"Frei sein, high sein, immer dabei sein!"
Erinnerungen an die Umherrschweifenden Haschrebellen
und andere Kiffer der 60er Jahre
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| Beitrag fürs Hanfblatt September 2008; Überarbeitung des Vorwortes zum Buch I Ching, Acid & Mao, von Michael Geißler, erschienen im Gonzo Verlag, Mainz
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Rebell wurde man in jenem Jahren automatisch, wenn man hinterfragte, was die sprachlosen Eltern denn in den dunklen Jahren so getrieben hatten - und keine Antworten erhielt. Opa erzählte nie von der Front im 1. WK, Papa nie vom 2. Ohne ihre Auskünfte sorgte das, was man übers 1000jährige Reich erfuhr zu einer radikalen Distanzierung, einer Distanzierung zu jener Epoche, ihren Menschen, ihrer Kultur = Rebellion. Kein Wunder, daß die Altvorderen ihre Erinnerungen oder, im besseren Falle gar Schuldgefühle, im Alk ersäuften.
Und nun sind viele der Jungs aus den 60ern Opas und schwafeln humorlos über ihre Jugendzeit. Dabei hat es wohl in der Menschheitsgeschichte keine Jugend gegeben, die in einem so reichhaltig versorgtem Nest groß wurde, nie in den Krieg zog, sich von den Eltern mit Nazi-Vergangenheit nix mehr sagen ließ und so viele Freiheiten herausnehmem konnte, wie noch nie eine Jugend zuvor. Naja, einige zumindest waren so mutig (oder verzweifelt?). Sie marschierten nicht rechts, sondern trippten links. Wir wurden in der Tat zu Jenen, vor denen uns unsere Eltern & Lehrer gewarnt hatten! Zu schade nur, daß es nur eine kleine radikale Minderheit war, die den Mut aufbrachten und sich diese Freiheiten nahm und selbst von diesen sind einige auf dem langen Marsch in den Institutionen hängengeblieben - wenn es hart kam, auch in den Kadern oder im Knast. Von und über jene/n Humorlosen kann man in diesem ‘68er Jubiläumsjahr viel lesen und hören. Was aber war mit den Namenlosen, die es weder zu Ruhm und Ehre noch an die revolutionäre Front zog, den normalem Kiffer? Da gibt es erstaunlich wenig Literatur und um so größer die Freude über ein neues Buch "Acid, Mao und I Ging. Erinnerungen eines Berliner Hasch-Rebellen" vom leider letzthin verstorbenem Berliner Haschrebellen Michael Geißler.
Aus einem Neuen Zeitalter des Sex, Drugs & Rock’n’Roll berichtet Michael - aber auch von der Zeit, als Konsumverzicht die Lebensfreude steigerte, als Geld kein wirkliches Thema war. Heute klingt es nach einer Illusion - doch damals machte der Spruch: Frei sein, high sein, immer dabei sein! Sinn, er hatte was vom pfadfinderischen Allzeit bereit! Bei anderen hieß es wohl "... Haschisch muß dabei sein!" - doch damals ging es ja gerade darum, daß nix mußte. Und sein Dope hatte man allemal in der Tasch’.
Hasch & Rebell - wie ist das zu verstehen?
