Logo
* Heute
* News
* Catalog
* ROOTS
* Piepers Schreibe
* History
* EigenArten
* Bestseller
* Vintages
* Cassetten
* Links

* Shopping Cart
* Terms
* Contact
* Impressum


Forum

Logo
Roots
Welcome > ROOTS > Piepers Schreibe
| English Deutsch | Print
Shopping Cart
(No items)
 
 
Ich möchte mich kurz vorstellen:
Ich bin kein Historiker oder Zeitgeschichtsexperte, sondern ein gelernter Hotelkoch, der vor über 30 Jahren anfing, von seiner Neugier leben zu können.
Das heißt ich bin ein Privatforscher ohne Sponsoren oder ForschungsEtats, ich schreibe Bücher zu Themen, die mich interessieren, zu denen ich aber kein Buch finden konnte.
 
So kam ich auch - 1985 - zu dem heutigen Thema:
Als 1968 Zugezogener hatte es mich immer verwundert, warum Heidelberg - ganz im Gegensatz zu allen größeren Städten im Umkreis nicht zerbombt wurde. Viele sagen heute: dafür gab es ja auch keinen Grund. Nach dem 1. Weltkrieg wurde Heidelberg entmilitarisiert, 1936 jedoch Heidelberg wieder Garnisonsstadt - doch Anfang 1945 handelte es sich um eine Lazarett-Stadt mit rund 8.000 Schwerverwundeten.
 
Die Schloßruine steht nach wie vor, jüngere Kriegsschäden lassen sich in Heidelberg nicht mehr ahnen, nur Folgen einer Selbstverstümmelung.
Die von Deutschen zerstörte Alte Brücke war bald wieder aufgebaut.
Der Wiederaufbau der von den Deutschen zerstörten Synagoge an anderem Orte dauerte ungleich länger.
 
Nur an der starken Präsenz amerikanischen Militärs erkennt man heute, daß dieser Ort eine besondere militärische Bedeutung hat. Die Sieger sind geblieben. Aber Besatzer nennt man sie schon lange nicht mehr.
 
Die Recherchen 1985 erwiesen sich als schwierig, da mir von der Stadt der Einblick in wichtige Unterlagen verwehrt wurde. Herr Zundel & ich waren nie Freunde. Aber natürlich motiviert so eine Zensur. So befragte ich verstärkt Zeitzeugen und stellte ein Buch zusammen. In diesem finden sich ein Dutzend persönlicher Erinnerungen sowie diverse Theorien, die meisten in sich schlüssig. Dort, wie auch in der RNZ etc. tauchen immer wieder die selben Namen auf - von Brüggemann, Beiderlinden, Steinitz und all die andern - auf die ich heute nicht eingehen werde.
 
Klar ist: viele Menschen auf beiden Seiten waren - aus unterschiedlichen Gründen - erfolgreich bemüht, ein Blutbad und einen Trümmerhaufen zu verhindern.
Darüber konnten Sie ja dieser Tage unter Überschrift: “Der Erfolg hatte viele Väter” in der RNZ lesen. Die Mütter - wie Anni Tham und ihre Freundinnen - unterschlug man.
 
So richtig überzeugt hat mich das alles nicht, sodaß ich mir später erlaube, einen eigenen Favoriten in die Retter-Diskussion einzubringen...
 
Ersteinmal konzentriere ich mich auf das, was die Bürger der Stadt damals bewegte, was in der Zeitung bzw. offiziellen Mitteilungen stand - welche Beschränkungen des täglichen Lebens es nach dem Kriegsende gab bzw. wann dieselben aufgehoben wurden.
Ich werde das Jahr anhand herausgepickter Daten aus dem täglichen Leben chronologisch nacherzählen, und bei zwei, drei Themen etwas weiter ausholen.
Regionale Chronik
Wir sind im JANUAR 1945
 
Die ersten drei Monate zitiere ich aus der Zeitung VOLKSGEMEINSCHAFT - Heidelberger Beobachter - Leider besitzt das Stadtarchiv nur die Mosbach Regionalausgabe - ohne HD-Teil - und die auch nur bis zum 23. März.
Am 1.1. ein prophetisches Hitler Zitat als Überschrift:
"Dem Würdigsten wird der Sieg gehören: 1945 ist das Jahr der geschichtlichen Wende"
• "Der Glaube an den Sieg läßt unsern Opfergeist wachsen"
• "Deutschland wird nach dem Kriege der erste Sozialstaat der Erde sein"
• am 3.: 27 Gefallenen-Anzeigen, dagegen 4 Vermählungen
Im Kino wird Marika Rökk in Die Frau meiner Träume gezeigt
• "Für dein Leben äußerst wichtig: verdunkle zeitig & auch richtig. Heute von 16.47 bis 8.20" (schon bald sollte aus diesen Verdunklungs-Zeiten die Ausgangssperre werden)
The same procedur as before.
• Raucherkarten für 4 Wochen werden verteilt: 6 Coupons à 10 Zigaretten (plus 1 Stück Rasierseife)
- für Frauen die Hälfte
• ab dem 22. 1. fahren keine D- und Eil-Züge mehr
 
Noch im Februar wurden 22 Heidelberger Juden deportiert.
• Im Kino:
- Der Täter ist unter uns
- Männer müssen so sein
• Im Radio:
- Unsterbliche Musik deutscher Meister
- täglich um 19.45 der Frontbericht
• Eine Titel-Überschrift jener Tage:
"Unnütze Fresser: Vom Vieh das wir halten, müssen wir volle Leistung verlangen!"
"Wartet die Front noch auf dein Opfer?"
 
