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MUSIK AUS DEM ODENWALD

1978 nahmen Musiker der Gruppen Elster Silberflug, Guru Guru, Emma Myldenberger, RIF u.a. eine 7-Jahre-Grüne-Kraft-Jubiläums-LP in einmaligen Formationen auf: MUSIK AUS DEM ODENWALD - die 50. Ausgabe des Grünen Zweiges. Die 1000 LPs waren bald verteilt - doch nicht in Vergessenheit geraten. Sammler verzweifeln. Fanmäßig formulierte Heinrich Vogler damals in Sounds. "Hier herrscht eine erfrischende Spielfreude - und eine Naivität, wie ich sie so ungebrochen seit Jahren nicht mehr gehört habe... Die einen finden das nun ganz toll, den andern wirds eher peinlich zumute. Jeder wird sich seine Bonbons auf dieser Platte selbst zusammenstellen. Das Cover ist übrigens sehr schön." (Als CD-Cover in Farbe noch schöner).
"Durchaus möglich, daß diese Wiederveröffentlichung zu einer Renaissance folkloristischer deutscher Pop-Musik beiträgt - fernab knalliger E-Instrumente und Gopthic-Gegrunze" Good Times 5/2003
"Hippie-Folklore-Kleinod ... das ist fröhlich und spomntan und klingt auf der CD dank modernem Mastering erfrischend gut ...fällt das saubere Zusammenspiel und das fantasievolle Programm der Odenwälder auf." teleschau
"Ein verwirklichtes Stück Utopie." Frankfurter Rundschau
"Die Kompositionen sind so harmonisch, daß sie sich bereits hart an der Grenze des Erträglichen befinden. Trotzdem vermittelt die CD einen Charme und eine Authenzität, daß es mir schwer fällt, sie negativ zu bewerten. Dies wäre gleichbedeutend mit dem Ertränken entzückender Hundwewelpen." TeEmm
"Purer Folk, voller Energie und Lebensfreude. Ein einzigartiges Dokument." NWZ

25 Jahre nach der Veröffentlichung der LP, erschien MUSIK AUS DEM ODENWALD mit 7 BonusTracks und umfangreichem Text angereichert als CD auf Tom Redeckers Sireena-Label.




MUSIK AUS DEM ODENWALD

CD-LinerNotes 2003

Aus den Liner Notes der LP 1978

Liebe Zuhörer -
Wir schreiben das Jahr 1977, es ist Herbst und in Weinheim entsteht nach sechs Wochen Vorbereitung, vielem Üben, Herumrennerei und nächtlichen Sessions eine kunterbunte "Grüner Zweig" Langspielplatte. Die einheimischen Künstler, Musiker, Fotografen, Maler, Magnetofonzauberer und Medienexperimentatoren haben sich begeistern lassen und veranstalten in einer gewölbten Halle eine Musiknacht. Alles was gespielt und gesungen wird kommt auf Band, und aus den 60 Titeln werden sorgfältig ein Dutzend herausgehört und zu einer Platte zusammenkomponiert. Wir hoffen euch einen Eindruck geben zu können, wie es bei uns in der Gegend so klingt und rockt und wünschen uns, daß ihr ebenso abfahren könnt wie wir es getan haben. Diese Platte ist für Euch die Ihr wißt, daß ein Baum nicht nur ü b e r der Erde wächst und daß in einem Körnchen seine ganze Wahrheit enthalten ist. Sie ist für Euch, die ihr auf dem Boden sitzen könnt um mit anderen Tee zu trinken oder eine Pfeife zu rauchen. Sie ist für Euch, die Ihr das Leiden der Zeit tragen wollt und Euch entschlossen habt, daß es sich bessern wird. - Und wir? Wir bauen ein Haus aus Tönen, berichten was wir sahen, singen von Legenden und laden Euch ein zu tanzen und zu lieben. Wir können es so, wie Ihr es hier hört und freuen uns wenn Ihr Euch freut.

