dem Bild zurückzukehren. Aber es gab natürlich auch die "großen Namen", vor denen man den entsprechenden Respekt hatte. Die Musik gehörte zum täglichen Leben, die Musiker bis zu einer gewissen "Stargrenze" auch.
S.: Im Grünen Zweig 191 gibt es diese wundervolle Geschichte von Paul Williams, in der er Woodstock aus der Sicht des trippenden Besuchers erzählt. Was war Woodstock für dich?
W.P.: Woodstock ist eines der großen Dilemmen in unserer Geschichte gewesen. Auch wenn es ein relativ spezielles Festival war, es hätten auch andere sein können. Es gab andere, vergleichbare in der Qualität des Erlebens der Anwesenden, in der Menge der Anwesenden, nur dieses wurde verfilmt und vermarktet, und dadurch ist es ein feststehender Begriff. Und ich kann's nicht mehr hören, ich will's nicht mehr hören. Der Artikel von Paul zeigt aber das Grundsätzliche dieses Erlebens. OK, es war in Woodstock, aber er sagt eben, was das tägliche Leben ausmachte, wieso man überhaupt zu solchen Festivals ging. Deswegen ist es mir eine große Freude gewesen, diesen Artikel zu verlegen, auch wenn mir lieber gewesen wäre, es hätte nicht "Woodstock" drübergestanden. Er schafft es, in Worte zu fassen, was man dann empfindet und erlebt.
Ich war mal bei Fraser Clark zu Besuch, so '87 oder '88. Er gehörte in England zu den ersten, die große Raves machten, in einer Zeit, als es wirklich nicht erlaubt war, mit großer Logistik und hunderte von Autos nachts umleiten usw. Er war einer, der auch schon die Hippie-Festivals miterlebt hatte, und er hat mir erklärt, was für ihn das Großartige wäre:
Bei den Festivals in unserer Generation waren morgens um 3, 4, 5 alle müde und verkrochen sich in die Zelte. Er meinte, er veranstalte die (Freiluft-)Raves für diesen einen Moment: Wenn morgens die Sonne aufgeht und es sind alle am Tanzen.
( … seufz! … Ärmel hockrempeln zum Gänsehautvergleich …)
Und ich dachte: Das isses! Ich bin so neidisch gewesen, denn das haben wir nicht auf die Reihe gekriegt. Wir haben wohl auch mal die Sonne aufgehen sehen. Aber nicht die Nacht durchgetanzt mit diesem Bewusstsein, auf diesen Moment zu.
Das ist es, wie es sein sollte, und damit hast du auch die Verbindung zu den Natives, den sog. Eingeborenen; Menschen überall auf der Welt, die ihre vom Vollmond oder sonst irgendwie von den Sternen abhängigen Feste hatten, bevor der Kapitalismus einbrach – grob gesprochen. Sie wussten ja um die Kraft der aufgehenden Sonne.
Das fand ich immer das überzeugendste Argument für diese Generation, solche Feste zu feiern. Auf die Dauer hält man's natürlich kaum durch – irgendwann wird es zu groß, irgendwann muss es Strukturen kriegen, irgendwann hakt sich der Kapitalismus ein … und dann wird's schwierig, sowas noch zu erleben. Aber auf jeden Fall ist es heute leichter, so eine Art von Fest mit ein paar hundert Leuten zu feiern, weil ja nicht mehr so viel Technik gebraucht wird, wie sie eine Band damals brauchte. Die Möglichkeiten sind heute eigentlich größer, unabhängig seinen Spaß zu haben.
Wenn etwas wirklich reizvoll ist, wird es irgendwann öffentlich. Je toller etwas ist, je öfter es wiederholt wird, desto mehr Menschen kriegen es mit. Dann sind beim nächsten Mal die Freunde auch dabei, und dann sind irgendwelche Luschen dabei, und irgendwann zählt dann nur noch der Name, "Loveparade" oder was auch immer. Man hat die Masse und man macht den Umsatz, aber das Herz schlägt woanders …
(das Gespräch driftet ab und wir sprechen über übertriebenen E-Konsum. Werner dazu:)
Das ist eine Sache, die mich verwundert und bei der ich denke "What a waste!" – was für eine Verschwendung! Ich habe mein erstes Buch über Ecstasy 1986 geschrieben und das Tanzen kam hier erst um '88 oder so auf. Wenn ich heute höre, wieviele Leute solche Substanzen nehmen und wie häufig einige das nehmen, kommt mir das vor wie im Arbeitsprozess: Man braucht etwas, um funktionsfähig zu sein; um sich selbst zu beweisen, man schafft es die Nacht durch … In meinem Buch hab ich 1986 geschrieben, öfter als viermal im Jahr sollte man diese Substanz nicht nehmen, und das hat sich bis heute als richtig herausgestellt. Und ich muss sagen, wenn man das öfter nimmt, dann ist man Teil des kapitalistischen Konsumtums und funktioniert – vielleicht im Arbeitsprozess, aber auf jeden Fall nachts beim Tanzen. Nur, muss man sich das antun? Lieber ein-, zweimal im Jahr wirklich ein wahres Erleben haben als quasi diesen Zwang: jetzt ist Wochenende, jetzt muss ich mich vergnügen …
******************
Drei Tage und drei Nächte lang durfte ich in dem Haus am Fuße des Berges zu Besuch sein. Erntete volles Verständnis, als ich die ganze Terminplanung zwei Tage vorher umwarf, um Justin Sullivan in Weinheim singen zu hören („Sina – no worry, Chaosplanung ist überlebenswichtig.“). Lernte von Nadina, wie man Brennesseln erntet und zubereitet, wie man aus Mehl, Wasser und Salz prima Leim macht.
Konnte beim Vollmondfest dabei sein, jener seit 20 Jahren von Werner und Nadina gepflegten Tradition. (Zu jedem Vollmond laden sie Freunde und „family“ nach Löhrbach ein, um zum Vollmondessen zusammenzukommen.)
Dieses Interview gibt nur einen kurzen Ausschnitt all der Geschichten wieder, die erzählt wurden. Glücklicherweise gibt es jene mannigfaltigen Druckwerke, die uns Kunde aus der Ferne bringen können. Und manchmal sitzen auch die Stämme der Neuzeit noch am Lagerfeuer zusammen …
Text: Sina
Interview mit Winnie von der Zeitschrift GROW, Sommer 2002-10-11
30 Jahre Grüner Zweig
Wer sich in den letzten Jahren zum Thema "Rausch und Drogen" informieren wollte, dürfte dabei u.a. auch auf Veröffentlichungen des "Grünen Zweigs" gestoßen sein. Das "Hanfhandbuch" zum Beispiel gilt seit Anfang der Achtziger Jahre zu den Standardwerken, die praktische Tipps im Umgang mit dieser Pflanze geben. Nicht jedeR weiß, dass hinter den zahlreichen Veröffentlichungen im wesentlichen ein Mann steht, der mit seiner Kraft und Kreativität immer wieder neue Zweige sprießen lässt...
Um diesen Mann zu treffen, fuhren wir nach Löhrbach im Odenwald, wo Werner Pieper mit seiner Familie lebt.
grow! Hallo Werner. Du kannst in diesem Jahr auf 30 Jahre "Grüner Zweig" zurückblicken. Das ist eine lange Zeit. Erinnerst du dich noch an die Anfänge?
Werner: Ja, sehr gut sogar. Einige meiner Geschichten von damals sind ja bereits in der grow! veröffentlicht worden (Anm. d. Red.: grow! 4/98)... Und ich muss auch gleich dazu sagen, der "Grüne Zweig" bin ich nicht alleine, daran sind noch weitere Leute beteiligt.
grow! Aber du bist der Kopf und Gründer...
Werner: Ich bin so etwas wie die Schnittstelle, ich kann verschiedene Leute verbinden, und dadurch entstehen viele der Veröffentlichungen. Klar ist, ohne mich gäbe es den Grünen Zweig nicht. Klar ist aber auch, dass es ihn ohne die anderen auch nicht gäbe. Da gibts zum einen mein Hausgrafiker, meine Buchhalterin... XXXX
grow! Du kommst aber eigentlich aus einem anderen Gewerbe...
Werner: Ja, ich habe eine Ausbildung zum Koch absolviert, und wurde sogar bester Nachwuchskoch Nordhessens im Jahr 1967!
grow! Hast du als Koch schon gekifft?
Werner: Nicht als Koch, aber 1967 bin ich mit der deutschen Delegation nach London zum Oster-Friedensmarsch gereist. Und dort habe ich zum ersten mal gekifft.
grow! Und wie war's?
Werner: Gekotzt und sonst nichts... Ich bin kein Zigarettenraucher und war das nicht gewohnt. Aber mir war klar, das geht in die richtige Richtung.
grow! Du warst aktives Mitglied der Friedensbewegung?
Werner: In erster Linie wollte ich nach London. Zu der Zeit war das was ganz besonderes. Und so war das eine gute Gelegenheit, diese Stadt kennen zu lernen. Ich sollte drei Tage beim Marsch die deutsche Flagge halten und bekam dafür acht Tage ein Zimmer bei den Quäkern... Die Fahne habe ich letztendlich nur einen Tag getragen und dann eingesehen, dass das hier niemand erwartet...
grow! Wie alt warst du damals?
Werner: Da war ich 19 Jahre alt.
grow! Und warst du damals ein Hippie, das war doch so die Zeit?
Werner: Ja, so hat man uns wohl genannt.
grow! Und wie sah es mit LSD aus?
Werner: Mit LSD war es so, dass ich bereits 1968 meiner Mutter erzählte, ich hätte schon welches genommen, obwohl ich das erst 1969 tat. Für LSD war ich also schon länger bereit, kannte jedoch niemanden, der welches verkaufte...
grow! Und wie ging es dann weiter?
