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Monte Verità revisited

Werner Pieper
 
Wir ertanzen uns die Himmelswiese
 
Monte Verità? Die Schweiz? Warum in den ‘60ern oder frühen 70ern an die Alpen fahren, wenn man auch nach London kann, wo das Leben rockte? OK, befreundete Dealer waren in ihrer Sucht nach guter Schokolade eines Nachts kollektiv mit ihren Maschinen schnell mal gen Süden gedüst, um ein paar Tafeln zu holen, das war’s aber auch schon? Gutes LSD wurde auch in Highdelberg manufaktiert. Ansonsten? Tim Leary hielt sich längere Zeit ‘da unten’ auf, dann drangen einige Exemplare der wunderbaren Hotcha! Underground Blätter langsam gen Norden. Es brauchte Indianer (& Hermann Müller), um uns den Weg zu unsern radikalen grünen Wurzeln, nach Ascona, der Wiege antiauthoritären und konsumkritischen Lebens zu zeigen.
       Im Mai 1973 lud ich eine Gruppe traditioneller Indianer nach Deutschland ein, die ersten traditionellen indianischen Besucher ever, und diese erzählten u.v.a. begeistert von den Bärglüttli-Hippies. Nach ihrer Abreise machte ich mich auf, um all die Plätze und Menschen, die sie besucht hatten, zu erkunden. Hopi Botschafter Craig Carpenter hatte mir einen wertvollen Tip gegeben. Er, Mitglied eines indianischen Bären-Clans, machte mich auf die Bären im Berner Bärengraben aufmerksam. „Sie sind die ‘Herren’ der Stadt. Erweise Ihnen Respekt”.
       Inzwischen war ich ein gutes Dutzend Mal in Bern und das Ankomm-Ritual ist immer dasselbe: Als erstes geht es direkt zum Bärengraben, ‘Hallo!’ sagen, sich vielleicht am Ufer der nahegelegenen Aare noch ein Rauchopfer (Opfer?) oder gar ein Bad genehmigen - und die Schweiz erscheint einem in magischem Licht. Das mag plump klingen, aber in der Praxis klappte das wiederholt verblüffend gut. Viele Leute reden von einem Druck, den sie in Deutschland empfinden. Daheim bemerke ich ihn nicht, aber wenn ich dann an der Aare sitze merke ich, wie selbiger Druck von mir abfällt. Ähnliche Gefühle schilderten schon vor über 100 Jahren viele der Zehntausenden von russischen Underground’lern, die damals in der Schweiz Asyl erhielten (oder sich nahmen). Nochmals 100 Jahre zuvor, 1790, äußerte sich einer ihrer Vorfahren, ein Herr Karamsin: „Die Luft der Schweiz besitzt in sich etwas Belebendes: Mein Atmen wurde leichter und freier, meine Körperhaltung aufrechter, mein Haupt hebt sich ganz von selber in die Höhe, und ich denke mit Stolz an meine menschliche Würde”. Das dies (heute) nicht für alle Fremden gilt, ist eine andere Geschichte.
       Mein erster Besuch in der Schweiz galt Familie Golowin. Tim Leary war hier gewesen, der Hopi-gesandte Craig Carpenter auch, also freute ich mich sehr über eine Einladung nach Interlaken. Es war Winterszeit, der Tag der Heiligen Drei Könige. Man saß gemütlich mit der Familie und mehreren FreundInnen des Hauses zusammen, die Kinder gingen schlafen und die Wachbleibenden nahmen eine heimische psychoaktive Substanz: Hofmanns Tropfen. Trippin’ all night long. Draußen Schnee, Jungfrau und Eiger in Fühlweite, zauberhaft. Der memorable Höhepunkt dann am nächsten Morgen zum Frühstück. Um auch den Kindern etwas von der magischen Nacht zu vermitteln, hatte Hausherr Sergius zum Frühstück einen echten Zauberer eingeladen... Das hatte Stil, so etwas hatte ich in Deutschland noch nicht erlebt: Erwachsene, die LSD genießen! Und wissen, was sie tun, sich gar in einer Tradition verstehend! Bemerkenswert.
       Sergius war es auch, der mir Jahre später München erklärte, als ich mich (als Westfale) auf seine Einladung hin zum ersten Mal ins Bayerische traute. Eine Tagung der Siemens-Stiftung, im Nymphenburger Schloß, zu dem auch sein MalerSpezi Walti Wegmüller erschienen war. Die Süddeutsche Zeitung stellte uns als ‘zwei lebende Exemplare der Gattung Hippie’ vor. Wir wunderten uns, daß man, wie Sergius, so zwischen verschiedenen Welten pendeln und die dröge großstädtischen Alltagswelt als etwas so Phantastisches wahrnehmen kann. Als ich am nächsten Tag dann Freunde in München besuchte, wußten die überhaupt nicht, warum ich so euphorisiert ob dieser Stadt war. Kann ich heute selber kaum noch nachvollziehen. Aber Sergius hat(te) diese Gabe, die Phantastik Rezeptoren, nicht nur in meinem Hirn, zu aktivieren. Traumhaft.
       Er wirkte auch bei der Gründung der Bärglütli, der neuen Naturphilosophen der 70er mit. Beat Hächler blickt zurück:„Die Utopie der Bärglütli träumte den alten Traum von Ökopax weiter: eine Lebensart zu finden, die Ökonomie und Ökologie vereint, die aus eigenen Kräften, ohne großräumigen Handel und ohne Fremdkapital lebensfähig ist, die bestehende Hierarchien und Machtstrukturen auflöst, die neue Lebensformen ins Zentrum rückt und nur noch den kulturellen Mehrwert kennt: Lustgewinn statt Leistungsdenken. Diese Utopie von Ökopax wurde 1970 im Focus ins rechte Licht gerückt: «Man wird in Großfamilien leben. Die jung Verliebten werden werden gemeinsam erzogen. [...] Man kann von einer Familie in die andere hinüberwechseln und von einer Gegend in die andere.» [...]
Die Bärglütli hausten von Pfingsten bis September in selbstgebauten Steinhütten, die notdürftig mit Blachen gedeckt waren. Die Lebensmittel mussten zu einem großen Teil eingekauft und aus dem Tal hochgebuckelt werden. Jeden Tag galt es, Pflichtaufgaben für die Gemeinschaft zu übernehmen. Holz, Pilze oder Beeren sammeln, Feuer machen, in der Küche helfen. Phasenweise hielten sich bis zu hundert Personen im Camp auf. Mit sechs Franken im Tag deckten Gäste die Unkosten. Das Bärglütli-Camp war aber mehr als körperliches Survival-Training. Es verstand sich ganz klar als Bildungsprojekt. Zahlreiche Kurse über biologisches Bauern, Naturheillehre, vergessene Sagen, Meditation, Yoga, Sufidancing oder Kreativhappenings arbeiteten am neuen Menschen. Freie Liebe im Sinne offener Paarbeziehungen gab es ebenso wie ein neues Körperbewusstsein. Eine Minderheit der Bärglütli bewegte sich nackt im Camp. Drogen waren Teil der Lust am Experiment. Verbreitet wurde gekifft, seltener LSD konsumiert, hie und da mit einheimischen Pilzen und Pflanzen laboriert.“
       Viele Hippies der Schweiz waren damals sowohl ihrer Heimat wie auch Kalifornien näher als wir in D. Die Bärglütli, radikaler als die meisten DeutschHippies, zogen auf Almen, um dort Leben und Trips unter einen Hut zu bringen. Wildi Lüt, oft auch einfach simpel Heiden, werden seit vorchristlichen Zeiten jene Menschen genannnt, die sich vom NormaloVolk absonderten, in Höhlen lebten, sich mit Gemsen und Kristallen beschäftigten, und immer konsequent ihre eigenen Wege gingen. Eine Tradition, die ja vor allem auf dem Monte Verità einen Quantensprung machte. Zumal sie wie wir ja auch noch von Einflüssen wie Carlos Castaneda oder Wilhelm Fabricius wie ungezählten Trips in der Natur zehren durften.
       Jahre später gab ich dann eine Frii Blettli Anthologie (Der Grüne Zweig 44) heraus. Das Frii-Blettli war das Dezentralorgan der Stärnelüt, diesem urigen BilderbuchHippieTribe. Von den Indianern hatte man gehört: Nur Stämme werden überleben. Themen wie: Selbstversorgung von Hirn & Körper, fahrende Musiker und Tarotlegerinnen, indische Anklänge, Zigeunerpraxis & Romantik, vieles was wir uns am heimischen Neckarufer bestenfalls erträumen konnten, schien hier Praxis zu sein. Walter Wegmüller, der Jahre später sein wunderbares Tarot (als Doppel-LP mit Karten) herausgab, mischte hier mit. Kartenleger in x-ter Generation, aus einer jenischen Familie stammend, berauschte mich mit seiner Kunst wie auch mit seiner Sieben-Kräuter-Mischung gleichermaßen. Lecker!
 