Ulrich Freise, 1978

Es ist lang, lang her ...
Die Grüne Kraft, seit 1971 vor allem ein Heidelberger Verlag der ‘Underground-Zeitschriften’ Grüner Zweig und KOMPOST, hatte im Laufe der Zeit 25 Konzerte veranstaltet. 1972 wurde von uns ein zweitägiges Musikertreffen anläßlich einer geplanten Gründung einer ,Band coop' organisiert, zu dem 80 Musiker aus ganz Deutschland kamen. Einige Bands veranstalteten daraufhin in ihren Städten Konzerte der Kollegen & vice versa. Es schien weiter aufwärts zu gehen, als Riebe's Fachblatt ein Büro in Heidelberg eröffnete. Eine Hoffnung: die Musiker schaffen es, sich zusammenzuraufen & in Eigenorganisation etwas auf die Beine zu stellen. (‘Hilf Dir selbst’ hieß damals, was heute unter ‘independent’ läuft; Anm.2003). Auf Hilfe von oben hatte man lang genug gewartet.
In jüngster Zeit sind glücklicherweise mehr und mehr Gruppen & Einzelinterpreten darauf gekommen, ihre Platten selber zu machen; selber zu bestimmen, welche Lieder, welches Arrangement, welche Werbung, welche Verpackung, welcher Vertriebsweg. Davon ist so ziemlich alles mit Freude und Lustgewinn selber zu machen - nur der Vertrieb bedeutet Arbeit.

Das Problem: "Wie kann ich meine/unsere Musik in die Öffentlichkeit bringen?" Ob nun Rock- oder Volksmusik, die Spielgelegenheiten außerhalb der eigenen 4 Wände sind gering. Als Beispiel die Lage in Heidelberg. Gab es vor einigen Jahren noch einige Hallen zur Auswahl, so ist es heute unmöglich einen akzeptablen Saal für ein Konzert mieten zu können. Die eine Halle ist zu groß, die andere zu katholisch, die dritte zu städtisch, die vierte nur für Studenten. Ok, Straßen gibts auch. Aber da wo gerade ein Fußgängerparadies gebaut wird darf nicht musiziert werden. Eigentlich drei Stunden am Tag, aber nicht solang die Baustelle da ist (voraussichtlich fast 2 Jahre). Die Musik stört. Ein halbes Dutzend der auf dieser Platte hörbaren Musiker haben eine polizeiliche Anklage am Hals - hatte die Musik gar den Baggerlärm übertönt? Die Stadt betont öffentlich, mehr Kulturgelder pro Kopf auszugeben als eine andere große Stadt in der BRD. Die Stadt protzt mit ihrem romantischen Flair - zu dem auch Straßenmusiker gehören - zur gleichen Zeit als das Musizieren auf der Straße verboten wurde, lud man Elster Silberflug ein, die Stadt Heidelberg im Ausland zu repräsentieren.

Schon der Grüne Zweig 25 war - in Vor-Elster-Silberflug-Zeiten - ursprünglich als (Single-)Platte gedacht. Eine Seite Ullis Band Akfal, auf der anderen Seite Geiger Lutz. Aus Geldmangel fiel das Projekt leider unter den Tisch. Nichtsdestotrotz trafen sich die beiden Akteure der geplanten A & B Seite, verstärkten sich um die ‘Verlagssekretärin’ Barby und gründeten eine gemeinsame Gruppe: Elster Silberflug. Auch der Zweig 50 war schon lange vorher als Platte gedacht; ohne konkrete inhaltliche Vorstellungen.
Konkreter wurde diese, als die Elstern in Berlin ihre 2. LP aufnehmen sollten/wollten und ich ihnen mitten im Scheidungsstreit mit der Plattenfirma Hansa als, ja wirklich, Alternative anbot, 'ne Grünzweig Platte zu machen. Der Flug der Elster wurde zu schnell - auch aus diesem Projekt wurde nichts. Ihre zweite Platte spielten sie schließlich im Studio von Günter Pauler ein, danach (davor?) löste sich die Gruppe auf. Ein Leidtragender dieses Bruches war Hermann, der eigentlich das Musik-Theaterstück ,Wanderers Weitenfahrt' der Elstern auf Video bannen wollte. Auch er kam zu spät um dies noch zu verwirklichen: Frust! Wir hockten uns zusammen, Grüne Kraft kreiste, man beschloß.

Wir sind im Jahre 1977: Zum 7. Jubiläum der Grünen Kraft-Gründung ging es um eine Jubiläumsausgabe des Grünen Zweiges: der 50. Zweig sollte eine LP werden. Eigentlich war unser Anliegen Ullis neue zeitenwendige Lieder zu dokumentieren. Ullis Idee war jedoch, mal die Szene zusammen zu organisieren & zu schauen wie's klingt. Er übernahm diese Organisation. Ab August trafen sich ca. 30 Musiker regelmäßig in Heidelberg, um für ein Konzert neun neue Gruppen zu bilden. Einige hatten vorher noch nie in einer Gruppe mitgemacht, andere manchmal nach Feierabend/Schulschluß weitere dagegen spielten schon lange in Gruppen, oder waren sogar Berufs-Musiker. Man probte miteinander, fremde Gesichter wurden vertraut, Bewegung entstand.

