1300 x lebenslänglich plus XXL Jahre Haft allein für mich - und für Dich??
Werner Pieper berichtet aus Toronto von der
2. Int. Conference on the prisoners of the war on drugs
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1300 x lebenslänglich plus XXL Jahre Haft allein für mich - und für Dich??
Werner Pieper berichtet aus Toronto von der
2. Int. Conference on the prisoners of the war on drugs
Das glaubt einem wieder keine Sau:
Bei der 27-jährigen Melinda George fand man 0,1 gr, also 1/10tel Gramm Kokain. Nun muß sie 126 Jahre alt werden, um ihre Strafe absitzen zu können. Viele US-Amerikaner müssen jedoch ungleich älter werden, um einen freien Tag erleben zu dürfen. Nein, das glaubt einem niemand. Es schmerzt, von einer Reise zurück zu kehren und bei seinen Erzählungen über diese unmenschliche TerrorJustiz auf eine Mauer des Unglaubens zu stoßen.
Unter was für Drogen stehen eigentlich US-amerikanische Richter? Irgendwie muß das teuflisches Zeugs sein, denn ihr Handeln scheint nicht von dieser Welt. Zwei weitere Beispiele:
- Daniell Metz, 31 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern. Bei ihrer Festnahme hieß es, man habe ihr nichts vorzuwerfen, man suche nur ihren Mann. Sie solle ihnen, den Bullen, alles sagen, was sie wisse, dann sei sie eine freie Frau. Sie wußte nichts und sagte nichts und bekam dreimal lebenslänglich plus 20 Jahre Haft. Nochmal, damit du sicher bist, keinem Druckfehler aufgesessen zu sein: 3 x lebensläglich plus 20 Jahre! Ohne, daß ihr ein krimineller Akt auch nur vorgeworfen wurde.
- Alles was gegen Perry Adron McCullough vorlag, war die belastende Aussage eines vierfach Vorbestraften, der eine drohende lebenslange Haftstrafe durch andere belastende Aussagen auf vier Jahre verkürzte. McCullough habe Kokain geschmuggelt, sagte er aus. Das reichte, um den zweifachen Vater McCulough für 189 Jahre und 8 Monate hinter Gitter zu bringen.
Ich habe an rund 1300 Tagen in meinem Leben gedealt, pro Tag etwa genügend, um nach solchen Rechnungen Lebenslänglich zu erhalten. Macht 1300 x lebenslänglich plus ein paar Jahre. Was schätzt du ein, wieviel du nach diesem Raster für deinen Konsum bzw. die Weitergabe im Freundeskreis absitzen müßtest?
Irgendwie scheint mir die Birne zu platzen ob all dieser Infos, die meine Hirnzellen in tiefe Verwirrung stürzen. Zorn und Hilflosigkeit übermannen einen in Schüben.
Noch eine Frage an den Leser: Erzähl du mir einmal, wie man mehrfach lebenslänglich plus X Jahre ‘erleben’ will, ganz abgesehen von der Absurdität der Verhältnismäßigkeit? Wieviele Menschen müßte man bestialisch umbringen, um auf ein ähnliches Strafmaß zu kommen? In Friedenszeiten viele. Aber in den USA herrscht Krieg, ein Bürgerkrieg: der sogenannte War-on-Drugs, der Drogenkrieg. Um die Opfer dieses Krieges ging es unter dem Motto Kein Knast für Drogen, bzw. No Prison For Drugs, bei der 2. International Conference on the prisoners of the war on drugs, die am 20. und 21. März 1999 an der York Universität in Toronto, Kanada, stattfand. Hanf!-LeserInnen werde sich erinnern: die erste Konferenz dieser Art finanzierten 1996 in Heidelberg die MedienXperimente, dieses Mal übernahm das die Hugh Heffner Foundation (=Playboy Magazine). Es wurde netterweise auch unser altes Kein Knast für Drogen Motiv von Walter Hartmann übernommen. Schon 1996 als treibende Kraft dabei: John Beresford, vom Committee on Unjust Sentencing aus Los Angeles, der diesesmal das Colloquium Committee of the Department of Sociology der York Universität als Veranstaltungspartner gefunden hatte.
