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Sky High Zwei
Ronald Rippchen hat hier zwei weitere Dutzend zeitlos swingender Beweise der Tradition einer Hanfkultur aus den Vorkriegsjahren zusammengetragen. Fast jeder, der in jener Zeit einen Namen im Jazz hatte, kiffte. Alle 25 Lieder nehmen im Titel und Text direkten Be- zug auf den Marijuanagenuß, u. a.:
Mezz Mezzrow: I'se a muggin' - The Meltone Boys: Mary Jane - Cab Calloway: Reefer Man - Louis Armstrong: Muggles - Charlie Burse: Weed smokin' mama - Lil Johnson: Mellow stuff - Larry Adler: Smoking reefers ....

The Sky Is High And So Am I – Zwei

1. The Cats & the Fiddle: Killin' Jive
2. The Meltone Boys: Mary Jane
3. Nat King Cole Trio: Hit that Jive Jack
4. Sam Price: All teeed up
5. Original New Orleans Rhythm Kings: Golden Leaf Strut
6. Jazz Gillum & his Jazz Boys: Reefer Head Woman
7. Richard Jones & his Jazz Wizards: Blue Reefer Blues
8. Mezz Mezzrow and his Swing Band: I'se a-Muggin' Part 1
9. Mezz Mezzrow and his Swing Band: I'se a-Muggin' Part 2
10. Frankie Jaxon: Jive Man Blues
11. Big Bill Broonzy & Jean Brady: Knocking Myself out
12. Richard Jones & his Jazz Wizards: Muggin' The Blues
13. Lil Johnson: Mellow Stuff
14. Tommy Dorsey: Minor Goes A Muggin'
15. Cab Calloway: Reefer Man
16. Oscar’s Chicago Swingers: Try some of that
17. Slim & Slam: Dopey Joe
18. Cleo Brown, The stuff is here
19. Cedar Creek Sheik: Don’t credit my stuff
20. Willie Bryant & Orchestra: A Vipers Moan
21. Don Redman & Orchestra: Chant of the Weed
22. Larry Adler: Smoking Reefers
23. Louis Armstrong & Orchestra: Muggles
24. Frankie 'Half Pint' Jaxon: Willie the Weeper
25. Gertrude Michael: Marahuana
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High!

Nachdem meine erste Reefer-Song CD The sky is high & so am I überraschend viele Liebhaber gefunden hat (Mathias Bröckers in der taz : ”Für mich, keine Frage, die Platte des Jahres”), darf ich hier nun eine zweite Kiffer-Kompilation nachschieben. Alle Stücke wurden in der Zeit zwischen 1925-45 aufgenommen, alle stammen aus den USA. Über Grundsätzliches zum Thema Blues/Swing/Jazz & Marijuana habe ich mich schon in den Liner Notes der ersten CD ausgelassen. Hier mehr Lieder und Melodeien und Infos über die Ursprünge der neuzeitlichen KifferKultur der USA und ihrer Musik.
In der Zeit, bevor es Tonträger gab, tingelten die Musiker durch die Gegend, auch einige jener, die auf den vorliegenden Aufnahmen zu hören sind. Oft reisten Musiker als Lockvögel für Wunderheiler in sogenannten Medicine Shows, ein Job, den selbst Little Richard in den ‘50ern noch ausübte. Die Rechnung: Musik = Wohlgefühl = gutes Verkaufsargument für Drogen ist also so alt wie auch das unstete Leben der Musiker. ”Das Umherreisen mit den Medicine Shows war Teil der Mythologie, die das Musiker-Dasein umhüllte: Es deutete auf unberechenbaren Verstand, Freidenkertum und ein Outlaw-Dasein hin, das unabhängig von gesellschaftlichen Konventionen war. Als Drogen dann illegal wurden, entwickelte sich auch um sie herum eine eigene, geheimnisvolle Musik, die sich bestens in den Outlaw-Mythos des reisenden Musikers integrieren ließ.” (Das Zitat stammt aus dem sehr empfehlenswerten Buch ‘Sky High’, einer Drogenchronik der Populärmusik des 20. Jhh., von Harry Shapiro).
Die Bluesmusiker und Straßensänger aus Memphis und New Orleans betrachteten die Medicine-Tours als eine Art bezahlten Urlaub vom harten Stadtleben, andere Kollegen waren froh, der Monotonie des Baumwollpflückens entkommen zu können.

