Das Kraut rockte
Vom Konsumenten zum Dealer, vom Veranstalter und Verleger - nochmal in anderen Worten
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Das Kraut rockte
Vom Konsumenten zum Dealer, vom Veranstalter und Verleger
Werner Pieper
Einstieg
OK, irgendwann muß die Wahrheit ja mal an die frische Luft. Woher hat denn nun der KrautRock seinen Namen? Kam er von den Engländern, von den Krauts, den Sauerkrautfressern? Oder vom süßen RauchKraut, daß von fast allen Musikern dieses Genres genossen wurde? Vor der Auflösung jedoch ein paar Worte zum Werdegang des Beatkonsumenten in mir.
Der Konsument
Little Richard war es, der mir in den späten 50ern mit seiner aus der Musikbox der Eisdiele Venezia in Meschede im Sauerland erschallenden Stimme klar machte: da draußen, irgendwo, gibt es eine andere, eine aufregende Welt; diese Stimme war eine Versprechung, die schließlich von der Welt erfüllt wurde. Aus Dank pilgerte ich Jahrzehnte später zum Geburtsort dieser Stimme, Macon, Georgia.
Vorerst jedoch mußte ich mich mit dem BFN (British Forces Network) zufrieden geben, mit der englischen Hitparade, den Lifeauftritten der Beatles, Animals etc. im wöchentlichen Saturday Club. Die Landsleute im Süden mußten sich mit dem AFN zufrieden geben, auf dem diese Musiken erst viel später gespielt wurden. Eine meines Wissens noch nicht geschriebene Geschichte: die kulturellen Auswirkungen der Besatzer-Radiosender auf die von ihnen beschallte deutsche Jugend ... In meiner Kochlehre trampte ich an den raren freien Wochenenden nach Hamburg, wie magisch vom Star Club angezogen. Mein Lehrherr kontrollierte jedes Mal den Jugendherbergsausweis. Ich checkte immer gehorsam ein, trieb mich aber nächtens auf der Reeperbahn rum: der Star Club machte um 21 h auf, die JHB um 22 h zu.
Zur Zeit meiner Kochlehre gab es in Oberhessen nur eine Band: The Petards. Was die Rattles im Norden, die Lords in Berlin waren in der Mitte selbige Petards. Sie managten sich selber trugen schon früh Langhaartoupees, schrieben eigene Songs, coverten alles von den BeeGees bis zu Hendrix formidabel und hatten einen unvergleichlichen Fananhang. Noch heute ehre ich meine Freikarte zu allen ihrer Veranstaltungen. Insgesamt werde ich wohl weit über 50 Petards Konzerte miterlebt haben. Heute vermag ich kaum zu vermitteln, wie wichtig diese Konzerte damals für uns waren. Ins Leben integrierte Rockmusik. Wichtig, wie eine Insel im Ozean, denn was gab es denn sonst für uns?
Mein Freund Paul Williams hat zwar die Petards nie erlebt, aber aus seiner Sozialisation heraus die richtigen Worte gefunden: "Rock and Roll führt mich in Versuchung, mehr Ich selbst zu sein. Ja, er geht noch weiter. Er führt mich an meine schwachen Stellen. Öffnungen in mir, auf die ich sonst vielleicht nie gekommen wäre. Vielleicht erst nach Jahren der konzentrierten Selbstfindung. Immer schon
funktionierte er als heiße Raketentour raus aus der Gemütlichkeit, dem Vertrauten,
der Sicherheit, rein in die Gefahr, die Leidenschaft, das Unbekannte, die Kreativität und in unberechenbare, irrationale Freude. Rock and Roll wirkt für mich ähnlich wie das I Ching. Zwar sind in dem Buch der Wandlungen die Anweisungen genauer als bei der Musik, diese hat aber die größere Fähigkeit, meine mentalen Abläufe links liegen zu lassen und direkt meine Gefühle, mein Herz anzusprechen. Rock and Roll bewegt mich in Regionen, von deren Existenz ich vorher nichts ahnte, vor denen ich gar Angst hatte. Sphären, zu denen meinem Gehirn der Zugang verboten ist. Rockmusik ist eine Abkürzung zum Unbekannten in mir."