„Fiesta Monte Verità - Tanz der Grünen Kraft“
So war das Flugblatt überschrieben, das ich im Frühling 1978 unserem Kompost-Magazin beilegte. Aufgesetzt hatte es ein Hermann Müller aus dem Schwäbischen. Er hatte die Vision, ich stellte nur unser Netzwerk zur Verfügung. Hermann lernte viele Jahre zuvor den ‘Gründer und Künder’ Gusto Gräser kennen und wollte diesem ein geistiges Denkmal setzen. Also lud er zu einem ‘Tanz der Grünen Kraft und Volks- und Freudenfest der Alternativen Träumer’ im Juli ‘78 in Ascona, Monte Verità ein. Das klang gut, und die Botschaft wurde verbreitet, ohne zu ahnen, welche historische Brisanz in ihr steckte, Geschichtsignoranten, die wir nun mal waren. Außer dem NeoRattenfänger Hermann Müller wußte wohl kaum ein Anwesender, wer die Kollegen Gräser, Diefenbach und Nagel gewesen waren.
       „Wir versammeln uns, feiernd, tanzend, dankend und gedenkend zur 77. Wiederkehr der Gründung der Landkommune Monte Verità”. Außerdem durften wir lauter Jubiläen einer Szene feiern, deren Namen uns damals großteils recht wenig sagten. Wir zelebrierten den 100. Geburtstag des Gusto Gräser, des Dichters Herman Hesse, des Psychologen Otto Groß, des Revolutionärs Erich Mühsam, des Sozialphilosophen Martin Buber, der Vorkämpferin des Feminismus Franziska von Reventlow, der Tänzerin Isadora Duncan...
       Zugegeben, viele kamen auf ihrer Ferienfahrt in den Süden einfach mal vorbei, neugierig guckend, was da denn nun los sein würde, denn Genaueres wußte man ja vorher nicht. Niemand. Es gab keinen MasterPlan, nicht einmal jemanden, der für einen Plan zuständig gewesen wäre, nur eine Art Versprechen:„Es wird auf jeden Fall Menschen geben - aus ganz Europa - die zu sehen, zu treffen, mit denen zu feiern es sich lohnt - vorausgesetzt, Du bist auch dabei...”. Und eine Warnung:„Jeder kommt auf eigene Verantwortung, Rechnung und Gefahr. Jeder der kommt, ist Mitarbeiter, Mitdenker, Mitverantworter - anders läßt sich dieser Versuch einer nichtkommerzialisierten und nichtsubventionierten, nach keiner Seite hin abhängigen Gemeinschaftsaktion nicht wagen. Keiner wird bezahlen, keiner muß bezahlen. Jeder ist aufgefordert, mit Rat, Tat und Geld zum Gelingen beizutragen”. Wir verteilten ein paar tausend kleiner Handzettel und fuhren zum angegebenen Termin wohlgemut gen Süden. Niemand konnte ahnen, wieviel Spaß wir haben würden. Vorher weiß man ja nie, ob Träume in Erfüllung gehen. Zumal in einem fremden Land, mit fremden Menschen.
 