Nicht nur fanden sich Musiker aus sehr unterschiedlichen musikalischen Ecken: Rock, Folk, Jazz und Klassik, zusammen, um zusammen zu spielen, sogar vormals nie in Erscheinung getretene Talente fingen an zu glänzen (& tönen). Die Belohnung für alle mitmachenden Kulturschaffenden war dann die Generalprobe. Ein Erlebnis, an das ich in voller Dankbarkeit zurückdenke. Das Dach hob ab. Die Sterne strahlten im Nienstedtschen Anwesen in Oberkunzenbach in dieser Nacht bestimmt heller als anderswo. Zum erstenmal hörten alle Musiker, was die andern in den letzten Wochen separat erspielt hatten. Vierundeinehalbe Stunde Musik ohne Pausen. Ein gemeinsamer Gipfelsturm am Herbstanfang.

Müdigkeit vom Abend vor dem Event. Am 24. September, einem sonnigen Tag, lockeres Eintreffen vieler an der Westküste des Odenwaldes. Die Aula der Gewerbeschule hat die beste Akustik von allen Hallen in Weinheim, jedoch auch ein großes Handicap: striktes Rauchverbot. Eine große Fluktuation und Unruhe ließ leider nicht die erwünschte angemessene Stimmung aufkommen. Kurzfristig änderten einige Formationen noch ihre Namen: aus Gute Leute Musik wurde Zeitenwende; aus E. Myl wurden die Emyls; aus Schall und Rauch, Rauch und Schall; aus The Garlic Gang schließlich Paule Düsenfinger und seine heißen Dinger.
Auf der Bühne: ein wunderschönes Klavier, das dem König von Weinheim gehört und nicht angerührt werden durfte - sehr zum Verdruß von Matz von Schall & Rauch (The Downtown Highlights), der mit einem elektrischen Klavier vorlieb nehmen mußte - und die Gruppe daher nicht auf dieser Platte verewigt ist. Schade drum. Neben der Musik bot die Veranstaltung noch weitere Höhepunkte: die Kinder, die schwangeren Frauen, Eddie der Jongleur, Rolf und Sybille als Flammenspeier, die große Tombola (die 200 Dollar für die Hopi Indianer & die Akwesasne Notes einbrachte), Oigens große Worte in der 1. Halbzeit, Wolfis Most ...

Günter Pauler war mit seinem 8-Spur Aufnahmegerät aus Northeim angereist, als Helfer fungierten Hermann & Gine. Bei den Aufnahmen gab es herbe Augenblicke, wenn z.B. mitten in ein ruhiges Lied jemand urschreiig reinbrüllte, als ein idiot dancer übers Kabel stolperte & die Leitung unterbrach ... einige der Akteure auf der Bühne hatten keine Mikrofonerfahrung ... Hunde bellten, Flaschen fielen klirrend um - einiges davon kann man im Hintergrund noch hören. Am Tag nach dem Konzert trafen sich nochmals Musiker & andere um einige Lieder, bei denen es am Konzertabend Versehen und Eingriffe höherer Gewalten gegeben hatte, erneut aufzunehmen.

Die gesamten Aufnahmen wurden auf ein normales Tonband überspielt und ein paar Wochen war ich unterwegs, um allen beteiligten Gruppen ihren Part vorzuspielen, herauszufinden, welches die Ohrwürmer seien, was man vielleicht noch wie ändern könne. Entscheidungen wurden gefällt. In den meisten Fällen war es so, daß Musiker mit den eigenen Aufnahmen nur bedingt zufrieden war - jedoch die Werke der anderen für gelungen hielt.

