Harry Jacob Anslinger
Ein Portrait des Drogeninquisitors
Werner Pieper
Immer wieder hört man Gerüchte über drogensüchtige Kinder einflußreicher Politiker; in den Medien eines der großen Tabus. Vom Clinton hört man, daß es die Sorge um seinen kokainsüchtigen Bruder sei, die ihn zum harten Drogenverfolger werden ließ. Was aber treibt so Missionare wie Lintner & Seehofer eigentlich an? Oder Anslinger?
Paranoiker unterstellen oft rein finanzielle Motive, glauben an Bestechungen der legalen Drogenindustrie: Schnapsbrennern, Brauereien & Pharmazeuten etc. Scheint ja auch nicht so weit hergeholt, wenn man sieht, wie stolz sich jemand wie Helmut Kohl für uns durch das Alkohol-Angebot der Grünen Woche (sic!) trinkt. Als ich auf Einladung meines Ex-DealerKollegen, dem Abgeordneten Herbert Rusche, in den 80ern mehrfach den Bundestag besuchte, zeigte er mir u.a. in der Kantine die Schnapsnasen der Nation, erlebte ich spät Abends die AlkLallFraktion (ALF) im Bundestag in Aktion. NichtTrinker werden belächelt. Ernüchternd.
In jedem zweiten Hanfbuch kann man über die folgenreichen Aktionen des einflußreichsten Drogenverfolgers aller Zeiten, Harry J. Anslinger lesen. Wer aber war dieser Mann, what made him tick? Zeit, ihn näher kennenzulernen.
Zu der Zeit, als der junge Harry 1892 als achtes von neun Kindern in der Nähe von Altoona, Pennsylvania zur Welt kam, gehörten Opiumtropfen und Tinkturen in fast jeden amerikanischen Haushalt, so wie Aspirin & Coca Cola heute. Überall wurde in der 'zivilisierten' Welt Opium geraucht, eine Rezeptpflicht gab es nicht. Harry wuchs in einem Dorf heran, daß nur 600 Einwohner, aber etwa 60 Opiumsüchtige hatte. Zwei der örtlichen Apotheker starben an Drogen. Zwölfjährig hatte er dann sein Schlüsselerlebnis, von dem sich die Welt bis heute nicht erholt hat. Lassen wir ihn in eigenen Worten schildern, was geschah:
"Ich besuchte gerade einen benachbarten Farmer, als ich aus dem 2. Stock seines Hauses fürchterliche Schreie seiner Frau hörte. Nie zuvor hatte ich solch grauenvolle Schmerzensschreie vernommen. Erst später erfuhr ich, daß die Frau, wie viele ihre Zeitgenossinnen, morphiumsüchtig war. Die meisten Mediziner hatten zu jener Zeit noch nicht erkannt, wie gnadenlos diese Droge sein konnte. Alles, an das ich mich erinnere, sind diese Schreie einer Frau, voller Schmerz. Diese Schreie schienen mein ganzes zwölfjähriges Selbst auszufüllen. Dann kam der Hausherr die Treppe herunter gestürmt und befahl mir, mit dem Pferdewagen in die Stadt zu fahren, dort vom Apotheker ein Päckchen abzuholen und schnellstmöglich wieder zurück zu kommen und es seiner Frau zu bringen.
Ich erinnere mich, wie ich die Pferde antrieb, sogar die Peitsche einsetzte. Ich war überzeugt, daß die Frau sterben würde, wenn ich nicht rechtzeitig käme. Als ich mit dem Päckchen – es war Morphium – zurück war, eilte der Mann die Treppe herauf, um seiner Frau eine Dosis zu verpassen. Schlagartig verstummten die Schreie und eine seltsame Stille erfüllte das Haus.
Diese Schreie habe ich nie vergessen. Auch nicht, daß das Morphium, nach dem sie sich verzehrte, ohne Probleme von einem Zwölfjährigen gekauft werden konnte, ohne daß jemand Fragen stellte." Das war's.
Er erinnert sich weiter an den besten jungen Billardspieler in Altoona, der auf dem Weg war, ein wahrer Champion zu werden. Außerdem sang dieser intelligente Junge noch mit einer solchen Engelsstimme im örtlichen Chor, daß er Angebote bekam, in New York aufzutreten. Allein, er triumphierte weder als Billard Champion noch als Tenor. Opium wurde sein oberster Chef, und nach zwei Jahren war er tot.
Wie meinte Harry in seinem Buch The Murderers so treffend? "Für die meisten von uns hat die Zukunft ihre Wurzeln in der Vergangenheit."