Werner: Ich hab Wehrersatzdienst gemacht und wollte Sozialarbeiter werden. Doch dabei ist mir aufgefallen, dass das sehr viel Bürokratie und Schreibkram mit sich bringt. Und so habe ich beschlossen, Sozialarbeiter ohne viel Schreibkram zu werden, und das war dann Haschischdealer.
Nach wie vor stehe ich dazu, ich wollte Sozialarbeiter werden, und das ist gelungen. Denn als Haschischdealer bist du Sozialarbeiter, solange du nicht auf dem Kapitalismustrip bist und einfach nur Geld verdienen willst.
grow! Die Gefahr bestand für dich nicht?
Werner: Nee, ich hatte das Glück, dass ich vorher Arbeiten gelernt hatte – als Koch 11 Stunden am Tag, und das für einen Hungerlohn – und bin nicht dabei kaputt gegangen. Und danach habe ich in Kölner Hotels gearbeitet, wo ich richtig Geld verdient habe, aber nichts vom Leben hatte. Dann habe ich Wehrersatzdienst gemacht, bekam 3 Mark am Tag, und hatte ein erfülltes Leben. Denn mit Behinderten zu arbeiten, zu helfen, kann ein Leben erfüllen. Nur der Bürokratismus hat mir Probleme gemacht, weil ich lauter Sachen machen musste, die ich nicht einsah: Warum soll ich ein Formular ausfüllen, wenn ich in der Zeit jemanden helfen könnte? Und selbst eine Umarmung ist manchmal mehr wert als ein Formular... Und so ging es mir als Dealer nicht nur um die Weitergabe von Substanzen, sondern auch um die Informationen. Die Leute wussten ja noch nicht einmal, wie sie einen Joint rollen sollten. Und so kam ich dann ans Verlegen.
grow! Du hast also Informationen über Drogen vermittelt?
Werner: Positive Informationen, nichts negatives, das war die oberste Maxime in den ersten Jahren.
grow! Weil es schon genug negative Propaganda gab?
Werner: Es gab bereits lauter Underground Zeitschriften, und in der ersten Ausgabe des Grünen Zweigs stand bereits drin: Wir sind Overground! Was auch immer das bedeutet. Aber auf jeden Fall nicht rumwühlen in der Scheiße, sondern die positiven Aspekte zu beleuchten.
grow! Und wie muss ich mir den ersten Grünen Zweig vorstellen?
Werner: Das war ein DIN A 4-Umschlag, in dem verschiedene bedruckte Zettel drin waren. Vom Gedicht über Infos bis zu Artikeln, wie dem legendären "Anti-Umweltverschmutzungsartikel" (so genannt, weil das Wort "Umweltschutz" zu der Zeit noch nicht existierte). Und in diesem Artikel stand z.B. drin, dass man die Pappverpackung der Zahnpasta im Supermarkt lassen sollte. Das war damals revolutionär! Und ich hab das gemacht. Weil ich nie eingesehen hab, wenn ich das Zeug schon bezahle, warum soll ich es dann noch mit nach Hause nehmen? Wobei ich zu der Zeit gar kein zu Hause hatte, denn wir wohnten im Wald. Was willst du da mit so einem Müll?
grow! Du hast also Texte und Artikel gesammelt und dann veröffentlich?
Werner: Es war ein bisschen komplizierter, denn als Dealer kannte ich zwar viele Musiker, Maler und Fotografen, aber keine Schreiber. Und so habe ich selbst angefangen, die Texte zu schreiben. Obwohl ich weiß, das ich kein guter Schreiber bin, und ich mir in der Hinsicht viel mehr Mühe geben könnte. Aber dazu fehlt mir der Ehrgeiz.
grow! Wie lange warst du schon Haschischdealer, bist du deinen ersten "Grünen Zweig" gemacht hast?
Werner: Etwa zwei Jahre. Erst hatte ich noch andere deutsche Undergroundzeitschriften im Straßenverkauf vertrieben, z.B. die legendäre LUV aus Berlin, und auch die PENG von Raymond Martin. Und dann dachte ich, das kann ich aber auch. Und wie sich heraus stellte, konnte ich...
grow! Und dann du hast eine Zeitung gemacht...
Werner: Wobei die von Anfang an keine feste Form, kein festes Logo oder ein sonstiges Wiedererkennungsmerkmal hatte. Jedes Mal mußte das Teil für sich neu entdeckt werden.
grow! Was kostete eine Ausgabe des "Grünen Zweigs" damals?
Werner: Die ersten Ausgaben hatten noch keinen festen Preis, jeder musste selber entscheiden, was ihm das Teil Wert ist. Er musste auch nicht sofort zahlen, sondern konnte erst lesen und dann bezahlen. Das Ganze war eine wunderbare Übung für mich, um rauszufinden, dass heute kaum noch jemand entscheiden kann, was ihm etwas Wert ist. Sag ihnen lieber einen überhöhten Preis, und sie werden ihn bezahlen. Aber selbst herausfinden, was etwas Wert ist, ist doch sehr schwer.
Ich bekam also wunderbare Küsse, Umarmungen, LPs, von denen ich sogar noch welche habe, Ringe, Räucherstäbchen usw. Es wurde alles akzeptiert.
grow! Reich konntest du so aber nicht werden
.
Werner: Reich wollte ich nie werden, von Anfang an nicht!
grow! Aber es hilft doch auch, wenn sich die Sachen, die man macht, bezahlen lassen. Wenn man sich keinen Kopf ums Geld machen muss...
Werner: Das läuft auf die Frage heraus: Sieht man das ganze Bild, oder nur einen Teil davon. Ich hab nie aufs Geld geachtet, war aber trotzdem Geschäftsmann dabei. Es ist sehr schwer, die gesellschaftlichen Hausaufgaben als Pflichtübung zu machen und dann die inhaltliche Sache als Kür oben drauf zu setzen. Bei den meisten geht es erst mit der Kür los – dass mit vollem Eifer etwas gemacht wird – und am Ende kommt die große Überraschung, weil vielleicht keine Steuerrücklagen angelegt wurden... Es ist sehr schwer für Leute, die den Kapitalismus Scheiße finden, innerhalb des Kapitalismus klar zu kommen. Weil man eigentlich besser als die Kapitalisten sein muss: Man muss ihr Spiel spielen, um eine Ebene zu haben, auf der man agieren kann, und dann muss man noch genug Kreativität haben, um seine Ideen durch zu setzen. Und da ist es natürlich vorteilhaft, wenn man Substanzen hat, die dabei helfen...
grow! Wie hast du deine Veröffentlichungen denn finanziert?
Werner: Immer, wenn ich tausend Mark zusammen hatte, konnte ich einen neuen "Grünen Zweig" machen. Mir ging es nie darum, Geld anzuhäufen, im Gegenteil, ich war froh, es so wieder los zu werden. Denn im Dealergewerbe Geld anzuhäufen, ist gefährlich: Spätestens im fünfstelligen Bereich war die Gier da, und bevor sie in den sechsstelligen Bereich kamen, saßen sie im Knast. Das habe ich bei viele Leuten beobachtet. Ich wollte nie Geld haben, ich finde Geld Scheiße, aber um Unternehmer zu sein, musste ich da eine Disziplin reinkriegen. Und für mich war das eine gute Sache, denn nach jeden "Grünen Zweig" war das Geld erst mal weg.
grow! Da könnten sich die heutigen Dealer ein Beispiel dran nehmen. Denn die könnten mit ihrem Geld bestimmt sinnvolle Sachen unterstützen.../i>
Weißt du, wie viele Veröffentlichungen du mittlerweile herausgegeben hast?
Werner: Vom Grünen Zweig sind das 230, Edition Rauschkunde 60 Veröffentlichungen, vom Magazin Kompass waren das 30 Ausgaben, vom Magazin Humus 7 Ausgaben und diverse andere Zeitschriften und Veröffentlichungen, von denen keiner mehr was ahnt...
grow! Und nach wie vielen Jahren hast du mit dem Dealen aufgehört?
Werner: Ich hab auf den Tag genau sieben Jahre gedealt. Aber das wusste ich vorher schon. Als ich damit anfing, war mir bewusst, dass nach sieben Jahren damit wieder Schluss wäre.
grow! Und wie konntest du von deinen Veröffentlichungen leben?
Werner: Das ging, weil die Familie erst relativ spät ins Rennen kam. Mit Geld hatte ich eigentlich nie Probleme, außer nach zwei Brandstiftungen, bei denen durch das Löschwasser Bücher und Hefte für Tausende von Mark zerstört worden waren und ich dann erst mal Schulden hatte. Aber dann konnte ich eine angenehme Solidarität von einigen Leuten erleben, was mir half, von meinen Schulden runter zu kommen. Ich hatte 80.000 DM Schulden bei befreundeten Druckern und Autoren, und mit einer Veröffentlichung, der Hackerbibel vom Chaoscomputer Club, die relativ erfolgreich war, war das Geld wieder drin. Ich habe bisher immer Glück gehabt...
grow! Wie sieht das mit Veröffentlichungen zum Thema Hanf aus? Seit dem Hanfhandbuch ist es da relativ ruhig geworden, habe ich den Eindruck
.
Werner: Ja, weil ich finde, dass es in diesem Bereich nicht viel Neues gibt. Es ist ein interessantes Thema. Aber die Dinge, die mich dabei am meisten interessieren, nämlich die Substanzen und der Konsum, haben sich seit Jahren kaum verändert. Als ich mich damit beschäftigt habe, war es noch was besonders. Kaum jemand veröffentlichte zum Thema Hanf. Heutzutage veröffentlichen sogar Verlage wie Goldmann und Fischer Bücher über Hanf, was soll ich da also? Wo ist die Spannung, wo ist da noch was zu lernen? Auf der anderen Seite gibt es zu viele Themen, die ich spannend finde, die aber nicht beachtet werden.
grow! Welche zum Beispiel?