Wir kifften plötzlich, waren unsere eigenen Versuchskaninchen, denn schließlich kannte man keinen Erwachsenen, der schonmal gekifft hatte und uns hätte was erzählen können. Da kamen uns die Rock & Beat-Musik und erste Indienfahrer als Ratgeber gerade recht. Dancing in the streets. Auf der Neckarwiese & an der Heiliggeist-Kirche in HD, der Gedächtniskirche in Berlin, auf der Shitwiese in Frankfurt - überall entstanden open air-Keimzellen der Protagonisten einer bekifften Lebensart, von denen etlicher längere Zeit keinen festen Wohnsitz vorweisen wollten und konnten. Ronald Steckel (Heidelberg, London, Berlin) veröffentlichte in der linken Edition Voltaire ein Buch, dessen Titel auf Jahrzehnte für viele Versprechung, ja Programm wurde: Bewußtseinserweiternde Drogen. Das erste verfügbare Buch, das offensichtlich kompetent Auskunft gab über psychoaktive Substanzen und deren Folgen; gehörte damals zur Grundausrüstung intelligenter PsychonautInnen. Mit Abstand würde ich lieber ‘bewußtseinsbewegend’ sagen, denn mit der Erweiterung wurde es bei vielen Konsumenten ja doch nicht so dolle. In seinem Vorwort zur Neuauflage relativiert Michaels alter Kumpel Ronald Steckel seine Einstellung zu Drogen nach einer 30jährigen Meditationserfahrung: »Das Buch ist ein historisches Dokument, sowohl inhaltlich wie formal. Wenn man es heute in die Hand nimmt, kann man das fiebrige, überhitzte Klima der Epoche spüren: Die ideologische Gehirn-Ekstase, die sich labyrinthisch überkreuzenden politischen, soziologischen, philosophischen und spirituellen Interessen, dazu die Angriffslust, die damals die Gegenkultur auszeichnete – und vor allem die Empörung, die uns angesichts eines wirtschaftlich/politisch/technologischen Systems beseelte, das sein Raubtiergebiss nur allzudeutlich zeigte.«
Erstaunlich, wie viele gemeinsame Bekannte und Freunde Michael Geißler und ich - die wir uns nie begegnet sind - haben bzw. hatten. Ronald Steckel über Michael: "mit adjektiven, oder, wie man so schön sagt, ‘eigenschaftswörtern’ : - ) proletarier berliner schnauze mutterwitzig…mittelmeerisch… italienisch… spanisch… am ende indisch, wie ein maharaja… sexy mütterlich warmherzig gruppenmutter… (überhaupt ein grosser fan des weiblichen, selber sehr weiblich, er sagte über seine liebe zu frauen: "ich bin lesbisch") heroinistisch absturzgefährdet…küchenschwarzmagisch… überhaupt: ‘magisch’ interessiert & tätig. hexerisch (bezeichnete sich als "hexer"…) visionär…von zu tiefen blicken in den abgrund traumatisiert (knasterfahrung). keiner schandtat abgeneigt… verschlagen… halbkriminell… gutherzig. - M. war in den frühen jahren einer der wirklich mutigen pioniere in alle richtungen, psychoaktiv wie politisch… & die "wirklich mutigen pioniere" waren, wie wir wissen, eben eine kleine radikale minderheit - also das allein zeichnet ihn schon aus…"
In Michaels eigenen Worten: "Ich bin aus der miefig-piefig-spießigen Zeit der Adenauer-Ära, in die Sex and Drugs and Rock’n’Roll Generation hineingewachsen und habe diesen weltweiten Auf- und Umbruch begeistert begrüßt, bin mit Feuer und Flamme gleich an die aller erste Front gerannt. Ich fand das selbstverständlich, das war der Zeitgeist, der Prager Frühling, der Pariser Mai, die Smoke-Ins der Berkely-Studenten, die Dollen Minnas in Amsterdam, der SDS in Berlin, . . . Ich dachte, wir alle, die wir jung waren, würden ganz selbstverständlich so handeln. [...] Die Zeit der Kargheit und des Verzichts war überwunden, jetzt hieß es: wir wollen alles! Und so hieß auch mein zweiter Film. We don’t want a piece of the cake – we want the whole fucking backery."
Auf der Suche nach umherschweifenden Hintergrundinfos frage ich Ronald Steckel, ob er mir da einen Lesetip geben kann: "Also was schriftliches über die umherschweifenden h-rebellen kenne ich nicht… übrigens interessant, wie die 60's-events in der gegenwart dann doch "verklärt" & irgendwie "aufgeplustert" werden:die h-rebellen unterschieden sich von den anderen ausgeflippten & freaks nur dadurch, dass sie imstande waren, witzige flugblätter zu verfassen…" Ein Beispiel: Den Haschrebellen verdankten später Ton-Steine-Scherben ihren Marken-Spruch: Macht kaputt, was euch kaputt macht.