In jungen Jahren arbeitete er als Aufseher beim Eisenbahnbau. Dort mußte er mit ansehen, wie einer seiner Arbeiter eines Tages übel zugerichtet wurde – von der Mano Negra, der Schwarzen Hand, einer Mafia Unterorganisation. Er stellte den Oberverbrecher, Big Mouth, mutig zur Rede und versprach ihm, in eigenhändig zu killen, sollte seinem Kumpel nochmal was geschehen. Die Mafia kuschte. So sein erster heldenhafter Encounter mit der Mafia aus seiner Sicht. Leider liegt uns kein Bericht der Mafia vor...
Im ersten Weltkrieg wurde er, der auf Grund seiner Herkunft fließend Deutsch und Holländisch sprach, Mitglied des diplomatischen Korps der USA. Zum Soldaten reichte es nicht, da er durch einen Steinwurf seines Bruders partiell erblindet war. Und fast, ja fast hätten wir ihm zu verdanken, heute noch einen Kaiser (neben Beckenbauer, engl. übrigens Pelvis-builder) zu haben. Wäre er nur etwas schneller gewesen, die Weltgeschichte wäre anders verlaufen. Wie war das noch, Harry? Tell it like it was:
"An dem Tag, an dem Kaiser Wilhelm II seinen Rücktritt erklärte, wurde ich von meinem Vorgesetzten, dem amerikanischen Botschafter in Holland, nach Den Haag gerufen. Er eröffnete mir, daß der Kaiser zurücktreten, und Holland ihm Asyl gewähren würde. Wilhelm würde in Graf Bentincks Schloß in Amerongen wohnen, dort, wo sich auch schon Charles II aufgehalten hatte, als er England verlassen mußte."
Anslinger solle alle ihm zugänglichen Informationen über die Lage für seinen Präsidenten sammeln. Und, so der Botschafter, Wilson wolle auf keinen Fall, daß der Kaiser zurücktrete. Das sei wichtig und diese Botschaft solle ihm unbedingt zukommen. Anslinger schien genau der richtige Mann für diesen Job. Er machte sich auf nach Amerongen." Die Straßen waren mit einer bunten Mischung von Menschen bevölkert. Einige waren offensichtlich Geheimdienstler. Während ich auf die Ankunft des Kaisers wartete, klopfte mir ein Holländer auf die Schulter. Er schien nervös und unsicher zu sein. Er stellte sich als Mitglied des holländischen Geheimdienstes vor und fragte nach meiner Identifikation, da keine Ausländer in der Stadt erlaubt seien.
Meine ganze Mission wäre aufgeflogen, wenn dieser Holländer meine wahre Identität erfahren hätte. Wahrscheinlich wäre ich ausgewiesen, vielleicht sogar ins Gefängnis geworfen worden. Also mußte ich, statt ihm meine Papiere zu zeigen, kontern. In einem harten befehlsmäßigem Deutsch mit einem ungeduldigen Unterton verlangte ich seinen Ausweis”. Harry J., ganz der Herrenmensch.
“Der nervöse Holländer war perplex. Er hielt mich offensichtlich für einen deutschen Kollegen, der vom Kaiser vorausgeschickt worden war ...".
Anschließend lobte Anslinger ihn und stellte in Aussicht, sich bei seinem Vorgesetzten für seinen Einsatzwillen zu bedanken. Diese Art von illegalem Bluff wandte er noch wiederholt an, als wollte er als Vorbild für Simmels späteren Roman ‘Es muß nicht immer Kaviar sein’ dienen. Er bluffte sich bis zu einem Berater des Kaisers namens Knauff durch. Diesem stellte er sich als holländischer Geheimdienstmann vor, der eine wichtige Botschaft für den Kaiser habe.
"Die Abdankung war absolut überflüssig und sinnlos," sagte ich ihm, "die Sozialdemokraten werden die Revolution herbeiführen, und Chaos wird über das Land hereinbrechen. Wenn sie Ihre Karten richtig ausspielen, wird der Kaiser als Triumphator zurückkehren." Er versuchte, dem Deutschen alle Informationen zu entlocken, die für seine Regierung wichtig sein könnten. "Ich habe ja versucht, den Kaiser von diesem Schritt abzubringen, aber er ließ sich von dem leiten, was seiner Meinung nach Wilson von ihm erwartete", antwortete Knauff. Scheidemann, ein deutscher Sozialist, habe den Kaiser darauf hingewiesen, daß er sich dem Willen Wilsons fügen müsse. Aber dann hatte ein amerikanischer Journalist im Suff Stuß geredet, einfach behauptet, Wilson fordere den Rücktritt. "Aber Wilson will doch diesen Rücktritt garnicht!" – "Davon wissen wir nichts. Unser Botschafter in Den Haag glaubt diesem Journalisten und der Kaiser glaubt dem Botschafter. Vielleicht ist diese Information ja mehr von Alkohol getränkt, als von der Wahrheit. Vielleicht hat dieser Journalist ja nie mit Wilson geredet, aber wir können das von hier aus nicht abschätzen", erwiderte Knauff.