Die Landkommune Monte Verità - auf ‘Reizender Erde’
Wir waren nicht die ersten Fremden vor Ort, eher eine Art moralischer Nachlaßverwalter einer Szene, von der wir nie in der Schule gehört hatten. Ich laß’ mal den deutschen Oberlehrer in mir zu Worte kommen, warum dieses Fleckchen Erde so eine große Anziehungskraft ausübt: Monte Verità ist ein Stück ‘reizende Erde’, so man den Untergrund betrachtet. Dieser ist geologisch eigenartig beschaffen, haben sich die Berge am Lago Maggiore doch aus tief aus der Erdkruste stammenden Gesteinszonen gebildet. Daraus resultiert eine magnetische Anomalie. Diese fällt zusammen mit einer anomalen Verteilung des Schwerefeldes der Erde. Der Einfluß dieser geologischen Anomalien auf das menschliche Magnetfeld ist bislang kaum erforscht. Als handele es sich hier um einen Akupunkturpunkt Mutter Erdes oder gar eine ihrer erogenen Zonen, bei all den Ideen, die hier geboren wurden und Aktionen, die hier, im wahrsten Sinne des Wortes, abgingen.
       „1978 präsentierte Harald Szeemann in Ascona seine große Ausstellung «Monte Verità. Berg der Wahrheit». Szeemann, der in den sechziger Jahren als Leiter der Berner Kunsthalle auch zum Humus der «Junkere 37» gehörte, legte mit seiner Arbeit über Anarchisten, Ökopazifisten und Lebensreformer die hundertjährige Vorgeschichte der Hippies offen; gewissermaßen eine Botanik der späteren Flower Power-Blüte.“ (Beat Hächler)
       Asconas Freak-Vergangenheit hinter Glas, im Museum. Grauenvoller Gedanke für mich, auch einmal dort zu landen - ausgestellt, vorgeführt & verklärt. Wie soll ein Museum ein Gefühl für Lebenskultur oder gar Lebensfreude vermitteln können? Naja, Einheimische schauten sich das allemal nicht an, wie Museumswärterin Ruth uns erzählte.
       Im Schlößchen auf der SeeInsel waren u.a. Fotos vom Skulpturenweg ausgestellt. Sehr anregend. Jemand hatte zwischen 1944 und 1978 in der Gegend um Ascona aus großen Steinen Skulpturen zusammengesetzt, gebaut, gemeißelt, geschichtet. 100% stoned. Der Künstler, der anonym bleiben will, führt die Kelten als seine Vorbilder an, denn diese haben ihrerzeit einen bestimmten Weg ebenso steinig vorgezeichnet.
       Mein Ascona-Liebling der Vergangenheit war Armand Schultheiss (1900-1972). Er schuf einen einzigartigen Lehrpfad, die ‘Enzyklopädie im Walde’. Er muß sich fast ausschließlich von Konserven ernährt haben. Die leeren Dosen machte er platt und beschriftete sie, wie auch andere Materialien wie Holz, Pappe und Blech, mit seinem umfangreichen Lexikonwissen. Tausende dieser InfoSchilder mit Zitaten aus der Weltliteratur, chemischen Formeln, Tips für natürliche Geburtenregelung und ähnlichem mehr, hängte er in einem 18.000 m2 großen Waldstück an Bäume und Büsche. Ein organisches, wirklich wachsendes Lexikon. Seine Erben waren leider von so viel preisgegebenem Wissen so verstört, daß sie nach seinem Tod alle Spuren beseitigten. (Bei DuMont ist eine Dokumentation über A.S. erschienen, herausgegeben von einer Ingrid Lischer). Aber Armand war ja nur einer von vielen, die sich hier austobten. Besonders spannend ging es um die vorletzte Jahrhundertwende zu.
       Im Oktober 1900 trafen sich in München sieben junge Menschen, die aus der bestehenden Gesellschaft aussteigen wollten. Sie wanderten über die Alpen und gründeten auf einem Hügel über Ascona die Landkommune Monte Verità. Dies war nicht die erste und einzige Unternehmung dieser Art, sie wurde jedoch durch ihre Radikalität, ihren Ideen und ihren Mitgliedern, besonders die Brüder Carl und Gusto Gräser, sehr bald zum meistbekannten, meistbesuchten sozialen und geistigen Versuchsfeld in Europa jener Zeit.
       Wer neue Wege suchte, neue Wege ging, den verschlug es alsbald nach Monte Verità. Anarchisten und Sozialisten, Ärzte, Soziologen, Psychoanalytiker, Theosophen, Antroposophen, Lebensreformer, Dichter und Denker, Tänzer und Bildner wie Hans Arp, Hugo Ball, Martin Buber, August Bebel, Ernst Bloch über Hermann Hesse und Thomas Mann, Erich Mühsam, Peter Kropotkin und Wladimir Lenin bis hin zu Mary Wigmann und Henry van der Velde. Es war nicht nur das sozial- und lebensreformerische Unternehmen allein, sondern die geistige Anziehungskraft und Ausstrahlung dieser Menschen und der geografischen Umgebung, die Monte Verità zu einem einzigartigen Phänomen machten.
       Die kulturellen Verflechtungen und Wirkungen waren mannigfaltig: zum Dadaismus, zum Pazifismus, zum Expressionismus wie zur Revolution von 1917/18, zum Bauhaus, zur Verbreitung östlichen und ur-grünen Denkens, d.h. gesunde Kleidung und Ernährung, neue Heilkunde und Bauweisen. In den Werken von C. G. Jung und Ernst Bloch, im modernen Ausdruckstanz, in den Kibbuzim, in einer Vielzahl von bildnerischen Werken und Dichtungen, im Wandervogel, in der Jugend- und Reformbewegung vor und nach dem 1. Weltkrieg sind Anstöße vom Monte Verità verarbeitet worden. Die Auswirkungen reichen, mittelbar und unmittelbar, bis in die heutige Alternativ- und Umweltschutzbewegung, die Grünen und die bewußte New Age-Szene. Jahrzehntelang blieb diese Wirkung im Untergrund der Städte und auf den Gipfeln der Berge eine stille und heimliche, weil sie von der herrschenden Gesellschaft geächtet wurde. Wie global die Auswirkungen jener Vorreiter waren, zeigte sich dann im Laufe der vergangenen Jahre - von der Umwelt- über die Naturkost- bis hin zur New Age-Bewegung. Wir waren ‘78 schillernde Blühten jener Wurzeln jener Altvorderen - ohne es zu ahnen.
       Die Bewohner vom Berg der Wahrheit hatten einige der im 19. Jahrhundert aufkommenden Probleme als erste hinter sich gelassen und lange vor allen anderen jene des 20. Jahrhunderts erkannt und aufgegriffen: Schaffung und Erhaltung einer menschenwürdigen Umwelt, Widerstand gegen unmenschliche Technokratie und gegen die Verabsolutierung des Staates, die Befreiung und Gleichberechtigung der Frau und des Kindes, Dezentralisierung und Erprobung neuer Gemeinschaftsformen, Suche nach einem Dritten Weg zwischen Kapitalismus und Staatssozialismus und, vor allem, die Suche nach neuen geistigen Grundlagen des alltäglichen Lebens. Hier verschmolzen erstmals östliche Philosophie und westliche Psychoanalyse zu einer Einheit, die sich dann in Hesses Werk ‘Demian’ manifestierte. Hier wurde die Lehre der Gewaltlosigkeit und des bürgerlichen Ungehorsams als selbstverständliche Moral und als politische Praxis gelebt. Monte Verità ist jener Ort, an dem die Abkehr von der christlich-patriachal-dualistischen Tradition ebenso wie vom modernen technokratischen Rationalismus zu einem fruchtbaren Ergebnis gebracht wurde: in der Dichtung von Gusto Gräser.
 
Stimmen der Pioniere
Daß das Leben in einer Landkommune kein Zuckerschlecken ist, erfuhren die Vorkämpfer der Bewegung um die Jahrhundertwende bald. Von den anregenden Seiten zeugen folgende Zitate von Zeitgenossen:
       Wilhelm Schmidtbonn: „Sie bebauten mit eigenen Händen ihr Stück Land, ließen die Haare bis zu den Schultern wachsen, gingen in weißen Hemden. Ihnen folgten Männer, die nicht nur ihr eigenes, vielmehr das Leben der Menschheit ändern wollten. Hier, unter der unendlichen Klarheit der Bergluft, ordneten sie ihre Gedanken”.
       Oskar Maria Graf: „Es waren eigentlich alles Leute mit einem geheimen Hang, sogar mit einem leisen künstlerischen Einschlag. Das Innere war das Wesentliche, und die Aufgabe eines wahren Anarchisten hieß: Sein Äußeres nach dem Gesetz des innersten Dranges zu formen, in größter Freiheit, uneingeschränkt und möglichst unberührt von der ‘Kultur’. Man kam Abend für Abend zusammen, las Kropotkin, Landauer, Proudhon und diskutierte. Oft wurde es erregt, aber man verstand sich”.
       Otto Groß: „Die Psychologie des Unbewußten ist die Philosophie der Revolution ... Der Revolutionär von heute kämpft gegen den Vater und das Vaterrecht. Die kommende Revolution ist die Revolution fürs Mutterrecht”.
       S. Obermeier: „Otto Groß, Arzt aus Berlin, legte die Lehren Sigmund Freuds auf seine Weise aus und predigte totale Enthemmung, die in einem leeren Stall bei fröhlichen Kokain- und Sexorgien gefeiert wurde”.
       Albert Bettex: „Ascona wurde kurz nach 1900 zum Inbegriff kühnster individualistischer Lebensreform. Einer der bedingungslosesten modernen Versuche, Leben und Denken auf eine neue, freiere Grundlage zu stellen, wurde ins Werk gesetzt. Die Siedler bekannten sich zur ‘naturgemäßen Lebensweise’, zur Rohkost, zu den Heilkräften des Wassers und der Sonne und nahmen damit pionierhaft spätere Methoden vorweg. Sie verwarfen den Zwang der modischen Kleidung, überdies aber waren ihnen Frauenemanzipation, freie Ehe, Pazifismus, Gesellschaftsreform und internationale Haltung Selbstverständlichkeit. Außerhalb der herrschenden Welt, und gegen sie, wollten sie als Kolonisatoren ein neues, freies Leben auf eigener Scholle gründen”.
       Erich Mühsam: „Im Sommer 1904 kam ich zum ersten Mal nach Ascona, halb zufällig und ohne Ahnung, daß hier schon seit Jahren Leute lebten, Landsleute sogar, die vor Kapitalismus, Zivilisation, europäischem Betrieb und gesellschaftlicher Verlogenheit geflüchtet waren, um nach ihren eigenen moralischen und gesellschaftlichen Grundsätzen in freiwilliger Verbundenheit und individueller Gemeinschaft ein soziales Beispiel zu geben. Noch viel weniger ahnte ich, daß dieser wunderbarste Fleck Erde, den ich je gesehen habe, Jahre hindurch in kurzen Abständen immer wieder Zuflucht meines unsteten Lebens sein würde, und am wenigsten, daß ich nach mehr als einem Vierteljahrhundert lesen würde, ich gehörte zur Geschichte Asconas nicht minder als Ascona zu meiner Biografie”.
       Hm, den Namen nach war es ein reiner Männerbund. Warum ich hier keine Frauen zitiere? Ich fand keine Spuren von ihnen, sorry. Die müssen noch aufgearbeitet werden.
 