Die York Universität, Heimstatt von über 50.000 Studenten, liegt etwas außerhalb Torontos. Der große Hörsaal gab einen würdigen Rahmen, auch wenn viele Zuschauersitze leer blieben. Dafür kamen viermal so viel Sprecher wie in Heidelberg zu Wort, von denen ich leider der einzige nicht-amerikanisch/kanadische war. Aber wir kennen ja die Amis, die z.B. im Baseball die eigene Meisterschaft zur Weltmeisterschaft hochstilisieren. Und natürlich reagieren die Medien ganz anders, wenn ein Welt-Event angesagt ist. Und die Medien waren, im Gegensatz zur Heidelberger Konferenz, vertreten. So mußte/durfte ich in drei TV-Interviews bzw. einer Talkshow Europa vertreten (Toronto Kabel TV, CBC, Gobal TV). Das diese durchaus gesehen wurden bewies, daß ich Tags drauf im Cafe & Supermarkt wiederholt angesprochen wurde: “Hey, I’ve seen you on TV last night. Right on!”
Die Konferenz begann mit einem Ritual eines wahren Einheimischen, Ernie Sandy vom indianischen Bear Clan der Ojibway Anishinabe. Er sprach ein Gebet in seiner Sprache, dankte den Großmüttern und Großvätern, verbrannte SweetGras und erinnerte uns, direkt aus dem Herzen zu sprechen, denn nur dort finde man wahre Gerechtigkeit.
“Meine Menschen sind Gefangene im eigenen Land, seit die Europäer gekommen sind. Unsere Familien wurden getrennt, die Kids zwangsweise in Schulen gesteckt, deren höchstes Lernziel die Beziehungslosigkeit war ...”. Ernie redet lieber vom Heilungsprozeß als von Bestrafung, wenn es um Menschen mit Problemen geht. Ihm ist klar, daß ein Healing Circle nur bei Freiwilligkeit und innerhalb einer Gemeinschaft klappen kann. Zu den Spielregeln eines HeilKreises gehöre es, daß der Mensch
1. als Person gesehen und anerkannt wird,
2. angehört wird,
3. ihm geglaubt wird,
4. ihm klar gemacht wird, daß man ihm vertraut,
5. sich im Kreis sicher und geborgen fühlt,
6. liebevolle körperliche Berührung erfährt,
7. ihm erlaubt wird, einen Platz in unserer Gesellschaft einzunehmen ...
Mein Einwand, daß man ihn mißverstehen könne, daß in vielen Fällen nicht ein inhaftierter Kiffer, sondern die Lakeien der UnJustiz einen Healig Circle bräuchten, wird von ihm akzeptiert und vom Auditorium heftig begrüßt.
“Don’t let them take your heart!”, gibt uns Ernie noch auf den Weg, und dann übernimmt John Beresford das Wort.
Die Wachstumsindustrie: Jede Woche ein neuer US-Knast
Schon bei der Vorbereitung der Heidelberger Konferenz war John und mir klar, daß es bei dieser Aktion (noch?) nicht um Europa geht, sondern um die USA. Nicht um Feindbilder, sondern um den Feind: Die US-Justiz und die ausführenden Polizeikräfte. Am Ende der Heidelberger Konferenz stand die dort einstimmig verabschiedete und in der Hanfpresse mehrfach abgedruckte Heidelberger Deklaration. Damals gab es einige Opposition gegen unsere Formulierung: Wir hoffen auf Frieden. Wie wichtig jedoch dieser Drogen-Frieden ist, zeigen die Statistiken aus den USA. Hier sitzen zur Zeit 600.000 Menschen wg. sogenannten Drogenvergehen im Knast, wenn man die Beschaffungskriminalität hinzunimmt, sitzen geschätzte 70% aller Knastologen wegen drogenbezogener Delikte.
Jedes Jahr kommt es zu 700.000 Festnahmen wegen Marijuana allein, 1997 waren es 1.200.000 Festnahmen wegen direkter Drogenvergehen, 73% mehr als noch 1992; d.h. alle 20 Sekunden wird in den USA jemand wg. Drogen festgenommen. Zur Zeit wird jede Woche ein neuer Knast fertiggestellt. Die inzwischen private Knastindustrie hat Zuwachsraten, von denen andere Industriezweige nur träumen können. Voll im Trend: Texas. Hier saßen in den 70er Jahren rund 40.000 Menschen im Knast; 25 Jahre später waren es 140.000 und für das Jahr 2000 peilt man 200.000 an.
Aber nicht nur Dröglern geht es in Texas an den Kragen, sondern allen, die sich an ekstatischem Sex, Drugs & Rock’n’Roll ergötzen, wie folgende Beispiele beweisen:
- Konzerte des SchockRockers Marilyn Manson werden vermehrt untersagt, Ansammlungen von mehreren Manson-T-Shirt-Trägern werden unter dem Conspiracy-Law (‘Verschwörungs- bzw. Bandengesetz) untersagt.