Anslinger in seinen Aufzeichnungen: "Unser Minister war entsetzt über meinen Report. Telegramme wurden hin und her geschickt. Der Präsident, der davon ausging, daß Deutschland nur unter dem Kaiser die Stabilität erlangen könne, die für den Weltfrieden von Nöten sei, war sehr aufgebracht über den Unsinn, den einer seiner Mitarbeiter vor Ort verzapft hatte. Scheidemann wurde schließlich von den wahren Absichten Wilsons informiert, aber da war es zu spät. Für kurze Zeit besetzte der kaisertreue General Krupp samt seiner Truppen Berlin, um die Monarchie wieder einzuführen. Aber dann organisierten die Sozis einen Generalstreik, und Krupp mußte mit seinen Truppen Berlin verlassen. Es kam zu Schießereien. Ich hielt mich gerade im Hotel Adlon auf, als Schüsse durch die Hotelhalle surrten. Es gab einige Verletzte, Blut spritzte auf meine Hände ...
Später erfuhr ich, daß der Mann, der den Kaiser falsch informiert hatte, nie selber Kontakt mit Wilson aufgenommen, sondern im Suff einfach seine persönlich Interpretation der Lage zum besten gegeben hatte ... Hätte er das unterlassen, wäre der Kaiser wohl auf seinem Thron geblieben, so wie der japanische Kaiser nach dem 2. Weltkrieg. Ein angemessener Friedensabschluß hätte verhindert, daß jemand wie Hitler in der Zukunft die Macht hätte an sich reißen können, und der zweite Weltkrieg wäre uns erspart geblieben."
Eigentlich müßte man aus diesen Ereignissen folgern, daß sich Anslinger nun dem Kampf gegen den Alkohol verschrieben hätte, aber das kam erst später. Erstmal blieb er an der Deutschen Front. Was er da weiteres trieb, verschwieg er allerdings mit dem Hinweis: "Ich kann über meine Aufträge in dieser Zeit nicht mehr verraten. Immerhin darf ich sagen, daß mir von meiner Regierung als Dank erlaubt wurde, einige kleinere Gegenstände aus dem Besitz Kaiser Wilhelm II zueigen zu machen. Wer sich genauer dafür interessiert, den möchte ich darauf hinweisen, daß ich all diese Dinge 1957 dem Smithonian Institut in Washington vermacht habe. Wie ich an sie gelangte, das muß ich allerdings verschweigen.” Nach dem Krieg wurde Anslinger kurzzeitig amerikanischer Konsul in Hamburg.
Dann wusselte er im Alkohol-Prohibitions-Geschäft rum, ohne selber daran zu glauben, daß man diese Droge unterdrücken könne. Das Alkoholverbot bewirkte ähnliches wie das heutige Drogenverbot: Der Biergenuß ging dramatisch zurück und der Schnapsumsatz verdoppelte sich. Ein Schmuggler verdient lieber mehr Geld an weniger Schmuggelmasse, sei es nun Hanf & Heroin oder Bier & Schnaps.
Die Alk-Dealer wurden vermehrt verfolgt, die Strafen verzehnfachten sich. Für das Ausschenken eines Drinks konnte man sich fünf Jahre Haft und eine Geldstrafe von $10.000 einhandeln. Die Mitarbeiter der Drogenverfolgungsagenturen vermehrten sich wie Karnickel, Bürgerrechte wurden auf Eis gelegt und der illegale Handel und Konsum stiegen rapide an.
Das Jahr 1926 fand Anslinger als US Konsul auf den Bahamas. Von hier aus unterband er den Alk-Schmuggel der Engländer in Florida. Er baute ein Spitzelnetz auf. Er überredete Kanada und Kuba gegen Alkoholschmuggel vorzugehen. Aber dann war doch alles für die Katz, Alkohol wurde wieder als Handelsware zugelassen. Frust.