Am 10. März mahnte das Finanzamt die Vorrauszahlung der Einkommensteuer plus Kriegszulage an
• Tips, neben: Gartenarbeit im Frühling - auch: Wenn Feindflieger da sind ...
Tröstliche Horrormeldungen aus Feindesland: "Paris ohne Butter und Fleisch; Fleisch- uznd Fettknappheit in New York"
• am 19. versprach die Hauptüberschrift: "Kraftvolle Abwehr in Ost und West" • die letzte Ausgabe im Archiv berichtet am 23. März über: "Kämpfe zwischen Worms und Südpfalz", tags zuvor hatten die GIs den Rhein bei Oppenheim überschritten; drei Tage später auch bei Sandhofen.
Kreisleiter Seiler predigte am 28. März vom Schloßwolfsbrunnenweg, während die Amerikaner schon in Weinheim einzogen, noch Durchhalteparolen (»Bis zur letzten Frau, bis zum letzten Kind, bis zum letzten Stein von Heidelberg. . . «), ließ aber kurz vor Schluß den Volkssturm zu sich auf die Molkenkur kommen und schickte ihn nach Hause (»Männer, werft eure Uniformen fort!«). Von der örtlichen Polizei heißt es, sie sei in den letzten Tagen hochgradig alkoholisiert gewesen und habe sich zum großen Teil abgesetzt, als die Amis kamen.
Am 29. berichtete die - wahrscheinlich letzte Ausgabe der VOLKSGEMEINSCHAFT vom Frontverlauf: “Nördlich Mannheim griff der Feind aus seinen Brückenköpfen weiter nach Osten an, um unsere Eingreifreserven zu fesseln. Aber nur schrittweise konnte er unsere Sperrverbände gegen die Bergstraße und auf die nördlichen Vororte Mannheims zurückdrängen. Von den Höhen am Westrand des Odenwaldes überschütteten unsere Batterien die gegen die Bergschwelle anstürmenden Nordamerikaner mit massiertem Feuer und zwangen sie immer wieder zu Boden.” Pure Propaganda, denn falls man diese Zeitung je auslieferte, so wurde Mannheim den Amerikanern telemündlich übergeben, als die Mannemer jene heroischen wie überholten Meldungen lasen.
 
Am 30. März marschierten die Amerikaner von Norden kommend in Heidelberg ein.
Zeitgleich kamen sie im Osten durchs Ulfenbachtal, also einem Paralleltal vom Eiterbachtal - auf Eitenbach komme ich gleich noch zurück - nach Hirschhorn und bogen von da aus nach Finkenbach ab. Neckargemünd wurde ebenso wie Neckarhäuserhof noch teils heftig umkämpft.
Im Süden wurden Malsch und Malschenberg übrigens Ostersonntag von den Franzosen eingenommen, die dann nach drei Wochen als Besatzer von den Amerikanern abgelöst wurden, wie sie ja auch Stuttgart wieder hergeben mußten.
 
Die Zahl der Heidelberger Kriegs-Gefallenen betrug 2.314, darunter waren keine Frauen. Über die Zahl der Gefallenen in Heidelberg weiß ich nichts, sie wird aber deutlich niedriger gelegen haben als die Zahl derer, die in den letzten Kriegstagen von der eigenen Truppe hingerichtet wurden. Captain Haskell berichtete von 300 nicht begrabenen Toten, die im Stadtgebiet von den Amerikanern gefunden wurden.
Die Heidelberger waren grundsätzlich schlecht auf Luftangriffe vorbereitet, Luftschutzräume gab es nur für ca. 10% der Bevölkerung. Laut Friederike Reutter flogen alliierte Flieger die Stadt im gesamten Krieg auch nur 4 x an.
 
Ich erwähnte den Artikel der RNZ über Bombenabwürfe über Heidelberg.
Laut Badischem Städtebuch wurden während des gesammten Krieges in Heidelberg
200 Gebäude leicht beschädigt,
80 Gebäude schwer,
es gab 13 Totalschäden.
 
• Mannheims Stadtbild als Kontrast zu Heidelberg: von 84.000 Wohnungen sind 74.000 zerstört. Es werden 10.000.000 Ziegelsteine gebraucht. 130.000 Menschen verteilen sich auf 7.200 Wohnungen. Meint die Stadtverwaltung: »Wer sich für den Bauberuf entscheidet, wählt nicht nur einen schönen Beruf, sondern kann auch damit rechnen, in den nächsten 25 Jahren vor jeder Krise am Arbeitsmarkt verschont zu bleiben.«
 
Oder, in anderen Zahlen: "Die Werteinbußen an den feuerversicherten Gebäuden betrug gerade 0,5%. In Mannheim dagegen belief sie sich auf 45,4%, in Pforzheim auf 65,4%."
 

Für mich die zentrale Frage:
Wurde Heidelberg besiegt oder befreit?
 
Aus heutiger Sicht war es zweifelsohne eine Befreiung vom Faschismus.
Für einige Intellektuelle damals ebenso.
Selbst Bundeskanzler Schröder - er hat heute Geburtstag - sagte 2004: "Der Sieg der Alliierten war kein Sieg über Deutschland, sondern ein Sieg für Deutschland."
Laut Frank Moraw "sahen immer mehr Menschen in der feindlichen Besetzung das kleinere Übel."
Wobei subjektiv für die meisten damaligen Zeit- bzw. Volksgenossen der Krieg das größere Übel war, nicht die Naziherrschaft.
 
Die US-Armee war dagegen voll auf 'Sieg' programmiert, nicht auf 'Befreiung'.
Die im April 1945 erlassene US-'Directive JCS 1067' besagt eindeutig: "Deutschland wird nicht besetzt, um befreit zu werden, sondern weil es ein besiegtes feindliches Land ist." Und weiter: "Es muß den Deutschen eingeschärft werden, daß die barbarische deutsche Kriegsführung und der fanatische Widerstand der Nazis die deutsche Wirtschaft zerstört haben. Elend und Chaos sind die notwendige Folge, und die Deutschen werden sich der Verantwortung die sie zu tragen haben nicht entziehen können."
 
Da drängen sich manchem Parallelen zum Irak und anderswo auf... dazu später mehr.
 