Die Freie Schweiz
Warum trafen sich all diese freiheitlichen Kämpfer für eine bessere Menschheit ausgerechnet in der Schweiz? Warum spielt dieses Land eine so große Rolle in den Biografien vieler europäischer Revolutionäre? Kaiserin Theresia äußerte schon 1777 die Meinung, die „elende Schweiz” sei das „Asyl aller Narren und Verbrecher”. Die Hitlers behaupteten später: „Je weiter eine Gegend vom Meer liegt, desto länger sie vom Weltverkehr abgeschlossen war, je gebirgiger und unzulänglicher sie ist, desto inferiorer ist der Menschenschlag, der sie bewohnt!”.
       Schon in der deutsch-bürgerlichen Revolution 1848 flohen viele, vor allem Badenser, unter ihnen die legendären Hecker und Diesbach aus Weinheim, zu den Eidgenossen. Diese Freigeister tummelten sich nicht nur in Ascona, sondern auch in Zürich, Bern und anderswo. Der große Anarchist Bakunin wurde längere Zeit von seinen Anarchofreunden vor den Häschern des Zaren in der Schweiz versteckt. Er sah in diesem Gebiet, daß sich genossenschaftliche und anarchistische Ideen zu richtigen Volksbewegungen entwickeln konnten (die bis heute Auswirkungen auf die Gewerkschaften und Sozis haben). Ein enger Mitarbeiter Lenins bezeugte: „Jeder von uns, den Revolutionären jener Zeit, hatte für die Schweiz ein ganz besonderes Gefühl (‘Sowerschenno ossoboe tschustwo’). Dieses Land stand damals den Schöpfern unserer Revolution nahe.”
       Eine nette Theorie von Sergius Golowin: „Die Deutschen mußten zur Krönung ihrer Kaiser immer zum Papst nach Rom - also durch die Schweiz. Es gab nur zwei Wege, beide führten über die Alpen, beide durch Gebiete, in denen man den Weg mit einem Dutzend Recken versperren konnte. Also waren die mächtigen Kaiser gezwungen, mit den Hütern dieser Durchgänge Versprechen einzugehen”. Aus diesem Grunde hat die Schweiz seit Jahrhunderten keinen ernsthaften Krieg erlebt, ja, war in europäischen Kriegszeiten Zufluchtsort für viele, wenn auch vor allem für jene mit Geld. Es ist ja z.B. auch eine Forderung der Schweizer Behörden zu verdanken, daß die Nazis den ‘J’-Stempel in die Pässe jüdischer Mitmenschen drückten. Mir fallen noch weitere heftige Kritikpunkte an der Schweiz ein, mit denen ich ein Büchlein füllen könnte, aber in diesem Beitrag geht es mir eher darum, positive Seiten der Schweiz herauszukitzeln, und das fällt auch nicht schwer.
       Ähnlich empfand auch Hugo Ball, ein Hauptinspirator des Dadaismus, der über Monte Verità schrieb: „Die Idee des natürlichen Paradieses - nur in der Schweiz hat sie geboren werden können. Die entrückteste Umwelt begegnet hier dem lieblichsten Idyll, die eisige Schneeluft der Höhen dem mildesten Glockentone des Südens. Die Schweiz ist die Zuflucht all derer, die einen neuen Grundriß im Kopf tragen. Sie war und ist jetzt, während des großen Krieges, der große Naturschutzpark, in dem die Nationen ihre letzte Reserve verwahren [...] Von hier aus wird sich Europa wieder beleben. Alle, die sich den Kopf zerbrechen oder zerbrachen ob der Frage, wie der Menschheit wieder aufzuhelfen, wie eine neue Menschheit zu garantieren sei, leben oder lebten einmal in diesem Land [...] Drüben in Deutschland polterte ein gigantischer und hybrider Mechanismus, in den jeder, willens oder nicht, einbezogen war, um zu schuften, zu hungern, zu töten - wo ich jetzt war, lebte man, um zu leben”.
 
Zurück in die Gegenwart
Hey, leben! Rund um die Uhr. Ohne Zeigefinger und Gesetze! Das klang gut, das wollten wir auch. Von Gräser hatte ich noch nie gehört, aber von ‘Gras’ zu Gräser kann es ja nicht so weit sein. Also machten wir uns im Juli ‘78 gen Süden. Angekommen kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was für eine traumhafte Gegend! Der Lago Maggiore! Das Wetter. Die Leute. Die Leute? Zum einen die Horden von Hippies und Gleichgesinnten, die da aus dem Nichts auftauchten und einen ganzen Berg besetzten, zum anderen die Reaktionen der überraschten Eingeborenen. Dieses Fest war, ganz im Sinne der alternativen Altvorderen, nirgendwo angemeldet worden, also gab es auch keine Genehmigung. In den Worten des Anstifters Müller bei einer Vollversammlung im Wald: „Wir hatten diese Veranstaltung aus verschiedenen Gründen nicht angemeldet, waren gespannt auf die Reaktion, die ja kommen mußte. Sie kam auch, die Polizei, mehrere Male. Wir kamen auch, einige werden sich erinnern, wie wir am ersten Tag in hellen Scharen hier aus dem Wald geströmt kamen. Sie haben uns dann zu einem Meeting eingeladen, sie waren zu fünft oder sechst erschienen: Polizeioffiziere und der Bürgermeister, und wir haben sie mit Beifall empfangen, und dieses Gespräch war so freundlich von der Seite dieser Leute, es hätte nicht schöner sein können. Es hat nicht viel gefehlt und wir hätten uns am Schluß gegenseitig abgeküßt. Wenn ich jetzt so einem Polizisten begegne, begrüßen wir uns mit Handschlag und dann spricht man sich freundschaftlich aus - nein, nein, es sind nicht alle so wie die Polizisten in Deutschland”.
       Drei Tage dürften wir im Wald leben, war die Botschaft. Die Autoritäten schenkten uns zusätzlich einen Tag zum Abzug, wiesen uns auf Selbstverständlichkeiten wie ‘Im Wald kein Feuer anzünden’ hin, und machten sich zurück in die Zivilisation. Wir blieben und schwärmten aus.
       Bis auf ein paar offensive Lichtanbeter, deren Nacktheit wie schon vor 100 Jahren ein paar prüde Einheimische verwirrte und sieben sichtbare kleine Fäkaliendeponien, die im Wald aber allemal nach ein paar Tagen zu Humus wurden, gab es dann später auch keinerlei behördliche Rüffel. Es war ja auch nicht so schwer, in diesem weitläufigen Gebiet Rücksicht auf andere zu nehmen. Selbstverwirklichung statt Konfrontation. ‘78 statt ‘68. Wasserfälle statt Wasserwerfer.
 