Aufmupfen im Käfig West-Berlin
Mich Landei hat Berlin - weder West- noch Ost- - nie so eingenommen wie z.B. London. Dort hatte ich zu Ostern 1967 erstmals Menschen getroffen, die nicht nur wußten, wer Buddha oder Proudhon waren, sondern auch noch rockten und kifften. Damals kannte ich im Vaterland nicht einen Menschen, der sich mit Buddhismus oder Anarchismus beschäftigte, geschweige denn sich in beiden Gebieten auskannte. Oder gar kiffte. Naja, in diesem Falle hätte ich wohl meine Kochlehre auch nie beendet. Auf Demos ‘68 in Berlin bekam ich wiederholt von staatlichen Handlangern die Hucke voll, so z. B. als ich nächtens in Ermangelung eines Schlafplatzes die Nacht durchlaufend zufällig am Amerikahaus vorbei kam und die dort Wache haltenden Beamten in mir ein verprügelnswertes Nahziel sahen. Mir war es zu eng in Westberlin und dieser Kreisel von VoPos drumherum war für unserseins auch eher bedrohlich. Paranoia war nie mein Ding.
Um so spannender sind da Geschichten von Michael Geißler & die Umherschweifenden Haschrebellen. Wie erlebten sie diese Stadt, diesen West-Käfig, der sie ja immerhin von der Bundeswehrpflicht befreite, und die Welt, wenn sie die Mauer hinter sich ließen?
Rebell Bommi Baumann, später Mitglied der Bewegung 2. Juni, erinnert sich: "So ab 64, gab es also einen Trupp von Leuten, die immer an der Gedächtniskirche rumhingen und lange Haare hatten und sich diese ganze amerikanische Kultur angeeignet hatten. Wir hatten Rhythm ’n’ Blues gehört und diese ganzen Bücher gelesen: Burroughs, Kerouac, Huxley. Aber wie man an Drogen rankommt, wußte keiner.
Die Leute nahmen also das, was heute wieder alle nehmen: Speed. Das hast du alles in der Apotheke gekriegt – Captagon und so ’ne Scheiße. Der Arzt hat noch gesagt: "Na, lassen Sie sich doch gleich ’ne Kurpackung verschreiben. Da müssen Sie nicht so oft kommen." Bis 1967 konntest du das haben wie Smarties. Diese ganzen Opiate: Polamydon, Pantopon-Tabletten, Morphiumampullen, synthetisches Morphin. [...] Haschisch dagegen war exotisch. In die Dicke Wirtin kamen 66 die ersten aus Indien oder Persien, Marokko oder der Türkei zurück. Die hatten Haschisch dabei und Rohopium. Du brauchtest nur ein Stück Haschisch und das, was du auf dem Leib hast, und ziehst dann von Wohnung zu Wohnung. [...] Es gab auch Arbeiterkids, die übers Rauchen zum bewaffneten Kampf kamen, und "militante Panthertanten", die sich überlegt hatten, Heintje zu entführen. Ihn dann zu vergewaltigen und mit Drogen vollzustopfen und dann wieder freizulassen. Das war lange Zeit so eine Idee."
Michael selber bekennt: "Es gab einige Freunde und Freundinnen, die noch radikalere Lebensentwürfe verfolgten: Den bewaffneten Kampf, die RAF (Rote Armee Fraktion) und die Bewegung 2. Juni, der Berliner Flügel, der nicht nur die gesellschaftliche, sondern auch gleichzeitig die persönliche Befreiung anstrebte. Wäre der Verein nicht so lustfeindlich gewesen hätte ich da ohne Weiteres mitgemacht – und wäre heute unter der Erde, wie all die Brüder und Schwestern der ersten Stunde . . . Ich hatte keine Bedenken gegen revolutionäre Gewalt, ich sprach diesem Staat, der nicht meiner war, das Recht auf das Gewaltmonopol ab. Genauso dachte ich über Eigentum: Eigentum ist Diebstahl und: Besser eine Bank ausrauben als eine besitzen (beides Bakunin). Ich hatte keine Bedenken, hemmungslos, ja, geradezu lustvoll alles zu klauen, was nicht niet- und nagelfest war bzw. alles, was ich brauchte. Und ich heißt: Wir. Ich dachte immer in Gruppeneinheiten. Kommune. Das systematische Klauen geschah mit einer gewissen Robin-Hood-Mentalität – die großen Kauflandkonzerne waren fällig. Im Tante-Emma-Laden hätte ich nicht mal nen Lollie eingesteckt!"