Im Spätherbst fuhren dann Barby, Ulli, Biber, Hermann & der Schreiber dieser Zeilen zum Günter ins Studio um die 13 Favoriten abzumischen. Da hörten wir stundenlang immer das gleiche Lied und hatten die verantwortungsvolle Aufgabe festzulegen wie es von dem Zeitpunkt ab tausendfach erklingen wird - und das, ohne alle beteiligten Musiker dabei zu haben. Einige Kleinigkeiten wurden schlicht und einfach herausgeschnitten ... wenn ein Musiker nach dem Lied ,Scheiße' sagt oder ein Teil in einem guten Lied vollkommen verspielt ist - es wurde poliert. Bei zwei Liedern addierte man ein weiteres Instrument um den Klang voller zu machen. Die Schwierigkeiten erreichten einen neuen Höhepunkt, als es um das Festlegen der endgültigen Reihenfolge ging. Hermann und ich unterzogen uns einem totalen Dauertest. Danach wußten wir: Vorliegende Musik kann man sich über 100mal innerhalb kurzer Zeit anhören, ohne ernsthafte Schäden an Hirn & Plattfüßen zu nehmen.

Als das Konzert vorüber war, kam das Verlangen auf, sich weiter regelmäßig zu treffen. So setzte Lutz ein Flugblatt auf & verteilte es. Ab sofort traf man sich jeden Dienstag zum öffentlichen Musizieren & Jammen im Gasthaus ‘Eylenspiegel' in Weinheim. Der Erfolg war sicht- und hörbar. Der Zulauf stieg von Woche zu Woche, bis es dem Wirt zu viel wurde - er kam mit dem Bedienen (& Kassieren) nicht mehr nach. So verlegte man den Ort des Geschehens in die ,Bohne' nach Heidelberg, wo zur Zeit als dies geschrieben wird jeden Montag um Achte aufgespielt wird. Zum Erscheinen dieser Platte ist ein Konzert angesagt ... und was mehr wird, das muß die Zeit zeigen.

Werner Pieper, im März 1978

Heute wissen wir mehr

So wie die Blume blüht ...
Das Ganze lief im Deutschen Herbst ab, als im Gerangel zwischen RAF und dem Staat selbiger die Paranoia im Volke einführte. In jenen Wochen starben Marc Bolan, Sandy Denny und Maria Callas; Franziska von Almsick kam zur Welt und Günther Wallraff hatte gerade seine BILD-Zeit hinter sich. Derweil hockten wir im Odenwald und tüteten und klebten eigenhändig 1000 LPs in wundervolle Umschläge. Es gab je 500 von Thomas Ziebarth bzw. Cornelius Fraenkel gezeichnete Cover, Rainer Sieber ein Versandscover; die Fotos auf dem beiliegenden Poster kamen von Micky Lange; das Label stammte von Gerd Baumann und Norika Nienstedt.
Die LP-Release-Party in einem Heidelberger Kino (und mit Mani Neumeier) verlief dem Projekt angemessen. Sogar SOUNDS meldete: ”Zum Erscheinen dieser Tonkonserve gab’s am 30.4. ein berauschendes Konzert im völlig überfüllten ‘Faulen Pelz’.” Die LP verkauften sich bald, die Musik erschien später als Transmitter-Cassette und war noch ein paar Jahre erhältlich.

Zum Sammlerobjekt mutierte die LP spätestens, seit sie in den dicken englischen Fachbüchern der 80er zum Thema ‘Krautrock’ am Rande erwähnt wurde. Hier die Meldung aus ‘A Crack in the Cosmic Egg’ einem Krautrockklassiker - inkl. original englische Schreibweise: ”Musik aus dem Oldenwald. Obscure sampler featuring Emma Myldenberger, Ax Genrichs Oldenwaldexpressa, Zeitenwende ... music journalist Werner Pieper, reputetly once Guru Guru manager ...” Liest sich doch phantastisch: in einem internationalem Werk über obskure Musik wird diese LP als besonders ‘obscure’ herausgestellt. Und der Rest ist auch nicht aus dieser Welt.

KRITIKEN IN KÄSTEN
Das Heidelberger Tageblatt hat sich viel Mühe mit seiner dreispaltigen LP-Rezension gegeben: ”Es wird überhaupt mit einer frischen Natürlichkeit und fröhlichen Spontanität musiziert, die ansprechend wirken und auch Klang und Rhythmen sind angenehm zu hören ... Was man da hört, das ist zum Mitsummen, Händeklatschen, Fingerschnippen und auch Tanzen so ganz für sich allein oder auf einer Party mit vielen anderen geeignet ... Ein Solist allerdings verdient es, besonders genannt zu werden, denn er ist ein Allroundtalent. Es ist der 16-jährige Weinheimer Schüler Philip Gulatz alias Biber, der so phantastisch Flöte und Oboe spielt, daß man aufhorchen muß und gespannt auf sein nächstes Solo wartet”.

