Gotta! Gotta! Gotta!
Geno Washington,
Ostern 1967, im Marquee Club, London
by Werner Pieper
Meine Pupillen weiteten sich: Endlich! Die halbe Nacht war ich schielend durch Frankfurt getigert. Hunderte von Autos hatte ich aus den Augenwinkeln gecheckt, und endlich war eines unabgeschlossen und hatte ein wunderbar simpel ausbaubares Transistor Radio. RuckZuck und es war meins. Die Reise konnte losgehen.
Abfahrt 4 Uhr morgens per Zug, Ziel London Victoria. Offizielle Mission: beim Ostermarsch 1967 drei Tage die deutsche Fahne tragen. Der Deal: ein Zimmer für 8 Tage umsonst (mein damaliger Monatslohn im 3. Lehrjahr: 70 DM). Der Traum: endlich nach England, Swinging London, Piratenradios et al. Mit dem BFN (englischer Soldatensender) groß geworden, phantasierte ich von Radio Caroline und den anderen Piraten. Was damals als Traum eines Lehrlings begann, sollte sich als lebensweisendes Erlebnis herausstellen.
Vor Ort erledigte ich meine Pflicht nur ungenügend. Die Fahne trug ich, ebenso wie meinen guten Sonntagsanzug, nur einen Tag – und dann nie wieder. Bei uns auf dem (Sauer-)Lande war es undenkbar, Ostern nicht die besten Klamotten anzuziehen. In London liefen alle locker in Jeans rum. Unfaßbar. Daheim hatte ich Bücher über Buddhismus und Anarchismus gelesen – aber nie jemanden getroffen, mit dem ich über das eine oder das andere oder gar über beide Themen reden konnte. Gerade war die erste europäische UndergroundZeitschrift, die International Times (IT), herausgekommen. Hier schien jeder zu wissen, worum es ging: Wir gingen in den 60er Jahren gegen ein amerikanisches Schweinesystem auf die Straße, gegen des Großen Bruders Wirken in Vietnam. Aber war uns bewußt, daß wir für unseren Protest mit Ur-Amerikanischer Demo-Kultur arbeiteten? Sit-Ins, Protestmärsche, Ausnützen der Meinungsfreiheit, Protestlieder – all das übernahmen wir von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, nicht aus eigenen Traditionen. Und wie dröge wäre unsere Jugend ohne die amerikanische & britische Besatzermusik geblieben? Ein Protest gegen die Eltern ohne Rock’n’Roll’n’Beat? Nicht auszudenken. ‘Amerika’ half uns die deutsche Schwere loszulassen und eine neue Lockerheit anzunehmen. Aber das Amerika in Vietnam war der Gegner. Und Jugendkultur noch ein neues Konzept in der Menschheitsgeschichte.
Ich traf nette Leute, sie luden mich Abends ein, und schon fand ich mich bei einem Ostermarsch-Konzert der Liverpool Scene (Andy Roberts, Adrian Henry etc) und Ram Jam Holder (Black London Blues) wieder. (Realitätsbezug: beim Frankfurter Ostermarsch spielten damals Dieter Süverkrüp und Franz-Josef Degenhardt.) Es war toll, Andy Roberts gehört heute noch zu meinen Lieblingen. Aber es war nicht die Musik, die mich überwältigte, sondern mein erster Joint. An eine direkte Wirkung vermag ich mich nicht mehr zu erinnern, wohl aber daran, daß ich – als Nichtraucher – kotzen mußte. Heftig. Die positiven Auswirkungen jedoch hielten bis heute an: zwischenzeitlich war ich HaschischDealer, Drogenberater, Fachverleger für Hanfiges etc.
Ich nutzte die Londoner Tage und Abende. Mit ein paar Anarchisten ins Kino. Wobei ich jedoch nicht verstand, warum nach dem Film alle, auch meine neuen AnarchoKumpels, aufstanden, um ‘God save the Queen’ zu singen. Dabei kannte man die Fassung der Sex Pistols noch nicht. Im Saville Theatre erlebte ich die Bee Gees als Vorgruppe von Gerry & the Pacemakers als Vorgruppe von Fats Domino. Begeistert schaute ich vom oberen Rang zu, wie er während der Zugabe ‘When the Saints’ mit seinem Bauch rhythmisch das Klavier von der Bühne puschte; war vorher Zeuge, wie die Bee Gees nicht in der Lage waren, ihren aktuellen Hit, das New York Mining Disaster, bei diesem, ihrem ersten Gig in England, live zu spielen. Ich erlebte den letzten Auftritt von Stevie ‘keep on running’ Winwood mit der Spencer Davis Band. Vorband: Die Tremoloes und andere, längst verdrängte PopHelden der Stunde.