Erst durch meine Ende der 70er von HD Heilmann vermittelten Kontakte zu Wolfgang Neuss, aus dem ein langes Interview, unser Buch Neuss’ Zeitalter und anderes erwuchs, lockerte sich dieses Verhältnis - doch seit seinem Tod ist mir diese Stadt wieder fremd. Michael war "streckenweise TÄGLICH mit Wolfgang zusammen. Aber mehr als ununterbrochen gekifft, gequatscht und gelacht hätten sie nicht viel getan :-)", so Rebellenbruder Achmed.
Neben den Besuchen bei Neuss gehörte für mich zu meinem Berlinprogramm auch jeweils das Ausnutzen des billigsten Weges in eine andere Welt. Nein, nicht LSD, sondern für 25 DM ab nach Ostberlin. Immer das selbe Ritual: ein Neues Deutschland unter den Arm geklemmt und dann los. Was ich sonst nicht machte, in OstBerlin gehörte es zum Standartprogramm: mich einige Minuten vor ein großes Schaufenster zu stellen und dorten beobachten, wie Menschen hinter meinem Rücken auf meine, zugegeben etwas ausgefallen bunte Erscheinung reagierten, etwas, das mich im Westen nie auch nur eine Sekunde interessierte. Besonders beeindruckend: niemals scheint mich ein russisscher Soldat, von denen mir ja durchaus Gruppen in Museen und anderswo begegneten, wahrgenommen zu haben. Die schauten durch mich immer durch, unter dem Motto: das darf nicht sein, das kann nicht sein ... Dieses Umfeld radikalisierte viele - oder trieb sie gen Osten, an die schönsten Strände der Welt, quasi als Vorbereiter des Ferntourismus.
Deal for Real
Michaels Erlebnisse mit den VoPos bei der Aus- und Einreise erinnert mich auch an meine Erfahrungen. Oder an die Geschichte meiner Freundin C., die damals dabei war, als ihr Freund Highdelberger LSD-Blitze nach Berlin-West schmuggelte und den Grenzern irgendwas verdächtig vorkam. Als man C. bei einem Verhör nicht aufs Klo ließ, hockte sie sich einfach aufs Waschbecken des Verhör-Zimmers ... Aber nicht nur diese Schikanen teilten wir - Ausreisende wie Einreisende. Auch die Einstellung zum Dealen. Learys Deal for Real war unsere Devise, die hatten dem wunderschönen Berliner LOVE, entnommen. Aber dort wie hier machten er und ich die Erfahrung: wer Psychedelika nur des Geldes wegen dealt, wird wahrscheinlich anschliessend im Knast darüber nachdenken können. LSD ist nicht Gier-kompatibel. Leider begriffen das nur einige Kollegen.
Wie beschrieb das Bommi:"Ganz bestimmte Dealertypen haben wir nicht gerne gesehen, die einfach nur Kohle gemacht haben oder so. Aber wir haben auch selber gedealt, von irgendetwas mußt du ja leben; wir haben zich Leute gekannt, an die wir Shit verkauft haben, das war ja das einzige, was wir überhaupt noch hatten. Du hast richtig- mit und von der Droge gelebt." Und Dich um Deinesgleichen solidarisch gekümmert - sei es auf schlechten Trips oder bei Konfrontationen mit den Autoritäten.