Werner: Ich habe z.B. in den letzten Jahren mehr Bücher über Musik gemacht, Musik und Zensur. Ein anderer Schwerpunkt ist die Aufarbeitung der Geschichte der ehemaligen deutschen Kolonien. An was erinnern sich die Leute, die dort leben?
grow! Du fährst also dorthin und recherchierst?
Werner: Ich werde im Sommer nach Namibia fahren, weil ich eine CD machen möchte, auf der Lieder in ihrer lokalen Version wiedergeben werden sollen, die damals von den Kolonialherren hier eingeführt worden sind. Außerdem möchte ich feststellen, ob es Lieder Einheimischer über ihre deutschen Besatzer gibt. Falls es sie gibt möchte ich sie hören. Ich weiß, dass es in der ehemaligen Kolonie Cintao (???) in China eine bayrische Brauerei gibt, die damals von den Deutschen dort aufgebaut wurden ist und bis heute Bier braut – zwar mit Reis statt Gerste, aber sonst nach dem deutschen Reinheitsgebot. Und dort findet auch jedes Jahr das Oktoberfest statt, natürlich mit den entsprechenden Liedern. Alles andere muß ich noch rausfinden. Doch das stelle ich mir spannend vor. Deshalb suche ich einen Sponsor, sei es das Goethe Institut oder sonst wer, der mir ermöglicht, einmal um die Welt zu reisen und das heraus zu finden. Aber zuerst geht es nach Namibia, dem ehemaligen Deutsch-Südwestafrika, wo es in den letzten Monaten regelmäßig zu Demonstrationen vor der deutschen Botschaft kam. Es laufen Klagen gegen Deutschland, weil sich durch das Erscheinen der Deutschen die Mitgliederzahl des dort lebenden Stammes von 85.000 auf 15.000 reduziert wurde. Juden und Zwangsarbeiter wurden entschädigt, für die Kolonien interessiert sich in Deutschland aber niemand. Derartige Themen halte ich für interessanter, als immer über Hanf zu schreiben. Auch wenn ich natürlich das Hanfhandbuch vor einer Neuauflage überarbeite...
grow!: Wie sieht es im Hanfhandbuch mittlerweile mit den Schwärzungen – der Zensur – aus, sind die immer noch drin?
Werner: Ich hatte schon überlegt, wieder die ursprüngliche, unzensierte Fassung aufzulegen, aber zum einen ist das mit hohen Kosten verbunden, und zum anderen finde ich es als Statement ganz gut. Übrigens sind die geschwärzten Stellen noch mal in einem extra Buch veröffentlich worden, und es gibt tatsächlich Leute, die die geschwärzten Stellen überklebt haben. Ich bin auch nicht der Meinung, dass Hanf jetzt schon legalisiert werden sollte. Denn viele junge Leute sind so tranig unterwegs, dass das einzige, was sie wirklich über das verkorkste System nachdenken lässt, das Hanfverbot ist. Und solange sich das System nicht in seinen Grundzügen geändert hat, halte ich eine Legalisierung für noch nicht angebracht. Ich meine, die Gefängnisstrafen müssten aufhören, Entkriminalisierung bis zum Anschlag, aber Legalisierung halte ich für zu verfrüht. Etwas Strafe sollte noch sein.
grow! Wie sollte sich denn die Gesellschaft deiner Meinung nach verändern, damit eine Legalisierung in Frage kommt?
Werner: Das kann ich dir auch nicht sagen. Aber wenn heute legalisiert werden würde, dann würden sich die großen Zigarettenkonzerne dieses Geschäft nicht entgehen lassen. Und das kann es ja auch nicht sein, das man dann die Haschzigaretten am Automaten ziehen kann.
grow! Das Beispiel Holland zeigt doch auch, dass es anders gehen kann...
Werner: Holland ist aber viel kleiner als Deutschland. Dort lassen sich Sachen umsetzen, die in Deutschland undenkbar sind. Zumindest im Moment.
grow! Die Zeit wird’s sicher zeigen. Danke dir für das Interview und alles Gute für die Zukunft!
Lebensverändernde Maßnahmen
Seit 30 Jahren veröffentlicht Werner Pieper Bücher. Über Sex, Drogen und Rock ‘n’ Roll, Hacker, Rituale und Fäkalien.
Und immer wieder entdeckt der Wissenshändler vermeintliche Randgebiete, lange bevor sie populär werden.
Von Peter Lau (aus brandeins 10/2001)
„Zwischen 1960 und 1965 erhielt die amerikanische Bürgerrechtsbewegung beträchtliche Hilfe von der Studentenbewegung im Norden; tatsächlich aber waren daran nicht mehr als 5.000 von 5.000.000 Studenten beteiligt, also etwa ein Tausendstel. (…) An Aufständen ,des Volkes‘ oder ,der Massen‘ haben in der Regel weniger als fünf Prozent der Bevölkerung teilgenommen – gewöhnlich die Bewohner der Hauptstadt und einiger weniger anderer Städte. (…) Der Vietcong wurde 1964 auf einen harten Kern von 35.000 Leuten geschätzt, (…) die Bevölkerung von Südvietnam bestand zu der Zeit aus 14 Millionen Menschen. (…) Die Französische Revolution wurde von 80.000 Menschen begonnen, (…) nur 800 oder 900 stürmten die Bastille.“
Aus Widersteh Dich! – Das Buch der Handlungen. Der Grüne Zweig 137. Herausgeber: Werner Pieper
----- Das Haus steht in Löhrbach, einem Dorf, zehn Taximinuten von Weinheim entfernt. In einer Großstadt kommt man in dieser Zeit gerade von einem Viertel ins andere. Hier, am Rande des Odenwaldes, passiert man gleich mehrere, na ja, sagen wir mal Ortschaften. Das Haus ist alt, ein wenig schief, der Hausherr, mit langem Zopf auf rasiertem Kopf, ein paar Worte murmelnd und schon wieder verschwunden, bleibt erst mal verwischt. Drinnen sieht es aus, wie es in Landhäusern von Nichtbauern eben aussieht, nur nicht so gebürstet. Der Fotograf eines Country-Style-Magazins wird nicht erwartet. Im Garten, direkt am Hang, gibt es eine Sitzecke, Betten (die Familie schläft im Sommer draußen), später ein Lagerfeuer. Ein Idyll, irgendwo im Nirgendwo. Aber unter diesem kürzlich mal wieder undichten Dach werden auch einige der originellsten und informativsten Bücher des Landes produziert. Und hier wurde Geschichte geschrieben.
Werner Pieper ist Verleger. Unter anderem. Eventuell. Dazu kommen wir noch. Sein Verlag Werner Pieper & The Grüne Kraft – MedienXperimente jedenfalls wurde gerade 30 Jahre alt. 1971 veröffentlichte er den ersten Band der Reihe Grüner Zweig, die heute 229 Ausgaben umfasst. In diesem Heft befand sich Deutschlands erster „Anti-Umweltverschmutzungsartikel“, das Wort „Umweltschutz“ war damals noch nicht gebräuchlich. Gleichzeitig verband der Autor und Kleinstverleger als Erster hier zu Lande Ökologie und die Farbe Grün. Greenpeace, im selben Jahr gegründet, war in Deutschland unbekannt, die Grünen in den verwegendsten Utopien nicht denkbar.
„Die grüne Kraft“, erklärt der heute 52-Jährige lachend, „das war grüner Marokkaner.“ Pieper war Dealer. Er verkaufte in Heidelberg Hasch und LSD, auch an spätere Grüne-Gründer, aber keine harten Drogen. Und es ging nicht um Geld. „Ich hatte im Zivildienst gemerkt, dass ich mit drei Mark Tageslohn und einer sinnvollen Arbeit eine viel größere Lebensqualität hatte als mit viel Geld. Also wollte ich Sozialarbeiter werden. Dann wurde ich Haschischhändler, aus demselben Grund: Weil ich mit Menschen zu tun haben wollte. Das klingt heute für die meisten Leute völlig absurd, aber so war das. Als ich mal tausend Mark hatte, habe ich den ersten Grünen Zweig gemacht. Ich wusste sonst nicht, was ich mit dem Geld tun sollte.“ Und als wäre das noch nicht absurd genug: Die ersten Ausgaben der Reihe hatten keinen festen Preis, sie wurden getauscht: gegen einen Ring, einen Schlafplatz, eine LP, einen Kuss.
Es geht um die persönliche Verantwortung: Die hat Pieper als Haschischhändler gelernt, heute zahlt er deshalb gern Steuern.
Das war sein Leben. Später, als die sieben Jahre als Dealer strafrechtlich verjährt waren und er längst von seinem Verlag leben konnte, hat Werner Pieper mal versucht, ein Buch übers Dealen zu machen. Er kontaktierte ehemalige Kollegen, suchte Stellungnahmen, Ideen, Beiträge – aber niemand wollte sich äußern. So eine Vergangenheit ist für die meisten ein ganz böses Minenfeld, betreten verboten. Nur für ihn nicht. Er redet gern darüber, immer auch ein bisschen stolz – das hat er getan, und es war gut. „Ich habe als Dealer extrem viel gelernt. Du übernimmst eine große Verantwortung und Haftung. Das ist, als würdest du einen Vertrag machen. Du lernst, ein Verhältnis aufzubauen, das auf Vertrauen und Verantwortung basiert.“ Angesichts der schmallippigen Heroin-Pusher, die heute die Süchtigen bis aufs Blut aussaugen, klingt das etwas idealisiert. Aber zu der Zeit galt das Wort Verantwortung noch, so wie es für ihn bis heute gilt.
