EINLEITUNG
Die Gedanken sind frei –
wer will sie verbraten?
In der Schule lernt man, daß Abschreiben verboten ist. Aber spätestens, seit Fotokopierer zum Volksmedium geworden sind, ist kein gedrucktes Wort mehr vor gnadenloser Verbreitung sicher. In den Netzen der neuen elektronischen Medien, z.B. durch das Internet, scheint es schier unmöglich, rechtlich geschützten Werken eben jenen Schutz zu gewährleisten. Die Verbreitung von Ideen geschieht heute schneller, als sich ein Markt dafür aufbauen läßt.
Andererseits kann jemand immer noch gut davon leben, den Jingle für die Tageschau komponiert zu haben, der durch die alltägliche Wiederholung irgendein Bankkonto vor dem Vertrocknen rettet. Besser noch geht es dem Konto von Michael Jackson und allen andern Rockmusikern, die schamlos die Rhythmen Afrikas ausbeuten, ohne je DankeSchön zu sagen. Nicht schlecht geht es auch den Konten, auf die die Tantiemen von Patenrechten fließen, die gewitzte Jungs dem traditionellen Wissen südamerikanischer Schamanen abgeluchst haben. Was gestern noch ein abenteuerliches Pflanzengebräu im Regenwald war, wird heute als pharmakologisches Wundermittel weltweit millionenfach in Pillenform verkauft. Denn im Rechtsgeschäft geht es nicht nur um musikalische und literarische Ideen und Formulierungen, sondern auch um die Patentierung von Saatgut, Medikamenten bis hin zu neu gezüchteten Pflanzen und Tieren, ja, neuen Lebensformen.
Unzweifelhaft bedeutet das bestehende Copyright Gesetz materielle Sicherheit für manche Dichter und Denker. Zum andern macht es einige Firmen und Individuen überproportional reich. Sogar große Nationen wie die USA und China kriegen sich in die Copyrightwolle. Nur am Konsumenten geht diese Thematik offensichtlich spurlos vorbei, dabei muß er doch diese Zeche zahlen. Aber was kann man in einer Kultur der TV-Zombies erwarten, die sich an kostenlosen Privatprogrammen erfreut, ohne zu realisieren, daß sie dieses nur durch den Kauf der dort beworbenen Produkte finanziert. Ja, daß es die Hauptaufgabe jener Sender ist, gnadenlos Werbeminuten zu schinden, um die Pausen zwischen der Werbung dann irgendwie mit Inhalten aufzufüllen.
Die Sammlung von Beiträgen in diesem Buch möchte als Anregung, als Denkanstoß zur eigenen Meinungsbildung dienen. Es hat nicht den Anspruch, eine definitive Neuregelung des Copyrights anzubieten. Aber in Zeiten, in denen sich trendmäßig abzeichnet, daß es bald kaum noch freie Informationen geben wird, sollte man sich seine eigenen Gedanken darüber machen. Hey, Denken ist noch erlaubt!
Der erste Gedanke für dieses Buch kam in Form des kopierten Beitrages von A. Götz von Olenhusen, einem Rechtsanwalt, der nicht nur die größte Sammlung von Raubdrucken im Lande pflegt, sondern auch grundlegende dickbändige Werke zu den Themen Rundfunk- und Fernsehrecht verfaßt hat. Sein Artikel Die Fabrikation der Fiktionen regte mich an, etwas neugieriger zu werden. Götz von Olenhusen steuerte auch seine Übersetzung der Bellagio Deklaration bei und machte mich auf den Beitrag von Dr. Darell Addison Posey, 'Probleme einer globalen Umwelt und Entwicklungs-Strategie' aufmerksam. Posey ist Visiting Scholar am Institute for Social & Cultural Anthropology an der Universität von Oxford, England.
John Perry Barlow hat sich zuerst als Texter der Grateful Dead einen Namen gemacht, während er noch Rinderfarmer in Wyoming war. Eher zufällig auf Computer gestoßen, gründete er mit anderen die EFF, einer quasi 'Elektronischen Bürgerrechtsbewegung', die sich von einer Rechtshilfe für Computer-Hacker zu einer Gegenmacht zur in den USA politisch angesagten Zentralisierung gemausert hat. Uns verbindet die Freundschaft zu Tim Leary, über den es u.a. auch in meinem Beitrag geht. (Dieser kann gerne nachgedruckt werden...).
Den Beitrag von Ludger Weß fand ich in 'Konkret', einer der wenigen noch real existierenden kritischen Zeitschriften im Lande, der Beitrag von Wolfgang Neuss stammt aus der taz, als diese noch spannend war. Hier geht es um Patente und wie sich die Multis die Erde untertan machen.
Auf den Beitrag von Jörg Röseler über die GEMA machte mich Klaus Maeck von der Firma Freibank aufmerksam. Freibank hat eine innerhalb des Musik-Biz einzigartige, praktikable Teil-Alternative zur GEMA aufgebaut. Röseler hat eine Arbeit darüber geschrieben, aus der ich hier zitiere.
Urban Gwerder verlegte mit der legendären Hotcha! in den '60er Jahren eine der ersten europäischen Undergroundzeitschriften und schildert in seinem Beitrag, wie man seinerzeit mit dem Copyrightproblem umging. Er gab außerdem die Zappa Monografie 'Alla Zappa' heraus, arbeitete zwanzig Jahre als Alphirt und Bergbauer & ist 'unbeirrt unterwegs'.
Ich weiß nicht mehr, wer mir den Beitrag über die Bertelsmann-Copyright-Strategie zusandte. Verblüffend, wie ich nach zwei Telefonaten ganz schnell die Erlaubnis der Autorin Marie-Thérèse Huppertz (vom Bertelsmann Liason Office Brüssel) zum Nachdruck erhielt. Geschrieben wurde dieser Beitrag ursprünglich für den Medienspiegel der Deutschen Wirtschaft.
Ronald Rippchen neigt nicht zur Paranoia, so viel habe ich aus seinen zahlreichen Publikationen in diesem Verlag gelernt. Um so überraschender sein Beitrag zum Thema Copyright, elektronische Medien & die Zukunft. Was da einige sehr einflußreiche Amis aushecken ist in der Tat sehr düster und für Rippchen ein Grund mehr, sich aus dem Internet und anderen elektronischen Medienfallen heraus zu halten. Einerseits hat er sich ja schon immer darüber gefreut, nachgedruckt zu werden. Andererseits scheut er sich auch nicht zuzugeben, daß er den Großteil der Informationen für diesen Beitrag aus dem achtseitigen Artikel 'The Copyright Grab' von Pamela Samuelson, Wired Magazine 1/96, übernommen hat. Außerdem hat er uns noch eine aktuelle Ergänzung zu seinem Beitrag aus der taz zugeschickt.
Das Buch sollte schon 18 Monate früher erscheinen, aber auf einen Beitrag wollte ich nicht verzichten: auf die Geschichte des Copyrights von dem Alterspräsidenten des Chaos Computer Clubs, Wau Holland. Sein schon fertig geschriebener Beitrag stürzte samt seiner Festplatte ab, und er war trotz mehrfacher Versuche leider nicht mehr in der Lage, seine Fleißarbeit zu wiederholen.
Dank an alle AutorInnen, die sich an diesem Projekt beteiligt haben. Alle Rechte bleiben bei den jeweiligen AutorInnen, wir haben jeweils nur das Recht auf Verbreitung ...
Werner Pieper
Isle of Man, Dezember 1996