Als ich nach einer Woche mein Zimmer bei den Quäkern räumen mußte, trampte ich nach Liverpool. Übernachtungen auf Autofriedhöfen, mein Radio als Kopfkissen. Einschlafen und aufwachen mit Caroline. In Liverpool ging es sofort zum Round-about Penny Lane, wo ich mich hinhockte und wartete, bis gleichnamiger Song zum selbigen Platz aus meinem Radio erklang. Da mußte ich nicht lange warten, schließlich war der Song die Nr. 2 der Hitparade (peinlicherweise die erste Single der Beatles, die es nicht zur No. 1 schaffte – da war ‘Winchester Cathedral’ davor. Schande!). Liverpool imponierte mir: arme Menschen, saugeiler Humor – naja, soweit ich die Sprache überhaupt verstand. Ich hatte zwar Englisch in der Realschule gehabt, aber die Lehrerin akzeptierte manche Wörter, die ich aus Beatles Liedern kannte, nicht. Die gab es in den 20er Jahren, als sie in Oxford studierte, noch nicht. Setzen! Fünf! hieß es dann immer wieder. Aus Frust weigerte ich Depp mich erfolgreich, weiter Vokabeln zu lernen. So mußte ich mehrfach passen, als die netten Liverpudlians oder andere Britten meinten: Ah, Deutscher, hm, und Koch. Erzähl uns doch mal, wie man Sauerkraut kocht. Liverpool. Cavern Club. Dort spielte eine drittklassige Band und ich erinnere mich nur noch an die Verwunderung, daß alle englischen Mädels a) miteinander tanzten, b) stolz Laufmaschen trugen.
OK, ich kam vom Lande, aber hatte schon ein paar Konzerte erlebt: Folk Blues Festival in Marburg, bei heimlichen Trampfahrten nach Hamburg mehrere Bands im Starclub (Rivets etc.), irgendwo auch mal einen Auftritt der wundervollen Boots, wenn auch vor nur 10 Zuhörern in einer Kneipe. Und natürlich unsere lokalen Beathelden: The Petards. All das war fun, fun, fun. Keines dieser oder der eben erwähnten Konzerte jedoch hatte mich auf das vorbereitet, was mich dann völlig überrumpelte:
Ein Abend im Marquee Club, in der Wardour Street, London.
Ladies & Gentlemen: Welcome from the USA, the One, the Only Geno Washington & his Ram Jam Band ... One, two, three – und ab ging die Post: Ride your Pony. The Funky Butt Show. Der Club war hoffnungsvoll überfüllt, nach deutschen Maßstäben ums Dreifache des Fassungsvermögens. Da ich keine Kohle für die Garderobe hatte, mußte ich mich irgendwie am Pullover und Parka festhalten. Und schon beim zweiten Stück sangen alle mit: Baby, everything is allright, uptight ... Die Soulhits wurden a-go-go, ohne Pause, gnadenlos auf uns abgefeuert. Die Band groovte und movte, wie ich es noch nie erlebt hatte. The best of Stax, absolutely live. Geno als ZweimeterMann überragte alles souverän. Da machte es nix aus, daß er eigentlich ein übriggebliebener GI war, der versuchte, irgendwie in England Fuß zu fassen – warum nicht mit Soulmusik? Für uns war er die wahre Sahne. Sowas hatte ich noch bei keinem Konzert erlebt: das Aufgehen in der Masse. Nicht brav auf einem Stuhl in Reihe XY sitzen, sondern in einer kollektiven Einheit hopsen. Tanzen ging nicht aus Platzmangel, aber wenn alle im Rhythmus hüpfen, dann reißt es einen mit. Geno spielte fast nur Coverversionen von zeitgenössichen Gassenhauern wie: In the midnight hour, Respect, einige Sam & Dave Songs – zu denen Ein großes ekstatisches deliriöses ‘That’s Soul’-Sing-a-long. Wer hatte damals kein Exemplar dieser ersten erfolgreichen Pop-Compilation-LP gleichen Namens?