Immerhin gab es in Heidelberg noch unzerstörte Wohnungen - wie übrigens auch in Weinheim, daß von den Amerikanern zwei Tage zuvor befreit wurde und auch unbehelligt blieb. "Die Menschen waren einfach unheimlich froh und glücklich, daß sie nachts wieder schlafen konnten", berichtet Weinheims Stadtarchivarin Andrea Rößler. Es hatte während des Krieges in Weinheim 1.122 Mal Fliegeralarm gegeben, aber keine folgenschwere Bombardierungen.
 
Aus Weinheim berichtete Richard Freudenberg: "Die in Weinheim tätig gewesenen ausländischen Arbeiter und Arbeiterinnen feierten Orgien mit den Besatzungstruppen. Aus den beiden Odenwald-Tälern strömten die auf den Bauernhöfen beschäftigten Arbeiter zu Hunderten in die Stadt. Für diese 'Displaced Persons', wie sie hießen, mußten Unterkünfte geschaffen werden..." Im Odenwald gab es kaum einen Bauernhof ohne polnische oder französische Zwangskräfte.
 
Die Sieger zogen in eine fast unbeschädigte Stadt ein und ließen sich here to stay nieder. Heute ist Heidelberg eines der militärischen Zentren Europas, so daß es bei einem Nächstenmal kein Entkommen gäbe. Dann wäre nicht nur die Alte Brücke zerstört, dann könnte man den ganzen Königstuhl wieder neu aufbauen.
 
Am 31. März (Karsamstag) wurde im Rathaus die Militärverwaltung eingerichtet und in deren erstem ARMY REPORT heißt es:
"Die Leute scheinen wohlgenährt zu sein, und die Stadt ist in jeder Hinsicht normal. Geschäfte und Banken sind geöffnet. Die Universität ist intakt. Die Stadt ist bis auf die Bahnhöfe unzerstört und alle wichtigen historischen Bauten scheinen erhalten zu sein. Es ist bis jetzt wahrscheinlich die größte Stadt ohne die geringste Zerstörung".
 
Vom Krieg hatte man in Heidelberg schon lange vor 1945 nur wenig abbekommen, es handelte sich immer um Einzelattacken. Schon 1942 waren z.B. in der Mittermaierstraße Bomben gefallen und in den letzten Wochen des Krieges gab es Beschuß der Bahnlinien, ja sogar der Kliniken, als bzw. weil dort kurzzeitig Flak-Abwehr aktiv wurde. Bei diesen Angriffen erlitt auch der Zoo schwere Treffer, so gab es bei einigen Familien exotische Braten.
In der RNZ war dieser Tage ein geradezu trotziger Beitrag zu lesen, unter dem Motto: "...aber wir Heidelberger haben auch Bomben abbekommen."
Für mich blanker lokalpatriotischer Zynismus angesichts der flächendeckenden Bombardierungen, die auf Mannheim, Pforzheim, Heilbronn, Worms etc. niedergingen...
 
Während des Einmarsches der Amerikaner wurde noch von drei oder vier Stellen geschossen. Beim Einmarsch der Amerikaner in Neuenheim schossen deutsche Landser vom Heiligenberg hinunter und richteten ebenfalls nicht unerhebliche Schäden an.
Hinter vereinzelten Schüssen aus dem Marstallgebiet vermutete man ein paar Jungs von der Kinderfront, die kurz vor Schluß zumindest noch mal mitmischen wollten. Andere reden vom Werwolf oder Volkssturm. Diese Gruppen waren eher verantwortlich für die Schüsse aus Kirchheim, Ziegelhausen und dem Schloßwolfsbrunnenweg.
Ein Satz ist mir aus den Recherchen zu diesem Thema besonders haften geblieben: »Im Nu waren wir Zivilisten!«
 
Ziegelhäuser Buch
Die April-Scherze der Saison: allenthalben Plünderungen. Man spricht von wahren Völkerwanderungen, die sich zu den beiden legendären gekaperten Ölschiffen auf dem Neckar (»Die ganze Altstadt stank nach diesem Öl, das so bitter war, daß man es kaum genießen konnte!«) oder den Tunnels und dem Güterbahnhof begaben (siehe auch der Bericht über die Lausejungen).
 
Die MITTEILUNGEN sprachen vom »Beginn einer Denunziationswelle« sowie »Hamsterfahrten in den Odenwald«. In der Tat erzählte mir in den 70ern ein Bauer aus dem vorderen Odenwald, daß er seine Knarre noch im Küchenschrank habe, »falls die Mannheimer wieder kommen«.
 
Auf den Straßen wurde streng kontrolliert, wie auch eine strenge nächtliche Ausgangssperre erlassen. Außerdem herrschte ein absolutes Fraternisierungsverbot. Als den Amerikanern klar wurde, daß sie sich keine Sorge um die vorher befürchteten Übergriffe von versprengten Nazis bzw. sogenannten Werwolfaktivitäten machen mußten, lockerten sie bald die einschränkenden Kontrollen der Bevölkerung.
Schon gegen Ende April durften wieder alle Gastwirte und Einzelhändler ihre Geschäfte aufnehmen.
 