Sonne und Menschen schienen um die Wette. Man traf sich morgens zur ‘Vollversammlung’ im Wald und vertrieb sich tags und nachts gemeinsam die Zeit: Hier ein Vortrag, dort ein spontanes Konzert, hier eine TripRunde, dort der Versuch, ein Essen für viele zu kochen - kein Programm, keine Prominenten, keine Versprechungen; die normalen Konsumenten kamen in Schwierigkeiten, aber die Masse des bunten Völkchens erfüllte die Wälder mit Kreativität.
       Es gab ein großes Fest. Eine Offenbarung, vor allem für jene, die gekommen waren um zu feiern und nicht nur Festlichkeiten zu konsumieren. Ein Fest wie Jazz - aufregend, und mit ein paar überraschenden Soli. Ungewohnt, mit einer solchen Meute unverstärkter Musik zu lauschen und herauszufinden, daß sich da viel leichter selber mitmachen läßt als bei elektrifizierten Lautstärken. Zigeunergeiger Baaschi verzauberte uns ebenso wie das ‘Om’ des Wortjongleurs Franz bei der Vollversammlung auf dem ‘Erdaltar’; Hermann Müllers Vortrag über Gusto Gräser war so faszinierend wie die Ausführungen von Sergius Golowin. Es gab gar einige Arbeitsgruppen, ohne daß hier der Stein der Weisen gefunden wurde. Man tauschte sich aus. Erstaunlich bei so vielen Menschen: Es gab kaum eine gemeinsame Identifikationsgrundlage, man kam ja nicht aus einem gemeinsamen Verein. So blieben manche Grüppchen auch unter sich. Ein Höhepunkt sicherlich die Versuche mit Gruppenspielen auf der Himmelswiese, einem recht hoch gelegenen Plateau, auf der eine Spieletruppe, die Harlekins, Hunderte zu einem großen Kreis vereinten und dann einige der damals neuen ‘Spiele für Viele’ in die Praxis umsetzten. Wunderschön dieser skin-divende Flug über tausend Hände. Spielerische Selbsterfahrungen.

Müller über Gräser
All dies verdank(t)en wir dem simplen Umstand, daß ein Student namens Hermann Müller ca. 1955 in München einem Gusto Gräser begegnete:„Gräser war damals 77 Jahre alt, lebte in der Großstadt in einer Dachkammer, die nicht beheizbar war, mit einem Loch im Dach. Das ließ er aber offen, weil er so die Sterne sehen konnte, wie er sagte. Er hat einen Kübel hingestellt für das Regenwasser, damit war die Sache gelöst. Vormittags ging er in die Stadt-Bibliothek. Da hatte ich ihn vorher auch schon gesehen und hab’ ihn da für einen Irren gehalten. Ich hatte ihm einmal über die Schulter geschaut, und er schrieb Gedichte oder zeichnete sie farbig oder schmückte sie aus. Mittags ging er dann in die Volksküche und aß dort für 30 Pfennige. Nachmittags war er im Café Klein Bukarest anzutreffen. Die Bedienungen dort erzählten mir, er gäbe sich nur so, in Wirklichkeit sei er ein hochgelehrter Professor und steinreich. Er habe halt nur den Sparren, so herumzulaufen. Er bekomme auch alles noch zum alten Preis, denn der Wirt sei ein Landsmann von ihm, auch einer der wenigen, die den überhaupt in eine Gaststätte hineinlassen würden.
Er sagte uns: „Seit zehn Jahren hab’ ich mit keinem Menschen gesprochen”, wobei der Ton natürlich hörbar auf ‘Menschen’ lag. Er unterschied sehr deutlich zwischen Leuten und Menschen, und Leute hat er sehr oft angesprochen. Er hat sich ja nicht in eine Verbitterung oder Einsiedelei zurückgezogen. Auf der Straße hat er alle angesprochen, die ihm ‘tauglich’ erschienen, das war sein Wort. Es waren wohl nicht viele ‘Taugliche’ dabei, denn er war zu jener Zeit sehr einsam. Und wenn er dies hier geahnt hätte, er, der sein ganzes Leben lang den Freund, den jungen Menschen im Besonderen gesucht hat, wenn er das hier sehen würde, er würde wohl ebenso geweint haben wie ich jetzt ... (Schnief).
In Gustos Umfeld und unter seinem Einfluß erwuchsen hier ein halbes Dutzend Landkommunen. Ich glaube aber, daß keine bis heute überlebt hat. Es war eine Frucht dieses Ansatzes, des Versuches, Gemeinschaft zu gründen. Denn darum ging es ja im Wesentlichen. Der Ton liegt nicht so arg auf Land wie auf Gemeinschaft und Kommunion, die auch da drin steckt. Eine Gemeinschaft, eine wirkliche Kommunion - ich sage nicht Kommunikation.
Eine andere Frucht reifte auf sprachlicher, literarischer Ebene. Explizit bei Hermann Hesse, dessen Idee des Bundes und sein Demian des Ordens, wie er dort beschrieben wird, des Ordens der Morgenlandfahrer letztendlich zurückgeht auf die Erfahrungen, die er hier mit Gräser zusammen gemacht hat. Hermann Hesse war es, der, wenn auch in abgemilderter Form, das Bild und die Weisheit seines tief verehrten Gurus und Freudes Gräser in die Welt hinausgetragen hat. In Romanform. Hesse hatte sich den Wanderungen von Gräser angeschlossen. Im Jahr 1906, nachdem sie sich wahrscheinlich schon 1901 in Basel kennengelernt hatten, so schreibt sein ehemaliger Freund und Nachbar Ludwig Fink, zogen vier barfüßige, langhaarige, seltsam gewandete Gestalten in das Dorf Freienhofen am Bodensee. Sonnenbrüder aus Ascona nennt sie Fink und fährt fort: „Hesse war gleich Feuer und Flamme und zog eilenden Fußes nach Ascona. Er hat dann einige Wochen hier in den Felsen verbracht, nackt durch die Wälder laufend ...”.“
 
