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Das Kraut rockt
 
Im Frühling des Sommer of Love, also 1967, vertrat ich Deutschland offiziell (mit Fahne etc.) beim Oster-Friedensmarsch in London. Die Fahne trug ich nur einen Tag - und nie wieder - am Abend des selben rauchte ich meinen ersten Joint. War wohl bewußtseinsbewegend. Ab 1969 war ich für sieben Jahre Hanfhändler, seit 1971 bin ich Fachautor und Fachverleger, gründete 1972 die Grüne Hilfe (eine Dealer-Rechtshilfe). Ich bin also was das Hanf-Thema anbelangt vorbelastet.
 
Letzthin mußte ich als Drogen-Vertreter des Elternbeirates eines kleinstädtischen Gymnasiums anläßlich von Drogenprophylaxe-Tagen erleben, daß die Lehrer nicht gewillt waren, ihren Schülern einmal 4 Wochen Drogenfreiheit vorzuleben. Ganz im Gegenteil hieß es von den älteren: 'Wir können doch in unserer Freizeit machen bzw. nehmen was wir wollen'. Junge Lehrerinnen klagten dagegen ihr Leid mit alk-süchtigen Kollegen auf Klassenfahrten - was aber noch nie ein Gesprächsgegenstand im Lehrerzimmer gewesen sei. Hinterher prahlte dann der eine oder die andere mir gegenüber mit ihren eigenen - illegalen - Drogenerfahrungen. Auch in der Regierung sitzen inzwischen Minister mit eigenen Erfahrungen. Erinnert sei an Joschka Fischers Buch aus dem Jahr 1984 (sic!): Von grüner Kraft und Herrlichkeit, in dem er noch eine Hanfentkriminalisierung forderte. Es ist genau diese Scheinheiligkeit der Diskussion, in Verbindung mit dem noch aus Nazizeiten stammendem Betäubungsmittel-Gesetz, die den Schaden anrichten - nicht das Kraut selber. In der Tat sprach man bis 1933 von ‘Genussmitteln’, die man seit dem als ‘Rauschgifte’ diffamiert.
 
Die Lust auf Rausch wohnt dem Menschen inne, was bei uns fehlt ist eine Initiation, eine Hilfe um Umgang mit dem Rausch. Ritalin kann nicht die Antwort sein. Ein erstes deutsches Cannabisverbot wurde 1844 von Missionaren in Süd-West-Afrika ausgesprochen, als Alternative führte man Schnapps ein. Unter den Auswirkungen leidet das Land Namibia noch heute.
 
Angesichts des Zustandes unserer Konsum-Gesellschaft darf man jeglichen Eskapismus geradezu als eine gesunde Reaktion der Kids sehen. Cannabis gehört da nach wie vor zu den kleineren Problemen. Verteufelungen des Krautes, wie letzthin im SPIEGEL, haben noch nie geholfen. Zumal diese in auf Grund fragwürdiger Zahlen geschah: ‘weitaus gefährlicher als zu seligen Hippiezeiten’ und ein im Vergleich zu damals ‘fünffacher THC-Gehalt’. Zwei Tage vor dem SPIEGEL-Bericht publizierte (laut The Guardian) die EU eine europäische THC-Studie die ergab, daß sich - im Gegensatz zu den Aussagen vieler Politiker - der THC-Gehalt im Cannabis seit 30 Jahren kaum verändert habe. Beim Haschisch sei keine Veränderung festzustellen (nach wie vor im Schnitt 6%), nur bei einigen ausgewählten Marijuana-Sorten aus Holland stieg der THC-Gehalt bis auf über 30% an. Das ist in der Tat dann schon eine andere Droge, die man eher mit LSD oder Zauberpilzen in einen Hut werfen kann - auch wenn diese gesteigerte Wirkung keinesfalls, wie in der Presse berichtet, die Auswirkung von 'Gen-Gras' sei. Es handelt sich schlichtweg um effektive Hochzüchtungen. Der deutsche Markt wird aber nach wie vor vorwiegend zu 70% durch traditionelles Haschisch aus Marokko abgedeckt.
 
1994 erging das aufsehenerregende Haschisch-Urteil des Bundesverfassungs-Gerichtes. Nachdem Richter Neskovic in Lübeck ein Recht auf Rausch postulierte, kam das BVG zu der Erkenntnis, daß das Kiffen, das ja nie verboten war (nur der Besitz von Kif) nun so schlimm auch nicht sei und sich der Gesetzgeber doch bitteschön eine straffreie ‘geringe Menge’ ausdenken solle. Diese ‘Menge’ schwankt seit dem von Bundesland zu Bundesland - bei den einen sind 0,5 Gramm schon ein strafrelevantes Problem, in der Bundeshauptstadt darf man neuerdings 30 Gramm straffrei dabei haben. Die neue 'Bestrafung': Entzug des Führerscheins. In England wird es seit einigen Monaten dem Polizisten überlassen, ob er gegen einen aktiven Kiffer vorgehen will. Das führte zu einem großen Problem, denn immer mehr Kiffer machen sich wohl einen Spaß daraus, einem Polizisten ins Gesicht zu qualmen ... und der Polizist muß höchstselbst eine Entscheidung treffen. Keine einfache Situation für traditionelle Befehlsempfänger.
 
Richter Neskovic wurde in den Bundesgerichtshof befördert, seine Kollegen vom Bundes-Verfassungs-Gericht erklärten 10 Jahre nach seinem die Diskussion anfachendem Urteil (und - so ein Zufall - nur wenige Tage nach dem SPIEGEL-Sommerlochfüller), das Kiffen müsse vorwiegend aus Jugendschutzgründen geächtet und verboten bleiben, da zu viele Schüler zur Tüte griffen. Schade, daß das Lernen so verpönt, die Lehrer & Eltern so abgedröhnt & das Leben so langweilig ist. Das läßt sich bekifft wohl leichter ertragen - aber eine Lösung ist es für niemanden.
 
Niemand sollte wegen illegalen Drogen in den Knast. Ich fordere die Legalisierung für Rentner. Nur eine Woche nach dem (schlecht recherchierten oder böswillig formulierten?) SPIEGEL-Artikel meldete der Guardian z.B.: Kiffen verbessert das Sehen bei Nacht. Immer wieder findet die Medizin alternative Nutzungen des Cannabis. Es muß nicht mehr geraucht, sondern kann lungenschonend vaporisiert werden, d.h. die Wirkstoffe werden unterhalb der Verbrennungstemperatur gelöst und inhaliert: Phyto-Inhalation.
 
Eine groß angelegte Forschung in mehreren Ländern belegt, daß es keinerlei Zusammenhang zwischen der Drogenpolitik eines Landes und dem Konsumverhalten seiner Bürger besteht. Eine rauschfreie (bzw nur alkoholisierte) Gesellschaft einzufordern heißt, nach dem totalitäten Staat zu rufen. Lieber eine bekiffte Zukunft als keine.
 
Das war ein Beitrag für die Zeitschrift GRASWURZELREVOLUTION.
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