HopHeads’ Klangpreziosen
Dem NormaloBürger war es damals wie heute weitgehend ein Rätsel, wo & wie sich diese Kiffer bekiffen. Die MassenMedien waren schon damals keine große Quelle der Wahrheitsfindung. Einen beachteten Versuch unternahm 1938 der angesehene Reporter Meyer Berger für den New Yorker. Nach wochenlangen Verhandlungen mit HopHeads gelang es Berger schließlich eines samstags um Mitternacht, Einlaß in ein Tea Pad gewährt zu bekommen. Die genutzte VierZimmerWohnung war nur spärlich blau ausgeleuchtet, die Luft hatte sattem MarijuanaRauch Platz gemacht und neun Sofas standen für bedröhnte Viper zum chillen bereit. Ein Reefer kostete 15 cents, die MusicBox im Wohnzimmer beherbergte viele der auf der vorliegenden CD dokumentierten Lieder auf Schellack Platten, 78’s. Bergers Paranoia verließ ihn nicht, hatten ihm doch mehrere Drogenfahnder der Bundespolizei Schauermärchen über die farbigen Kiffer erzählt. Davon wollten die New Yorker Straßencops jedoch nichts wissen: ”Die Kiffer meinen, die Reefer würden sie glücklich machen”. Sie wußten nicht von einem HopHead zu berichten, der durch Marijuanagenuß hinterhältig oder verrückt geworden wäre.
Falls du beim anhören der Lieder manchmal Probleme bekommst, den Text genau zu verstehen, tröste dich, auch Meyer Berger bekam nicht alles mit. So zitiert er den Klassiker ”Dreamed about a reefer, five feet long, mighty immense, but not to strong...”. Von ‘mezz’ hatte er wohl noch nie gehört. Statt dessen faszinierte ihn der ekstatische Tanz der Anwesenden: ”Sie zuckten zum Beat, schleuderten die Köpfe wild, aber voll im Rhythmus herum. Dazu stöhnten sie in einem voodoohaftem Chor: ”The sky is high, and so am I, If you’re a viper...” Berger verpaßte nachzufragen, was ‘mezz’ denn bedeute. Überhaupt verstand er kaum etwas von dem Jive Talk der Anwesenden. Da hatte der junge Bernhard Brightman bei seinen Teehausbesuchen schon mehr vom Wesentlichen mitbekommen.
Brightman, Chef der Plattenfirma Stash, die viele Klangpreziosen vergangener Zeit neu aufgelegt hat, erzählt gerne von früher. Als ich ihn ‘96 besuchte, um ihm zu beichten, daß wir seine Arbeit für unsere erste Kompilation geplündert hatten, reagierte er wie ein wahrer Musikfreund: erfreut. (Ich hatte über Jahre hin mehrfach versucht, Kontakt mit Stash zu bekommen, doch alle Post waren mit einem ‘unbekannt verzogen’ Vermerk zurückgekommen und erst bei einem New York Besuch nachdem die CD fertig war, erfuhr ich, daß es Stash noch gab). Er bestätigte mir, daß keiner der auf der CD mitspielenden Musiker noch lebe und begrüßte, daß wir den Honoraranteil der Musiker an die Rhythm and Blues Foundation, einer Art Rentenkasse für alternde Musiker, überwiesen haben.
Berhard rutschte in den ‘30ern als weißer Teenager in farbige Musikerkreise: ”Das Unterhaltungsgeschäft in den USA kann auf eine lange, aufregende Geschichte zurückblicken. Nicht nur die Stars genossen ihre Substanzen, auch die Stagehands (Roadies) und die Jungs, die die Zelte aufbauten. Zum ersten Weltkrieg kamen ja die ersten Drogengesetze und danach war es für viele Konsumenten sinnvoller und sicherer, auf Kokain und Opium zu verzichten und statt dessen zu kiffen.
Unsere Szene wurde durchs Kiffen etwas politisiert. Ich turnte einen Freund auf Gras an und er deckte mich im Gegenzug mit lauter linkspolitischen Pamphleten ein. Andere führten mich näher an die Klassische Musik oder Literatur. Einer ging mit mir in Museen, ein anderer bevorzugte Spaziergänge in Parks. Wir tauschten uns und unsere Interessegebiete aus. Viele meiner Zeitgenossen kamen nie dazu, solch ein Glück zu haben und einen größeren Ausschnitt der Welt zu erfahren. Einige blieben stur bei Jazz & Gras, was ja nun auch nicht die schlimmste aller Welten ist. Für einige von uns war Gras ein ganz wichtiger Katalysator, der unser Leben grundlegend veränderte. Ich kenne aus jener Zeit noch etlicher Jungs, die immernoch ihren täglichen Reefer rauchen, wenn sie von der Arbeit kommen, die immer noch die selbe Musik wie früher, also Lester Young, Count Basie etc, hören. Die haben nie was mit Beethoven oder Literatur oder Museen am Hut gehabt”.