„Ich habe noch nie gewählt, ich fühle mich nicht als Teil dieses Staates, aber ich zahle meine Steuern. Ich bin zwar nicht immer einverstanden mit dem, was mit meinem Geld gemacht wird, aber ich finde es nicht korrekt, deswegen keine Steuern zu zahlen. Das ist eine Frage der persönlichen Verantwortung. Mein Steuerberater hat mir mal vorgeschlagen, eine GmbH zu gründen, um ein paar Tausender im Jahr zu sparen. Aber ich habe abgelehnt. Ich will nicht, dass auf all meinen Briefen ,beschränkte Haftung‘ steht.“ Und dabei lacht Werner Pieper nicht, er sagt das so ernst, wie er später auch sagt: „Ich bin nur der, der die Nase hinhält. Die Leute machen was, und ich bin der Katalysator, der dafür sorgt, dass das als Buch oder CD erscheint. Ich finde mich nicht so wichtig. Ich finde die Ideen, mit denen ich zu tun habe, viel wichtiger.“
Ironie findet an diesem Tag nicht statt. Der Verleger macht vielleicht mal einen Witz über seine erhebliche Nase, doch ansonsten meint er alles ernst. Als wäre dies nicht die Zeit der großen Leere, als hätten die Achtziger und Neunziger, Märkte, Medien, Marketing, nie stattgefunden. Seine Geschichte ist von dieser Haltung geprägt: 1973 gab es in Deutschland zwei Naturkostläden – und das erste Naturkost-Kochbuch, von Pieper, „logisch, ich war doch gelernter Koch“. Im selben Jahr kamen traditionelle Indianer nach Deutschland, eingeladen von diesem Dealer. Dem Besuch verdanken New-Age-Shops bis heute Bestseller, Indianerhoroskope, Silberschmuck und Traumfänger. 1977 gab es „Fools“, das Narrenheft, 1981 das erste deutsche Jonglierbuch, beides Meilensteine einer Szene, die heute dank André Heller und Jango Edwards auch gutherzige Romantiker erschauern lässt. Es war alles ernst gemeint. Und es wurde alles Mainstream: Managementseminare, Selbsterfahrungsgruppen, Kommunikationswochenenden. Im vergangenen Winter bestellte ein Großunternehmen 1350 Jonglier-Bücher – für eine Tagung verdienter Mitarbeiter.
Werbung macht der Verlag nicht, einige Bestseller über Hanf, Hacker und Fäkalien waren trotzdem nicht zu verhindern.
Und was hat Werner Pieper sonst noch davon gehabt? „Die Frage, die immer am Anfang steht, ist: Was bewegt uns gerade? In den Siebzigern habe ich meine Sachen für eine Handvoll Leute gemacht, die mich motiviert haben, und ich habe gehofft, dass das noch ein paar tausend andere interessiert, die die Bücher finanzieren können. Heute motivieren mich die Themen.“ Damals, in den Siebzigern, machte er auch Magazine: »Kompost«, eine Art Rundbrief für Initiativen, Gruppen und Individuen, später »Humus, die Illustrierte für Herz, Hand und Hirn«, ein Wissensmagazin. Das brachte nicht viel ein, zumal die Hefte fast werbefrei waren – in »Humus« hatten bloß Abonnenten Anrecht auf eine kostenlose Kleinanzeige. Reklame interessiert den Verleger bis heute nicht, für den Verlag hat er noch nie geworben: „Wenn ich für ein Buch werbe, ist es eine Beleidigung für die Bücher, die ich nicht bewerbe. Werbung kostet viel Zeit und Energie, da mache ich lieber etwas Vernünftiges.“
Zu einigen Bestsellern hat es trotzdem gereicht: „Das Definitive Deutsche Hanf Handbuch“ hat sich über 100.000-mal verkauft. Die „Hacker Bibel“ des Chaos Computer Clubs, 1985 das erste deutsche Buch über Hacker, lief gut. „Willkommen! Das Handbuch für multikulturelle Gastfreundschaft“, der so genannte „Ethno-Knigge“, war ebenfalls ein Erfolg. Das „Scheiß-Buch – Entstehung, Nutzung und Entsorgung menschlicher Fäkalien“ wurde nach einem Auftritt in der Show von Jürgen von der Lippe zum Hit: „Jürgen von der Lippe hat mit dem Buch seine Verdauungsbeschwerden kuriert. Und ich habe in vier Wochen 40000 Stück verkauft. Für mich bedeutete das zwar, dass ich einerseits plötzlich sechsstellige Beträge auf dem Konto hatte, andererseits aber zwei Monate später jemanden engagieren musste, der drei Tage lang nur Mahnungen an Buchhändler geschrieben hat. Dieser Erfolg hat für Monate mein Leben aus dem Gleichgewicht gebracht. Viel lieber als so ein Hit wäre es mir, wenn sich alle Bücher zehn Prozent mehr verkaufen würden.“
Denkt so ein Verleger?
Arbeit macht Freude, wenn sie derartig abwechslungsreich ist: sechs Tage als Unternehmer, ein Tag Lektor, im Urlaub Autor.
„Ich bin kein Verleger, das will ich auch gar nicht sein. Verleger sind eigentlich Rechteverwalter, aber die Rechte der Bücher in meinem Verlag bleiben immer bei den Autoren. Es kann passieren, dass ein Autor sagt, er hat einen größeren Verlag gefunden, zack ist er weg. Das ist okay. Ich bin in letzter Zeit vor allem Autor gewesen. Ich hatte mir vor zwei Jahren vorgenommen, eine Reihe eigener Bücher zu schreiben. Während ich das getan habe, hatte ich natürlich weniger Zeit, mich um den Verlag zu kümmern. Bücher schreiben und verkaufen geht nicht.“
Man kann jemanden anstellen, der sich um den Verlag kümmert. „Damit begibt man sich aber in Abhängigkeiten, man hat feste Termine und Verpflichtungen. Dem will ich mich entziehen. Ich finde die Mischung als Autor, Verleger und Verkäufer sehr angenehm. Ich habe nicht den Ehrgeiz, dass der Verlag wachsen soll. Ich möchte nicht mehr Angestellte, jeder Angestellte ist eine Verantwortung. So, wie es ist, ist es wunderbar.“
Zufrieden erzählt Pieper von seiner bewährten Wocheneinteilung: vier Tage am Schreibtisch, von morgens um neun bis abends um zehn, natürlich nicht durchgehend. Einen Tag im Vertrieb, einen Tag Geschäfte erledigen in Heidelberg und sonntags Lektorenarbeit. Keine Langeweile, keine Routine, kein Stumpfsinn. Jeden Dezember fährt er zum Schreiben für ein paar Wochen auf eine Insel: „Da erholt sich der Verleger. Zu Hause bei der Verlegerarbeit erholt sich der Autor. Ich habe Monate meines Lebens am Strand verbracht und geschrieben.“ Immer arbeitet er ohne Druck, im eigenen Tempo. Er sagt: „Ich arbeite gern.“
Und gönnt sich in seinem Unternehmen alles, was ihm gefällt: zum Beispiel seine „ReEducation“-Broschüren, interessante Themen knapp gefasst auf 28 bis 36 Seiten, über den wahren Shakespeare, die psychedelischen Beatles oder die Sklaverei, fünf Mark das Stück. Lohnt sich nicht, sagen Kollegen und Buchhändler. „Soll ich ein Thema, das für 32 Seiten gut ist, auf 150 Seiten strecken, nur damit es sich lohnt?“ Also weitermachen. Oder die Lebensabonnenten, für einmal 1234,56 Mark erhält man für den Rest seines Lebens alle Grünen Zweige, getreu dem Verlagsmotto: Du weißt, was du erwartest, aber du weißt nicht, was dich erwartet. „Allein die 30 Lebensabonnenten motivieren mich. Ich könnte den Grünen Zweig umbenennen, und die hätten keine Rechte mehr, aber das würde ich nie tun.“ Oder die Edition Rauschkunde, die Verlagsreihe über Drogen, vom Basiswissen bis zum Erste-Hilfe-Ratgeber. Eine Serie, die wohl auch von eigener Neugier getrieben ist: „Es gibt viele Drogen, die ich gern nehmen würde. Ich habe nie gekokst, nie Heroin oder Pflanzendrogen genommen. Ich bin in meinen Erfahrungen eigentlich sehr eng.“ Obwohl er es mit Grenzen sonst nicht so hat: „Deswegen heißt es ,MedienXperimente‘, nicht Verlag. Das gibt mir mehr Möglichkeiten. Ich kann auf dem Kopf stehen und das von der Steuer absetzen.“ Oder CDs zusammenstellen, etwa die Reihe „FlashBacks“ mit US-Musik zwischen 1914 und 1947, für die er in diesem Jahr den Preis der deutschen Schallplattenkritik bekam.
Also alles prima im Odenwald? Na ja, es gibt da ein kleines Problem: den Umsatzrückgang. Der ist nicht groß, aber eine Tendenz. Eigentlich ist das normal, allen Verlagen geht es momentan eher schlecht. Trotzdem ist es ein wenig ironisch, dass ausgerechnet jetzt, am Anfang der Wissensgesellschaft („Wissensgesellschaft? Mir ist eine Lebensgesellschaft lieber. Was machst du mit Wissen, wenn du es nicht teilen kannst?“) ein Wissenshändler Absatzschwierigkeiten hat. Aber die Gründe sind offensichtlich: Zum einen ist da der Generationswechsel, selbst der abenteuerliche Teil von Piepers Jahrgang ist heute ruhiger, nicht mehr grundsätzlich interessiert an wilden Trips durch ferne Welten, wie sie so manche Neuerscheinung verspricht: Für „Verfemt – Verbannt – Verboten – Musik und Zensur. Weltweit“ mag es offene Ohren geben, auch „Schamlos eigenhändig – Sex an und für sich: ein Handbuch für Selbstbesorger“ könnte gut kommen. Doch wer soll „Nazis auf Speed – Drogen im 3. Reich in zwei Bänden“ lesen? Na gut, vielleicht interessiert es Tausende. Doch wie sollen sie davon erfahren, ohne Werbung?