Noch fanmäßiger formulierte da schon Heinrich Vogler in SOUNDS. ”Hier herrscht eine erfrischende Spielfreude - und eine Naivität, wie ich sie so ungebrochen seit Jahren nicht mehr gehört habe ... Die einen finden das nun ganz toll, den andern wirds eher peinlich zumute. Besonders gern und oft hör’ ich das Instrumental der Gruppe Marktplätzchen. Das hat so einen sanften, fröhlichen Drive, und Biber Gullatz bläst eine Oboe und Flöte, daß es mir ganz warm um’s Herz wird. Die Formation Zeitenwende steuert gleich drei Stücke mit märchenhaften deutschen Texten bei und mit ‘Es ist lang, lang her’ erinnern sie ausdrücklich an die guten Zeiten der Incredible String Band... Dezenter, aber frischer Rock dann von der Gruppe Odenwald Express ... Klasse, wie Herr Genrich da den Herrn Berry eingedeutscht hat. Jeder wird sich seine Bonbons auf dieser Platte selbst zusammenstellen. Das Cover ist übrigens sehr schön.”

”Einige der Musiker hatten schon verschiedendlich Schallplatten aufgenommen, in Studios, für fremde Firmen. Sie mußten dabei immer wieder an ihren Liedern rumfeilen, sie auf ‘Studioqualität’ bringen, Kompromisse machen. Dabei ging der Spontancharakter der Musik - der Straßenmusik - mehr und mehr verloren. Wie also glückliche Momente des Musikmachens konservieren, ohne selbst zur Konserve zu werden? ... Diese Gemeinschaftsproduktion der verschiedensten Heidelberger ‘Alternativler’ hat ein Gesamtkunstwerk entstehen lassen, aus dem die Kraft spürbar ist, die in wirklicher ‘Baiskultur’ steckt: Hier wurde nicht arbeitsteilig für einen anonymen Markt produziert, sondern für’Euch, die ihr wißt, daß ein Baum nicht nur über der Erde wächst’.”
Sozialmagazin Juli/78

Ich gehe heut’ in ein anderes Land
Tom Redecker, Labelchef bei Sireena und Kopf der Band Electric Family besuchte im neuen Jahrtausend den Odenwald und bekam große Ohren, als er unsere legendäre LP ‘Musik aus dem Odenwald’ hörte. ”Real down-home-music!” heißt sowas heute. “Die muß man doch neu auflegen!”. Daran hatte ich, zugegeben, selber noch nicht gedacht. Schon allein der Gedanke, all die 30 Mitwirkenden von damals nach all den Jahren wieder aufzuspüren, bzw. mit jenen, mit denen man vor Jahren gebrochen hat, wieder Kontakt aufzunehmen, hatte mich bislang demotiviert. Aber Toms Enthusiasmus steckte an. Da mir nicht von allen Musikern die Anschriften vorlagen, gingen Briefe an die damaligen ‘Bandleader’, mit der Bitte, ihre ExMitglieder zu kontaktieren. Hätte auch nur einer Einspruch erhoben, wäre das Projekt für mich sofort gestorben. Einige Musiker reagierten euphorisch, nicht alle meldeten sich, aber keiner zierte sich.
Klar war, daß man die ursprüngliche LP in der CD-Fassung mit ‘Bonustraks’ anreichern müsse - notfalls aus dem Fundus der 160 Transmitter Cassetten der 80er, unter denen ja auch einige von den Musikern der LP existierten. Da Geld in den heutigen Zeiten für viele einen prominenteren Stellenwert als 1978 hat, gruselte es mir rein organisatorisch vor einer Aufsplittung eventueller Gewinne durch 30 und den entsprechenden Auszahlungen. Damals hatten alle aus Solidarität und Spielfreude zum Spaß mitgemacht, aber irgendwann hörte auf dieser Ebene der Spaß für viele auf.
Da kam eine Idee, der sich niemand verschließen konnte. Oigen über den mehrfach auf dieser Scheibe vertretenen Peter Markl: ”Der wunderbare Musiker und Komponist Peter Markl, dessen virtuoses Gitarrenspiel an den farbig prägnanten Flügelschlag des Eichelhähers erinnert, ist leider früh verstorben. Ich vermisse ihn und wenn ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass ich seit seinem Tod überhaupt keine Musik mehr mache, von ein paar Lagerfeuersessions abgesehen.” Vom Musikererlös dieser CD wird folgerichtig eine Peter-Markl-CD finanziert, in mindestens 77 Auflage, d.h. jeder der beteiligten Musiker bekommt einen Beleg und der Rest geht an seine Freunde, Mitstreiter und seine Familie - und nicht in den Handel.