Mir ist der Knast, bis auf lächerliche Einzelübernachtungen, erspart geblieben. Dabei hatte ich mir zu Anfang meiner Dealerzeit einen laufenden Regalmeter dicker Bücher reserviert - Bücher für einen Knastaufenthalt. Ich habe diese Bücher nie gelesen, nie lesen müssen. Ich weiß nicht, ob ich mit einem Knastaufenthalt so locker umgegangen wäre, wie es Michael beschreibt. Ich weiß auch nicht, ob er selber damit wirklich so locker umgegangen ist. Das Fazit seines Knastkapitels war jedoch für mich der Hauptgrund, mich ernster mit seinen Texten auseinanderzusetzen; sein Mitgefühl für Schwächere, daß doch über oder hinter all seinen Egotrippereien zu spüren ist. Den Berliner Dealern halfen bei juristischen Problemen manchmal die Rote Hilfe der Sozis oder die Schwarze Hilfe der Anarchisten. Ähnliche soziale Anwandlungen ließen uns 1971 in HD die Grüne Hilfe als Dealerrechtshilfe gründen. Remember Solidarität?
Natürlich gab es auch die gierigen Geier, denen man die Hilfe verweigerte. Wer in Freiheit Spenden für inhaftierte Kollegen verweigerte und sich noch lustig über uns Sozialtrottel machte, konnte nicht unbedingt mit Hilfe rechnen, wenn er im Schlamassel saß. Michael Geissler hatte wohl eine verwandte Einstellung zu solchen Kollegen: "Alle, die ich kenne, die bösen Zauber gemacht haben, sind letztlich auch daran erstickt. Spätestens an der Kohle, die sie sich dann zugelegt haben, sind sie erstickt. Die Flamme der Liebe ist ausgegangen. Ich will keine Namen nennen. Aber sie sind dann alle letztlich reich, unglücklich, einsam und immer böser geworden. Und der letzte große Durchbruch, die unendliche Liebe zur unendlichen Natur und ein Aufgehen darin, das ist ihnen verwehrt. Na, dann hat sich der ganze Trip doch nicht gelohnt."
Junkies tauchten auf der Szene erst später auf, in den 60ern fand man sie nur vereinzelt unter Jazzern. Als die ersten diesbezüglichen Probleme anfangs der 70er eskalierten wußten wir, daß die traditionelle Psychiatrie jener Tage für kaum einen der Betroffenen eine Hilfe sein konnte. Hilf Dir selbst! war die Losung der aus London via Hamburg & Heidelberg in Land schwappenden Release-Bewegung, die den Coolen User propagierte.
Der Zentralrat der Umherschweifenden Haschrebellen
Parallel zur Release-Bewegung erwuchsen für einige Jahre flächendeckend Landkommunen, teils nach US-Vorbild - wobei wir heute wissen, daß sich diese wiederum auf der Freidenker-Bewegung der Szene in und um Ascona um den Anfang des 20. Jahrhunderts bezogen. Doch in WestBerlin gabs kein ‘Land’, schlimmstenfalls eine ungesunde Medienlandschaft ...
Michael: "Unser Jahrhundert, zumindest die zweite Hälfte, muß sich schon alle möglichen Etiketten gefallen lassen: Industrie-, Maschienen-, Computer-, Atomzeitalter. Am treffendsten wäre wohl die Bezeichnung nach der hervorstechendsten Materialart: Plastikzeitalter. .. Was macht denn eigentlich den entscheidenden Unterschied zu verflossenen Epochen? Ich denke, der Quantensprung, der uns alle betrifft und zukünftig einen ganz anderen Menchenschlag erfordert - aber auch erst möglich macht - liegt im Bezug zur Arbeit und Freizeit: Konsum- oder Freitzeitgesellschaft.... O.K., produzieren - konsumieren: Ruhe im Puff! So hätten sie es gern! Freizeitgesellschaft? Tausendfache Angebote - aber da, wo du den Konsumaspekt rausnimmst (TV glotzen) wird es dünne. Kaum einer weiß, wie freie Zeit sinnvoll, lustvoll, bereichernd, beglückend verbracht wird! Aber genau das ist der ‘Knusus Knacktus’ - meiner bescheidenen Einschätzung nach."