Und dann gibt es noch einen Haken, der Grüne Zweig ist einer Hinsicht sehr unzeitgemäß: Es geht um Wissen, das in den Alltag eingreift. Lebensverändernde Maßnahmen. Nix mit flott über die Website surfen, folgenlos ein paar Infos abschlürfen und ab ins nächste Spielfeld. Die Mehrzahl der Bücher sind Mitmachwerke, ob es um Sex, Drogen, Rock ‘n’ Roll oder Verdauung geht. Und selbst die kleinste Geschichte will zumindest eins – das Hirn sprengen. Getreu einem weiteren Verlagsmotto: wo die Angst aufhört und das Staunen beginnt.
Was macht jemand, der im Leben viel erreicht hat? Klar, die Welt ändern. Und trotzdem dankbar sein für die Chancen des Lebens.
Es ist, als wäre das Leben ein Dschungel, unübersichtlich, aber, wenn man vorsichtig ist und sich auskennt, ein feines Zuhause. Werner Pieper hat dort eine Lichtung gefunden, auf der es hell genug ist, um zu erkennen, was man aus der wuchernden Pracht, aus diesem Leben, alles machen kann. Nun versucht er anderen zu erklären, wie man dorthin kommt.
Der Mann will die Welt ändern, ohne zu vergessen, dass alles schlimmer sein könnte. „Ich bin froh, in einer Zeit zu leben, in der man mich machen lässt. In den meisten früheren Gesellschaften hätte ich erhebliche Probleme gehabt mit Standpunkten, die von den üblichen Sichtweisen abweichen. In vielen hätte man mich verbrannt.“ Erfolg? Sein Leben ist ein Erfolg. Seine Tochter Oona ist 16, sie schreibt gerade an ihrem ersten Buch, über Faulheit, ein theoretisches Werk, sie kennt das Thema nur vom Hörensagen, sie geht zu Raves, spielt Klavier, sprayt, fotografiert, zwei Klassen hat sie inzwischen übersprungen. Er lebt mit seiner Frau in diesem Haus, er hat den Verlag, der verdammt noch mal Geschichte gemacht hat, und nun, wo er seine sechs Bücher fertig hat, wird er sich wieder darum kümmern. Davon mal abgesehen: „Deprimiert sind genügend Leute, das bringt die Welt nicht weiter. Wenn man an die Leute denkt, die wirklich im Dreck leben, denen es wirklich beschissen geht, kann man nur sagen, dass das Leben, das wir führen, traumhaft ist. Wenn die Welt tatsächlich, wie es manche Lehren behaupten, nur Elend, Schmerz und Mühsal ist, ist alles, was nicht so ist, ein Grund zur Freude.“ -----
PLASTIC BOMB fragt, Werner Pieper antwortet
(Plastic Bomb, Zeitschrift für Punks, Straßenköter und Mutanten, Herbst 2003; Fragen von Zepp Oberpichler)
• Mitte der 60er bist du aus der Provinz, über die Zwischenstation Alsfeld ins berühmte Heidelberg gekommen. Da denkt man ja eher an Studentenbünde und Bildungstourismus. Wie kam es denn da zu deiner Dealerkarriere und wie wurdest du „eingeführt“?
– Nach meiner abgeschlossenen Kochlehre kam ich zwangsweise durch den Zivildienst nach HD. Mit dem ganzen Studentenkrams hatte ich nix am Hut, ich habe ja auch nie das Abitur machen wollen. Zu der Zeit wollte ich nur weg... Nach 18 Monaten Zivildienst bei Querschnittsgelähmten (für 3 DM pro Tag) hatte ich keinen Bock mehr auf eine Hotelkaufmannskarriere, denn je ‘besser’ das Hotel, je zahlreicher und größer die Arschlöcher. Ich wollte dann Sozialarbeiter werden, doch als ich erkannte, daß dies vor allem ein Schreibtischjob ist, wurde ich Dealer. Dealen, so wie ich quasi in einer Lehre gelernt habe, ist direkte Sozialarbeit ohne Formularkram.
• In „Maximum Respekt“ ist zu lesen, dass du quasi einige Jährchen im Wald und auf der Heide gelebt hast, wie funktioniert das da mit sozialen Kontakten?
– Seit ich 12 bin schlafe ich von März bis November draußen. Das heißt nicht, daß ich mich zum Frühstück Beeren suchend durchs Unterholz schlage, sondern daß ich nächtens gerne über mir die Sterne sehe und den Wind im Gesicht spüre. Außerdem: als Dealer ohne soziale Kontakte? Das geht wohl nicht. In jenen Jahren fand sich jede Nacht eine Scene, die mit in den Wald zog. Schlafsäcke hatten wir alle, eigene Zimmer wenige.
• Musstest du nicht die typischen Deutschen fürchten, die in dir sicherlich einen gefährlichen Gammler und Terroristen sahen und damit eine offenkundige Ablehnung ihrer Art zu leben?
– Nee, eigentlich nicht. Als Narr, als Fool on the Hill wird man doch weitgehend zufrieden gelassen, vor allem auch, wenn man es nicht auf eine Konfrontation auf dieser Ebene anlegt. Wenn man über die Narreteien der Bürger eher lächelt als flucht. Selbst ein Steuerprüfer meinte einst zu den gefundenen Zahlen: ”Also, wenn Sie einen Mercedes statt einem Mofa vor der Tür hätten, wären Sie dran. Aber so lasse ich Sie in Ruhe...”
• Wie kam schließlich die Entwicklung zum Verleger? Gab es dafür Vorbilder?
– Es kam immer wieder vor, daß meine Kunden nicht so recht wußten, was es denn mit Haschisch und LSD und den potentiell damit verbundenen Einsichten auf sich hat. Also bekamen sie von mir eine Art ‘Waschzettel’ mit auf den Weg, eine kleine Zeitschrift mit durchgehend positiven Inhalten: den Grünen Zweig – der erst 10 Jahre später in eine Buchreihe mutierte...
Als ich anfing waren englische Underground Magazines Vorbilder, vor allem Nicholas Albery und sein BIT-Mag; später das US-Magazin ‘Co Evolution Quarterly’ und sein Herausgeber Steward Brand. Aber heute: nein, keine Vorbilder mehr. Verleger die einen Teil ihrer Bücher selber schreiben sind ja heute auch rar geworden.
• Heute braucht ja jede Pommesbude Venture Capital,, man started up in Ich-AGs,sucht nach Exits in der Börse und hat sowieso einen Business Angel zum Freund. Wie hast du deinen Verlag aufgezogen?
– Ich habe 7 Jahre gedealt. Im Anfang fuhr ich immer auf eine Insel (Formentera, Kreta, Stromboli etc)., wenn ich 1.000 DM zusammen hatte. Denn ab dieser Summe schraubte sich die Geldspirale beim Dealen doch oft so schnell, daß die Kollegen ihren Überblick erst wieder im Knast gewannen. I wasn’t in it for the money. Irgendwann ergab es sich, daß ich noch 1.000 DM hatte als ich von einer Insel zurück kam. Davon habe ich dann den ersten ‘Grünen Zweig’ finanziert. Die ersten fünf Verlagsjahre wurden durchs Dealen subventioniert und als ich mit dem Dealen aufhörte, konnte ich vom Papierkram leben. Bis heute. (Dabei zahlt der Verleger in mir dem Autor in mir kein Honorar – glatte Selbstausbeutung!). Ich habe nie Geld von Eltern, Behörden oder anderen Großen Brüdern gewollt.
• Gab es Probleme mit anderen Verlegern?
– Nee, von denen hat mich doch niemand ernst genommen. Ich bin auch in keiner entsprechenden Organisation und kenne heute auch nur zwei, drei Verleger.
• Gab es trouble mit Leuten aus der Szene, die dich plötzlich ans Business und Establishment verloren glaubten?
– Da mein ‘Aufstieg’ sehr schleichend stattfand, anderseits damals meine street-credibility (bis heute Mofafahrer, ausgefallene Hair-doos, Gründung der Grünen Hilfe) nur von größten Paranaoiikern angezweifelt wurde: Nein. Ein Großteil meiner heutigen Freunde und Kontakte habe ich damals – also vor 30 Jahren! – als ‘Kunden’ kennengelernt.
• Kommen wir zu einem anderen, aber für deinen Weg ja auch bedeutenden Thema, was ist deine Lieblingsdroge a) zur Entspannung, b) beim Sex, c) zum rocken, d) um mal die Perspektive zu wechseln?
– Grundsätzlich ist Haschisch für mich ein Überlebensmittel in unserer Gesellschaft. Meine ca. 350 LSD-, Pilz- und XTC-Trips haben sicherlich mein Leben angereichert. Aber sowas konsumiert man ja nicht über Jahrzehnte permanent. Die letzten Trips dieser Art sind schon eine Weile her – aber ich freue mich permanent auf den nächsten; und sei der erst in 10 Jahren. Kokain, Heroin, Nachtschattendrogen und die ganze exotische Palette von psychoaktiven Substanzen hat mich bislang nicht interessiert. Vielleicht teste ich die mal später – ich fordere eine Legalisierung für Rentner. Als Kokser wäre ich das größte Arschloch unter der Sonne und ich finde das Leben zu aufregend, um mich nur zudröhnen zu wollen.
• Mit der Edition Rauschkunde leistest du hervorragende Aufklärungsarbeit zum Thema Drogen. Gab es dafür schon mal Applaus vom Bildungsministerium oder gar ein Bundesverdienstkreuz?
– Nee. Staatliche Auszeichnungen würde ich allemal ablehnen. Wenn man gegen ein System ist sollte man sich nicht von ihm loben lassen. Bislang gab es da wirklich keine positiven Reaktionen – eher Hausdurchsuchungen, Buchindizierungen, Gerichtsverfahren. Aber letztendlich nix tragisches – zumal einem ja auf dieser Ebene meist das Unrechtsbewußtsein völlig abgeht.