1930 ernannte man ihn gar zum 'Assistant Commissioner of Prohibition'. Nur wenige Monate später, am 25. September 1930 wurde Harry J. Anslinger, 'der schwedische Engel', von Präsident Hoover zum Inhaber eines neu erfundenen Jobs: Commissioner of Narcotic Drugs. Für ein Gehalt von 9.000$ wurde er der Chef von 250 Agenten (als er 30 Jahre später seinen Job quittierte, waren es 10.000 Agenten), die über alle legalen und illegalen Suchtdrogen zu wachen hatten. Alle, außer Anslinger selber, gingen davon aus, daß dies nur eine vorübergehende Anstellung sei. Es war jedoch der Beginn einer dreißigjährigen, unvergleichlichen Karriere des Mannes, der die einflußreichste Gestalt der Drogengeschichte werden sollte. Dieser ‘law & order Evangelist’ diente und überstand fünf Präsidenten. Anslinger litt unter der Alk-Kapitulation seiner Vorgesetzten, war er doch sicher, mit genügend Polizeikräften den bürgerlichen Alkoholkonsum exozieren zu können. Als ihm die Politiker in den Prohibitions-Rücken fielen, nahm er sich vor, seine Theorien von mehr Verfolgern und härteren Strafen auf dem Drogengebiet zu beweisen. Er selber bezeichnete sich gerne als 'der größte lebende Experte des internationalen Drogenhandels'. 1958 wurde er gar als der 'zweifelslose Führer im Kampf gegen den Mißbrauch narkotischer Drogen in der Welt' für den Nobelpreis vorgeschlagen. Nebenbei veränderte er eine ganze Nation bis auf den heutigen Tag. Nirgendwo auf der Welt sitzen mehr Menschen im Gefängnis als in den USA. Harry sei Dank. Man sollte ihn zum Heiligen der Paranoiker ernennen.
Ab 1933 war Henry Morgenthau sein direkter Vorgesetzter. Man erinnert sich, 12 Jahre später plante Morgenthau, aus dem Ex-Nazi-Deutschland einen Agrarstaat ohne jegliche Industrie zu basteln, ein einziges Feld von der Nordsee bis zu den Alpen. So manchem Tief-Grünen geht bei dem Gedanken sicherlich das Herz auf.
In den Jahren 1934 und 1935 gelang es Anslingers Leuten nicht, auch nur einen einzigen größeren Opium- oder Heroin-Dealer festzunageln. Anfang der 30er nahmen die Opium- und Morphiumimporte rapide ab und wurden durch das leichter transportierbare Heroin ersetzt. 1934 beschlagnahmte man schlappe 35 Kilo.
Trotzdem blieb Harry im Amt. Er konnte absolut charmant und überzeugend wirken, aber das war nicht der Grund, warum er auf seinem Stuhl blieb. Er hatte sich nämlich auf einem Nebengebiet fest installiert. Wollte man zuvor eine neue Droge, z.B. ein Schmerzmittel neu einführen, gab es eine Regierungskommission, die hierfür die Genehmigung erteilte. Diese wurde aber 1930, mit Bildung des Narcotic-Bureaus abgeschafft, und die Entscheidungsgewalt über die Einführung neuer Substanzen unterlag plötzlich einzig Mr. Anslinger. Nur er allein hatte zu bestimmen, wer im Drogen-Monopoly mitspielen durfte. Im Jahr 1936 waren es nur noch acht Firmen, darunter Merck, Hoffman-LaRoche und Eli Lilly. Harry dachte wohl, es sei einfacher, eine kleine Gruppe großer Firmen zu kontrollieren, als eine große Gruppe kleiner Firmen. Zumal es einfacher und effektiver war, nur wenige Mitspieler zu besitzen, die einem auch einmal einen Gefallen taten, oder zwei. Jedes Mal wenn Anslinger Gutachter in irgendeinem Drogenfall brauchte, bekam er diese von der PharmazieLobby gerne zur Verfügung gestellt. So schützte er die Pharmazie auch vor der Legalisierung bis dato (bzw. heute) ‘illegaler Drogen’, vor allem auch vor jenem Kraut, das sich jeder auf dem Balkon ziehen kann. Um so größer das Geschäft mit den legalen Drogen. So einfach ist das im Kapitalismus.
Anslinger ging es nicht gut. Zu seinem Horror fielen ihm die Haare büschelweise aus. Sein Chef war unzufrieden mit ihm, obwohl er immer wieder geschickt Schreckensmeldungen in der Presse zu lancieren wußte und sich oft als 'Held der freien Welt' abbilden ließ. Einige Zeit hielt ihn eine Kampagne gegen gedopte Rennpferde über Wasser. Der Druck auf Anslinger nahm zu. Am 1. April '35 erlitt er einen Nervenzusammenbruch und wurde für mehrere Monate außer Gefecht gesetzt. Es mußte etwas Grundlegendes geschehen, sonst würde er seinen Job verlieren.