Aus den MITTEILUNGEN: im Mai
Der neue Bürgermeister Amberger verkündet: »Vom Einsatz der eigenen Kräfte allein hängt es ab, ob wir den Feind, den wir zu bekämpfen haben, den Hunger, besiegen oder nicht.« Er ruft das Volk auf, den Kleingartenbau zur allgemeinen Versorgung zu betreiben • Am 11.5. erinnert der Bürgermeister an die Zahlung der Steuern des 1. Quartals '45
• Eisenhower propagierte 'freie Religionsausübung'
• Ausgangsbeschränkungen galten von 18.30 Uhr bis zum frühen Morgen
• Amerikanische Lautsprecherwagen fordern deutsche Radfahrer zur Radfahrdisziplin (einer hinter dem anderen) auf
• Neue Recycling-Berufe entstehen: 'Schuttsucher' und 'Umwandler'
 
Der OB sucht Müllabfuhrarbeiter, Friedhofspersonal und Kindergärtnerinnen
• Pro Huhn muß der Besitzer bis 30.9. 70 Eier abgeliefert haben
• Ab 20.5. fährt die Bergbahn wieder, ab 26.5. die Straßenbahnen
• Von 330 Heidelbergern, die in KZs verschleppt wurden, kehren 32 zurück. Es wird eine offizielle 'KZ-Betreuungsstelle' eingerichtet, die Lebensmittelrationen ehemaliger KZler sind doppelt so groß, wie die normale Ration. Viele KZ-Befreite tragen ihre Winkel - »Es gibt keine höhere Auszeichnung, die ein Deutscher tragen kann.«
 
OB Weber erwähnte vergangene Woche die Freude der Heidelberger 1945, daß sie von den Amerikanern besiegt & besetzt wurden.
Am 27. Mai 1945 notierte dagegen die Heidelberger Musikpädagogin Mina Tobler in ihr Tagebuch: "Noch ist unser Schicksal punkto Besetzung unentschieden. Wir hoffen: Amerika, obwohl es auch da Enttäuschungen gibt. Vor allem zeigt sich [...], daß sie uns nicht besser ernähren wollen! Strenger Befehl, etwaige Überreste der amerikanischen Mahlzeiten zu vernichten! Man hört, daß sie sie mit Benzin übergießen.
Dies verbessert natürlich die Gesamtstimmung gegen die Amerikaner nicht, umso mehr als man immer neue Berichte aus der russischen Zone hört, wo es darin viel besser steht. Schon häufen sich die Stimmen aus dem Volke: 'Wären wir nur bei den Russen!' ..."
 
JUNI
Und die Tagebucheintragung vom 9. Juni: "Die Amerikaner entwickeln sich immer mehr zu einer Enttäuschung. Immer deutlicher glaubt man zu spüren, daß sie im Grunde uninteressiert, wenn nicht übelwollend sind. Soll man es ihnen verdenken? [...]
Und: Zu Fuß geht fast niemand von den Amerikanern. Sogar die Posten werden per Auto abgelöst!"
 
Zur täglichen Lage:
• Entlassene Kriegsgefangene haben sich innerhalb von zwei Tagen zu melden, sonst gibt es keine Lebensmittelkarten
• Es gibt pro Kopf & Monat ein Stück Einheitsseife und für alle unter 18 Jahren 250 g Marmelade
• In der letzten Woche wurden 23 Sperrzeitübertretungen mit jeweils 10 Tagen Haft geahndet
• 6.000 russische DPs aus HD werden nach Hause geschickt - bis auf die, die auf Jahrzehnte in der Psychiatrie in Wiesloch 'vergessen' wurden.
• Ex-Zwangsarbeiter erhalten die doppelte Lebensmittelration, und ihre Kleider werden mit dem »neuen DDT-Pulver« desinfiziert
• Ab 15.6. muß man wieder Hundesteuer zahlen, und täglich fahren wieder zwei Züge von Weinheim nach Frankfurt und zurück
• Die aktuelle verkürzte Sperrzeit: 21.30 - 5.00 Uhr
• Wichtigstes Aufbauziel: die Brücken
• Das Arbeitsamt, das Versorgungsamt und die Gerichte nahmen ihre Arbeit wieder auf.
 
• Bis zum 1. Juli werden 967 Beamte in Heidelberg als Nazis entlassen
• Zum größte Feind - neben dem Hunger - entwickelt sich im Sommer der Kartoffelkäfer
• Die endgültigen Besatzungszonen werden festgelegt
• Bäckereien werden aus Kohlenmangel stillgelegt
• Im Winter wird es Kohlen nur für Krankenhäuser, aber nicht für Privat geben
• »Sammelt Holz für den Winter«, rät die Stadtverwaltung - im heißen Sommer
• OEG Mannheim-Weinheim fährt wieder
• Die Lebensmittelrationen sind hochgesetzt worden: Normalbürger 1.550 Kalorien, Kinder 1.750, werdende Mütter 2.700, Bergarbeiter 3.400
• Rekordweinernte
• Am 25. sind in HD 145 Lastkraftwagen und 29 Traktoren gemeldet. Diese sind jedoch nur bedingt einsatzbereit, da es an allem - Benzin, Reifen, Ersatzteilen - mangelt. Die Neckarschiffahrt ist zwar schon im Mai freigegeben worden, doch ein Jahr später waren erst 15% der ehemaligen Flotte wieder unterwegs.
• Bis 1. Juli werden 967 Beamte in Heidelberg als Nazis entlassen
 
Im September gibt es wieder einen Postverkehr innerhalb der amerikanischen Zone. Briefe müssen gut leserlich und unverschlossen abgegeben werden.
Ab 5. September erschien dann, als eine der ersten »deutschen Zeitungen«, die Rhein-Neckar-Zeitung. Mitbegründer: der spätere Bundespräsident Heuss und der Kommunist Dr. Agricola. Jeden Mittwoch und Samstag neu, für 20 Pfg.
Kommentar in der 1. Ausgabe:
»Wir gestehen es offen, das Wort Demokratie erweckt in uns bittere Gefühle...«
• Die ersten Filme im »Schloß Kino«: »Die ewige Eva«, »Der junge Edison« und Chaplins »Goldrausch«
• Karl Jaspers wird wieder an der Uni zugelassen, und auf dem Schloß finden erste Serenadenkonzerte statt
• Badeanstalten nicht fur Zivilisten freigegebe
• Auch das Baden im Neckar bleibt von der Militärregierung verboten
• Ab 19.9. wirkt der kommissarische Bürgermeister Walz
• Am selben Tag gründen die Amerikaner das neue Land Baden-Württemberg
• Mehrere Jugendliche, die sich nach Anbruch der Dunkelheit noch auf der Straße rumtreiben oder rauchend angetroffen werden, kommen zur Anzeige
• Kindesaussetzungen und Pilzvergiftungen gehören zur Tagesordnung
• Orthopädische Sprechstunden finden im Schloßbunker statt
LANDFRIED
 