- Im März ‘99 wurde eine Mutter in Ford Worth zu zehn Jahren Haft verurteilt, weil sie ihre beiden Töchter beim Sex mit ihrem Mann zuschauen ließ und sie ermunterte, sich selber zärtlich zu berühren.
Im Durchschnitt sitzen in Europa wie in den USA 25% aller Inhaftierten wegen Drogen; in Frankreich sind es 33%, in Kanada nur 9%. Bei diesen Zahlen handelt es sich um direkte Drogenvergehen, nicht um Beschaffungskriminalität o.ä. Man geht im allgemeinen davon aus, daß 1%-5% aller Täter erwischt wird.
Zum Vergleich ein paar Zahlen aus Deutschland:
Das Bundesministerium der Justz teilte mir mit, daß
- am 31. März 1991 insgesamt 4282 Personen im Zusammenhang mit Verstößen gegen das BetäubungsmittelGesetz in den Haftanstalten der BRD einsaßen, die den Steuerzahler pro Kopf & Tag 171,27 DM kosteten. Damit betrug der Anteil der BTMG-Fälle an allen Inhaftierten 11,4%.
- Am 31. März 1997 waren es 6870 Personen, also gab es inerhalb vom sechs Jahren eine Steigerug von über 50%.
Bei den für 1991 genannten Kosten handelt es sich ausschließlich um den Knastaufenthalt. Weitere Angaben, z. B. über weitere Kosten des BetäubungsmittelGesetzes, wie dem Polizeiaufwand und den Justizkosten
konnte oder wollte man nicht machen. “Statistische Angaben zur durchschnittlichen Verweildauer liegen wie ihnen bereits 1996 mitgeteilt für diese Strafgefangenen und alle anderen nicht vor. Die Frage, ob sich an den Kosten etwas geändert hat, kann nicht beantwortet werden, da nicht erkennbar ist, welche Kosten Sie in diesem Zusammenhang meinen ...”. Ich hatte um die Gesamtfolgekosten des BtmG gebeten ...
Der sehr kooperative Pressesprecher der Polizei Heidelberg, Herr Kurzer bestätigte mir, daß es heute einen Trend zu Drogentätern aus dem ehemaligen Ostblock gäbe. Nach wie vor fallen vor allem Türken bzw. Kurden als Schmuggler und Dealer auf, aber Albaner, Russen, Polen, Jugoslawen und Bulgaren holen stark auf.
In Toronto erfuhr ich mehr über die gobale Entwicklung der Knastsituation. Nach dem 2. Weltkrieg ging die Zahl der Inhaftierten überall zurück. Beispiel Holland: Waren 1945 noch 90 von 100.000 Menschen inhaftiert, waren es 1975 nur noch 17. Dann kehrte sich der Trend, nicht nur hier, um. Heute sind die Holländer wieder bei 60 Inhaftierten, Tendenz steigend.
In Rußland hat sich die Zahl der Inhaftierten in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt!
Als einziges Land steuert Finnland diesem Trend entgegen, dort gehen die Zahlen auch heute noch zurück.
Wie kam es zu diesem globalen Trend? Dafür nannte Ott mehrere Gründe
1. Gab man vormals vermehrt gesellschaftlichen Umständen eine Mitschuld, wird heute ausschließlich das Individuum für eine Tat verantwortlich gemacht.
2. Die wirtschaftliche Entwicklung-
3. Die Medien brauchen die Kicks. Knast ist ein starkes Symbol.
4. Der Druck rechter politischer Vereinigungen.
5. Viele Menschen, die vormals in psychatrische Behandlung kamen, werden nun inhaftiert.
Kasten:
Zahlen in $ und Menschenleben:
Ein Professor in den USA verdient im Durchschnitt 41.000$
Ein US-Knastwärter kommt im Durchschnitt auf 51.000$.
Zur Zeit befinden sich 140.000 Frauen im US-Knastsystem, das sind dreimal soviel wie vor zwanzig Jahren, fünfmal so viele wie noch 1988.
Ist im Durchschnitt jeder 20. Amrikaner afrikanischer Herkunft, so ist jeder vierte inhaftierte AfroAmerikaner. Heute sitzen 500 mal mehr afroamerikansiche Frauen im Knast als noch 1988.
Und, wenn das nicht dein Herz bricht mußt du wohl ein Kaltblütler sein: 2,5 Millionen Kindern fehlt mindestens ein Elternteil wg. Haft. Gleich, auf wen sie sauer sind, Vater oder Staat, man kann sich kaum vorstellen, daß aus ihnen einstmals brave folgsame Bürger werden.