Bommie: "War ja 'ne gute Zeit, der ganze Sommer 69 bis Anfang 70, fast ein Jahr sind wir denn durch Berlin gezogen. Du hattest denn nur noch ein Stück Shit in der Tasche, und einen Dietrich und ein bißchen Geld und hattest ein paar bunte Sachen an, und so ist immer ein Trupp von Leuten herumgezogen. Und trotzdem waren wir so organisiert, daß wir etwas unternehmen konnten. Wir haben dann angefangen, diesem ganzen losen Haufen einen Namen zu geben. Das war der "Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen". Wir haben gesagt, wir nehmen Dope, das ist eine wichtige Sache. Und Rebellen, klar, waren wir eh, und Zentralrat war einfach eine Ironie auf die damaligen Politzirkel, weil sich alle Zentralrat nannten. Es gab also schon wieder mal 1000 Zentralräte, das war einfach schwer ironisch, die Bezeichnung [...] Wir veranstalteten die ersten Smoke-Ins im Tiergarten. Georg haute soviel Shitplätzchen rein, daß er im Gebüsch umfiel."
Genosse Heinz-Dieter war zeitweilig dabei, als die Redaktion der von Michael erwähnten Zeitschrift 883 tagte. Er kann sich nicht wirklich an Michael erinnern: "Der Name sagt mir nichts - sähe ich ein Foto von Damals: eventuell. - ABER: innerhalb der Bewegung verzichtete man ja zugunsten der allumfasenden Anrede ‘Genosse&Genossin’ auf ‘Namen’ - es sei denn im eigenen inneren Kreise. Das umso stärker, als dann in der militanten Phase aus Selbstschutzgründen sowieso auf Namenskenntnis verzichtet wurde - man kannte und erkannte sich per Augenschein."
Wir haben uns in Heidelberg immer mit Namen angesprochen, unter den vielen Dealern gab es nur wenige, die unter ihrem amtlichen Namen bekannt waren. Da gab es den Roten Mike, den Schwarzen Mike, den Hektischen Chris, den Schwarzen Chris, den Lucky, Happy, Buddy, Turnschuh und Monsignore Red. You could be anyone that time around ...Abwandlung eines Textes von Timothy L. Heute kennt man einige Namen der damaligen 883, deren Redaktion häufig die Besatzung wechselte. Georg von Rauch, Thomas Weissbecker und Holger Meins leben nicht mehr, aber auch Bernd Kramer, Peter Paul Zahl und Christian Ströbele wirkten mit.
Marion Grob erklärt in ihrem Buch ‘Das Kleidungsverhalten jugendlicher Protestgruppen in Deutschland im 20. Jahrhundert - am Beispiel des Wandervogels und der Studentenbewegung’: "Andere Teile der Gruppe der 'antiautoritären' Revolte, z.B. die Berliner 'Umherschweifenden Haschrebellen', blieben bei der auf Marcuse zurückgehenden 'antiautoritären Konzeption', dass nicht die Arbeiterklasse, sondern der Einzelne bzw. diskriminierte Minderheten der Gesellschaft das revolutionäre Subjekt seien (Randgruppenkonzeption). Vor allem die individuelle Befreiung stand bei Ihnen im Vordergrund. Trotz radikaler Kritik an der Gesellschaftsordnung fehlten aber präzise Alternativvorstellungen, die über eine Art 'Keine Macht für niemand' hinausgingen." Das tägliche Leben war so voll, auch voller neuer Erfahrungen, daß der wissenschaftliche Anspruch ’präziser Alternativvorstellungen’ keine Rolle spielte. Wichtiger war es, neuen Erfahrungen offen gegenüber zu sein. Haschrebellen waren Praktiker, das nervte mitunter die Theoretiker, wie Hans-Dieter: "Ausserdem: die umherschweifenden HR gehören v.a. in die Phase der Auflösung einer einheitlichen Bewegung - später erinnerten sie mich an die Anarchisten in Moskau & Petersburg. Und zwar gerade wegen deren asozialem Verhalten der Bewegung bzw. deren Ziele im allgemeinen gegenüber. Der brutale Egoismus dieser (haupts.) Burschen ist mir immernoch gegenwärtig. [...] Selbstredend gehörten die HR dazu und eigentlich recht liebenswert - v.a. im Kontrast zu den damals gleichzeitig emporstrebenden Parteifritzen."