Eigentlich hätte ich tief deprimiert irgendwo in einer Ecke hocken müssen. Denn tags zuvor hatte ich das größte Konzert überhaupt verpaßt. Naja, was heißt schon ‘das größte Konzert’? Wie groß es war, erfuhr ich erst später rückwirkend. Anderseits konnte ich mir keine Vorwürfe machen, ich hatte wirklich alles versucht. Dabei rede ich nicht einmal von der Package Show mit Jimi Hendrix und Cat ‘get my gun to shoot Mr. Tillerman’ Stevens, die erst auftrat, als ich die Stadt schon wieder seit drei Tagen verlassen hatte (Schmerz!), sondern von der alles überragenden Stax Revue, mit Otis Redding (immerhin machte ich Jahre später eine Rock’n’Roll-Pilgrimage in seine – und Little Richards – Heimatstadt, Macon, Georgia), Carla Thomas, Sam & Dave, Eddie Floyd und als Begleiter die Original Booker T & The MGs, mit Steve Cropper. Als ich zur Fairfield Hall in Croydon kam, waren beide Vorstellungen schon ausverkauft. In Deutschland hatte ich es bis dahin immer geschafft, auch ohne Tickets in fast jedes Konzert zu sneaken, aber in London standen Profis an den Eingängen, da hatte ich (als Landratte im Gegensatz zu den Stadtratten) keine Chance. Stundenlang lief ich um die Halle, in der es dröhnte und jubelte, begleitet vom Bass Duck Dunns. Mein Gott Otis: Gotta! Gotta! Gotta! – Me too! Nur durch eine Mauer von mir getrennt. Never saw him. Inzwischen ist dieser Gig Legende. Es gibt ihn auf CD, es gibt ihn auf Video.
SoulMan Geno war offensichtlich mit all deren Original-Moves vertraut. Später lernte ich Sam & Dave kennen, sie luden mich zu ihren Konzerten (in Frankfurt) ein und es dauerte eine Weile, bis ich dort nicht zwei ‘Genos’, sondern wirklich Sam & Dave erlebte. In heutigen Rocklexika taucht Geno Washington nicht mehr auf. Seine zwei Schallplatten klingen in der Tat wie eine ‘poor man’s Stax Revue’, die von mir erlebte Magie ist für die, die ihn nicht live erleben durften, kaum zu fassen. ”My ability to entertain people comes out best when I’m doing a whole show in front of them ... with the fans right there, responding to me, I’m inspired to go all out.” Es klingt wie ein Klischee, doch es lwar ebendige Realität. Oh, my soul!
Namen sind Schall und Rauch, wenn einen die Musik erst einmal gepackt hat. Als uns Geno ‘You left the water running’ sang, dachte hier im Marquee doch niemand an Otis Redding. Warum auch? Wir alle gröhlten: Geno! Geno! Geno! Dem keltischen Soulbrother Kevin Rowland (von den späteren Dexy Midnight Runners) muß es ähnlich gegangen sein, denn sonst hätte er nie seine meisterlich angemessene Hymne ‘Geno!’ schreiben können, die ihn besser auf den musikalischen Punkt bringt, als dessen eigene alten Scheiben. ‘Ohoho Geno!’