Was treibt John Beresford zu seinen Aktionen gegen den War-on-Drugs?
John lebt heute als pensionierter Psychiater in Los Angeles. Anfang 1962 bezog er 1 Gramm LSD direkt von Sandoz, die korrekte Bezeichnung auf der Rechnung: Lot No. H-00047. Er war damit der erste Privatmann, der solch eine Menge LSD zur Verfügung hatte. Er teilte es auf, tropfte es in Portionen auf Zuckerwürfel und erfand damit den Ausdruck ‘Dropping Acid’. Von diesem LSD bekamen viele freigeistige Tripper der ersten Stunde, wie Allen Ginsberg, Timothy Leary und Donovan ihre Dosis ab. (In dem von Peter Stafford herausgegebenen Buch ‘Magic Grams’ erzählen ein Dutzend der ersten Tripper von diesen Erfsahrungen). Es mag die Verantwortung für diesen Deal sein, die seine heutigen Aktionen mit fördert, doch gab es in seinem Leben eine weitere Episode, die ihn seit früher Jugend für gesellschaftliche Verirrungen sensibilisierte. Als 14-jähriger besuchte er 1938 zwei Wochen lang eine Familie in NordDeutschland. Lange Zeit verdrängte er jenes grundlegend ungute Gefühl, daß er damals empfand. Erst als er 1993 anfing, POWs (prisoners-of-war = Kriegsgefangene) in amerikanischen Gefängnissen zu besuchen und ihre schier unglaublichen Leidensgeschichten hörte, kam jenes unbeschreibliche Gefühl der Paranoia von 1938 in Nazi-Deutschland wieder hoch. “Aber ich habe Gründe, optimistisch zu sein. Die Deutschen wußten 1938 nicht, welchen Preis sie für ihr Leben in ‘Nazi-Sicherheit’ zahlen würden. Zurückschauend wissen wir heute, was geschah. Falls es uns gelingt, der Redewendung ‘Freiheit und Gerechtigkeit für alle’ wieder Geltung zu verschaffen und den Kriegsgefangenen im Drogenkrieg zu Freiheit zu verhelfen, können wir diesen Juggernaut aufhalten. Falls nicht, können wir niemanden als uns selbst die Schuld für jenes gesellschaftliche Unheil, daß hinter der nächsten Ecke lauert, in die Schuhe schieben.”
Neben seiner Arbeit für das Committee on Unjust Sentencing baut John Beresford in L.A. das Albert Hofmann Museum auf und steht mit vielen Inhaftierten in persönlichem und brieflichem Kontakt. Für das Museum hat ihm Sandoz z. B. alle Unterlagen von Alberts Psilocybinforschung gespendet, eine ganze Regalwand voller Aktenordner.
Angst ist der Vater des Hasses - Ignoranz die Mutter
Jonathan Ott, in Deutschland als Autor des Buches Ayahuasca Analoge (Edition RauschKunde) bekannt, lebt als US-Amerikaner im selbstgewählte mexikanischen Exil. Er möchte das US-Regime nicht mit seinen Steuern unterstützen.
‘Schamanismus lebt’, ist seine Botschaft. Schamanismus bringt uns der Ekstase, einem Zustand, in dem das Universum eher als Energie denn als Materie erfahren wird, und der dem Menschen schon seit Jahrtausenden als ein Pfeiler des archetypisch religiösem Erlebens dient, näher. Das Menschen, die diesen Zustand suchen, von gnadenlosen Regierungen erfolgt, ja lebenslänglich inhaftiert werden können, verwirrt und erzürnt Ott.
Der Prototyp des Krieges jener Kräfte, die gerne Kontrolle über ihre Mitmenschen ausüben begann laut Ott 186 v.d.Z. mit den Baccernalien und erlebte einen ersten Durchbruch im 4. Jahrhundert nach der Zeitenwende. Beim Konzil von 323 wurden christliche Dogmas erstellt, die Heidentempel enteignet. Beim 2 Konzil von Konstantinopel, 381 wurden die geistigen Daumenschrauben enger gezogen, und im Jahr 391 jegliche ‘heidnischen’ Religionen untersagt. 395 erfolgte das Verbot der Eleusischen Mysterien. Zeitgleich mit dem Verbot eines bewußtseinserweiternden Sakramentes erging das Verbot der entsprechenden Musik und Tänze.