Erlauben Sie mir einen kleinen Ausflug...
Genau wo wir uns heute versammelt haben, begann 1686 ein starkes Stück Heidelberger Drogengeschichte. Die HugenottenFamilie Landfried übernahm hier das Wirtshaus 'Zum Goldenen Herz', und benannte es alsbald in 'Zum Faulen Pelz' -
Mit 'Fauler Pelz' wird heute der Knast assoziiert - aber kaum ein Heidelberger scheint zu wissen, woher dieser Name stammt. Fragen Sie mal jemanden auf derStraße und der wird Ihnen versichern, 'das ist da, wo die faulen Pelze sitzen'! Falsch!
 
Unter den Landfrieds entwickelte sich das Land zwischen Heidelberg und Weinheim im 18. Jahrhundert temporär zu einem großen Mohnfeld zur Opiumherstellung, welchem dann der Tabakanbau folgte.
 
1943 hoffte man im Reich auf die "Züchtung von Virginiasorten, die für Deutschland sich eignen ... und für die Zukunft den freien Verzicht auf amerikanische Virginia ... eine Aussicht, auf deren Entwicklung jeder deutsche Raucher gewiß große Beschleunigung wünscht", behaupteten im Dezember 1943 die Heidelberger Neueste Nachrichten. Zwei Jahre später kroch halb Deutschland auf allen Vieren die Bürgersteige nach amerikanischen Stummeln suchend ab. Der Reichs-Adolf hatte schon früh erkannt: "Der Tabak ist die Rache des Roten Mannes für den Alkohol, den die Weißen ihm gebracht haben". Nach Kriegsende war von Hitler ein tabakfreies Deutschland geplant. Es hat ein gutes halbes Jahrhundert gedauert, bis Adolfs Pläne nun so langsam weltweit in die Tat umgesetzt werden (Bhutan, Irland, Kuba sind ja schon auf dem Weg)...
 
Im Kriege wurde gnadenlos gequalmt. Ein Zeitgenosse: "Hätte eine der kriegsführenden Parteien im Zweiten Weltkrieg ihren Soldaten die Zigarette entzogen, so wäre deren Front wahrscheinlich innerhalb kurzer Zeit zusammengebrochen. So hoch ist die Macht es Tabak einzuschätzen. In Ländern, die - wie Deutschland von 1945-48 - vom Tabak vorübergehend entblößt sind, wiegt zu solchen Zeiten die Zigarette wie Gold".
 
Erinnert sich der Großvater, der Vater, gar Sie? noch, wann er 1945 die erste 'Ami' rauchte, und was er dafür hergeben mußte? Bevor die DM eingeführt wurde, galt eine Drogenwährung: Tabakstengel hieß das neue Geld.
 
Unvergeßlich bleibt für Hunderttausende die Landfried-Schlange jener Tage. Sie hat eine seltsame Vorgeschichte. Der Gebäudekomplex des heutigen Landfriedhauses war von der US-Armee requiriert worden. Zunächst durfte bei Landfried auf amerikanischen Befehl hin Tabak nur an Amerikaner abgegeben werden. Aber auch entlassene Landser, vor allem Verwundete, meldeten sich in der Hoffnung, etwas Rauchbares zu erhaschen. Als man dort eines Tages, so die Mär, zwei Amputierten ein paar Päckchen Tabak schenkte - gegen den bestehenden Befehl natürlich - kam eine Lawine ins Rollen. Selbst die Amerikaner vermochten diese nicht mehr aufzuhalten. Entlassene Kriegsgefangene machten Umwege von hundert und mehr Kilometern, um bei Landfried in Heidelberg etwas Rauchbares zu erhaschen. Trotz des Fehlens aller Nachrichtenverbindungen war die Meldung "In Heidelberg erhält jeder entlassene Landser zwei Päckchen Krüll- und zwei Päckchen Feinschnitt-Tabak" wie ein Lauffeuer nach Nord und Süd geeilt. Im Kasseler Bahnhof wurde sogar durch Lautsprecher ausgerufen, ob man schon seine Tabakzuteilung in Heidelberg abgeholt habe. Um die Flut in einigermaßen geordnete Bahnen zu lenken, erklärte man in Ermangelung anderer Ausweispapiere die Entlassungspapiere aus der Wehrmacht als 'Bezugsscheine'. Man stempelte sie nach der Übergabe der vier Päckchen ab und schaltete schon bald den Einzelhandel bei der Verteilung mit ein. Der Strom nahm aber kein Ende. Kommandos - sogar in amerikanischen Trucks aus Gefangenenlagern - kamen mit hunderten von Entlassungs-Scheinen und holten Landfried Tabak ab. Es war eine Improvisation, von der man noch bis heute unter Ehemaligen von Hamburg bis München spricht. 600.000 Päckchen Tabak wurden damals insgesamt verteiIt.
 
Tabak im Wandel
Herr Schinz, heutiger Landfried-Erbe, erinnert sich: "Zur Zeit der Lanser-Tabaksaktion hatte die Firma J.P. Landfried ausschließlich deutsche Rohtabake für die Verarbeitung zur Verfügung; an Importe von Rohtabaken war in den ersten Jahren nach dem Krieg nicht zu denken. Der Geschmackswandel vom türkischen zum Virginia wurde durch die 'amerikanische Zigarettenwährung' - Camel, Chesteffield, Lucky Strike - verursacht."
 