Es geschah etwas für Millionen von Erdenbürgern verhängnisvolles: Anslinger entdeckte das Marijuana. Bis auf den heutigen Tag bedeutet diese, seine Entdeckung für viele, viele harmlose Menschen auf dem ganzen Globus ein halbes Leben voller Paranoia. Ihm rettete sie seinen Job. 1937 wurde Marijuana in den USA als Teufelsdroge illegalisiert.
Teufel Anslinger
Schon während des ersten Weltkrieges kam es in den USA zu journalistischen Attacken gegen uneuropäische Musik. 'Vom Teufel' sei sie. Die Illinois Vigilance Assc. behauptete, daß 1921/2 allein in Chicago 1.000 Mädchen durch die Musik auf moralische Abwege geraten seien. Der Chef des State Hospitals in Napa, Kalifornien behauptete unwidersprochen: "Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, daß rund 50 % der jungen Männer und Frauen zwischen sechzehn und fünfundzwanzig, die im Irrenhaus landen, jazzverrückte Drogensüchtige und Tanzwütige sind. Die Jazz-Kombination: Drogenliebhaberei und öffentliche Tanztheater gehören zusammen. Wo man das eine findet, findet man auch das andere." Jaja, liebe Raver, eure Imageprobleme sind nicht neu, ihr seid nur das aktuelle Glied einer langen puritanischen Anti-Tanz-Kette. Noch 1998 schob die WeltDrogenbehörde der Popmusik eine Rolle als potentielle ‘Einstiegsdroge’ zu.
Warum es gerade der Staat Kalifornien war, der schon 1915 als erster Bundesstaat Marijuna verbot, läßt sich nicht mehr ergründen. Eines der Opfer dieser Verfügung war 1931 Louis Armstrong: "Wir spielten in einem großen Nachtclub und hatten gerade eine Pause. Der Club war jeden Abend übervoll, viele Fans und Leute aus dem Filmgeschäft, sogar einige Moviestars trafen sich dort. Anyway, ich war mit Vic (Berton, dem Schlagzeuger) kurz rausgegangen um auf dem Parkplatz einen durchzuziehen. Wir kicherten und fühlten uns sauwohl. Da tauchen plötzlich diese beiden großen stattlichen Dicks auf, schlendern auf uns zu und meinen: 'Gebt uns doch mal den Roach, Jungs." Armstrong hatte Glück, daß es sich nur noch um einen Stummel handelte und die Bullen Fans von ihm waren. Immerhin saß er deswegen neun Tage im Knast. Offensichtlich hatte ihn der Chef einer Konkurrenzband verpfiffen.
Die Liste gebusteter und verfolgter Jazzkiffer enthält viele große Namen ihrer Zeit: Außer King Louis traf es Count Basie, Gene Krupa, Cab Calloway, Duke Ellington, Dizzy Gillespie, Lionel Hampton, Thelonious Monk, Charlie Parker, Billie Holliday, Gerry Mulligan, Stan Getz, Art Pepper (bekam neun Monate, weil er sich weigerte, gegen andere auszusagen, saß insgesamt sechsmal wg. Drogen), Lester Young, Chet Baker, Miles Davies, Art Blakey...
Eine empfindliche Schlappe erlitt Anslinger, als der amerikanische Soldatensender AFN Musiker bat, Aufnahmen zur moralischen Aufrüstung der Jungs an der Front abzuliefern. Der legendäre Fats Waller spielte für sie die SkyHigh-Kifferhymne: Dreamed about a reefer five foot long, Mighty Mezz, but not too strong ... Das Tonband war schon an Tausende von Truppen-Basen überall in die Welt ausgeliefert, bevor man den 'Irrtum' bemerkte.
Beim 'Mighty Mezz' Mezzrow handelte es sich um einen speziellen Feind Anslingers. Über dessen Buch Really The Blues schnaubte er empört: "Das Machwerk verschweigt die gefahrvollen Aspekte des Kiffens, glorifiziert Marijuanagenuß und anderen Drogengebrauch. Das Buch stinkt förmlich nach Siff. Ich kann einfach nicht glauben, daß so eine Propagandaschrift für die Drogensucht über Nacht ein sensationeller Bestseller werden konnte."
Wiederholt versuchte Anslinger vergeblich, Spitzel in die in sich geschlossene Jazz Szene einzuschleusen. Anscheinend konnte keiner von ihnen ein Instrument spielen.