Mein ganzes Leben hatte ich als Einzelgänger verbracht. In der Grundschule sollte ich für die MusikNote den alten LandserHit ‘Ich hat einen Kameraden’ vorsingen und versagte: ich hatte keinen Kameraden. Und sang nie wieder. Selbst in der VereinsFußBallMannschaft war ich Außenseiter, weil ich kein Bier trank. Aber hier im Marquee Club, da gehörte ich plötzlich dazu, zur Mehrheit. Mehrheit? Einheit. We were all one. Niemand saß, keiner hatte Zeit, sich um Freunde/Freundin zu kümmern oder an ungemachte Hausaufgaben zu denken oder an ‘wie komme ich hinterher nach Hause?’ oder das süße Mädel da hinten zu beäugen oder sonstwas. Band, Publikum, der Schweiß, der Sound, Geno und ich: Wir waren zusammen eine Einheit im selben Groove. Nothing else mattered. Andere Konzerte mögen wundervoll gewesen sein. Wie ein erster Kuß. Oder, wenn es wild wurde, fast wie heftiges Gefummel. Aber dieses Konzert, das war eine Orgie, Massenekstase: Hold on, we’re coming. Oh, Geno! In den Worten meines Freundes Paul Williams fand ich Jahre später eine genaue Beschreibung dieser Rock’n’Roll Initiation: ”Mich überkam ein grenzenloses Gefühl der Freiheit. Wut und Frustration schossen aus mir hinaus und das Gefühl, das ich bei diesem Ausbruch empfand, war pure Freude.” *
Shouter Geno lebte vom lautstarken Feedback des Publikums, immer wieder fragte er uns: Do you feel allright? Und was heute als meist peinliche Phrase von der Bühne flattert, erschien uns damals als Maßstab der Realiät. We did feel allright, aber Hoppla! Nochmals Freund Paul: ”Niemand kann dir ernsthaft von der Bühne hinunter vorsingen, es sei alles allright. Man muß sich schon selber einbringen, um in einem Lied (dem Text, Beat, Sound, der Lautstärke und allem zusammen) die eigene Wut, Angst, Verlangen, Selbstzweifel herauszuhören. Plötzlich fühlst du dich weniger einsam und wahrscheinlich singst du schreiend mit. Irgendwie muß es doch OK sein, wenn auch jemand anderes so fühlt und sogar gewillt ist, dies in der Öffentlichkeit zu sagen, es zu singen. Und in dir befreit sich etwas, ist nicht mehr unter inneren Schalen versteckt, wenn du es erst einmal benennst und mit voller Lautstärke hinausposaunt hast.” Jau, genau so war es, Paul, Zugabe bitte: ”Zugegeben, ich beschreibe hier eine ideale Situation”. Geno ‘67 war die ideale Situation: ”Denn die Essenze dessen, mit dem wir hier zu tun haben, ist ein Mysterium.”
Bei einem optimalen Konzert erreicht man Orte im eigenen Universum, von denen man vorher nichts wußte. Man kommt in sich an. ”Wer im eigenen Körper angekommen ist, in der eigenen Traumhaut lebt, die eigenen Traumpfade abwandert (oder tanzt), ist überall im Universum zu Hause”, so schildert es Luisa Francia, ”Zeit spielt keine Rolle mehr, Entfernungen werden unwichtig.” **
Ich war im Land of thousand dances angekommen & nothing else mattered.
Acht Jahre vorher hatte ich als 11-jähriger in der Musik-Box der Eisdiele Venezia in Meschede im Sauerland Little Richard für mich entdeckt. Die Stimme, der Schrei, die Offenbarung – durch ihn kam die Gewissheit: Es gibt da draußen noch eine Welt, die lebenswert ist. Nicht diese dumpfe katholische Kacke, in der sich alle suhlten und die mich als ZwangsEvangelen unchristlich ausschloß. Seit Geno ist der Städter in mir Londoner. Im Marquee erlebte ich noch viele traumhafte Gigs, auch mit guten Freunden (im Publikum und auf der Bühne). Meiner Tochter gefällt die Stadt heute ebenso wie Soul Musik.
Ohne Little Richard, ohne Geno Washington wäre ich vielleicht ein guter deutscher Bürger geworden. Sie aber eröffneten mir das Leben.
Yes they did, yes they did, yes: I thank you!
* Paul Williams: Dieses großartige Rock and Roll Gefühl; Der Grüne Zweig 191, Löhrbach, 1998
** Luisa Francia: Die Magie des Ankommens; Nymphenburger Verlag, München, 2000
Zum Autor:
Jahrgang ‘48, gelernter Koch, dann sieben Jahre HaschischDealer. Seit 1971 Schreiber und Verleger der Grünen Kraft / MedienXperimente (Der Grüne Zweig, Edition RauschKunde). Neuere BuchPublikationen: Maximum Respekt, Musik & Zensur weltweit, Highdelberg – Zur Kulturgesshichte der Drogen in einer berauschenden Stadt. Im Herbst 2000 erscheint auf dem Trikont Label eine 6-CD-Compilation alter amerikanischer Popmusik, Flashbacks, u.a. Hitler & Hell, US-Propagandasongs gegen die Nazis.
Mehr Infos c/o The Grüne Kraft, 69488 Löhrbach oder per eMail Versand@gruenekraft.com.
Quelle: Mein erstes Mal; Hg. Frank Schäfer.
Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf