Als Fan bei den Internationalen Essener Song Tagen, 1968
& über die Auswirkungen derselben auf denselben
|
|
Permalink
€ 0.00
|
|
|
| |
Hubert hatte rote Haare. Ich war evangelisch. Das war in den 50ern und 60ern im Herzen des Sauerlandes noch schlimmer. Outcast. Keine Freunde, aber Klassensprecher. Immerhin, seit ich um 1960 in der Eisdiele Venezia in Meschede Little Richard gehört hatte - einen Tacken in die Musikbox für By the light of the silvery moon - wußte ich: Da draußen gibts eine andere Welt. Da will ich hin. Nur weg hier. Doch ich hielt bis zur Mitteleren Reife durch, vor allem auch mit Hilfe des BFN und meines Tonbandgerätes. Meine Eltern leiteten ein Erholungsheim für Krupp-Bergleute aus’m Kohlenpott. Warum trugen all diese Männer so seltsame Kohlepiercings im Gesicht?
Der Absprung aus dem Sauerland gelang in Form einer Kochlehre in Oberhessen. Ganz in der Nähe lebten The Petards, die als, wie man heute sagen würde, Independent-Band aus der Provinz, absolut der Killer waren. Lang ist's her, als die Petards noch unsere Gegenwart und damit Zukunft beeinflußten. Inzwischen gehören sie zu meinen liebsten Erinnerungen an eine ansonsten recht erinnerungslose Vergangenheit.
Ostern ‘67 in London, ich war der Deutsche Delegierte auf dem Ostermarsch. Der Deal: 3 Tage die Deutsche Fahne tragen, dafür ein kostenloses Zimmer für eine Woche. Die Woche rockte ohne Ende: mein 1. Joint bei The Liverpool Scene; Fats Domino mit den Bee Gees als Vorvorband. Die waren nichtmals in der Lage, ihren aktuellen 1. Hit (New York Mining Desaster ‘41) live to spielen - die Petards schaften das genau so geil wie Hendrix’ Purple Haze. Ich trampte mit einem geklauten Transistorradio nach Liverpool, hockte mich in Penny Lane hin und wartete, bis das Lied aus selbigem Radio erklang. Bliss!
Natürlich hatte ich die erste Petards LP - A deeper Blue - dabei. Eine der meistverkauften deutschen Beat-LP aller Zeiten. Sie kostete nur 5 DM, da auf dem Billiglabel Europa. Und wer hatte damals schon 18 DM für eine reguläre LP? Besuchte ein Konzert von The Taste im Marquee, bei dem auch John Lennon anwesend war. Mir gelang es, die LP während der Pause spielen zu lassen (vielleicht nur ein Stück, me no remember). Schrieb eine Postkarte nach Oberhessen: "John Lennon hat 'A Deeper Blue' gehört". Als ich nach zwei Wochen zurückkam wußte man im Oberhessischen, daß John Lennon die nächste Petards LP produzieren wird. Oder so.
Für einen Provinzler war ich alsbald recht rockbewandert, prahlte mit Liverpool und London & meinen diversen Star Club Trips. Da hörten alle Daheimgebliebenen gerne meine naive Bestätigung, daß 'unsere' Petards in der (meiner?) großen weiten Welt überall mithalten könnten. Außer gegen die Boots aus Berlin, aber das ist eine andere Geschichte.
Ich war wiederholt mit den Petards unterwegs. Vor dem Mannheimer Hauptbahnhof holten wir einmal einen jungen Veranstalter eines Schülerfestes ab. Hektisch und unsympatisch. Nun, es war sein erstes Konzert. Inzwischen saß er wegen steuerlichen Millionensünden für über fünf Jahre hinter Gittern: Matthias Hoffmann, WeltPromoter der 3 Tenöre etc. Er hat mit den Petards angefangen... und träumt nun, mit Hilfe Andre Hellers Afrika! Afrika! Show von Las Vegas. Gerne würde ich nun mehr über die langjährige Freundschaft meiner Familie mit der Familie des musikalischen Leiters dieser Show, Tata DinDin aus Gambia erzählen, aber das sprengt wohl den Rahmen.
Denn hier gehts ja um damals und um ins Leben integrierte Rockmusik. Wichtig, wie eine Insel im Ozean, denn was gab es denn sonst für uns? Mein Freund Paul Williams hat zwar die Petards nie erlebt, aber aus seiner Sozialisation heraus die richtigen Worte gefunden: "Rock and Roll führt mich in Versuchung, mehr Ich selbst zu sein. Ja, er geht noch weiter. Er führt mich an meine schwachen Stellen. Öffnungen in mir, auf die ich sonst vielleicht nie gekommen wäre. Vielleicht erst nach Jahren der konzentrierten Selbstfindung. Immer schon funktionierte er als heiße Raketentour raus aus der Gemütlichkeit, dem Vertrauten, der Sicherheit, rein in die Gefahr, die Leidenschaft, das Unbekannte, die Kreativität und in unberechenbare, irrationale Freude. Rock and Roll wirkt für mich ähnlich wie das I Ching. Zwar sind in dem Buch der Wandlungen die Anweisungen genauer als bei der Musik, diese hat aber die größere Fähigkeit, meine mentalen Abläufe links liegen zu lassen und direkt meine Gefühle, mein Herz anzusprechen. Rock and Roll bewegt mich in Regionen, von deren Existenz ich vorher nichts ahnte, vor denen ich gar Angst hatte. Sphären, zu denen meinem Gehirn der Zugang verboten ist. Rockmusik ist eine Abkürzung zum Unbekannten in mir."
Die Petards zeigten uns diese Abkürzung. Kam ich mit den anderen Lehrlingen während der Arbeit nur mäßig aus, waren wir bei den Petards vereinte Kumpel. Eine andere Realität. Menschlicher. Ehrlicher. Mehr Leben als bei der Arbeit oder in der Schule. Also wurde ich ein Fan, a fan as only a fan can be. Zwei Jahre später lösten Man aus Swansea die Petards als meine Herzensband ab, der Spruch änderte sich nur wenig: Be a MAN fan, if you can, man!
Von 68 bis 72 führte ich diese kleinen Taschenkalender, drei Tage pro Seite. Fast jeden Tag gab es etwas zu notieren. Treffen mit Freunden, Reisenotizen, Trips, Deals und vor allem Konzerte. Kein Tagebuch mit Gefühlen und Philosophiererei, einfach nur fortlaufend notierte nackte Fakten, wie sie das Leben vor-schrieb. Absolutely live! Für die jüngeren Kaliber noch ein kleiner Hinweis zum besseren Verständnis: Ein grundsätzlicher Unterschied zu der heutigen Musikszene scheint mir zu sein, daß Geld für die meisten Musiker & Fans damals eine untergeordnete Rolle spielte. Wie formulierte es ein Musiker so treffend: ”I joined a band to get pissed, to get laid and to stay in bed until noon! Only Zappa was in it for the money.” Heute müssen viele Musiker schon vormittags im Studio antanzen und werden oft durch Vorschüsse vernebelt und vertraglich geknebelt. Naja, sie lassen sich ja auch.
Als ich im Sommer 1997 wegen der Recherchen zu einem Petards-Buch (für eine 6-CD-Box der Petards, erschienen bei Bear Family Rec.) mehrere Tage nach Alsfeld fuhr, fragte ich dort zwei Dutzend Alte in Geschäften und Cafés: "Erinnern Sie sich noch an The Petards?" Ich erntete ausnahmslos strahlende Blicke, lächelnde Gesichter und Aussagen wie: "Ja, damals war hier noch was los!" Positive vibrations.
Am 1. April ‘68 war meine Zeit im Hotelgewerbe vorbei und der Ersatzdienst relokalisierte mich nach Heidelberg. Hart. Ohne jegliche Vorkenntnis als angehender Hotelkaufmann morgens auf nüchternen Magen Querschnittgelähmten den Arsch leerräumen war für mich schockierend, und ich brauchte ein paar Wochen um damit klar zu kommen bzw. zu erkennen, daß ich da echt etwas Gutes tat. Zumal dieser Job zwar weniger Geld (3 DM pro Tag), aber reichlich Freizeit mit sich brachte. Nicht mehr 11 Stunden täglich malochen, sondern nach 14 Tagen Nachtwache hatte man acht Tage frei. Das wurde genutzt. So erlebte ich bis zum Herbst Konzerte mit Aretha Franklin, Xhol, Phil Ochs, Odetta u.a.m.
Mit dem rothaarigen Hubert verband mich eigentlich nichts außer unser Außenseitertum im Sauerland. Er hatte ‘65 meine Schülerzeitung übernommen und publizierte einen Beitrag von mir, in dem ich die Anerkennung der DDR forderte - worauf selbige Zeitschrift vom Direktor der Schule auf dem Schulhof verbrand wurde, da damals "DDR" mit Gänsefüßchen geschrieben werden mußte. An den Hinweis "Der wird von Drüben bezahlt" und ein ausgesprochenes Kontaktverbot mit mir hielten sich alle Schüler, bis auf jenen Hubert. Mit diesem Leidensgenossen trampte ich über Ostern ‘68 nach Paris. Wir demonstrierten allein zu zweit vor der Deutsche Botschaft gegen die Schüsse auf Dutschke - nicht ahnend, daß drei Stunden später eine große Demo ebendort stattfinden sollte.
In HD saß ich schüchtern fast jede Nacht im Cave, dem ältesten Jazzclub der Republik. Da war ich nicht der Einzige. Bald saßen wir zu zweit: der spätere Too Much & Zauberfinger & Guru Guru Trommler Rolf Schaude. Mein erster Heidelberger Freund. Heute Chef der wundervollen Nachtigallen. Im u.a. von Fritz Rau gegründetem Cave spielten damals Gunter Hampel, Jimmy Smith, Kid Ory, Herbie Mann ...
Im August ein kleines Festival Wiesbaden: u.a. Petards & Small Faces. Günstig, daß ich bei diesem Festival in einem Fußballstadion backstage für alle 4 Petards Autogramme schrieb und dafür von ihnen bezahlt wurde. Für Drummer Arno unterzeichnete ich die Autogrammkarten durchgehend mit seinem Nickname 'Jesus'. Yes, Lord, ich signierte eigenhändig hunderte Male den Namen des Sohnes des Herren.
Auch vom 8. bis 22. September hatte ich Nachtwache in der Orthopädie. Sonntags morgens um 8 hatte & war ich für acht Tage und Nächte frei. Ich schluckte etwas Speed, fuhr nach Frankfurt, trank ein Bier und stürzte mich ins Getümmel an der Paulskirche. Da spielte keine Musik, da wurde Monsieur Senghor aus dem Senegal der Friedenspreis des Dt. Buchhandels verliehen. Wir wollten rein, um die Veranstaltung zu sprengen, 4000 Polizisten standen zwischen Kirche und uns und waren dagegen programmiert. Wir rasteten aus, ich war als einer der ersten am Polizeiauto, das kurz darauf, samt Inhalt, auf dem Dach lag, mit einem Übertragungswagen des HR gelang das nicht, da die Polizei uns mit Feuerlöschern am Durchatmen hinderte. Stunden später erkannten mich auf dem Buchmessegelände Zivilbullen ob meiner langen Haare wieder. Auf meinem ersten Besuch der Buchmesse folgte so meine erste Nacht im Knast. Schmierte Grüne Minna & Zelle mit Knoblauch aus, habe heute noch die Frühstücksquittung. Zum Prozeß kam es ein Jahr später. In der Folge verbrachte ich doch mehr Zeit auf der Buchmesse denn im Knast.
Zwei Tage nach Haftentlassung ging es nach Essen. Ich war zuvor auf einigen Festivals in England gewesen. Dort rockte es, da poppte es, da folkte es - aber die geniale Mischung von allen angesagten Musikstilen plus Aufklärung durch Diskussionen, ausgerechnet in der Krupp-Stadt Essen, erschien mir wie von einem anderen, einem guten Stern. Genuß und Begegnungen ohne Schubladendenken. Als sei ich endlich zu Hause angekommen. Jahre später erklärte Hakim Bey diese Situation als taz, temporäre autonome Zone. Bingo! Die vier Tage und Nächte vergingen wie ein Rausch. Alle Ohren & Poren geöffnet. OK, ich gebe zu, nicht nur ich genoß mein erstes Haschisch in Deutschland, ich sammelte im Programm-Buch und meinem Reisepaß Autogramme ohne Ende, bewertete gar viele Bands mit Schulnoten (Ist alles noch vorhanden). Sogar Hubert mit den roten Haaren tauchte auf, wir wurden zusammen für die Zeitschrift CRASH fotografiert. Ich sah ihn nie wieder, traf ich doch vor Ort zu viele Gleichgesinnte, mit denen ich nicht so eine verkorkste Vergangenheit teilte. Vor allem aber schwebte über allem ein highliger Geist, eine Hoffnung eines Neuen Zeitalters, eines, hm, neuen Deutschland, ganz nüchtern gesagt. Wenn sowas in Essen möglich ist, ja dann ... Tja, es ist ein Privileg seine eigene Naivität eine Weile ausleben zu können.
Ich war angekommen, angekommen bei den Internationalen Essener Song Tagen. Das Musikevent jener Zeit schlechthin. Die deutschen Medien entdeckten den ‘Underground’, den es bislang nur in Form einer bunten CBS-LP gab, live. All die folgenden Musiker aus den USA und England spielten zum ersten Mal in Deutschland. Dreams coming true. Die Erkenntnis jener Tage: Es ist machbar! Die IEST mutierten zu einer Initiation einer neuen Szene.
Ein solches Mega-Event hatte es bis dato - Ausnahme Monterry Pop Festival - weltweit noch nicht gegeben. Was die Love Parade für die 90er Jahren bedeutete, waren die Songtage für die 60er - ein Einschnitt, eine Zäsur. Viele der Beteiligten sahen danach die Welt & sich in selbiger in einem anderen Licht, farbiger. Und einige wenige versilberten jenes Licht, wobei den Songtagen das kommerzielle Ausbluten durch ihre Einmaligkeit erspart blieb.
Neben den erstmals in Europa auftretenden US-Amis wie Zappas Mothers, den Fugs und Tim Buckley, verzauberten im Multi Media Spektakel bzw. ‘Ohren- & Augen-Flug’: Let’s take a Trip to Hashnidi (Plakat & Lightshow von Bernd Brummbär, der seit den frühen 70ern in L.A. lebt & arbeitet und mit dem ich noch heute Kontakt habe; das Plakat wird zum 40. neu gedruckt). Dabei kam es immer wieder zu Unterbrechungen durch verknarzte 68er, diese ‘lustfeindlichen Protestpuritaner’ (FAZ), die lieber über ‘Spießertum und unkritisches Konsumverhalten‘ diskutieren denn rocken wollten. Zappa staunte: "Das Publikum scheint sich hier nicht entscheiden zu können, ob es über Musik diskutieren oder Musik hören will." Die meisten Besucher wollten nicht nur hören, sondern vor allem erleben. Den Paradigmenwechsel vom pfadfinderischen Allzeit bereit zum neuen High sein, frei sein - immer dabei sein. Man war neugierig auf Alles und jeden: Rocker, Popbands, Liedermacher, Jazzer, Folkloristen, Musikvisionäre und Begegnungen mit Musikern und Konsumenten wechselten sich einander ab. ‘Headliner’ waren noch nicht so wichtig.
Unvergessen für mich meine erste bekiffte Peinlichkeit. Völlig verzaubert von Tuli Kupferberg, dem ersten Erwachsenen Nicht-Bayern (OK, nicht ganz korrekt, seine Oma kam aus Fürth), dem ich in kurzen Lederhosen und Pferdeschwanz begegnete, hielt ich Depp ihm die Programm-Seite mit Zappa & den Mothers zum signieren hin. No problem, er unterzeichnete grinsend mit Frank. Dieser erwiderte, indem er mir das Fugs-Foto mit Tuli autogrammisierte. Urban Gwerder, Hot Razz Times-Herausgeber zuckte, als ich ihm diese Story auf die Woche genau dreißig Jahre später erzählte. Er, damals Franks Schatten, konnte sich daran erinnern, daß da so ein Autogramm-Seppel... - ich selber trug die nächsten 10 Jahre kurze Lederhosen
Nächte wurden durchgemacht, Zeit hob sich auf. War das relaxt! Ex-Klemptner Mani versuchte erfolglos mir, dem Ex-Koch, nächtens in einem der von der Stadt für ‘uns’ bereitgestellten Zeltlager am Lagerfeuer die Freundin auszuspannen. (Jahre später wohnte ich kurze Zeit bei Guru Guru, verlegte einige Solowerke von ihm. Zum Krach zwischen uns kam es erst drei Jahrzehnte später, als ich die CD Terra Amphibia von ihm verlegte und er kurz darauf einen mit mir unkompatiblen Manager bekam). Hm, ‘68 gab es noch viele Ex-ler in der Szene, die eine Ausbildung abgeschlossen hatten; schon im Jahr darauf überwogten die Schulabbrecher in der Szene.
In Essen, so berichtete die Welt, "betrat in schöner Regelmäßigkeit ein SDS-Mitglied die Bühne, hob einen Eimer hoch und forderte die Genossen auf, für Cohn-Bendit zu spenden.” Der war bei der eben erwähnten Senghor Demo in Frankfurt vor drei Tagen ebenso wie ich inhaftiert worden - er jedoch als Rädelsführer. Für meine Anwaltskosten sammelte keine Sau. Der Bürger verstand nicht, was die Demo in Frankfurt mit der Musik in Essen gemeinsam hatte. Genau diese Mischung war für uns das Wichtige. Sich das tägliche Leben bewußt machen gipfelt ja nicht automatisch in einer aggressiven Systemkritik; und wir rockten unsere Aggressionen einfach weg. Dachten wir uns so. Wir Optimisten. Die bürgerliche Presse begriff natürlich nix: "...kein Wunder also, daß Dilettantismus mit dem stärksten Beifall bedacht wurde. Jede Äußerung gegen den Vietnamkrieg erntete Jubel. Auch der plumpeste Angriff auf das Establishment löste einen Orkan der Zustimmung aus.”
Musikalisch ging es in Essen fast rund um die Uhr ab. Für mich heute verblüffend, mit wie vielen der damaligen Akteure ich im Laufe der Jahrzehnte Freundschaften schloß. Im Kurzdurchlauf:
Am 25. September: Degenhardt, Süverkrüp, Hübsch und The Fugs, letztere hatten ein Schwein auf der Bühne, das sie als den nächsten Präsidentschaftskandidaten der USA vorstellten. Tuli Kupferberg signierte meinen Reisepaß mit Up The Rebels! und Kollege Ed Sanders schrieb Dope! Dope! in selbigen.
26. Tangerine Dream, Time is Now (Hampel & McLaughlin), Brötzmann, Guru Guru Groove (Bassist Uli Trepte übernachtete letzthin bei uns, als er wieder auf Tour war) Amon Düül I & Amon Düül II, Alexis Korner, Ulli & Frederik (Ulli machte mir Jahre später Freundin Barby abspenstig und gründete mit ihr Elster Silberflug, deren Liederheft und 1. Single ich verlegte), David ‘have a marijuana’ Peel, Julie Driscoll & Brian Auger, Tim Buckley;
27. Hannes Wader, Rolf Schwendter (von dem ich 1996 ein Liederbuch samt CD herausgab), Floh de Cologne, Ingo Insterburg & Co., Frank Zappa & The Mothers of Invention;
28. 2 x Zappa & die Mothers, Soul Caravan (Hallo Muck! Hallo Skip!), David Peel, Tim Buckley, Julie Felix, P.G. Loves You Band (mit Haddayat Ullah Hübsch, damals noch P.G. Hübsch; wir trafen uns über die Jahre immer wieder, letzthin verlegte ich einen Text von ihm), Blossom Toes;
29. Cuby & The Blizzards, Guru Guru Groove, David Peel, Family, Fugs, Tangerine Dream, Alexis Korner, Peter Brötzmann.
Angekündigt war auch Wolfgang Neuss - der aber nicht erschien. Er habe Honorar verlangt, heißt es. Kurze Zeit später tauchte er ab. Zehn Jahre später reaktivierte ich ihn wieder, führte ein langes Interview, vermittelte ihn an die TAZ, und war instrumental, daß seine Filme wieder sichtbar wurden. Seit seinem Tod ist Berlin für mich eine fremde Stadt.
Für mich kam der wahre IEST-Härtetest als alles vorbei war und ich morgens um 6 Uhr in Heidelberg Frühschicht hatte. Denn zurück ging es mit dem Zug - und ohne Ticket. War kein Geld mehr da. Also die ganze Strecke im Nachtzug wach, aber mit geschlossenen Augen zurückgelegt. Damals weckten einen Schaffner nicht unbedingt zur Kontrolle auf, anderseits durfte ich HD nicht verpassen ... Well, I made it in time.
Aber die Zeiten hatten sich verändert, wie von Mr. Dylan prophezeit. Die Songtage wirkten nach, wie ein Traum, der sich ins tägliche Leben mogelte, oder, in NeuDeutsch, morphte. Und das Leben rockte weiter. Nur eine Woche später: am 4. Oktober Ray Charles, am 5. Petards und Soul Caravan, am 7. das legendäre American Folk Blues Festival, mit John Lee Hooker und Jimmy Reed. Jimmy, bekannt durch Songs wie Bright Lights - Big City, hatte den Blues und war besoffen. Auf der Bühne wankte er, vergaß wo er war, vergaß die Worte zum Lied. Zwei Roadies räumten ihn gnadenlos von der Bühne, obwohl er uns doch so gerne vorspielen wollte. Hicks. John Lee kam, setzte sich, Boom Boom Boom Boom und los ging es. Ich jedoch, mit meiner Freundin Renate, machte mich Backstage. Dort in der Garderobe, allein gelassen: der große Jimmy Reed. Er spielte nur für uns. Spielte die Mundharmonika mit blutenden Lippen, während John Lee in der Halle das Publikum zum Kochen boom boom boomte. Jimmy drückte uns zum Abschluß einen blutigen Kuß auf die Stirn und ich hatte das Gefühl, den echten Blues erlebt zu haben. Tags drauf Ravi Shankar in der Jahrhunderthalle. Fast 30 Jahre später kommt ein Anruf. Jemand 'von früher' will mich besuchen. Ich bin eher abgeneigt, bis er etwas von 'Knoblauch bei ‘Ravi’ faselt. Er kam mit dem MountainBike aus Bayreuth, und, ja, er war damals in unserer Clique, als wir zu Ravi Shankar fuhren. Die Straßenbahn war voll, wir fanden keine Sitzplätze und wurden bioaktiv. Jeder zum Kaugummi eine Knoblauchzehe in den Mund und dann die Leute nett hauchend begrüßt: "Hhhhallooo!". Nach wenigen Minuten hatten wir den hinteren Teil der Straßenbahn all for ourselves. Und Ravi war wunderbaahhhr ... & the beat went on.