Nur eine kleine Auswahl aus Dirty Harrys Horrorpropaganda:
– Ein erwischter Jugendlicher beschrieb uns eine typische Kifferabsteige: 'Der Raum war voller Leute. Es waren wohl fünfzig, aber mir kam es vor wie fünfhundert. Es war total verrückt, Paare lagen überall herum, im Flur schrie eine Frau, zwei Männer versuchten das selbe Mädel zu vögeln, und das Mädel kreischte und weinte und irgendwie machte das alles keinen Sinn. Man hatte ihre Kleidung herabgezogen und sie versuchte vergebens, die beiden Männer wegzustoßen ... Der Ort stank und war rauchgeschwängert. Merkwürdige Geräusche waren zu hören, die ich aber nicht orten konnte. Überall schallte Gelächter und Gekicher und weinende Stimmen und Musik und so weiter. Es war absolut verrückt und wild. Ich wollte ja nichts tun. Ich wollte mit keiner der Frauen schlafen. Ich wollte mich nur etwas hinlegen, weil der Raum so groß und überwältigend war, und mich die Menge an einen großen Ball oder sowas erinnerte...’
– Eine der großen Probleme mit Cannabis ist, daß es unberechenbar wirkt. Ärzte haben hunderte von Tests durchgeführt und berichten, daß es keine Möglichkeit gibt, im Voraus einschätzen zu könen, wie ein Individuum auf Cannabiskonsum reagieren wird. Bei einem spricht es überhaupt nicht an, der nächste dreht komplett durch und wird zum Berserker und versucht jemanden oder gar sich selber zu erdolchen.
Viele der übelsten Gewalttaten und Morde Jugendlicher, die ein neues Kapitel der Schande und Tragödien geschrieben haben, sind direkt auf Hanfvergiftungen zurückzuführen:
– Mirglieder einer Jungenbande rissen zwei Mädchen die Kleider vom Körper und vergewaltigten die schreienden Mädels.
– Ein sechzehnjähriger in Florida ermordete seine fünfköpfige Familie.
– Ein Mann in Minnesota schoß einem ihm Unbekannten eine Kugel in den Kopf.
– In Colorado wollte ein Mann seine Frau umbringen, tötete statt dessen aber die Großmutter und sich selber.
Jeder dieser Fälle geschah, so Harry, nachdem der oder die Täter vorher Marijuana geraucht hatten.
Uff. Echt schlimm. Nur: Beweise für diese Behauptungen blieb er – wieder einmal – schuldig.
Nach dem Krieg war plötzlich auch das Marijuana Problem erledigt. Hasch-Verteufler wurden zurückgepfiffen, Propagandamaterial eingestampft. Anslinger prahlte mir der Anzahl von Inhaftierten und erklärte das Problem für gelöst. Er ließ Zahlen für sich sprechen, Zahlen, die er selber erfand. Z.B. erklärte er, zur Jahrhundertwende habe es eine Million Süchtige im Land gegeben, Ende der 30er nur noch 60.000. Ja, er wußte z.B., daß es in New York genau 9.458 Süchtige gab. Wie das? Einfach: ”Jeder Süchtige wird innerhalb von zwei Jahren behördenbekannt”. So ein Stuß wurde ihm damals abgenommen und als Wahrheit landesweit verbreitet. Je nachdem, ob Harry Lob der Presse oder eine Aufstockung seines Budgets suchte, schraubte er Zahlen rauf oder runter. Zahlen JoJo. Yo!
Es kam immer wieder zu einem Aufmucken von Fachleuten, aber Harry machte sie ein. Bedrohlicher wurde für ihn die 1939 in Auftrag gegebene Hanf-Untersuchung im Auftrag des Bürgermeisters von New York, Fiorella La Guardia. Bis auf den heutigen Tag hat es weltweit keine breiter angelegte Cannabis-Untersuchung gegeben. Die Ergebnisse erschienen erst fünf Jahre später. Zwischenzeitlich hatte Anslinger es recht gut verstanden, einen Großteil der beteiligten Forscher zu diffamieren, die gefundenen Ergebnisse anzuzweifeln, aber es half nichts: Jedes HorrorSzenario, das Anslinger & seine Schergen gegen Cannabis aufgebaut hatten, wurde als Papiertiger entlarvt. Eigentlich hätte ihn das Job, Kopf und Kragen kosten müssen, aber Ratte Anslinger war zu geschickt. Er begriff, was anderen unklar blieb: Ist ein Problem nur komplex genug, geht es nicht mehr darum, die Debatte mit Argumenten zu gewinnen, man muß nur genügend Staub in den Medien aufwirbeln. Dazu reichen Gerüchte, Halbwahrheiten, moralische Statements. Seine Gegner, wahrheitsliebende, aufrechte Wissenschaftler, Juristen und Akademiker begriffen nie, daß Anslinger sich an keine Wahrheit und an keine Regeln hielt – solange sie seinem Ziel im Wege standen. Anslinger fühlte sich auf einer Mission von Gott. Aber sein Interesse an Hanf erlahmte, visionierte er doch 1945 Legionen süchtiger GIs, die Amerika verseuchen würden. Sie blieben aus, das Öffentliche Interesse an der Arbeit des Bureau of Narcotics schwand rapide. Aber dann hatte er wieder einen Geistesblitz. Als das Nachkriegsamerika von der großen Kommunistenhatz McCarthys heimgesucht wurde, wußte Harry mal wieder die Wahrheit und nichts als (seine) Wahrheit. Nicht der Kommunismus als solcher sei schlecht, sondern das kommunistische Opium würde die Gesellschaft zerstören. Mit Hilfe der Massenmedien überzeugte er die braven Bürger der USA bis zum Ende der 50er Jahre, daß Drogen und Kommunismus nur zwei Seiten des selben Monsters seien.