Einen weiteren Schritt in diese Richtung machte das Christentum im 16. Jahrhundert. Vormals diente das mit Entheogenen versetzte Sakrament dem Gläubigen zur Erlangung der Ekstase, dann jedoch wurde aus dem Wein ein Placebo an das man Glauben mußte, ohne eigene Erfahrungen der Gottesnähe machen zu dürfen.
Parallel dazu erklärte Paracelsus die alte Tradition der Medizin für überholt und verbrannte 1541 die lateinischen Medizinalschriften. Eigenes Erleben statt Dogma hieß die Devise. In Gabon, Afrika kam es dagegen um 1850 zu einem Revival der Entheogene, u.a. durch den religiösen Gebrauch von Ibogain bei den Pygmäen, einer spirituellen Richtung, die heute mit 2 Millionen Anhängern zur Staatsrelegion aufgestiegen ist. In den Amerikas (Nord- und Süd-) kam es Anfang dieses Jahrhunderts zu Versuchen, Kirchen zu gründen, die auf dem Sakrament von Peyote oder Ayahuasca aufbauen. Unter diesen historischen Dimensionen bekommt der Drogenkrieg einen ganz anderen Stellenwert.
Natürlich geht es nicht allein um Ekstase, es geht auch um die Angst vor dem oder den Fremden. Alles wäre einfacher, wenn die chinesischen Arbeiter im vergangenen Jahrundert und die Mexikaner in diesem nur saufen würden. Aber nein, sie bestanden darauf, ihre eigenen traditionellen Substanzen einzuführen. Wenn es nach einer Großzahl der weißen und protestantischen Amis ginge, müßten alle anderen Menschen einfach weiß und protestantisch werden, dann gäbe es keine (Drogen-)Probleme mehr. Das klingt zu naiv? Das ist ja gerade das beängstigende. In den 60er Jahren surften rebellierende junge Weiße auf einer Drogenwelle. Heute schwappt die Drogenwelle über arme Immigranten, für die es keine Arbeit mehr gibt. Sie werden nicht mehr gebraucht. Das HighTech-Zeitalter erfordert entsprechende Jobs, und damit sind viele Immigranten überfordert.
Clifford Thornton, der afroamerikanischer Gründer einer Hilforganisation:
“Es geht doch nicht um Drogen, es geht um Macht und Kontrolle. Um die zu erlangen ist ein Krieg gegen Drogen ideal. So ein Krieg kann weder gewonnen noch verloren werden, aber man kan viel daran verdienen. Vor allem, wenn man einen Fuchs zum Chef der Hühnerfarm macht.
1790 kostete ein Sklave $3000. Heute erwirtschaftet ein kriegsgefangner Drögler einen Profit von $30.000 im Knast. Es ist perfide, wie dreist die neuen Gefängnisse in der Nähe von Industrien angesiedelt werden, die billige Arbeitskräfte brauchen, gleich ob es um die Raketen- oder die Jeansindustrie geht. Die Gefangenen werden nach ihren Fähigkeiten eingewiesen ... Es gibt zweierlei Arten der Gewalt: Die Gewalt der Herrschenden und die Gewalt der Sklaven die sich ihrer Ketten entledigen”.
Dieses ganze RapGetue mit dicken Goldketten und teuren Turnschuhen, die sich keine normale Familie leisten kann, all das ist doch die reinste Propaganda für arme Farbige, es mit Dealen zu versuchen. Denen wird beigebracht, daß Weiße Teufel sind, die ihnen allemal keine Chance gäben. Was von den Arbeitslosen- und Knast-Statistiken durchaus bestätigt wird. Also wird gedealt und geprotzt bis zum frühen Tod oder bis zur Inhaftierung. Für viele arme Kids aus dem Ghetto enthält die Dealerei ein größeres Suchtpotential als Crack. NeoSklaven an goldenen Ketten.
Verblüffend aber auch die Parallelen der Drogenprohibition zur Musikzensur in der Welt. Im vergangenen November war ich in Kopenhagen, dort fand im Gebäude der WeltGesundheitsOrganisation die 1. Int. Konferenz über Musik & Zensur statt. In vielen Ländern der Erde wurde und wird Musik zensiert, als ob es sich um eine Droge handele, es greifen die selben Mechanismen. Auch bei uns wurden bestimmte Musiken und Tänze schon vor 600 Jahren untersagt, da sie das normale Volk in ekstatische Zustände versetzen könne ...