• Drogen sind ja nicht erst seit gestern in aller Munde (sic), dennoch habe ich bei aller Aufklärung manchmal auch den Eindruck, dass dieses Thema nur selten verantwortungsbewusst diskutiert wird. Wie siehst du das Thema a) in der politischen Diskussion und b) in der öffentlich (-rechtlichen)?
– Darf ich das Thema etwas verfehlen? Mußt du immer von ‘Drogen’ reden? ‘Drogen’ sind arg mit negativen Infos behaftet, da denkt man dank unserer Medien gleich an Fixerleichen auf dem Bahnhofsklo – ganz im Gegensatz zu den Hunderttausenden die wöchentlich mit viel Lustgewinn illegale psychoaktive Substanzen zu sich nehmen. Nicht daß ich behaupten will, der Konsum dieser Stoffe sei problemlos. Man muß sich schon kundig machen, daher auch unsere Edition RauschKunde.
Das Bedauerlichste ist, daß bei uns ein Klima herrscht, daß sich weder Eltern, Lehrer, Journalisten noch Politiker, die in der Jugend (oder auch noch später) eigene Erfahrungen mit psychoaktiven Substanzen gemacht haben oder noch machen, mit ihren (und anderen) Kids darüber reden. Feigheit vor dem Freund. Das ist eigentlich unentschuldbar. Anderseits leben viele dieser (V)Erwachsenen in der Paranoia, ihre drogigen ‘Jugendsünden’ könnten einmal publik werden. Arme Schweine.
Ich war mal am Gymnasium meiner Tochter ein vom Elternbeirat gewählter ‘Drogenbeauftragter’. Als ich in einem Beratungsgespräch mit einer Lehrergruppe die einen Drogen-Prophylax-Tag durchführen wollten vorschlug, daß die Lehrer einmal als ‘Vorbild’ vorangehen und für 4 Wochen keine Zigaretten oder Alk zu sich nehmen sollten, wurde dies als ‘absurd’ und ‘unrealistisch’ abgelehnt. ”Ich kann in meiner Freizeit doch machen was ich will!” war die Antwort. Das sagen die Schüler dann halt auch ...
• Herman Brood – Junkie, Keith Richards – Junkie, the dickies – komplette Drückerkolonne, Georg Trakl – Kokser, Gottfried Benn – Kokser, Wolfgang Neuss – Megakiffer, gibt es Kunst ohne Drogen?
– Das ist Stuß und eine Beleidigung an all jene Künstler, die ihre Kunst ohne bio-chemische Rausch-Verstärkung auf die Reihe bekommen. Ohne kreative Adern helfen auch die besten Substanzen nix. Diese können ja meist doch nur verstärken – oder sichtbar machen – was vorhanden ist. Kreative sind oft sensibel und da braucht es einen Schutz vor der Geier-Mentalität des Kunsthandels und der Gesellschaft. Psychedelika können ein Werkzeug sein, aber als Sinn, Zweck und Ziel sind sie untauglich.
• Wem würdest du gerne mal einen ordentlichen Trip oder eine schicke Tüteverpassen?
– Ich habe gelernt, daß man nicht mit dem Bewußtsein anderer Leute fickt. Jemand ohne dessen Wissen auf eine Drogenreise zu schicken ist unverantwortlich. Sowas macht das Militär, aber kein Psychonaut. Die Wahl der drogigen Bewußtseinsbewegung muß man jedem einzelnen überlassen.
Sehr schön die Vision von Nina Hagen, die einen XTC-Trip mit Erich Honecker (in den 80ern) beschrieben hat. Erich und Helmut K. auf Ecstasy - das klingt so, als ob es der Weltgeschichte gut getan hätte. Der kleine Bush wäre wohl auch besser Kokser geblieben, als in die Politik zu gehen.
• Was hat sich in deinem Leben drogentechnisch verändert, als du Vater wurdest?
– Nix. Meine heftigen Trip-Zeiten war allemal schon vorbei – glücklicherweise bin ich nicht zu früh/jung Vater geworden.
• Ist Alkohol ein Thema für dich?
– Mit 16 vor ich erstmals so voll, daß ich am nächsten Tag Erinnerungslücken hatte. Danach lebte ich jahrelang mit dem Wissen ‘Mein Vater hat für mich mitgesoffen’ (ein Spruch, den meine Tochter auch schon abgewandelt gebracht hat). Dann hatte ich eine Phase, in der ich mich jeweils einmal mit dem Lieblingsgetränk verschiedener Freunde zugedröhnt habe. So war ich einmal Wodka-besoffen, einmal mit Kognak, einmal mit Whiskey etc. Man muß ja nicht alles in sich reinschütten, nur weil es einem zur Verfügung steht. Nix gegen ein Bier oder ‘nen Sekt, aber Gedächtnisverlust und ein dicker Kopp am Morgen danach gehören nicht zu meinen erstrebenswerten Lebenszielen. Meiner Tochter habe ich dann vorgeschlagen, daß ich mich für sie mal besaufen würde – damit sie ihren Vater auch in diesem Zustand erleben kann. Sie hat dankend darauf verzichtet.
• Genug geturnt, du bist seit den 60ern ein großer Musikfan, welche Bands/Musikerhaben das Fieber entfacht, was hörst du heute?
– Für mich ging’s schon Ende der 50er los. Als einziges protestantisches Kind, umgeben von Katholiken, dazu noch außerhalb des sauerländer Dorfes auf einem Berg wohnend gab es damals nur eine Rettungsleine für mich: der englische Soldatensender BFN (später BFBS). Da hörte man Klänge, die in der Nachbarschaft noch als Teufelswerk galten. DIE Stimme die mich damals innerlich aushebelte stammte von Little Richard. Vor einigen Jahren habe ich dann eine Pilgerfahrt zu dessen Geburtshaus in Macon, Georgia gemacht – dort, wo auch mein Soul-Liebling Otis Redding herkam.
Die erste Band, zu der ich dann ein persönliches (Fan-)Verhältnis hatte waren The Petards (siehe mein Buch in der Bear-Family-Petards-Box).
Todays playlist:
Willy DeVille: Accustic Trio
Fun-Da-mental: There shall be love
Fire on the mountain: Reggae-Greats play Grateful Dead-Songs
Adrian Sherwood: Never trust a hippy
Manu Chau: Radio Bemba live
Salif Keita: Moffou
Augusto Pablo, The Best of
Skatelites, Live in Paris
• Hattest du jemals Berührung mit Punk und/oder Punkrock?
– Ich habe zu den Anfangs-Punk-Zeiten mit einem Freund zusammengewohnt, der voll darauf abfuhr. Und als regelmäßiger London-Besucher – seit 1967 2x jährlich – blieben Kontakte nicht aus. In den frühen 80ern hatten wir ein Cassetten Label für ungewöhnliche Klänge (Transmitter) – und waren im Rhein-Necker-Raum das Label auch für junge Bands aller Richtungen. Da gab es z.B. die unvergessene Cassette der Punks von ‘Dosenbier’ mit ihrem Hit ‘Kotze auf der Straße’.
Anfangs der 80er spielten hier KFC aus Düsseldorf. Ich tarnte mich mit einer Lederjacke und veränderter Frisur, schnappte mir eine ganze Steige Erdbeeren und ging zum Konzert – um dort Erdbeeren zu verschenken. ”Iiihh! Ist das Bio?” gröhlte mich der erste Punk an. ”Hey, wenn du wüßtest wieviel Chemie da drin steckt!...” war meine Antwort und plötzlich wollten alle von den Beeren. Nebenan lief ein Kreisklasse-Fußballspiel – und meinem Namen entsprechend habe ich immer eine Trillerpfeife bei mir. In diesem Spiel griff ich ein, trillerte von der Tribüne, ließ Leute ins Abseits laufen und der Schiedsrichter konnte nix dagegen ausrichten – schließlich pfiff ich mit 300 Punks im Rücken.
Ich konnte und kann nachvollziehen, warum Punk sein mußte – aber das war doch mehr eine städtische Kultur und da zeigte sich doch, daß ich eher ein Weichei vom Lande bin. Und Punk ohne Suff?
• Wer sind deine Top Ten Musikados?
– Da muß ich wohl erstmal jene nenne, die ich zum Teil schon seit der Jugend im Herzen trage:
Little Richard & Otis Redding
Die folgenden habe ich – bis auf eine Ausnahme – wiederholt live erlebt.
Chris Barber
Sandy Denny
Richard Thompson
Dion
Grateful Dead
Neville Brothers
Taj Mahal
Das sind 9. Die 10. Nennung umschließt all die neueren Sounds die mich beglücken (KLF, TransGlobalUndergrund, SEEED etc) und vor allem auch jene, in unseren Kreisen Unbekannten aus Ländern der 3. Welt.
Kann ich mir verzeihen, daß ich jetzt Bands wie MAN und Kraan unterschlagen habe?
• Name your Top Ten Records.
– Jede Liste dieser Art ist eine Lüge – da man gestern oder morgen sicherlich eine andere Liste zusammenstellen würde. Musik-Erleben ist ja nichts statisches, diese Listen sind eine schändliche Unterlassungssünde all jenen Musikern gegenüber, die einem jetzt gerade nicht einfallen. Ich könnte sicherlich ein Dutzend ‘Top Tens’ zusammenstellen. Aber wenn du mir schon eine Knarre an den Kopf hälst, OK, here we go, meine heutigen Top Ten:
Neville Brothers: Live on Planet Earth
Van Morrison: It’s too late to stop now
Dolly Parton: The Grass is blue
Nick Lowe: The Convincer
Arhoolie’s 40th Birthday Box
Desert Blues I & II
Dion: King of the New York Streets
The Blind Boys of Alabama: Spirit of a Century
The Fabulos Burns Brothers – Soul goes Bluegrass
Achim Reichel: Große Freiheit
• Kommen wir zu deinem Verlegerwerk. Wenn man sich die Themen deiner fast 250 Titel so anschaut, trifft man immer wieder auf Rauschkultur, Zensur, Musik, Bewusstseinserweiterung, Anti-Globalisierung, Höhere Intelligenz, Schamanen und andere Indianer. Wie würdest du dem Unwissenden deine Themenausrichtung erklären und nah bringen?