Get it!
Als erstes machte ich den damaligen Toningenieur, Pauler vom Stockfisch Label ausfindig. Jawoll, er habe noch das Mastertape der LP in guter Qualität. Doch dann kontaktierte ich erstmals nach 20 Jahren den Produzenten Hermann von Löwensprung. Surprise, surprise: er hütet noch alle Tonbänder mit insgesamt fünfeinhalb Stunden Originalaufnahmen in bester Qualität. Er machte sich sofort daran, die Tapes auf CDs zu überspielen und eine Vorauswahl zu treffen - ein wahrer Fan. Mit diesen Bändern kam er zur Wintersonnenwende 2002 in den Odenwald und in der längsten Nacht des Jahres beschlossen wir die vorliegende CD, wenn auch noch nicht das definitive Tracklisting, da wir unterschiedliche Ansichten hatten.
Variante A: Die LP als solche muß erhalten werden, neue Stücke als Bonusstücke hinten dran, wie man das so macht.
Variante B: Die ‘neuen’ Stücke werden nahtlos dem Ablauf des damaligen Konzertes entsprechend eingefügt. Wichtig: die letzten beiden Stücke der LP sollen auch die letzten beiden Stücke der CD sein.
Wir entschieden uns für Variante C: Die neuen Stücke stehen nun am Anfang, dann kommt die Original LP mit zwei kleinen Ergänzungen. Zum einen wurde bei ‘Es führt über den Main’ das damals aus Zeitgründen gekürzte instrumentale Nachspiel wieder angehängt, zum anderen auch ein instrumentales Reggae-Nachspiel bei Zeitenwendes ‘Ich gehe heut in ein anderes Land’.

Süße 16 Jahre jung
Dieses LP-Projekt triggerte für Jahre eine wunderbare cooperative Musikersituation los. Jahrelang trafen sich die Musiker anschließend wöchentlich in verschiedenen Kneipen zum miteinander Musizieren und zu regelmäßigen Vollmondfesten, erst bei Sharon & Ax in Buchklingen, später dann bei der Grünen Kraft in Löhrbach. Jahrelang wurde gejammt, es stießen junge Musiker hinzu, wie die Jungs der Gruppe Zugvogel.

Dann kam der Punk und irgendwann versandeten diese Gemeinsamkeiten. Im Laufe der Zeit legten einige ihre Klampfen für immer weg, andere ersetzten sie durch Computer und eigene Studios - und Kinder & das tägliche Leben. Heute tauscht man bei Festen die jeweils eigene neue CD aus (& brennt sich gerne die der anderen), redet am Lagerfeuer über Sounds und Marketing, but the community-spirit seems to be gone ... Im Odenwald lebt heute keiner der Musiker mehr, diesen Luxus leistet sich nur noch der Schreiber dieser Zeilen. Es ist lang, lang her... - sang Zeitenwende damals. Wie lang zeigt eine Episode von einem Vollmondfest Anfang 2003. Ich spielte Thomas Ziebarth all jene Stücke vor, die er vor 25 Jahren bei dem Fest eingespielt hatte. Was für eine Freude, welch funkelnde Augen - und welche Verblüffung, als er sich nicht an das Stück ‘Song to Hermione’ erinnern konnte. Und auch nicht, von wem das Lied geschrieben wurde ... Well, it was David Bowie.

” ... und diese Schallplatte mag vielleicht auch dazu beitragen, die junge Generation besser zu verstehen.” Das meinte das Heidelberger Tageblatt 1978 anläßlich des Erscheinens der LP ‘Musik aus dem Odenwald’. Inzwischen sind die damals ‘junge Generation’ (von denen einige durchaus über 30 waren) teils Großeltern und die Frage ist, ob diese CD eine Brücke zu den heute jüngeren schlagen kann. Ätzender Ausfall oder krasser Kult - das ist hier die Frage nach der Rezeption der CD im Jahr 2003, genau 25 Jahre nach dem Erscheinen der LP.
Im Vorfeld haben sich schon einige Kids überraschend als Fans geoutet. Im familiären Rahmen hat sich zumindest der Text des letzten Liedes der Scheibe, ‘Süße 16 Jahre jung’ als geradezu prophetisch herausgestellt: Tochter Oona zog schon mit 15 nach Heidelberg - nicht zuletzt um ‘wetzende Gitarren’ zu erleben.