Sein Lebenswerk: Die Single Convention der Vereinten Nationen
In den fünfziger Jahren war sich Anslinger der Rolle Frankreichs im Kalten Krieg in Europa bewußt. Also drückte er alle Augen zu und übersah, daß Paris den Opiumhandel in Indonesien für eigene Zwecke unterstützte. Statt dessen klagte er einfach Vietnam des Opiumhandels an.
Er behauptete, entgegen besserem Wissen, daß China den Opiumhandel in SüdOstAsien beherrsche. Er nannte 1955 den Vereinten Nationen chinesische Drogenschmuggler aus HongKong, die den britischen Fachleuten in der Kolonie völlig unbekannt waren, die dort auch nie gelebt hatten. "Das sind lächerliche Behauptungen ohne jeglichen Wahrheitsgehalt", ließen die Briten verlauten, "es gibt keinerlei Hinweise, daß die Kommunisten Drogen schmuggeln." Anslinger verschwieg, daß es die CIA war, die ihre Hände in der Opiumerzeugung im Goldenen Dreieck hatte. Was waren also die Motive für seine Lügengeschichten?
Ein Beweis seiner Ignoranz der asiatischen Realität war eine Auflistung der 246 einflußreichsten Drogendealer der Welt, die sein Büro 1965 erstellte. Asien fand dort, bis auf zwei Personen, einen Rolf Schmoll, der eine einheimische Prinzessin geheiratet hatte, und den korsisch/französischen Kokainschmuggler Michel Libert, nicht statt. Nicht ein einziger Hinweis auf burmesische OpiumKings oder Syndikate aus HongKong, obwohl diese schon die ganze Welt mit Heroin überfluteten. So wundert sich Alfred McCoy in seinem Buch über die Heroinpolitik, indem er weiter ausführt: "Zweimal nach dem 2. Weltkrieg, jedes Mal in kritischen Momenten, nämlich in den späten 40ern und den späten 70ern, immer wenn der Heroinnachschub in die USA nachließ und die Zahl der Süchtigen zurück ging, kam es zu verstärkten Aktionen der CIA und ihren Verbündeten und plötzlich schwappten wieder Heroinwogen ins Land." Nun, im vorliegenden Buch geht es um Cannabis und nicht um Heroin. Immerhin sollte festgestellt werden, daß offensichtlich jene Kräfte, die das eine immer als Einstiegsdroge für das andere verteufelt haben, dafür gesorgt zu haben scheinen, daß zumindest die gewinnbringendere Substanz allzeit verfügbar war. Und ist?
Nein, ich erwarte nicht, daß das jemand glaubt, aber nach der Lektüre von McCoys fundiertem Buch und anderen Quellen bleibt einem garnichts anderes übrig, selbst wenn man kein Paranoiker ist.
1961 feierte Anslinger seinen größten Erfolg: Die Drogenkommission der Vereinten Nationen verabschiedete die Single Convention on Narcotic Drugs. Zum ersten Mal gab es damit eine globale Übereinkunft, daß der 'Krieg den Drogen', speziell gegen Opiate und Cannabis, gerechtfertigt, ja Pflicht eines jeden Landes sei. Diese Convention, die 1971 um psychoaktive Substanzen wie Halluzinogene, Barbiturate und Amphetamine ergänzt wurde, ist die Grundlage der Anti-Drogen-Gesetze aller Staaten. Noch kurz vor seinem Tod erklärte Harry stolz, daß sich kein Land trauen würde, sich aus dieser einmal eingegangenen Verpflichtung zu lösen; der Schelm.