Nach dem Ersatzdienst war klar, daß es für mich keinen Weg zurück ins Hotelgewerbe gab. Mir war nach Freunden, freiem Leben, ich wollte was unternehmen - also wurde ich Unternehmer. Erst als Dealer, dann als Medienabenteurer. Ich veranstaltete Konzerte (Bröselmaschine, Guru Guru, Quitessence, Lords Family, Exmagma etc.), ging als Dealer mit Bands auf Tour (Man z.B.), fing 1971 mit dem Grünen Zweig und Kompost Undergroundzeitschriften an, aus denen im Laufe der Jahrzehnte Bücher wurden. Götz Alsmann erinnert sich noch an meine Grünen Seiten im Riebe’s Fachblatt der frühen 70er. In den späten 80ern begann ich auch mit der Herausgabe von Büchern über Musik: das einflußreiche Werk WeltBeat, zusammen mit Jean Trouillet, dann zwei Bände über Musik & Zensur u.a.m. Ebenfalls in den 80ern betrieb ich mit dem ex-Musiker Lutz Berger (Zupfgeigenhansel) das Transmitter-Cassetten-Label mit 160 Veröffentlichungen. Für meine 6 nach Themen kompilierte Flashback-CDs erhielt ich schließlich 2001 als ‘Pop Archäologe, wie man ihn nicht alle Tage findet’, gar den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik.
Immer wieder zog es mich zu Festivals, aber nur wenige lösten so ein Fieber, so eine Begeisterung aus wie die IEST. Die frühen Herzberg-Festivals um 1970, als die Musik noch innerhalb der Burg spielte; The Trentishoe Earth Fayre, ein 8-tägigiges Freefestival in Devon ‘73, wo alle Besucher ihren Müll wieder mitnahmen; als Organisator einer Gegenbühne beim Finkenbach-Festival in den Mitt-80ern; auf sechs Westafrikafahrten erlebte Gastfreundschaft von Musikern, vor allem der Familie vom Kora-Meister Malamini Jobarteh, dessen Sohn tata ich eben schon erwähnte; ebenfalls sechs Besuche beim Jazz- & Heritage Festival im inzwischen untergegangenen New Orleans ... the beat went on. Für mich kaum vorstellbar, daß mein Leben ohne den BFN und die IEST in diese Bahnen gelaufen wäre. Aus Dank und Respekt machte ich mich 2006 dann auf die Suche nach Rolf Ulrich Kaiser, doch fand nur das Sternenmädchen ... aber auch das ist eine andere Geschichte.
Quellen
The Petards Anthology, 6 CD-Box mit Buch von Werner Pieper; Bear Family Records
Flashbacks: 6 CDs mit nach Themen compilierter alter US-Popmusik; Transmitter & Trikont
Werner Pieper: Maximum Respekt (mit Beiträgen über die Herzberg, eine RockhörerKarriere und von Achim Reichel)
Werner Pieper: Alles schien möglich ...Mit Beiträgen von den IEST-Teilnehmern Ulli Freise, Uli Trepte, Bernd Brummbär, Hadayatullah, und meiner Suche nach Rolf Ulrich Kaiser
Werner Pieper, Hg.: Musik & Zensur weltweit
Werner Pieper: Musik & Zensur in den Deutschlands der letzten 1000 Jahre
Jean Trouillet & Werner Pieper: WeltBeat
Pauls Williams: Dieses großartige Rock’n’Roll Gefühl
(Alle Bücher und die Flashbacks-CDs erschienen bei The Grüne Kraft, Alte Schmiede, 69488 Löhrbach; www.gruenekraft.net)