W.P., Frühling 2003

Öffnet all eure Herzen: Where are they now?

Nur wenige der damals musikalischen Akteure machen heute noch Musik oder leben gar davon:
Barby und Uli = Zeitenwende in verschiedenen Formationen; sie spielten in Bonn bei den Grünen, als diese zum ersten Mal in den Bundestag einzogen. Später relaunchten sie wieder Elster Silberflug; mit Sohn Moritz, der auch diese CD gemastert hat.
Ax gründete kurze Zeit später die wundervoll rockenden RIF, später die Rockin’ Daddies; lebt heute in Neckarsteinach, am Odenwald und tritt als Dr. Ted & die Tiger auf.
Thomas und Hartmut arbeiten als Altbaurestaurateure und sind (zusammen mit Bernie Conrads) nach vielen Jahren Bühnenabstinenz im Winter 2003 wieder erstmals aufgetreten: im Cave 54, dem Heidelberger Jazzclub. Im Publikum einige der ehemaligen Mitstreiter. Die ehemaligen Elstern Diethard, Lutz und Bernward, Eugen ...Diethard ist Lehrer an einer Musikschule. Zur selben Zeit waren einige andere (Barby, Uli, Mani, Biber u.a.) in ihrem jährlichen Winterdomnizil in Goa). Thomas hat auch als Maler mehrere Ausstellungen bestückt.
Oigen (Eugen Pletsch) lebt nach wie vor bei Gießen. Nach 25 Jahren „on the road“ ist er nur noch selten als Wanderer zwischen den Welten unterwegs. Er betreibt das Internetportal und berät Firmen im Bereich Marketing, Vertrieb und Öffentlichkeitsarbeit. Musik macht er nur noch am (seltenen) Lagerfeuer.
Biber Gullatz. Er war damals der junge Schüler, spielte als 16jähriger zum ersten Mal Rock’n’Roll auf der Flöte, ‘durfte’ mit zum Abmischen ins Studio und hat sich im vergangenem viertel Jahrhundert weiterentwickelt und sowohl als Studiosi und Komponist (auch Theater und Film) wie auch als grenzüberschreitender Musiker einen guten Namen gemacht.
Peter Markl mutierte zum Punk, strab aber viel zu früh, noch in den 80ern; in seiner Band SHRIEKS wirkte u.a. auch Norika mit, die später im Umfeld der Gruppe Der Plan wirkte, und u.a. auf der LP von Trashmuseum zu hören ist. Sie lebt heute als Malerin in Düsseldorf.
Lutz Berger spielte (wie auch Hartmut) später bei Zupfgeigenhansel mit - hat aber dann leider die Geige aus der Hand gelegt; gründete mit Werner Pieper anfangs der 80er das Transmitter Cassetten Label, Ende der 80er auch noch die erste europäische Firma für Mind-Machines: BrainTech. Beschäftigt sich nach wie vor mit Schwingungen.
Michel Meyer lebt als Maler und Illustrator in Weinheim. Seit 1978 Ausstellungen in Galerien und Museen. Seit 1986 nicht mehr auf einer Bühne gewesen. eMail: meyer-sommer-meyer@t-online.de
Anne Goßlau heißt heute Zwecker, wohnt als in der Werbung arbeitende bekennende Großmutter in München, spielt Querflöte (für die Emmas war sie wg. Biber zur Geigerin geworden), tritt mit ‘Märchen& Musik’ öffentlich auf.
Hermann von Löwensprung wurde homöopathischer Frauenarzt in München.
Werner Pieper schreibt und verlegt (auch Musik-)Bücher, kompiliert CDs (für seine 6 FlashBacks erhielt er er 2001 der Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik.
Micky Lange arbeitet heute als anerkannter Fotograf, Gerd Baumann als visionärer NetzGrafiker.

Alle Angaben ohne Gewähr.