Klappe Franz, die 1. - konsequent!
„Hey, ich bin jetzt hier auch drei Wochen nackt durch die Wälder gschprunge. Isch, ich bin auch so e Morgenlandfahrer, der dem Ruf hierher gefolgt ischt!” stellte sich mit lauter, klarer und schwäbischer Zunge Franz vor. Ich habe Franz weder vorher noch nachher je getroffen, aber im vertità’schen Hier & Jetzt beschämte er uns Hippietouristen durch seine neo-schamanische Authentizität. Wir mögen sie rauchen, aber er war naturally Gräser-high. Er schüttete unser aller Herzen & Seelen aus.
       „Isch möcht einfach was sage zu de alternative Art, sich zu benehme und alternative Lebensweisen anzustrebe. Des isch ja letztendlich erscht erfolgreich, wenn aus der Alternative e Konsequenz worde isch. Ich habe mit dem Werner über das Wort Alternative geredet und er hat gesagt, er will des nimmer höre, er kann alternativ nimmer höre. Und daraufhin isch mir des irgendwie angetrage worde, ein andres Wort zu finde ... und da hab ich also einfach gesagt, Konsequenz isch des annere Wort. Und die Konsequenz macht mich zu dem, wie weit mein Bewußtsein geweitet isch und was weiß isch. Letztendlich bleib ich immer noch der verwirrte und einzelne Mensch, der seine Gleichgesinnte irgendwo suchen muß, die lächerlich weit verstreut sind. Oder ganz nah beieinander, aber einander nicht kenne. Geschtern habe ich dem Fernsehn gsagt, daß dies Treffen hier ja eigentlich vielleicht dafür gut isch, daß sich Mensche zsammenfindet, die, wenn sie wieder auseinanderganget, zueinander sagen könnet, wir sind! (Klatschen).
Also mir hen des scho abgsproche ghabt, daß ich hier ein paar Taogedichte vortrag von dem Gusto Gräser. Ich hab sie mir heut morgen e bißl angeschaut und bin ziemlich runtergebracht worden von meinem Trip, auf den ich hier komme bin. Weil des, was ich da drin glese heb, des hab ich a paar Woche und eigentlich schon die ganze Zeit in meinem Lebe durchlebt und erfahre. Ich war bloß gedanklich nicht so bei der Sach, die da verdichtet aufgenomme worde isch und sozusagend des Tao, den gegenwärtigen Moment fotografiert hat in lyrische Worte und es isch alls wunderbar. Eigentlich sind es therapeutische Texte, mit denen jedes Individuum seine Seele weiten kann, daß die Kräfte, die in ihm strömet, wenn er ihm sympathische Betrachtungen anstellt, da hinein wachsen könnet und aus diesem Fehlerbewußtsein des Daseinsgefühl entsteht. Und des Daseinsgefühl ischt entweder Sitze oder Hocke. Also vielleicht sollte ich des jetzt net sage, aber i moin ebe bloß, also die Sache isch ebe so, daß ich es sehr bedaure, daß wir alle in ‘n Spiegel gucket, die ganze Zeit in unserem Lebe und uns von diesem Spiegel in der direkten Konfrontation und dem ganzen Drumherum eines Teiles dessen, was in dem Drumherum sich befindet, daß man sich damit des ganze Lebe lang hypnotisiert, des moin i damit. Wenn mer also aufmerksam isch für gedankliche Inhalte, für geistige Inspiration, dann setzt mer sich in die richtige Haltung hin, um des auch aufnehme zu könne. Die Gurus, die aus Indien kommet, die hocke da wie Yogis und die Mensche, die dene zuhöret, die bemühet sich unentwegt, dieselbe Haltung einzunehme, weil der Geist, der Spirit, die Inspiration ebe so hineinfließt in die Mensche, wie diese gestaltet sind, oder wie der innere Mensch zur Entfaltung gekomme isch.
Manchmal sage die Mensche zu mir, du siehst so gsund aus. Da kann ich nur sage, des isch des Erlebe. I penn ebe net 12 Stunden am Tag. Manchmal bin i nur 4 Stunde in der Nacht zur Ruhe gekomme und stehe auf und nach 5 min flipp isch schon wiede durch die Gegend, daß alles zu spät isch. Aber des macht Spaß, des ischt ekstatisch. Da kann mir koiner was erzähle: Ich heb zwei Haxe, zwei Hände, wenn i die net irgendwie benutz, dann spür i die net, dann bin in nur e Mensch mit meim Kopf, aber der Mensch, die Kreatur die erfährt sich doch net, wenn er irgendwelche Zeile, wenn die Gedanken im Kopf als Zeile erscheinet. Der Geruch, der Duft von ner Blume oder einem Räucherstäble, der isch e Gedanke. Aber weil wir so wahnsinnig verspiegelt sind von Zeitunge und Bücher und anderer Leut Weisheite, könne wir den Duft von einem Räucherstäbchen net lese. (Zwischenruf: In welchem Buch kann man das lesen?) I hab au gar kei Luscht, es aufzuschreibe, weil die Konsequenz meines Lebens heißt mittlerweile: Halt die Klappe! (allgemeines Gelächter).                                                Mir ging es darum, den Sergius Golowin zu ehren, der also hierher gekomme ischt, als echter Freak, wie ich es so bei der ersten Betrachtung erkenne (mehr Gelächter)....”.
 