Die Petards zeigten uns diese Abkürzung. Kam ich mit den anderen Lehrlingen während der Arbeit nur mäßig aus, waren wir bei den Petards vereinte Kumpel. Eine andere Realität. Menschlicher. Ehrlicher. Mehr Leben als bei der Arbeit oder in der Schule. Bei den Petards konnte man (auch ohne alkoholisiert zu sein) die Sau rauslassen. Sich mehr gehen lassen, als man ahnte, daß es machbar sei. Seine Gefühle und Bedürfnisse akzeptieren können. Confusion all day mitbrüllen. Klangfetzen aus anderen Liedern mitsingen. Mitschreien. Raus mit dem Rotz, rein in den Klangteppich, for a magic carpet ride.
Als deutsche Delegation des Ostermarsches fuhr ich 1967 nach London. Unterwegs klaute ich ein Transistor Radio aus einem Auto, trampte nach Liverpool und wartete in der Penny Lane so lange, bis das dazugehörige Lied erklang. Ich hatte Mühe, die Herstellung von Sauerkraut auf Englisch zu erklären.Da fiel es die Engländer leichter, mich mit dem andern Kraut anzufreunden. Die Abende im Marqueen Club prägten: schweißtreibender Soul Pogo mit Geno Washington, in den folgenden Jahren alle Fleetwood Macs, Tastes, Whos und wie sie hießen.
Ab 1965 schwäntze ich kein American Folk Blues Festival. Unvergessen jener Gig in Frankfurt, als Jimmy Bright lights big city Reed, gegen seinen Willen von der Bühne getragen wurde - weil er zu besoffen sei. Mit meiner Freundin huschte ich Backstage, wo uns ein weinender Jimmy Reed den Blues sang, während John Lee Hooker auf der Bühne boom-boom-boomte. Zum Abschluß gab es von Jimmy einen Kuß mit seinen von der Harmonica blutigen Lippen auf die Stirn. The real blues.
Das prägendste Event für viele waren jedoch zweifelsohne die Internationalen Essener SongTage von 1968. Erstmals spielten US/GB/BRD-Bands - von Frank Zappa über Family hin zu Amon Düül bis zu Soloklampfer von David Peel über Alexis Korner bis zu Dieter Süverkrüp mit einem 300.000 DM-Backing der Stadt Essen. Nicht nur für mich waren diese drei Tage eine Offenbarung, für die krautrockige Kulturszene ein viel wichtigeres Event als das verklärte Woodstock, daß erst Jahre später als Produkt in unsere Kinos kam.
Weder die IEST noch die ersten Plattenaufnahmen deutscher Krautrocker (auf den Labels Ohr, Pilz und den Kosmischen Kurieren) hätte es ohne den heute leider völlig verdrängten und vergessenen Paten jener Klangbewegung Rolf-Ulrich Kaiser gegeben - ich zweifle an, daß man ohne sein Wirken heute noch von KrautRock reden würde. Über seine seltsame Geschichte wie auch die IEST habe ich an anderer Stelle geschrieben. (in Pieper: Alles schien möglich ...)
Der Dealer
US-Army finanzierte den deutschen Underground. In Heidelberg waren mehrere US-Hauptquartiere und Unmengen von GIs stationiert, die mehr als glücklich waren, nicht in Vietnam rumwüten zu müssen. Die Zahl von uns, die allein in Heidelberg vom Dealen lebte ging ins 3-stellige.
Ungezählte Abende und Nächte verbrachte ich als Krauthändler bei und mit Gruppen wie Guru Guru, Xhol, Kraan, Bröselmaschine, Nine Days Wonder - Man und Nektar, Quitessence - the lot. Absolutely Live! Nicht im Sinne von live im Unterschied zum Studio. Sondern live im Sinne von Mitten im Leben, on stage wie auch off stage. Eine gelebte Gemeinsamkeit, in der halt einige Musik machten. Die meisten dieser Musiken waren live oft eine Offenbarung! Doch die Tonträger diese Bands konnte und kann ich mir bis heute nicht anhören. (Ausnahmen Kraan und einige von Achim R. = zeitlos). Das Krautrock-Erleben schlug das Produkt um Längen. Heute nicht mehr nachzuvollziehen, daß es den meisten Involvierten damals kaum ums Geld ging. Das gemeinsame Leben war zu prall, um sich mit so blödem Kram wie DMarks zu kümmern. Irgendwie gings auch so, notfalls mit Blutspenden.