Jive smokin’
Ihre musikalischen Roots waren den meisten Musikern jener Zeit unbekannt. Erst in den vergangenen Jahren hat es mehrere aufschlußreiche Wurzelnuntersuchungen, z.B. der Sprachforschung gegeben. Der Linguist David Dalby hat in der Sprache der westafrikanischen Wolof verblüffende Parallelitäten zum Jazz Slang (siehe auch Cab Calloway’s Hepsters Dictionary) gefunden:

Wolof                      Slang
Jev - über etwas geringschätzig reden            Jive
Hipi - jemand, der seine Augen geöffnet hat           Hip
Degga - verstehen                     Dig

Jive hieß sowohl eine Insidersprache der Kiffer (jive talking), wie auch das Gras, das man rauchte, die Musik die man hörte, der Tanz den man tanzte. Jive war in und die Lieder dieser CD sind ‘swingende Beweise der Tradition einer Hanfkultur vor dem 2. Weltkrieg’ (2001). Warum es ausgerechnet der heute so hanfliberale Staat Kalifornien war, der schon 1915 als erster Bundesstaat Marijuna verbot, läßt sich nicht mehr ergründen. Wahrscheinlich, weil hier der Bevölkerungsanteil der Mexikaner realtiv hoch war. Denn das Kiffen wurde vor allem mit Mexikanern in Zusammenhang gebracht. Es war Mezz Mezzrow, der erst im Jahr 1929, kurz nach dem großen Börsencrash das erste Marijuana in die Jazzerszene Harlems einschleuste was ihn dort über Nacht zum ‘populärsten Mann des Viertels’ machte. The man from Harlem.
Eins der Opfer dieser ersten Anti-Reefer-Verfügung war 1931 Mezzrows Freund, Musikerkollege und HanfKunde Louis Armstrong: "Wir spielten in einem großen Nachtclub und hatten gerade eine Pause. Der Club war jeden Abend übervoll, viele Fans und Leute aus dem Filmgeschäft, sogar einige Moviestars, trafen sich dort. Anyway, ich war mit Vic (Berton, dem Schlagzeuger) kurz rausgegangen um auf dem Parkplatz einen durchzuziehen. Wir kicherten und fühlten uns sauwohl. Da tauchen plötzlich diese beiden großen stattlichen Dicks auf, schlendern auf uns zu und meinen: 'Gebt uns doch mal den Roach, Jungs." Armstrong hatte Glück, daß es sich nur noch um einen Stummel handelte und die Bullen JazzFans waren. Immerhin mußte er deswegen neun Tage im Knast absitzen. Offensichtlich hatte ihn der Chef einer Konkurrenzband verpfiffen.