– Schwierig, irgendwie bin ich da ein Grenzgänger. Der Engländer hat den schönen Begriff ‘Fringe’. Da ich kein Geld für Werbung ausgebe, müssen die Themen die Bücher tragen; d.h. die Renner müssen jeweils noch ein bis zwei Dutzend Ladenhüter mitfinanzieren (die mir inhaltlich oft lieber sind als jene Renner). Bei den Drogenbüchern genieße ich einen Vertrauensvorschuß, da ich meine Dealervergangenheit nie geleugnet habe. Meist handelt es sich um Themen, die ich spannend finde und herausbekomme, daß es da noch kein Buch zu gibt. Dann suche ich einen entstprechenden Fachmann oder mache mich selber kundig. Grundsätzlich komme ich mir oft wie jemand vor, der auf dem Informations-Sperrmüll unserer Medienzeit Schätze findet, die von den ProfiKollegen übersehen wurden – oder an die sie sich nicht herangetraut haben: Sanfte Tabus, Regionalgeschichte, Spezielles für die eine oder andere Subkultur... Aber alles aus einer eher undogmatischen anarchistischen Sicht, was über eine bloße Kritik am herrschenden System hinausgeht, was andere Blickwinkel bietet, ist bei uns willkommen. Von Computer-Hackern über die taubblinde Helen Keller bis hin zum Fußball (Warum sind das eigentlich immer 11?), zur Abschaffung der Arbeit und demnächst Heinrich Lübke, dem verdrängten Politiker der vergangenen 50 Jahre...
• Was braucht ein Buch, um von dir verlegt zu werden?
– Ich muß es (das Buch, das Thema) als Leser spannend/wichtig finden. Zwischen dem Autor und mir muß ein Vertrauensverhältnis bestehen oder sich entwickeln – denn als Verleger arbeite ich ohne schriftliche Verträge und ohne Werbeetat. Das habe ich ja als Dealer gelernt, und wieso soll man nach so einer Lehre wieder ins Haifischbecken des Mißtrauens tauchen? Wer will schon Teile seiner kostbaren Lebenszeit vor Gericht verbringen?
So verbreite ich ja nur Inhalte und weigere mich, anderer Leut’ geistiges Eigentum zu besitzen. Das ©-Copyright bleibt immer beim Urheber. Das bedeutet aber auch, daß ich Agenten meide – und mir dadurch den Zugang zu vielen bekannten Autoren verbaue. Es gibt jedoch auch einige AutorInnen (Tim Leary, Micky Remann, Luisa Francia), von denen ich alles verlege, was sie mir geben – ob ich das nun selber verstehe oder nicht. In diesen Fällen ist mein Vertrauen in deren Fähigkeiten größer als daß ich das nun selber alles begreifen müßte.
• Du standest und stehst in Kontakt mit einer Menge von Freaks, Künstlern und Visionären (Tim Leary, Terence McKenna, Wolfgang Neuss, Youssou N`Douretc.), gibt es so etwas wie eine geistige Leitfigur für dich?
– Früher schon. Als Dealer meine Lehrer Red und Tim Leary; später dann der Indianer Craig Carpenter und Steward Brand. Aber irgendwann erkennt man, daß auch ‘Vorbilder’ nur Menschen sind und daß eine Kooperation immer besser ist, als eine Anhimmelei. Dann erkennt man, daß die eigenen Freunde die besten ‘Mit-Bilder’ sind. Aber wenn du schon um ein Namedropping bittest: der gerade 97 Jahre jung gewordene Albert Hofmann und Antonia Lilly nehmen in meinem Herzen sicherlich einen Sonderplatz ein.
• Was waren die bewegendsten Begegnungen als Verleger?
– Geschichten von ‘bewegendsten Begegnungen’ sind zu lang, würden den Rahmen sprengen. Und reduzier’ mich nicht immer auf einen ‘Verleger’, das engt so ein. Nicht ohne Hintergedanken habe ich schon in den 70er Jahren den Begriff ‘Medienexperiment’ statt ‘Verlag’ angemeldet. Das erlaubt einem, auch steuerlich, mehr Freiheiten.
• Wen würdest du gerne mal verlegen und warum?
– Die, die ich verlegen möchte, verlege ich. Da habe ich keine offenen Wünsche – denn wenn jemand schon bei einem anderen Verleger eine Heimat gefunden hat, kann ich die enstprechenden Bücher ja auch lesen. Das spart mir Arbeit. Nee, da fällt mir niemand ein. Natürlioch erscheinen oft engflischsprachige Bücher, die ich liebend gerne... aber diese Werke bzw. Autoren sind fast immer bei Agenturen unter Vertrag – und außerdem erdrücken einen die Übersetzungskosten. Sonst wäre Naomi Kleins ‘No Logo’ in Deutschland schon viel früher erschienen...
• O.K., das hier ist ein Punkrockzine und du bist wahrscheinlich in den Augen der meisten Leser ein alter Hippie. Was kannst du einem jungen Menschen, der auf der Suche nach Sinn an der Formulierung eines Lebensziels zu scheitern droht und sich von daher durch allerlei Flaschen, Tüten und Nasen kämpft raten?
– Pauschale Ratschläge bringen doch nix, oder? Die meisten LeserInnen dieses Magazines würden sich schieflachen, wenn sie mich sehen könnten. Und wohl genausowenig ernst nehmen wie die Autoritäten.
Anderseits habe ich im Laufe der Jahre einige meiner Freunde abstürzen sehen; fast alle sind auch wieder wohlbehalten aufgetaucht. Der grundlegende Unterschied zwischen den Hippies und den Punks – so wie ich es verstanden habe – ist ja, daß Hippies für etwas sind, Punks sich eher durch eine generelle Antihaltung von etwas absetzen. Es ist einfach für mich nachzuvollziehen, warum sich hier und heute jemand vom Alltag & der Gesellschaft verabschieden bzw. dagegen powern will. Nur reicht so eine Haltung nicht für ein Leben. Damit kann man keine eigenen Kinder großziehen, die für manche ja überraschenden und schneller kommen, als sie sich das gedacht hatten. Mir fallen im Straßenbild seit Jahren öfters Hippie- oder auch Rocker-Eltern, aber selten Punk-Eltern auf.
Es ist legitim, seine Jugend zu verschwenden, aber es ist hilfreich, wenn man auch in jener Phase was fürs Leben lernt – das, was einem weder in der Schule noch Uni beigebracht wird. Die Flaschen, Tüten und Nasen sind letztendlich nur Beiwerk. Jene Substanzen die einen innerlich abschalten helfen, mögen im Augenblick hilfreich für jene sein, die gerne ZU sind, radikal ‘No future’-mäßig. Alk ist nicht als Problemlöser bekannt. Aber der Zukunft ist egal, was du in jungen Jahren von ihr denkst – sie kommt allemal. Was bleibt zwanzig Jahre später von den Exzessen der Jugend? Eine kaputte Leber? Frust? Sozialhilfestatus? Und dann behaupten, die Eltern oder der Staat sei an allem schuld?
Aber natürlich muß man heute fast jeden Jugendlichen mit den STERNEN fragen: ”Was hat dich bloß so ruiniert?” Bevor mir dies nun als Punk-feindlich ausgelegt wird möchte ich klarstellen, daß mir ein aufmüpfiger Punk – und sei er noch so besoffen – generell doch lieber ist, als ein vom Konsumrausch eingelullter Spießernachwuchs.
Zweifele Autoritäten immer erstmal an. Verschwende deine Jugend, aber übernimm bitte die eigenen Verantwortung dafür. Sei wach! Da sind einige ‘Drogen’ hilfreicher als andere. Und Freunde wichtiger als Substanzen.
• Any regrets? What more to say?
– Nee, eigentlich nicht. Höchstens, daß ich eben so ins schwafeln und predigen gekommen bin, als sei ich ein personifizierter moralischer Zeigefinger. Sorry, but you asked for it.
• Zum Schluss eine Frage die unsere Leserschaft dringend interessieren dürfte, wie sieht deine Verbindung zur Parfum-Kette Pieper genau aus?
– Ich habe vor 30 Jahren alle meine Familienbanden radikal gekappt, habe keinerlei Kontakte zu anderen Piepern, weder der mir unbekannten Perfum-Kette, noch der Norddeutschen Pieper-Wurst-Firma oder meinem ehemaligen Fußballtrainer gleichen Namens.
Werner Pieper und die Geheimnisse der Grünen Kraft
(Rhein-Neckar-Zeitung, September 2003)
Seit über 30 Jahren ist sein Verlag ein erfolgreiches Raritätenkabinett – „Extremer Erfolg bedeutet extremen Druck und zerstört die Kreativität“
Weinheim. (jos) Werner Pieper, Jahrgang 1948, von Beruf ‚Medienexperimentor‘ lebt seit über drei Jahrzehnten mit seiner Familie im vorderen Odenwald. Zu Hause ist er in Löhrbach, dort betreibt er auch seinen Verlag „The Grüne Kraft“. Das Häuschen ist alt und ein wenig windschief und im Sommer stehen die Betten im Freien. Warum sollte Pieper denn auch drinnen schlafen, wo doch das Wetter so schön ist? Am Lagerfeuer ist es nachts viel stimmungsvoller, erst recht wenn der Vollmond scheint. Die Erscheinung des Vollmonds gehört für Pieper zu seinen privaten Feiertagen, ihn feiert er regelmäßig mit Freunden und Mitarbeitern. Ob als Publizist, Autor oder im Privatleben, immer macht der Wahlodenwälder gerade das, was ihm so in den Sinn kommt. Sein Freiheitsdrang scheint nicht zu bändigen. Regelmäßig fährt er zwei Mal jährlich für ein paar Tage zu Freunden nach London oder zu Recherche-Reisen, wie dieses Jahr z.B. auf den Spuren deutscher Kolonialverbrechen nach Namibia.