Sergius Golowin, der aufgestellte Geschichtenerzähler
Sergius brachte sich samt Familie ins Fest ein. Sein Sohn Erik hatte mit 8 Jahren schon ein eigenes Tarot-Spiel gemalt und wurde später Herausgeber des Kampfkunstmagazins Bushin - Der Weg der Kraft. Sergius verklickerte uns, warum wir uns eigentlich getroffen hatten: „Ja, warum wir hier sind, das ist eine sehr nette Frage, aber sie ergibt sich schon allein aus der Tatsache, daß man da ist. Ich meine, wenn man nicht hier wäre, würde wiederum jemand fragen ‘Warum seid ihr nicht auf dem Monte Verità gewesen?’
       Andere sitzen in Wolkenkratzern. Die machen da so Pläne und Planungen mit Fachleuten und Ethnographen und Soziologen und planen zum Beispiel, wie man der 3. Welt helfen soll. Sie planen, wie man es dort machen solle, daß die Frauen dort nicht verschleiert sind, daß man in Saudi Arabien die Hilfsarbeiter oder Sklaven nicht so schlecht behandeln solle. Und ungefähr hundert Meter Luftlinie von diesem Wolkenkratzer entfernt verkauft die DrogenMafia an Minderjährige Heroin, oder man kann aus der Prostitution nicht herauskommen oder man läßt Zehntausende von mexikanischen Knaben als Strichjungen kommen. Das alles nur hundert Meter von den Orten, wo sich das Kapital befindet, von wo aus man bestimmt, wie die Dritte Welt nun endlich doch entwickelt werden soll! So unterentwickelt, wie es die überentwickelten Länder sind, ist einfach nichts auf der Welt. Einfach nichts...        
       Was das Große war an der Hippie-Bewegung, das müssen wir uns einmal vergegenwärtigen. Das waren nicht die paar großen Ideen, die herauskamen. Es waren nicht die Früchte, die man heute anerkennt, abbildet und erforscht. Das Große war nach meiner Auffassung eine neue Haltung. Diese neue Haltung resultierte in den Sätzen, die ihr alle kennt und die uns heute Selbstverständlichkeiten zu sein scheinen, aber das waren sie damals nicht: All you need is Love - Be here now und Do your own thing. Also, was du brauchst ist Liebe, Sei hier und heute und Tue deine eigene Sache. Das heißt, versuche, deinen Lebenskreis zu entwickeln, deinen Beziehungskreis, dein Beziehungsfeld, dein räumliches und zeitliches Beziehungsfeld, ohne das Heil zu erwarten aus den Metropolen. Nicht das Heil von irgendwelchen großen Planern erwarten...
Die Leute haben Ende der Sechziger versucht, ihre Wohnung nicht nur als eine Wohnmaschine, als eine bloße Schlafstätte zwischen den Arbeitsschichten, also als etwas Vorübergehendes anzusehen, sondern als eine wirkliche Insel in einer Welt, die sie vielleicht nicht mehr interessiert. Die Leute versuchten, ihre Wohnung als einen Lebensmittelpunkt zu gestalten. Sie saßen zusammen im Kreis um einen Teekessel, sie saßen zusammen um das Essen, das man irgendwie wieder bewußter wahrgenommen hat, man hat es wieder heilig genommen ... Die Leute versuchten wieder zusammen zu sitzen und sich zu überlegen, was eigentlich am Leben wichtig sei.
Eines der Phänomene ist zum Beispiel, daß der Gast nicht mehr eine Nebensächlichkeit war, oder etwas, das man rituell hat. Ich habe diese soziologische Untersuchung über Schweizer Bergbauern gelesen, also von leuten, denen man unterstellt, daß ihre Welt noch in Ordnung sei. Dann sieht man da Zahlen wie: 30% der Leute bekamen nie Besuch, weitere 10% oder 20% bekamen einmal im Jahr Besuch von Verwandten, denman dann auch erwidern mußte. Der Gast wurde in unserer Gesellschaft zu einem seltenen Ritual. Was ich nun in den neuen Gruppen erlebte war, daß der Gast zu einer Lebensnotwendigkeit wurde. Ich sah, man freute sich über Besuch, auch über unangemeldete ‘fahrende Schüler’. Die Gäste, die kamen, waren Reisende, die zuvor vielleicht in Mexiko waren, andere kamen aus Marokko, der Dritte aus Indien, oder Nepal. Was diese Leute in der Welt suchten, war der Sinn der Existenz, der Sinn, warum man zusammenwohnt. Also die jungen Leute gingen in die Welt, nicht, um wie es in den Zeitungen steht, Drogen zu kaufen, sondern um zu schauen, ob es nicht in Mexiko oder Afghanistan oder Marokko etwas gäbe, von dem man lernen könne, wie man zu leben hat. Ich kann euch sagen, ich habe in meinem Leben viele Bücher gelesen, immerhin war ich Bibliothekar, aber gelernt habe ich z.B. über die alten Völker von solchen Reisenden, die vielleicht nie studiert haben. Die kamen und erzählten über ferne Länder, sie erlebten und berichteten Dinge, die in keinem Buch stehen. Sie erfuhren um die Geheimnisse des menschlichen Zusammenlebens, sie sahen wie Leute Gäste empfingen, sie sahen, wie die Menschen miteinander verkehrten, was sie machten oder nicht machten, wie sie Tee kochten, wie sie einander grüßten. Sie lernten hunderte von Zusammenhängen kennen. Aber nicht so wie gewisse Ethnographen, die in ihren Studien in jeder vierten Zeile schreiben müssen, sie seien aber nicht so. Gewiß nicht, nein. Sie kommen zu den Eingeborenen, aber sie wollen, daß der Leser ihrer Dissertation keine Sekunde vergißt, daß da ein gelehrter Mann steht, der diese Eingeborenen beobachtet. Natürlich führen sich die Eingeborenen entsprechend auf. Stellt euch vor, es käme ein Chinese oder Indianer zu euch in die Wohnung, ohne anzuklopfen und würde sagen: ‘Ich wollte einmal studieren, wie sich die Eingeborenen in Europa eigentlich aufführen. Nun führt euch doch mal auf. Ich zahle euch auch eine Kleinigkeit dafür. Im übrigen stehe ich unter Polizeischutz und wenn ihr mir etwas antut, wird die Regierung böse”. Die Hippies durchbrachen diese gläserne Mauer. Unter ihnen waren sehr viele durchaus gelehrte Menschen, einige studierten ja auch anschließend an der Universiät weiter. Aber es waren auch viele junge Menschen, die nicht studierten. Sie besuchten diese Bewohner der dritten Welt nicht als Forscher, sondern als Lernende. Darum lernte man bei jedem Besuch in diesen Kreisen um die Teekanne, in diesen Kommunen. Man kann jetzt nicht formulieren, man solle so oder anders leben. Man kann höchstens sagen, daß man durch hunderte von Geschichten, die man dort von den Leuten, die versuchen, der unentfremdeten Kultur nachzugehen, etwas heraushören kann, das uns in unseren ganz eigenen Situation weiterhelfen mag”.

Klappe Franz, die 2.: Echt der Hammer!
 
Schließlich kam Franz wieder zu Wort. „Also isch les jetzt mal ein Gedicht vor und dazu muß isch sagen, daß ich in der Höhle unten ein Experiment gemacht habe. Ich hab jedem Menschen, der gekomme isch, nicht was vorgeredet, sondern was vorgsunge, weil es mir unheimlich auf den Wecker geht, so viel zu quatsche (Gelächter). I ha gesagt, wenn ich jetzt dieses Gedicht vortragen soll, dann werde isch des singe. So lange probier ich des, bis ich es hinkrieg ... (Singt:) Om ... Om ... (einige singen mit, atmen miteinander, con-spirieren im wörtlichsten Sinne): Om ...
Franz erhebt die Stimme mit Gusto;
Nun nahet Erdsternmai
schon singt sein Vogel, singet Himosal
beseelt sein Wirulei
Om ...
[...]
Drum: Lass fahren hin
was noch nit hören mag,
und komm, anheben komm urhungen Lebenstag!
Also: Garnimmermehr
zahmlahm Schönzukunft malen, nein;
Denn hier, ankünftig hier,
schon-schöner sein.
Das ist ja der Hammer!
Inbrünstig spielend,
wildwurtsellust -
urbildungslust - geschwellt,
trutz allem Trüben,
Lenem zu üben,
wie’s uns gefällt!
Das ist ehrlich der Hammer.
 
Leute, ich glaub’, wenn ihr den Franz gehört habt, dann habt ihr den Gräser gehört, wie er hier vor siebzig Jahren ... Das versteht ihr jetzt nicht alles, was da gesagt worden ist, aber das kommt noch ...”., prophezeite Hermann Müller.
       Während ich über Ascona sinniere, fällt mir im Wirtschaftsteil der Tageszeitung der Name Richard Müller auf. Auf einigen der Fotos von ‘78 ist der damals nette Naturköstler aus München direkt hinter Nadina und mir zu sehen. Nadina war damals seit ein paar Monaten meine Freundin - gerade haben wir unser 30-Jähriges gefeiert. Und Richard ist in der Tat jener Typ aus den Wirtschaftsseiten. Er ist in der NaturkostFirma Basic involviert, die von Lidl aufgekauft werden sollte/wollte. Ich mache ihn ausfindig und frage ihn nach seinen Ascona-Erinnerungen, die Gräser-gerecht kleingeschrieben kamen: „Ich war sehr erfreut in deinen chroniken authentisches zu finden, bezüge zu den wurzeln, die viele nicht mehr kennen wollen und auch lustiges was ich selbst fast vergessen hatte. Ich habe mich vor einigen jahren aus dem sogenannten operativen geschäft zurückgezogen hatte auch eine auszeit mit weltreise auch über polynesien nd bin seit einem jahr wieder berater von öko- und kultur-projekten im chiemgau, wo ich seit ca. 20 jahren mit meiner frau aneli - von damals, wir kennen uns seit 37 jahren (www.atelier-jungesblut.de) - lebe ... ich bin noch teilhaber an einigen firmen, da ich die letzten 30 jahre im öko-bereich mehrere projekte gestartet habe und auch relativ zuviel gearbeitet habe ...“
       Ich kontaktiere andere, die damals dabei waren oder von dem Treffen inspiriert wurden. Axel Dietrich ist inzwischen Architekt und freut sich, wenn seine Fotos recycelt werden. Sein Fotografenkollege Richard Maychrzak lebt seit 20 Jahren auf den Salomonen-Inseln in der Südsee. Das wär’ sicher auch was für Gusto gewesesen.
Ich glaube, wir sind nur ein Nebensatz der Natur
 