Diese 'zufällige' Barmherzigkeitsaktion für süchtige Deutsche bedeutete den Beginn einer neuen Drogenära: Hatte es vor 1945 in Deutschland vorwiegend türkische Tabake gegeben, so raucht der Deutsche seit dem 2. Weltkrieg fast nur noch Virginiatabak, aus dem Land der Sieger. So war z. B. 'Ernte 23' vor dem Krieg türkisch, nachher virgianisch.
 
Mangel führt zum Schwarzmarkt
Im Sommer 1947 verwahrte sich die Rhein Neckar Zeitung gegen den Ruf von Heidelberg als 'Schieberzentrum'. Die Berliner Zeitung hatte über Heidelberg als 'Paradies der Raucher, sowie als Schieberzentrum' berichtet. Das 'Schieberzentrum' verdankte man dem heftigen Schmuggel und TabakSchwarzmarkt, vor allem in durchfahrenden Zügen. Auf deren Dächern saßen Tabakbauern als sog. 'Dachreiter', die so manchen Süchtigen mit heimischem Stoff beglückten. Noch im Jahr 1949 wurden monatlich fast 400 Millionen amerikanische Zigaretten nach Deutschland geschmuggelt.
 
Auch der legale Handel boomte. In riesigen Mengen pumpten die Amerikaner ihren Tabak nach Europa. Offiziell weder um Profite zu machen, noch um ihre Überschußernten loszuwerden. Nein, es ging ihnen lediglich um die Eindämmung des Schwarzmarktes, so berichteten amerikanische Zeitungen 1948. Bei heutiger Lektüre dieser Berichte vermittelt sich der Anschein, daß man ein Problem darin sah, die DM einzuführen, solange der Zigarettenschwarzmarkt eine alternative Währung bot. Es bleibt dahingestellt, welches von beiden Suchtmitteln - Geld und Tabak - heute verheerendere Auswirkungen auf die Gesellschaft hat.
 
25 Jahre später verkaufte ich nur wenige hundert Meter von hier Haschisch und LSD an GIs, die durch ihre Nachfrage stark zur Populariserung psychoaktiver Substanzen hierzulande beitrugen.
Mehr zu Landfrieds, bekifften GIs etc steht in:
 
Buch Highdelberg
 
und vor 60 Jahren wurde im Oktober das Fraternisierungs-Verbot aufgehoben - wenn auch noch Ehen etc. verboten sind und die Geschlechtskrankheiten unter GIs neue Rekorde brechen...
• Zwei 9-Jährige legen Steine auf OEG-Schienen: 1 Toter und 18 Verletzte
• Am 13.10. gibt es die erste Landkarte des neuen Landes Baden-Württemberg
• Das Langfingergewerbe blüht
• Die Klassen 1-4 im Helmholtz geöffnet
• Mannheim und Heidelberg dürsten immer noch vergebens nach eigenem Bier, Eichbaum ist von der US-Armee requiriert
• Ab 27.10. wieder (zensurpflichtige) Postbeforderung durch ganz Deutschland
• Landarbeit muß in Geld bezahlt werden, Verrechnung in Naturalien ist verboten
 
Im November die Einführung autofreier Sonn- und Feiertage, wenn auch noch nicht wegen Feinstaub.
• Tabakersatz wird aus getrockneten Kirschblättern gewonnen
• Das Fischen und Fangen von Wild mit Fallen ist erlaubt
• 1 kg Brot kostet 34 Pfg., einmal schiffschaukeln 60 Pfg.
• Das ehemalige Wehrbezirkskommando »Collegium Academicum« wird Studentenheim
• Für den unbefugten Besitz von einem Kanister US-Benzin gibt es 12 Monate Haft, für einen illegalen Schinken 9 Monate, für Zimmervermietung an verschiedene Geschlechter 1 Monat
• Die Stadtbücherei hat wieder geöffnet und an sämtlichen Grundschulen der Stadt wurde der Unterricht wieder aufgenommen - die längsten 'Sommerferien' waren vorbei
• Am 21.11. wird die Zuckerproduktion wieder aufgenommen. Zu Weihnachten soll es pro Kopf 250 g geben
• Uniformen sind ab 1.12. als Kleidungsstücke verboten. Große Kleidersammlung. Die RNZ meldet: »Heidelbergs Sammelergebnis muß wie eine Bombe einschlagen!«
Frauen in Männerhosen sollen diese sofort zur Verfügung stellen, fordert ein Leserbriefschreiber
• Die 1. Brücke ist fertig, die Straßenbahn Nr. 2 fährt wieder
• Der Neckar ist wieder für Schiffahrt freigegeben
• Am 22.11. wird in Neuenheim die Ortsgruppe der CSU gegründet
• Ein Titelbild der RNZ zeigt die Großveranstaltung der KP in der Uni-Aula
DEZEMBER
• Rauchen in Straßenbahnen verboten
• Um 20 Uhr geht das Gas aus, es gibt kaum Petroleum, kaum Strom, bei minus 10° keine Kohlen - also geht man früh ins Bett
• Zu Weihnachten gibt es 250 g Salzheringe extra
• Trotz allgemeinem Strommangel werden 7 städtische Christbäume elektrisch beleuchtet
• Heiligabend wird die Sperrzeit aufgehoben
• Jedes Kind unter 10 Jahren bekommt von der Militärregierung 1 Dose Kondensmilch und eine Packung Kekse
• Die Ruder- und Skivereine werden aufgelöst, da diese Militärsport betrieben
• Humphrey Bogart und Peter Lorre im »Malteser Falke« zu sehen
• Neue Jugendseite in der RNZ. Die Hauptüberschrift verkündet: »An die Arbeit, Jugend!«
• Bürgermeister Walz verkündet die Ziele des Jahres 1946: Aufbau der Alten Brücke und Umstellung von Gleich- auf Wechselstrom
• In der Neujahrsnacht die 1. Schloßbeleuchtung, allerdings für die Amis auf der Molkenkur gedacht
EISENHOWER
 