Michael Geissler
Aus Michaels Texten spricht eine große Neugier auf Menschen und Kulturen. Face to face-Erfahrungen. Selber erleben. Das Wissen, um hier verschütette Traditionen, seine Fähigkeit, sich auf andere Kulturen und Traditionen einzulassen. Gelesen hat er, aber wohl einiges auch besser verstanden, als andere LeserInnen. Ein Beispiel: die noch heute wachsende Szene der selbsternannten ‘Schamanen’. "Da hast Du Dir also Berge von Büchern in den Kopf gepackt - und nix gerafft! Zu dem Thema hier und heute- unter anderem z.B. die ganze Schamanenforschung, die alten Typen zwischen Sibirien, Feuerland, Australien, Amazonas und Mexiko, die wissen das ja auch oder haben die gleiche Einsicht, nur anders erkannt, gelernt sozusagen: die Natur- und Gottesbeziehung nordamerikanischer Indianer. Der Schamane, der Medizinmann und auch der indische Saddu, die haben das nicht nötig, solche großmäuligen Versprechen, die werden von ihrem Stamm oder Volk getragen, genährt und akzeptiert."
Michael war ein Evolutionär, kein Revolutionär. Zorn ist eine Basis für eine Revolution, der Schlüssel zur Evolution ist es, glücklich zu sein. Nur wer nichts selber versucht, ist ein Versager. Michael gehörte nicht zu denen, die nichts tun weil sie depressiv denken, doch keinen Unterschied ausmachen zu können. Jeder macht einen Unterscheid aus - es fragt sich nur, für wen oder was. Was wäre es für ein buntes Leben, wenn es auf der Straße so viele Experimente gäbe wie vor dem Bildschirm. Die Haschrebellen experimentierten, mit sich und ihrem Leben. Als psychedelische Pfadfinder stießen sie auf neue Wege - auf Sackgassen, aber auch andere Wege. Aus einigen wurden inzwischen ausgelatschte Trampelpfade des Konsums, andere führten uns weiter ...
"Jetzt bin ich doppelt so alt wie in dieser Aufbruchzeit. Und der Wind hat sich gedreht. Die führenden Wirtschafts-, Geheimdienst- und Polit-Greise der westlichen Industrienationen haben sich erst tüchtig erschrocken: Das war mehr als der weltweit übliche Generationskonflikt. Und dann hatten sie tüchtig die Daumenschrauben angedreht. Erst mal das Gespenst der Massenarbeitslosigkeit kreiert. Das hat gesessen. [...] Die, die wie ich einen radikalen Lebensentwurf hatten bekamen ganz schnell kalte Füße und gaben sich alle Mühe schnell husch husch zurück ins Körbchen, ins System, zu kommen. [...] Jetzt konnte geheiratet, gezeugt, Häusle gebaut werden. Und nicht zu vergessen: Geerbt! Kamen sie doch überwiegend aus gutem Hause – und da hat sich in den 30 Jahren nach dem Krieg Dank deutschem Fleiß von Opa und Papi einiges angespart... Anderen ging es wie mir. Sie standen plötzlich nackend inne Erbsen, wie der Berliner sagt. Im dünnen Hemd, im scharfen Wind. Oder wie die verirrten Wale im Wattenmeer – no Chance zurück in den Ozean zu finden. [...] Mit den wenigen Unverdrossenen in den westlichen Metropolen, die noch immer an Bewusstseinsveränderung mittels psychedelischer Drogen glaubten wurde kurzer Prozess gemacht: Der Nachschub gekappt – und gleichzeitig billig und massenweise harte Drogen auf den Markt geworfen. Sollten diese Revoluzzer-Spinner sich doch selbst umbringen.