Als Anslinger im Mai 1962 wieder seine jährliche Pilgerfahrt zur Drogenkommission der Vereinten Nationen in Genf unternahm, wurde Frankreich mit keinem Wort angeprangert. Statt dessen hetzte er plötzlich gegen China und Kuba, die mit Drogen handeln würden, um so dringend benötigte ausländische Währungen in ihre Länder zu locken. Die Chinesen würden auf Eselspfaden Unmengen von Opium nach Burma, also ins Goldene Dreieck schaffen, damit es von dort aus in die USA geschleust werden könne. Das waren sogar für seine eigenen Agenten Vorort mal wieder Neuigkeiten, da sie bis dahin keinerlei Beweise für chinesisches Opium gefunden hatten.
In den Fünfzigern suchte der CIA Vorgänger OSS krampfhaft nach einer Wahrheitsdroge. Es wurde auch spekuliert, ob man nicht das gute alte Hanf-Kraut dafür nutzen könnte. Fachleute, unter ihnen Anslinger, wurden hinzugezogen. In einer Zeit, in dem er am liebsten jeden farbigen Jazzer wegen Kiffens ins Zuchthaus gebracht hätte, unterschrieb er einen Report, aus dem hervorging, daß "der psychotischste Aspekt von Marijuana sei, daß es im Konsumenten unkontrollierbares Lachen auslösen würde." Also nix mit Wahrheitsdroge. Und wieder mal nix mit der Wahrheit. Aber die gehörte ja nie zu Anslingers größten Verbündeten.
Das Ende des Anti-Drogen-Zombies
Erst zur Zeit Kennedys kam es zu ersten kritischen Artikeln über Anslinger & seine Agenten in der amerikanischen Presse. Seine Methoden und ihre Effizienz wurden angezweifelt und erstmals wurden Spezialkliniken für Drogensüchtige als Alternative zur bisher gehandhabten Inhaftierung in Zuchthäuser als 'Therapie' angeregt. Vor allem ein Rufus King deckte viele seiner Propagandasünden auf. Einen Tag nach der Ernennung von Kennedy zum Präsidenten bekam King Besuch. Ein Kennedy Berater wollte alle Infos über Anslinger. Es ist überliefert, daß die Kennedy Brüder auf Grund dieser Gespräche Anslinger loswerden wollten.
Er machte sich wenig aus der Kritik, blieb immer häufiger Washington fern, u.a. um seine krebskranke Frau in Hollidaysburg zu pflegen. Sie starb im Oktober 1961. Ein Jahr darauf, zu seinem 70. Geburtstag, reichte Anslinger nach eigener Darstellung seinen Rücktritt ein. Es wurde aber nie geklärt, ob er freiwillig ging oder gegangen wurde. Did he jump or was he pushed? Harry blieb aber jedenfalls noch einige Zeit der amerikanische Gesandte bei der Drogenkommission der Vereinten Nationen.
Bis zu seinem Ende sah er den Feind immer in farbigen Drogenkonsumenten. Die aufkommende Bewegung weißer bürgerlicher Hippies verstand er nun überhaupt nicht mehr. LSD? Das hatte er doch schon in den 50er Jahren für militärische Zwecke testen lassen. Erste Studien 1951 schienen sehr verheißungsvoll, man hoffte schon, den Heiligen Gral gefunden zu haben. Ein CIA Agent meinte später: "Wir glaubten zuerst, daß man hiermit das Geheimnis des Universums entschlüsseln könnte." Nun, weder das Militär, noch Anslinger konnten das. Vielen Hippies schien es dafür zu gelingen.
Drei Bücher hat er geschrieben: The Murderers, The Protectors, The Traffic in Narcotics. Allesamt Sammlungen von chinesischen Opium-Räuberpistolen mit relativ wenig autobiografischem Material. Erwähnenswert das Interview, daß er wenige Tage vor seinem Tod gab, und das in High Times abgedruckt wurde. Es zeigt einen verstockten, uneinsichtigen, rechthaberischen Mann, dessen Lebenswerk schon zu seinen Lebzeiten erodierte. Ein nicht mehr lernfähiger Anti-Drogen-Zombie.
Am 14. November 1975 starb Harry Jacob Anslinger an Herzversagen. Für viele eine Überraschung, daß er überhaupt ein Herz besaß.
'The world's first and greatest narc' wurde 83 Jahre alt, starb blind und, Ironie des Schicksals, stark morphiumsüchtig. Fünfundvierzig Jahre lang hatte er für ein drogenfreies Amerika, ja, für eine drogenfreie Welt gelogen und gelebt.
Ein amerikanischer Traum, der wohl nie in Erfüllung gehen wird.
Aus:
Ronald Rippchen: Reefers Digest, Edition RauschKunde
der letzten (seufzzz!) Hanfpublikation Rippchens, dem preisgekrönten HanfSchreiber.