Mark Twain, der Freizeit-Heidelberger, erzählte gerne Geschichten. Manchmal ergänzte er sie mit folgender Einleitung, die ich gerne für den nächsten Abschnitt recyceln möchte:
"Ich weiß nicht ob alle Tatsachen stimmen, aber sie sind genauso gut wie die allgemeine Wahrheit." Will sagen: Vieles was wir dieser Tage über 1945 lesen können basiert auf Militärpropaganda, und warum sollte die 1945 wahrhaftiger als im Vietnamkrieg oder in Zeiten der Phantomwaffen of Mass Distruction gewesen sein?
• Ich vermisse in den Würdigungen der Helden jener Tage einen Namen: Dwight D. Eisenhower. Welche Rolle spielte der oberste Kriegsgewinner damals? Was hatte der Oberbefehlshaber der 7. US-Armee, der kommende Chef der NATO und spätere Präsident Ike Eisenhower, mit Heidelbergs Befreiung zu tun?
• Karl Heinrich Bauer, damals Chef der Chirugie vermerkte schon am Karsamstag, daß Heidelberg wohl wegen seiner 'amerikanischen Universität' verschont geblieben war, und das man erzähle, daß General Eisenhower hier sein Hauptquartier aufschlagen wolle.
• Ike selber kam erst am 27. und 28. Januar 1951 als Oberbefehlshaber der NATO in Europa nach HD um bekannt zu geben, daß er in HD sein 'vorgeschobenes Headquarter' errichten möchte. Am 27.3. des selben Jahres wurde er Präsident der USA.
 
Bei seinem Abschied aus dem Präsidenten-Amt warnte er seine Bürger 1961 in bewegenden Worten vor dem grenzenlos wucherndem militärisch-industriellen Komplex - seine Wortschöpfung.
Dafür gebührt ihm Anerkennung.
 
Was mich bei den Recherchen über ihn stutzig machte, ist die allgemein relativ unbekannte Tatsache, daß Eisenhowers Vorfahren, die Eisenhauers, aus dem Odenwald kamen.
Der Familienname Eisenhauer kam traditionell nur in dieser Region vor. 1955 erschien - mit Ike’s backing - das Buch 'Präsident Eisenhowers Vorfahren und Verwandte' von Heinz F. Friederichs - in dem 9 Forscher die Lebensläufe aller Eisenhauers dokumentierten.
Demnach wanderten die Vorfahren Ike Eisenhauers , der 1691 geborene Hans Nikolaus Eisenhauer samt Familie, 1741 von der 'Quelle zur Lichten Klingen' im Eiterbachtal nach Philadelphia aus, wo er an Bord der 'Europa' am 17.11. von Bord ging.
Hans Nikolas Sohn Frederick wurde am 19.9.1826 Vater von Jacob Frederick, der am 23.9.1863 Vater von David Jacob und der wiederum am 14.10.1890 Vater von Dwight David Eisenhower wurde.
Das Eiterbachtal kann man von Heidelberg aus mit dem Linienbus erreichen, und es ist noch heute ein sehr idyllischer Platz.
Mir drängt sich die Frage auf: Wollte der Chef seine Verwandten schonen? Hat er aus familiären Gründen die Headquarters nach Heidelberg legen lassen? Auch Oberbefehlshaber sind Menschen, und solange offizielle Stellen behaupten 'Wir wissen von nichts', ist dies eine bislang unbeachtetete Variante, die mir einleuchtend genug erscheint, um hier erwähnt zu werden.
Zumal Eisenhowers Bruder 1945 der US-Chef im - zufälligerweise ebenfalls unzerstörtem - Weinheim war.
Auch in Heidelbergs Klein-Amerika, wo anderen Militärs wie Patton, Mr. Henry etc. in der Namensgebung Ehre erwiesen wurde, findet sich keine Eisenhower-Street or Eisenhower-somethin’ - nothing.
Wäre ich Verschwörungsfanatiker, würde ich nun loslegen, von wegen 'Ein Deutschstämmiger konnte damals doch kein US-Held sein' etc. ... So aber frage ich mich, bzw. Sie einfach mal: Warum steht in dieser Stadt kein Eisenhower-Denkmal?
 
Notizen zur Gedenkstunde im Rathaus am 30.3.2005
 
Eine Stunde vor Beginn war man im Rathaus nicht in der Lage mir mitzuteilen, ob ich diese Veranstaltung besuchen darf. Oder warum nicht.
 
Offensichtlich eine Eliteveranstaltung: die ersten drei Sitzreihen sind reserviert, von denen nur die erste wirklich besetzt ist.
 
Oberbürgermeisterin Weber sang ein Hohelied auf die erfolgreiche Reeducation damals und unsere amerikanischen Freunde heute und erwähnte, daß damals die GIs rund 10% der Bevölkerung ausmachten.
 
a) wofür steht GI? (Gouvernment Issue - Im Wörterbuch steht da: Problem? Abkömmling?) - die Amerikaner benutzen seltsame Begriffe, wie auch ETO (Stars & Stripes) 'European Theatre of Operation' statt 'Welt-Krieg'
 
b) Die OB bedankte sich letzte Woche bei den Befreiern - und wenn man ihr folgt, scheinen 1945 alle Sieger gewesen zu sein: Die Kriegsgewinner allemal und die Verlierer gewannen die Demokratie und wenn wir nicht gestorben sind, leben wir heute noch.
 
Erfreut hat mich ihre Würdigung der 'Männer und Frauen des politischen Widerstandes während des NS-Regimes'.
Warum aber werden die Hauptgewinner jener Tage, die ca. 8.000 DPs - displaced persons - zum größten Teil Zwangsarbeiter und aus KZs entlassene Menschen, die in Heidelberg Zuflucht fanden, verschwiegen? Ich habe vielfach nachgefragt, wo denn diese DPs untergebracht waren - aber bislang konnte mir da niemand etwas Schlüssiges zu sagen, außer, daß einige in der Kasernen am Kirchheimer Weg untergebracht wurden, andere im Schloß Langenzell bei Wiesenbach, die dann ca. 1960 ins Altersheim nach Schriesheim verlegt wurden ...
 