Fazit. Was ist zu tun? Na, erst mal eine andere Brille aufsetzen. Kurzsichtig könntest Du ja glatt resignieren. Langfristig gesehen gibt es Zeiten des Zusammenkommens (wie eben 1968) und Zeiten des Auseinanderdriftens (wie noch zur Zeit). Erste Anzeichen wie Love Parade, Hanf-Parade, Christopher-Street-Day mit ihrem unglaublichen Massenzulauf weisen darauf hin, dass die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Hedonismus groß ist. Also: Ruhig Blut, Abwarten und Tee trinken. . . (mit Geduld und Spucke fängt man eine Mucke – sagte meine Oma)."
Indienfahrer Michael und ich sind uns nie begegnet. Wenn er mir heute gegenüber säße, würde ich im Laufe des Gespräches sicherlich jenen alten Afghanen erwähnen, den ich letzthin in einem Interview erlebte, in dem dieser all meine Vorurteile gegen die Flut der Indienfahrer der späten 60er - die ja niemand eingeladen hatte - bestätigte. Befragt, ab wann es denn mit Afghanistan bergab ging: "Kam das durch die Russen?" antwortete er: "Nein, das fing schon vorher an; als diese Hippies kamen und unserer Jugend die Köpfe verdrehten. Danach war nichts mehr wie zuvor. Und dann kamen die Russen, die Amis, die Taliban ...".
Beim Lesen seiner Geschichten kam mir immer wieder der Gedanke, daß Michael mit diesem alten Afghanen gut ausgekommen wäre. Bestätigen kann er uns das leider nicht mehr, denn Michael Geißler ist im Dezember 2003 an Hepatitis C bzw. Leberkrebs verstorben, nicht ohne Leserinnen und Lesern Folgendes mit auf die Wege zu geben: "Du bist wahrscheinlich aus einer anderen Generation und empfindest die gesellschaftliche Kälte, Kargheit, Isolierung, Vereinzelung gar nicht so. Hilfreich, frohgemut eine neue Zeit vorzubereiten sind so schlichte Kernweisheiten wie: think global – act local und Es gibt nix Gutes – außer man tut es. Wenn jeder in seinem Bereich mit geöffnetem Herzchakra unverdrossen, frohgemut verbindend – nicht trennend! – tätig ist, dann werden wir eine Gesellschaft schaffen, die warm und menschenwürdig ist. . . und zwar nicht nur für einige. Oje hab ich mir da einen Satz abgerungen. Klingt ganz so, als glaubte ich selbst nicht recht daran. Doch es soll meine Sorge nicht mehr sein. Du bist dran. Ich habe mein Bestes gegeben. Meine Liebe. Mein Leben."
Vielleicht sollten wir mal wieder umherschweifen?
Dank an
Ronald Steckel, Achmed Khammas, Bommi Baumann, HD Heilmann, allen aktiven Rebellen und Jungverlegerin Miriam Spies
Literatur
Michael Geißler: Acid, Mao und I Ging. Erinnerungen eines Berliner Hasch-Rebellen (Gonzo Verlag)
Ronald Steckel: Bewußtseinserweiternde Drogen (Grüne Kraft)
Timothy Leary: Politik der Ekstase (Edition RauschKunde via Grüne Kraft)
Werner Pieper: Alles schien möglich ... (Inkl. Ronald Steckel, HD Heilmann)
Werner Pieper: Maximum Respekt (Grüne Kraft)
Werner Pieper: Highdelberg - zur Drogengeschichte einer berauschenden Stadt (Grüne Kraft)
Ronald Rippchen: Reefers Digest (Inkl. Bommi-Interview) (Edition RuschKunde via Grüne Kraft)