Die Liste gebusteter und verfolgter Jazzkiffer
enthält viele große Namen ihrer Zeit: Außer King Louis traf es Count Basie, Gene Krupa, Cab Calloway, Duke Ellington, Dizzy Gillespie, Lionel Hampton, Thelonious Monk, Charlie Parker, Billie Holliday, Gerry Mulligan, Stan Getz, Art Pepper (bekam neun Monate, weil er sich weigerte, gegen andere auszusagen, saß insgesamt sechsmal wg. Drogen), Lester Young, Chet Baker, Miles Davies, Art Blakey....
Eine empfindliche Schlappe erlitt der legendäre AntiDrogenTeufel Harry J. Anslinger, als er den amerikanischen Soldatensender AFN Musiker bat, Aufnahmen zur moralischen Aufrüstung der Jungs an der Front abzuliefern. Der legendäre Fats Waller spielte für sie die SkyHigh-Kifferhymne: Dreamed about a reefer five foot long, Mighty Mezz, but not too strong ... Das Tonband war schon an Tausende von Truppen-Basen überall in die Welt ausgeliefert, bevor man den 'Irrtum' bemerkte.
Wiederholt versuchte Anslinger vergeblich, Spitzel in die in sich geschlossene Jazz Szene einzuschleusen. Anscheinend konnte keiner von ihnen ein Instrument spielen. Und die Szene hielt zusammen. Brothers in Smoke.

Bei 'Mighty Mezz' Mezzrow
handelte es sich um einen speziellen Feind Anslingers. Über dessen Buch Really The Blues schnaubte Harry empört: "Das Machwerk verschweigt die gefahrenvollen Aspekte des Kiffens, glorifiziert Marijuanagenuß und anderen Drogengebrauch. Das Buch stinkt grundsätzlich nach Siff. Ich kann einfach nicht glauben, daß so eine Propagandaschrift für die Drogensucht über Nacht ein sensationeller Bestseller werden konnte."
Im Mojo Magazine (11/97) ließ sich Dr. John über seinen Altvorderen aus: ”Mezz war für seine Reefer berühmt. Der Mezz Tuck war der Unterschied zu den anderen. Mezz vertickte seine Reefer in Zigarettenschachteln. Du konntest nur das obere Ende sehen. Mezz hatte einen Trick, die Joint so zu verschließen, daß man seine ‘Handschrift’ auf den ersten Blick erkennen konnte. Er machte das mit seinen Fingernägeln, andere stopften sie mit Streichhölzern zu, der Dealer hatte seinen eigenen Stil. Letzhin habe ich erst mit ein paar OldTimers darüber geredet und die meinten, es habe für Reefers vier Spezialnamen gegeben: Chicago Green, Gold Leaf, Libido Red und Black Ganja. Man hörte die Gerüchte, Black Ganja komme aus Afrika und dementsprechend mußte man mehr dafür zahlen. Natürlich kam es nicht wirklich aus Afrika, sondern, wie das andere Gras auch, aus Panama. Die dunkle Farbe hatte das Kraut, weil es, unten im SchmuggelSchiff gelagert, vom Siff des Schiffes getränkt wurde”.
Mezz wanderte wie viele Jazzerkollegen nach Paris aus, wo seine körperlichen Restspuren auf dem selben Friedhof wie Gertrude Stein und Isadore Duncan liegen. Einer seiner frühen Kollegen, ein Junge vom Lande, mutierte unter dem Namen Detroit Red innerhalb kürzester Zeit zu einem kompletten Hepster. Jahre später spielte er eine ganz andere Rolle, die eines Black Muslim. Sein neuer Name: Malcom X.
Viele Jahre später sollte sich die SpaßGuerillaGruppe des 2. Juni entwickeln, als einige Jungs in Berlin daran gehindert wurden, Dope an GIs zu verkaufen. Zufall oder was? Jedenfalls eine ganz andere Geschichte. Mehr Dopegeschichten, gerade auch über Typen wie Bernhard Brightman und Harry Anslinger, findet der Interessierte Leser in meinem Werk Reefers Digest, dem Hanf LeseBuch.

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