Am 1. Mai 1970 (& 71 ) fanden zwei Herzberg-Festivals, korrekt: Festival der progressiven deutschen Popgruppen 'Electric Rock', inerhalb der wunderschönen Burg im Knüll-Gebirge statt. Veranstaltet von den Petards wurden diese Festivals zu epochalen Veranstaltungen, trafen hier doch deutscher Mainstream Pop und Underground erstmals aufeinander. Mit dabei: die legendären Xhol, Embryo, Guru Guru, Amon Düül, Akfal Electric, Can, Achim Reichel etc...
Der Aktivist
In England hatte ich gelernt, daß man ja die gegebenen Freiheiten nutzen kann. War man anfangs noch Fan, entwickelte sich nun eine Szene. Dazugehören hieß auch, irgendwie mitmachen. Vom Konsumenten zum mitmachenden Teil des ganzen. Ich gründete nach britischem Vorbbild eine erst regionale Undergroundzeitschrift und veranstaltete Konzerte - weil ich es mir durchs Dealen leisten konnte. In meiner Erinnerung habe ich nur bei einem Konzert Geld verdient: 11 DM durch Quitessence in der Heilig Geist Kirche.
Andere Konzerte an die ich mich gern erinnere: Bröselmaschine und meine Lieblinge MAN, die ich eines Tages gar per Mofa in Swansea besuchte. Die englischen Bands waren prolliger als die deutschen. Letztere tagträumten oft durch den Tag, während es den Jungs aus Britannien schon bewußter war, welch Luxus so eine Deutschlandtour war - während ihre Kumpels daheim malochten oder arbeitslos waren. Viele der Bands jener Zeit lebten als Kommunen zusammen, Gemeinsamkeit war kein simples Wort, sondern erfahrene Realitäten. Und so mancher Krauthändler wurde Roadie.
Durch mein dopiges MedienImperiümchen wurden mannigfaltige Menschen angezogen. Die Barden von Elster Silberflug fanden sich in meinem Büro zusammen.
Dort lud ich auch zum 1. Band Coop deutscher Bands ein, zu dem 35 Leute aus 12 Bands, u.a. Amon Düül II, Missus Beastly, Exmagma, Guru Guru, Sameti, Tautropfen, Gila Fuck, Lords Family und viele andere kamen. Zu den ferngebliebenen Unterstützern gehörten Bröselmaschine und Kraan. Man beschloß, Unabhängigkeit von Managern und Plattenfirmen zu bewahren, eine Zusammenarbeit anzustreben. Denn: "Die Kapitalriesen werden die Zwerge schlucken und ein Entertainmentbusiness wie in den USA aufziehen. Sie werden die ausübenden Künstler abspeisen und die Kohle einstecken. Spätestens dann ist es aus mit der freien Musik." Sounds berichtete: "Diese Band-Coop, aufgestellt von der U-Zeitschrift 'Grüner Zweig', hat sehr vernünftige Thesen aufgestellt und Pläne gemacht. Was bis jetzt in der Praxis klappt, sind selbstveranstaltete Konzerte. Jede dem Coop angehörende Gruppe vermittelt Auftritte (Fachsprache: Gigs) an die anderen. Solidarität statt Konkurrenz". Friedo Josch von den Dissidenten erinnert sich heute noch daran. Gut gemeint, wurde leider auf Dauer nix draus. Aus dem TagungsProtokoll: "Das mit dem Vertrauen ist schon so oft in die Hose gegangen! Vielleicht will einer von uns in ein, zwei Jahren das große Geld machen!" - "Das große Geld hängt doch für uns gar nicht drin! Bei keiner deutschen Gruppe!".
Das würde heute so niemand mehr formulieren.
Gern hätte ich nun die anfangs aufgeworfene Frage tiefergehend erörtert - aber das müssen wir verschieben, der Platz reicht nicht mehr. Sorry, but ...
Schreiber & Verleger
frühe 70er: Kolumne in Riebe’s Fachblatt: Die Grüne Seite
80er Jahre: Labelchef - 160 verschiedene Transmitter Cassetten in den 80ern; mit Jean Trouillet das Buch WeltBeat
90er Jahre: Flashback-CDs-Kompilationen, für die ich 2001 den Jahrespreis der Schallplattenkritk als ‘Poparchäologe’ erhielt.
Bücher: Musik & Zensur (2 Bände, einmal Deutschland, einmal die Welt); The Petards (Beilage in der 6-CD-Box bei Bear Family Rec.)
Im aktuellen Jahrtausend Beiträge zu zwei Rough Guides-Büchern, in TestCard. Blue Bird Award des Muddy’s Club, Weinheim.
www.grunekraft.net