Brigardegeneral Frutiger baute eine verbale Brücke zwischen den Amerikanern und Deutschen, nahm Bezug auf Mark Twain und die Universität, und meinte, die deutsch-amerikanische Freundschaft sei vor allem nach 9/11 aufgeblüht. Anderseits befand er sich - laut dem verteilten Manuskript seiner Rede - auf einer Zeitreise: "Zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges in Heidelberg biete ich Ihnen über 50 Jahre wachsenden Verständnisses und Freundschaft zwischen zwei Nationen an."
Was geschah in den fehlenden 10 Jahren?
 
Dr. Junker, der 3. Redner, fragte, warum die Amerikaner 1945 hier ganz anders empfangen wurden als heute im Irak. "Noch im August 1944 hatte der amerikanische Geheimdienst einen Guerillakrieg in Deutschland befürchtet und ein Irak-ähnliches Szenario entworfen."
Naja, im Irak waren die Männer auch alle daheim - während sich 1945 in Heidelberg vor allem Kranke, Flüchtlinge, Frauen, Alte & Kinder aufhielten...
 
Hilfreich seine Zahlen zur Entnazifizierung: Diese begann mit einer Säuberung der Stadtverwaltung und der Universität. Laut Frau Reutter wurden bis zum Sommer 1946 65% der Beamte, 25% der Angestellten und 18% der Arbeiter wegen Nazi-Verbindungen entlassen.
Auch Oberbürgermeister Neinhaus mußte gehen (kam aber bald darauf wieder).
Von 21 Amtsleitern wurden 15 ihres Dienstes enthoben - von denen 9 in Laufe der Zeit zu ihren Jobs zurück kehrten.
An der Uni mußten 138 von 330 Mitgliedern des Lehrkörpers gehen, von den 56 ordentlichen Professoren wurden 37 als unordentlich entlassen.
 
• Junker erwähnte die zwei am Historischen Seminar der Uni entstandenen Dissertationen von Frau Reutter (Heidelberg 1945-1949) und Herrm Scharnholz (Heidelberg und die Besatzungsmacht), streifte verbal auch den Sammelband 'Heidelberg 1945', "an dessen Edition auch drei Heidelberger Historiker beteiligt waren".
Keine Ahnung, warum er seinen Zuhörern dieses Buch unterschlagen hat - wahrscheinlich ist es ihm nicht akademisch genug.
 
Passend hierzu: Das Woodwind Quintett der 7. Armee rahmte die Feier im Rathaus musikalisch ein.
Und was für Musik paßt da zur Befreiung 1945 durch die Amis?
Swing? Pustekuchen:
Das klang für mich wie Mozarts Kleine Nachtmusik.
 
Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.
 
Pause?
 
Lieber ergänzende Beiträge als Fragen
 


ZUGABEN
 
Anfang 1946
19.1.: Ende der IG Farben, 15.400 Patente von US-Kommission übernommen
27.1.: Wahl im Landkreis Heidelberg: 19.575 Männer und 34.391 Frauen wahlberechtigt. Hamsterkönig Otto G. wird in der Werderstraße gebustet. Sein Vorrat: 42 Stück Seife, 205 Zigarren, 200 Zigaretten, 4 Gutscheine fur 40 kg Dieselöl, Kaffee u. a. m.
26.1.: Wahrsagen, wie auch angebliches Zaubern, Traumdeutung und Geisterbeschwörung ist verboten
20.2.: Es gibt wieder Heidelberger Bier
2.3.: Neue Steuergesetze
9.3.: Razzia in Tanzlokal. Kampf den Geschlechtskrankheiten. Polizei lernt Jiu Jitsu. Der VFB Stuttgart wird 1. Süddeutscher Fußballmeister. Waldhof wird 4., Bayern München 6.
 
Wo war das Zentrum der Nazis in Heidelberg?
- Die Partei war überall. Eine vollständige Auflistung aller Dienststellen kann man im Städtischen Adressbuch von 1943 nachschlagen (z.B. im Stadtarchiv). Hier ein paar Beispiele:
- HitlerJugend, Theaterstraße 10
- NS-Frauenschaft, Ziegelhäuser Landstraße 1
- Gestapo, Bunsenstraße 19a
- Kampfbund für den Kinderreichtum der Erbtüchtigen, Hans-Thoma-Straße 11
 
Gab es 1945 eigentlich Straßenumbenennungen?
- Aber reichlich. Eine Adolf-Hitler-Straße gab es hier zwar nicht, dafür aber in Wiesloch und anderswo. Es gab eine Anordnung der Amerikaner, alle während des Dritten Reiches umbenannten Straßen, soweit es sich um Namen der Bewegung handelte, wieder umzubenennen. So verschwanden der Andreas-Hofer-Weg, der Langemarckplatz, die Dietrich-Eckart-Straße, die Philipp-Lenard-Straße und die Richard-Wagner-Straße. Im gleichen Abwasch wurde dann aus dem Wrede-Platz der Friedrich-Ebert-Platz.
Eine Judengasse, wie es sie vorher in der Altstadt gab, wollten die Heidelberger wohl nicht mehr. Sie heißt heute Lauerstraße. Die ehemalige Judenanlage an der Ecke Philosophenweg und Hirschgasse behielt den Namen, den sie während des Dritten Reiches bekam: Hölderlin-Anlage.
 
Stimmt es, daß Hitler Heidelberger Ehrenbürger war?
- In der Tat: am 23. Mai 1933 wurde ihm diese Würde verliehen. Am 4. Juni 1941 ordnete er übrigens auch noch eine Neugestaltung der Stadt an, die unter Speers Leitung stattfinden sollte. Das jedoch gelang wegen der »Neugestaltung« Europas nicht mehr.
<< Piepers Schreibe Top of Page | Print