Privatknasts: Gewinnbringende Seelensilos
Inzwischen werden Privatknasts in den USA schon auf Vorrat gebaut. Waldenbrook, der Marktführer, gehört mit seinen Super-Zuwachsraten an der Wallstreet zu den Top 5 der aufsteigenden Industrieunternehmen. In England wurden letzthin die ersten drei Gefängnisse nach amerikanischem Vorbild eingeweiht und schon ist die Presse voller Skandale. Bei uns planen Hessen und Hamburg private Haftanstalten - weil der Staat, bzw,. die Länder, dadurch viel Geld sparen würden.
Derweil werden die US-Gesetze immer absurder. Wenn ein Kid im Keller Marijuana anbaut, kann dem Vater das ganze Haus wegkonfisziert werden. Es gibt verbriefte Fälle, daß Häuser und Autos und Jachten eingezogen wurden, nur weil deren Besitzer einem Dealer kurzfristig sein Telefon überlassen hat. Ganz zu schweigen von beschlagnahmten Bargeldsummen. Die jeweilige Polizeibehörde verdient an diesen Aktionen heftig mit. Wieviel Kohle dabei in die eigenen Privattaschen fließt, darüber kann man nur spekulieren, denn kaum ein Dealer wird sich beschweren, wenn vor Gericht plötzlich ein paar Tausend Dollar fehlen.
Der offizielle Etat des Drogenkrieges beträgt 1999 ganze $60 Milliarden, ganz abgesehen von versteckten Sonderposten etc. Nur eine wohlhabende Polizei ist eine ‘unabhägige’ Polizei. Deren Unabhängigkeit wächst permanent und Drogen sind ihnen dabei die größte Hilfe. Das erklärt auch durchaus, warum seit einigen Jahren immer mehr Drogenkonsumenten und immer weniger Dealer gebustet werden. Konsumenten bedeuten mehr Geld, ein gebusteter Dealer jedoch steht für eine versiegte Geldquelle. Get it? Und wenn schon, wird ein Dealer erst gebustet, wenn er sein Geld hat. Was für ein ‘Horrorszenario’, wenn dieser Drogenkrieg eingestellt würde: leere Gefängnisse, ungezählte Arbeitslose ...
Ein Anwalt berichtete von einem Fall aus dem Jahr 1992, der selbst einigen Amerikanern zu weit ging. Ein anonymer Anrufer erzählte der Polizei von ein paar Hanfpflanzen auf dem 250 acres großem Gelände des Millionärs Donald Scott in Westwood, Kalifornien. Die Polizei startete eine Razzia im Morgengrauen. Donalds Frau erwachte vom Lärm, ging an die Tür und schon hatte sie den Lauf einer Knarre am Kopf: “Bitte erschießt mich nicht!” schrie sie, nicht ahnend, daß die Einbrecher eigentlich Polizisten waren. Aus den Augenwinkeln sah sie ihren Mann mit einer Karre die Treppe runterkommend. Er hatte keine Zeit mehr, sie abzulegen. Aus zwei Polizeiknarren fielen drei Schüsse und Donald war tot. Pech für die Bullen, daß sich auf dem gesammten Gelände nicht eine Hanfpflanze befand. Das wär ein profitabeler Fang gewesen. So gab es nur einen weiteren unschuldigen Toten in diesem Krieg, der etliche ähnliche Tragödien über unschuldige Familien gebracht hat, bringt, und weiterhin bringen wird. Welch ein Zufall, daß die Behörden Donald Scott ein Teil seines Geländes abkaufen wollten und die Razzia eingefädelt wurde, als dieser sich weigerte, zu verkaufen.
Ich kann niemandem verübeln, wenn er sich weigert, diese Geschichten zu glauben. Anderseits liegen für diese Stories ganz klare Beweise vor. Ex-Psychiater Beresford redet von einem Borderline-Symptom: die ganzen US gehörten eigentlich in psychiatrische Behandlung. In diesem Land reicht es mitunter schon, am Flughafen ein Ticket in bar zu bezahlen, um sich der Geldwäsche verdächtig zu machen. Aufgepaßt!
Von der Heimatfront
In meinem Beitrag erzählte ich von der Geschichte der Grünen Hilfe, der 1. Konferenz in Heidelberg (Wer hat damals eigentlich schon tagsüber im Veranstaltungsraum geräuchert und getrommelt? Nochmals unbekannterweise Besten Dank!), von Eva Gorig, der Hanfpresse, den positiven Trends in Belgien, Frankreich und England; unterstellte Außenminister Fischer, daß er sich noch daran erinnert, mal inhaliert zu haben (und dankte Gesundheitsministerin Fischer, die in ihrer taz-Zeit meine Drogenkolumnen korrigierte).