1971 gründete er den Verlag als ‚Medienexperiment, d.h er macht nicht nur Büchern, sondern gibt auch CDs heraus, initiiert Veranstaltungen, u.a.m.. Seitdem schießen seine Bücher rund um das Thema Naturschutz, alternatives Leben, sanfte Tabus und psychoaktive Substanzen selbst wie kleine psychoaktive Pilze aus dem Boden. Besonderer Renner waren das „Hanfhandbuch“, „Das Scheiss-Buch“ und sein Werk über Mark Twain in Heidelberg. Doch auch das Magazin „Humus, die Illustrierte für Herz, Hand und Hirn“ wurde gerne gelesen, sein Buch übers Jonglieren, das erste dieser Art in Deutschland, ging wie warme Semmeln über die Ladentheke. Doch Pieper kommt es nicht so sehr auf den kommerziellen Erfolg an. Pieper will einfach genug verdienen, um seinen künstlerischen Impulsen ohne finanzielle Not folgen zu können: „Extrem erfolgreich zu sein, bedeutet automatisch auch extremem Druck ausgesetzt zu sein. Ich bin zwar ungeheuer diszipliniert, aber auf die Dauer leidet die Kreativität. Das bringt nichts“. Auch als CD-Zusammensteller ist Pieper erfolgreich: Seine sechs „Flashback-CD’s“ wurden 2000 sogar mit dem „Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik“ geehrt.
„Ich bin im Sauerland aufgewachsen, das war beileibe keine einfache Zeit“, erzählt Pieper rückblickend und legt die Stirn in Falten. „Als einziges evangelisches Kind weit und breit, wurde ich im Dorf und in der Schule ziemlich hart ausgegrenzt. Diese Erfahrung hat mich geprägt.“ Schließlich entscheidet er sich für eine Lehre im Hotelfach. Als bester Nachwuchskoch in Nordhessen schließt er 1967 die Ausbildung ab. Pieper kommt nach Heidelberg und leistet in der Orthopädischen Klinik seinen 18-monatigen Zivildienst. Er wird ein waschechter sogenannter Hippie und liebt es bis heute bunt. Bekamen andere junge Zugezogene in Dörfern oft Schwierigkeiten, so blieben ihm diese weitgehend erspart. „In Löhrbach hat mich nie einer denunziert. Die lassen mich sein, wie ich will. Ich habe hier wunderbare Nachbarn!“
Der Autor Pieper entwickelt sich mit der Zeit auch zum Heimatforscher. „Wenn mich etwas interessiert, werde ich unruhig. Und immer wird dann gleich ein Buch daraus“, lacht er. 1991 übernahm er als Mieter den Roten Turm und kurz darauf erschien sein Buch „Der Rote Turm zu Weinheim“, in welchem Werk er dem Wahrzeichen der Stadt auf den geschichtlichen Zahn fühlte. Gleich zwei Bücher verlegte Pieper vom legendären Weinheimer Forstmeister Wilhelm Fabricius. Pieper lernte Fabricius in den 70er Jahre persönlich kennen, „ein Mann von Format! Tolerant, intelligent und voller witziger Ideen.“ So pflanzte Fabricius vor rund 80 Jahren japanische Akazien auf dem Marktplatz. Seitdem blühen diese wie auf Bestellung immer zur Kerwe. Kein anderer Baum sonst steht exakt um diese Zeit in der Blüte. „Da sitze ich dann bei einem Kaffee in der Sonne und ringsumher schwebt ein Blütenmeer. Wie grüner Schnee rieseln sie herab. Diese Details sind es, die Weinheim für mich so anziehend machen!“, meint Pieper.
Info: Wer sich für das Verlagsprogramm, interessiert findet es unter www.gruenekraft.net
Christiane Eisele besuchte im Sommer 2001 Werner Pieper in dessen Vertriebsbüro. Hier ihre Eindrücke, die sie damals für das Hanfblatt aufgeschrieben hat.
"Alle Grünen Zweige wachsen auf braunen Ästen!"
Eine Begegnung mit Werner Pieper
Keine Frage,
Was die Kollegen so meinen...
”Der am meisten unterschätzte Verlag Deutschlands.”
Lutz Kroth, 2001-Verlag
”Es ist, als wäre das leben ein Dschungel, unübersichtlich, aber wenn man vorsichtig ist und sich auskennt, ein feines Zuhause. Werner Pieper hat dort eine Lichtung gefunden, auf der es hell genug ist, um zu erkennen, was man aus der wuchernden Pracht, aus diesem Leben, alles machen kann. Nun versucht er anderen zu erklären, wie man dorthin kommt.”
Peter Lau, brandeins
”Ein kleiner, aber unverhältnismäßig weit ausstrahlender Verlag ... macht seit 30 Jahren offensichtlich etwas richtig.”
Michael Freund, Der Standard, Wien/p>
”Das, was W.P. mit seinem ‘Grünen Zweig’ in den letzten dreißig Jahren auf die Beine gestellt hat, kann man nicht wirklich befriedigend beschreiben ... all diese Dinge sind feste Bestandteile unseres Lebens und unserer Entwicklung ... die Anregungen und Lebenshilfen, die wir durch W.P. erfuhren, sind zahllos.”
Wk, NOTES
”Der Verleger und Autor ist ein Popul(ar)ist der Musik im besten Sinne des Wortes ... seine Bücher werden nicht von einer Erbsenzählermentalität, sondern von guten Ideen getragen ... in seiner Lebendigkeit und Vielfältigkeit ... geradezu befreiend”
Harald Justin, JazzThetik
” ...und dafür wollen wir Pieper tüchtig loben.”
Marc Fabian Erdl / Armin Nassauer, konkret
”Einen Pop-Archäologen wie Werner Pieper findet man nicht alle Tage ... mit musikhistorischer Sorgfalt zusammengestellt und mit ebenso liebevollen wie sachkundigen Kommentaren versehen. Ihm gelang damit eine editorische Meisterleistung.”
Aus der Laudation zur Verleihung des Jahrespreises der Deutschen Schallplattenkritik 2001 für die 6-CD Kompilation Flashbacks (Transmitter, Trikont)
”So viel Witz und Lust und Laune wie Werner Pieper bringen Herausgeber für ein Buch selten auf. Löblich.”
Rhein Neckar Zeitung
”Insgesamt ein wahres Kuriosum.”
Terz
”Werner Pieper ist ein Geschichtenerzähler im besten, traditionellen Sinne des Wortes. Kein Märchenonkel, sondern einer von denen, die seit jeher ... von Stamm zu Stamm zogen ... dabei Dinge erlebt und auf Menschen trifft und zuhört und erzählt, der Nachrichten überbringt ... nicht nur in der mündlichen Überlieferung, sondern auch in mannigfaltigen Druckwerken.”
Sina, mushroom
”Germany’s most exciting cyber-shaman-performing-publisher!”
Timothy Leary
"Laudatio für Werner Pieper anläßlich der Verleihung des Blue Bird Awards
von Sharon Levinson
Weinheim, Schloßpark-Restaurant am 18.11.2006
Eigentlich ist Werner Pieper ein Fan, ein Mensch der andere Menschen verehrt und durch seine Publikationen gefördert hat. Er hat Bücher von Albert Hofmann, Micky Remann, Luisa Francia,Wau Holland und vielen vielen Anderen veröffentlicht, von Menschen die ihm bedeutend erschienen. Trotz gesundem Selbstbewusstsein ist ihm vielleicht nicht bewusst wie wichtig sein Tun für andere gewesen sein mag.
Der innewohnende Widerspruch im Zusammenhang mit Werner Pieper von Ehre und Preis zu sprechen macht diesen Anlass für mich heiter. Daher ist es mir ein Vergnügen ihn heute als Preisträger zu ehren. Nicht das ich der Meinung wäre er hätte ihn nicht verdient- ganz in Gegenteil. Aber ihm ist alles offizielle, artifizielle, gesellschaftlich Respektable fern, ja direkt suspekt. Als er mir von dieser kommenden Ehre sprach sagte er er hätte, „wenn man ihm das Bundesverdienstkreuz hätte verleihen wollen abgelehnt, aber den Bluebird werde er gerne annehmen !“
Werner ist ein gebürtiger Sauerländer, und mit den Charakterisierungen nach Landstrichen, ähnlich wie mit der Astrologie, man glaubt nicht wirklich daran man will ja keineVorurteile hegen, aber irgend etwas scheint ann doch ein kleln wenig über ein zustimmen bei der Essenzialisierung von Menschen... also den Sauerländern sagt man nach das sie Stur sind. Und auch mein Großvater mütterlichseits war von diesem Schlag, aber ich schweife ab, und wollte nur sagen, dass er wohl ein Lokalpatriot ist, zu mindest in dem Sinn, dass er Fan von Borussia Dortmund ist. Aber über Fußball kann ich nicht wirklich sprechen.
Ich habe Werner Pieper Ende der sechziger Jahre in Heidelberg kennen gelernt. Er war Zivildienstleistender in der Schlierbacher Rehaklinik bei den Querschnittsgelähmten Patienten und hatte zu dieser Zeit bereits eine abgeschlossene Kochlehre hinter sich, war Gründer des Petards Fan Clubs und dank d