Nach drei Tagen war die Himmelswiesen-Party für die meisten Besucher, wie auch der Spuk für die Einheimischen vorbei. Ein paar von uns blieben noch etwas; um aufzuräumen, so der Plan. Doch dann Verblüffung: Da hatten Tausend Menschen drei Tage gefeiert und alles, was wir abschließend an Überbleibseln fanden, waren drei kleine Einkaufstüten voll Müll; ein paar Glasscherben und Kronkorken von den Feuerstellen. So etwas hatte ich wohl schon in England erlebt, daß nach einem einwöchigen Fest - The Trentishoe Earthfayre, u.a. mit Elster Silberflug - die Leute ihren eigenen Müll wieder mitgenommen (oder vergraben) hatten. Immer wieder schön zu erleben, daß so etwas machbar ist, auch wenn es einem daheim im Deutschreich niemand abnimmt. Sogar manche, die dabei waren, konnten kaum glauben oder einordnen, was sich hier abgespielt hat.
       Wie erlebt und gesagt, man kann große Feste auch dezentral, ohne Genehmigung und Plakate, Tickets, Kontrollen, Bühnen, Souvenirs und Toilettenwagen feiern. Erleichtert wird einem dies natürlich, wenn die einheimische Bevölkerung mitspielt bzw. einen gewähren läßt, was bei uns ja leider - sei es aus Erfahrung oder wg. Urängsten - eher selten ist. Aber die Menschen in und um Ascona haben ja schon lange Erfahrungen im Umgang mit Anarchisten, Barfüßlern, Vegetariern und Lichtsuchern, so daß die Hippies 1978 wohl nur eine kleine Ergänzung auf der Speisenkarte des fantastisch-phantasievollen Geistesmenüs Monte Veritàs darstellten. (Ich wollte unbedingt den Ausdruck ‘Fußnoten der Geschichte’ vermeiden).
       „Das Fest der Neo-Monteveritàner lud im Gedenken der Proto-Hippies zum «Tanz der grünen Kraft». Sergius Golowin beschwörte vor neuem Publikum den alten Traum des «dritten Weges». Nackte Hippies im Wald von Arcegno beschäftigten kurze Zeit die Tessiner Lokalpresse. Danach kehrte wieder Ruhe ein. Die Zweitauflage des Festes 1979 verlängerte das Revival nur unwesentlich.“ - so steht’s rückblickend in dem Buch über Schweizer Subkulturen, Walk on the wild side zu lesen.
       Guido und Patrick, zwei Metropolisten, berichteten damals im Münchener ‘Blatt’: „Vollversammlung, fünfhundert Menschen sitzen im Rund am Schnittpunkt des Pilgerpfades. Fünfhundert - sie wirken wie fünfzig, der Wald ist groß. Die Leute sitzen und warten, Sprache und Lachen schweben über dem Platz, es gibt nicht viel Organisatorisches zu bereden. Einer steht auf, nur mit einem Lendenschurz bekleidet, wiegt sich im Takt seiner Gedanken und erzählt von der Verklärtheit, seiner Begegnung mit diesem Wald, wir alle können von der Natur nur lernen, wir bräuchten uns nur darauf einzustimmen. Und wieder das ‘Om’ als die Möglichkeit des Einstiegs in die Synthese von Mensch und Natur, viele fangen wieder an zu summen, sie gehen, eine Gemeinschaft der Summenden, auf ihren Erlebnisrundgang entlang des Pilgerpfades. ‘The girl can’t help it’ rutscht mir halblaut über die Lippen - du bist intolerant, wird mir entgegnet - ich bin verwirrt, schäme mich, bin still, um mich herum die om-schnappenden Fischmäuler der Toleranten des Wassermannzeitalters. Sie sind so sicher, haben ein Ziel. Ich bin unsicher und weiß nicht, wie mein Ziel ausschaut. Sie haben viel mit mir gemeinsam, aber ich so wenig mit ihnen. Ich steige mit denen, die ich kenne, hinauf zum Erdaltar am Hia-Hia und genieße das Sonnenbaden.
       Drei Tage Fiesta Monte Verità, drei Tage gemeinsames Leben in den Wäldern. Tätigkeiten werden zur Selbstverständlichkeit: Ein Loch graben um zu scheißen; in einer verrußten Aluminiumdose Wasser kochen; zur morgendlichen Dusche nackte Menschen am Wasserfall, die selben wie später beim Sonnenbaden auf dem Berg. Abends Feste mit Tanz und Musik, ohne elektrische Hilfsmittel. Drei Tage. Dann ziehen die meisten weiter. Der Berg wird wieder still. Wir bleiben einen Tag länger, steigen bei der Abenddämmerung hinauf zum Erdaltar, setzen uns, schauen dem Himmel beim Dunkelwerden zu, unter uns der dunkle Wald, aus dem kahle Felskuppen wachsen. Auf einem Felsen sitzt ein Gitarrist, seine Akkorde klingen klar zu uns herüber. Eine Kultur auf dem Rückzug. Wir waren da, die Felsmalereien beweisen es ebenso wie die Steinzeichen am Wegesrand. Ich empfinde das Spiel der Gitarre als klagend, verfange mich im Flug der Schwalben, die rußflockengleich über den Berg treiben. Es war schön, die Tage der Befreiung, doch die Vergangenheit bleibt. Erich Mühsam für immer von den Faschisten geschändet und Gusto Gräser verreckte kläglich in den Städten. Meine Befangenheit ist geblieben. Die Sonne scheint auch über den Trabantenstädten, den Knästen und den Fabrikhallen”.
 

Abschließend noch eine Anekdote von Sergius:
„Also das, was ihr hier heute macht, haben die Morgenlandfahrer vor Jahrhunderten und vielleicht vor Jahrtausenden auch schon gemacht. Und das ist sehr lustig. Als das vor Jahren hier wieder anfing so mit Treffen in den Bergen, da kamen Indianer rüber, von den Hopis, und sie fragten uns, ob es da irgendwo Felszeichnungen gäbe. Bei ihnen hätten die Propheten seit Jahrhunderten erzählt, alles fange wieder an, wenn man wisse, daß überall auf der Welt auf den Bergen Zeichen seien, die beweisen, daß die Menschen seit Jahrtausenden auf die Berge gingen. Dann sagten wir dem Hopi, so etwas gäbe es doch in Val Camonica, eben solche Felszeichnungen. Und er ist dahin gegangen und kam zurück und sagte, ‘Es ist alles in Ordnung’, alles fange wieder von vorn an. Ich glaube, wir sind ein Nebensatz der Natur.
 
Und das ist eine schöne Geschichte”.
 

Für Nadina.
Mit der ich damals auf der Himmelswiese unsern ersten Sommer erlebte.
Und nun den dreißigsten.
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