Den größten anerkennenden Dank erhielt ich für das Entzünden einer Kerze, for those in the dark. Ich berichtete von den drakonischen Strafen für den Genuß von Tabak und Kaffee bei unseren Altforderen; von der Verantwortung des Dealers, von seiner Sozialarbeit, der Freundschaft und dem Vertrauen, die sich zwichen Dealer und Konsumenten entwickeln müsse und dem Deal for Real.
Ich erzählte von unserer Dankbarkeit, daß uns die Amis 1945 von dem bösen System der Nazis befreit und uns anschließend mit Sex, Drugs & Rock’n’Roll
umerzogen hätten. Und daß ich ja nicht undankbar erscheinen wolle, aber mit dem Vietnamkrieg hätten sie bewiesen, daß auch sie ein übles System darstellen, daß wir Europäer um keinen Preis in der Welt übernehmen möchten. Der politische Druck der USA auf die Restwelt, ihre Polizeiobermachtstellug zu akzeptieren ist groß, aber wenn die EU einen Sinn hat, dann den, diesem Terrorsystem paroli zu bieten. We wont have it!
Abschließend wollte ich noch das bewegende Gedicht von Amber Marks vortragen, daß sie nach einem Knastbesuch bei ihrem Vater schrieb, aber ich bekomme davon keine fünf Zeilen über die Lippen, ohne in heftige Tränen auszubrechen. Bitte versuche du einmal, es laut zu lesen (Abgedruckt in ‘Mr.Nice’ und der ‘Grünen Hilfe Fibel’).
Muß man krank sein, um kiffen zu dürfen?
Am Tag vor der Konferenz beherrschte ein Thema die Titelseiten der US-Zeitungen wie USA Today: Pot can be medicine. Eine offizielle Regierungskomission hatte herausgefuinden, was für uns alle nichts Neues ist: Hanf ist ein Heilmittel. Allerdings wird Marijuana keine große Chance gegeben, da es ja schädlich sei, zu rauchen. Diese Paranoiker. Lester Grinspoon erzählte in seinem Vortrag von der ‘beautiful machine’, die er gerade in Deutschand getestet habe, dem Aromoizer-Vaporiser der Heidelberger Company ‘Research & Experience’. Nun, das ging mir natürlich runter wie Butter, schließlich steckt hinter jener Firma mein ältester Freund Frank, den mein DealerMeister & ich 1969 aus seiner alten Heimat kidnappten. Aber das ist eine andere Geschichte. Und in Toronto teilte sich der Chronist ein Appartrment für Gastprofessoren mit Hanf!-Preisträger Lester.
Sowohl Lester wie auch Jonathan Ott warnten berechtigterweise davor, Marijuana zu einem bloßen Heilmittel verkommen zu lassen. “Man muß doch nicht krank sein, um es genießen zu können.” Wenn man anderseits bedenkt, daß wir alle Mitglieder einer kränkelnden Gesellschaft sind und Cannabis das beste UniversalHeilmittel fürs Gemüt ist ... dann braucht man manchmal seine ambulante Heilung ...
Ausgezeichnete Kämpfer für einen Drogenfrieden
Am Samstag Abend wurden die Awards des Committee on Unjust Sentencing verliehen. Die Preisträger: drei Inhaftierte; darunter zwei weibliche Deadheads, Karen Hoffman und Beckie Stewart (z.Zt. sitzen noch über 1000 DeadHeads, obwohl sich die Grateful Dead ja schon lange aufgelöst haben); sowie Robert Dunckley, ein Afroamerikaner, dessen Staatsanwalt, Richter und Geschworene mehrheitlich Mitglieder des KuKluxKlan waren und ihm 40 Jahre aufbrummten.
Außerdem:
- Nora Callaham, die Gründerin der November Coalition, einem Zusammenschluß von Familienangehörigen wg. Drogen inhaftierter. Ihr Bruder bekam 27 Jahre. Dieses Urteil öffnete ihr die Augen und nun tritt sie offen gegen diese Drogenkriegsfront an. “When a loved one is doing time, you are doing time”. Eine Art amerikanische Eva Gorig.
- Dr. Lester Grinspoon für seinen Einsatz für einen in Kuala Lumpur zum Tode verurteiltem Hänfling (der auf Grund von Lesters Einsatz frei kam).
- Rosie Rowbotham. Er wurde zweimal mit Tonnen libanesischem Haschischs erwischt und saß deswegen an die zwanzig Jahre im Knast. Heute ist er Moderator einer beliebten TV-Talkshow, mit durchschnittlich 2,3 Millionen Zuschauern. In dieser Show spricht er immer wieder das Thema des War-on-Drugs und andere Mißstände im Rechts- und Knastsystem an. Sein Partner-in-crime dealte übrigens seinerzeit auch mit Howard M. Small world.
Die Preisverleihung, mit Umtrunk, gemeinsamem Essen (& Reefers outside) war ein würdiger Akt, bei dem überraschend viel gelacht wurde. Alle Preisempfänger überschüteten uns mit Anekdoten, Lester Grinspoon hatte z.B. sein öffentliches Comeout als Kiffer. Nachdem er sein erstes Buch über Cannabis geschrieben hätte, habe er sich entschlossen, es auch einmal zu versuchen. Es kam zu mehreren Versuchen, bei denen er nichts spürte. Bis er schließlich eines Tages von seinen Kids ‘Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band” vorgspielt bekam. Bingo! “Hey, that stuff isn’t addictive, but learning about it is!”. Schließlich erhielt John Beresford für seine unermüdliche Arbeit eine verdiente standing Ovation. “Was ich mache ist doch ganz normal. Naja, sollte ganz normal sein”. Genau, John. Für die rund drei Dutzend Referenten und Preisträger scheint dies aus eigener Erfahrung normal zu sein. Aber wie steht es mit dir?
Das Licht am Ende des Tunnels muß nicht unbedingt ein entgegenkommen der Zug sein
Wie kann man diese Situation zum besseren, menschlicheren, verändern? Das war die alles überdeckende Frage während der zweitägigen Konferenz. Ein Lösungsansatz kam von Michael Cutler, einem Anwalt. Er hat untersucht, wie es zu der Beendigung der Alkohol-Prohibition 1933 kam und Verblüffendes festgestellt. Waren die Protestantisch/puritanischen Frauenverbände federführend bei der Einführung der Prohibition gewesen, so übernahmen sie auch eine Vorreiterrole bei der Beendigng derselben. Grund: Sie erkannten, welche verheerende Auswirkungen die Prohibition auf die Familien hatte. Es wurde weiter gesoffen, aber die zusätzliche Kriminalisierung zerstörte unzählige Familienleben - so wie der Drogenkrieg heute, bis die Frauen auf die Barrikaden gingen.
Auch die Anwälte waren offensichtlich instrumental bei der Beendigung der Alkohol-Prohibition, sorgten sie doch mit für den Umschwung der öffentlichen Meinung, indem sie gezielt die Presse über die skandalösen Zustände der Gerichte und Gefängnisse und die Folgekriminalität inkl. der Bandenverbrechen und Polizeikorruption aufklärten.
Auch heute gibt es viele Richter, die sich gegen die vorgeschriebenen Mindeststrafen im Drogenkrieg aussprechen, es hilft ihnen nichts. Neue Pläne schlagen lebenslänglich für jeweils 100 Konsumeinheiten einer illegalen Droge vor. Manche Strafen werden auch nach Drogengewicht gefällt. Wie diese Gewichte errechnet werden, ist Sache der Staatsanwaltsschaft, da sind den Richtern die Hände gebunden. Beispiel: 10 Trips in einem Kilo Orangensaft aufgelöst sind geich 1 kg. LSD = Lebenslänglich.Den totalen Gegnern dieser vorgeschriebenen Strafen unter den Richtern bleibt jedoch nur der Rücktritt.
Vielleicht sollten wir uns anschauen, wie es uns die Schwulen vorgemacht haben. Jahrzehntelang verfolgt, werden sie heute allgemein akzeptiert.
Oder vielleicht hat Lester Grinsspoon recht, der ein großes Outing berühmter Kiffer fordert. Wahrscheinlich aber sind alle Bemühungen wichtig - denn viele Wege führen aus Rom.
Man stelle sich nur vor, das Geld, daß für diesen unsinnigen Krieg ausgegeben wird, würde ins das Gesundheitswesen, die Sozialausgaben und das Schulsystem gesteckt. Die USA hätten eine vielversprechende Zukunft. Bei einer Legalisierung einiger Substanzen könnten durch eine angemessene Versteuerung weitere Milliarden eingenommen werden, die man z. B. für eine realistische Drogenaufklärung einsetzen könnte. Der Vorschlag solch eines Drogensteuer-Systems hätte vielleicht sogar Oskar Lafontaine den Job gerettetet. Gegen solch wahrhaft Grüne Steuern fände man im Volk der Bierkultur doch keine Gegner, oder?