01 Ich liebe die Liebe 05:24 Zeitenwende (Freise)
02 Wenn der Sommer kommt 04:54 Zeitenwende (Freise)
03 Abenddämmerung 02:51 Paule Düsenfinger & seine heißen Dinger (Markl)
04 Letter to Hermione 03:13 Turwan (Bowie)
05 The Lonesome Boatman 02:00 Marktplätzchen (Furey)
06 Zogen einst fünf wilde Schwäne 04:21 Paule Düsenfinger & seine heißen Dinger (Trad.)
07 Beutlins Wanderlied 03:11 Ureichel (Tolkien/Pletsch)
08 Vom Frankenschlag nach Michelau 02:33 Paule Düsenfinger & seine heißen Dinger (Markl)
09 Es führt über den Main 05:58 Meischen Zirpefein (Felicitas Kuckuck/Deis/Wiese)
10 Rain 04:04 Turwan (Lennon/McCartney)
11 So wie die Blume blüht 03:14 Zeitenwende (Freise)
12 Ich gehe heut in ein anderes Land 06:06 Zeitenwende (Freise)
13 Es ist lang lang her 05:37 Zeitenwende (Freise)
14 Emma Myldenberger 03:59 Emyl (Meyer)
15 Crockodiles 02:14 Ureichel (Pletsch)
16 Öffnet all eure Herzen 02:15 Dreck Speck Finger weg (Hoffmann)
17 Pierre der rote Coquillard 02:45 Hartmut (Villon/Vahle)
18 Oboenstück 04:35 Marktplätzchen (Knieper/Berger)
19 Get It 02:49 Odenwald Express (Kelly/Genrich)
20 Süße 16 Jahre alt 03:13 Odenwald Express (Berry/Genrich)

Gesamtzeit 76:00


Die Interpreten

Ureichel
Oigen Pletsch Gitarre, Gesang
Peter Markl Gitarre, Gesang

Marktplätzchen
Biber Gullatz Oboe, Krummhorn, Flöten, Gesang
Reines Pauker Gitarre, Gesang
Ax Genrich Gitarre, Gesang
Jogi Karpenkiel Bass
Seppl Niemeyer Percussion

Emyl
Biber Gullatz Oboe, Krummhorn, Flöten, Gesang
Michel Meyer Mandoline, Gesang
Anne Goslau Geige, Gesang
Topsy Tcacz Gitarre, Gesang
Seppl Niemeyer Percussion

Schall & Rauch (nicht auf der CD)
Matz Knieper Piano
Lutz Berger Geige, Gitarre
Roy Randolph Percussion, Gesang
Bruno Schaab Bass

Meischen Zirpefein
Mani Deis Flöte, Mandoline, Bouzouki, Gesang
Gunhild Weise Gitarre, Gesang

Zeitenwende
Uli Freise Gitarre, Gesang
Barbara Freise Percussion, Gesang
Ax Genrich Sologitarre, Gesang
Jogi Karpenkiel Bass

Dreck Speck Finger weg
Hartmut Hoffmann Gitarre, Gesang
Biber Gullatz Flöten, Oboe, Gesang

Paule Düsenfinger & seine heißen Dinger
Peter Markl Gitarre, Gesang
Bernward Spiegelberg Mandoline, Gesang
Helen Bygrove Gitarre

Turwan
Thomas Ziebarth Bouzouki, Gesang
Urte Berdau Gitarre
Iwan Scharwenka Oktavgitarre, Gesang

Odenwald Express
Ax Genrich Gitarre, Gesang
Biber Gullatz Flöten
Lutz Berger Geige, Gitarre
Jogi Karpenkiel Bass
Seppl Niemeyer Percussion, Chor
Reines Pauker Percussion, Chor
Susann Rauhaus Percussion, Chor
Norika Nienstedt Percussion, Chor
Mimo Nienstedt Percussion, Chor



Impressum

Cover by Thomas Ziebarth
Text & Satz des Booklets: Werner Pieper
Gestaltung des Booklets: Walter Hartmann
Fotos: 1 & 2 von Rainer Böhm, 5 von Micky Lange, 6 Ronald Rippchen; 3 & 4 unbekannt.
Label???

Dank an Rainer Pauler, Biber Gullatz, Moritz Freise, Thomas Ziebarth und vor allem Hermann von Löwensprung, ohne dessen Begeisterung es wahrscheinlich damals weder eine LP, noch heute eine CD gegeben hätte.

Recorded live in der Aula der Gewerbeschule Weinheim, am 24. und 25. September 1977 anläßlich des 7. Geburtstages der Grünen Kraft.
Aufnahmen von Rainer Pauler, Stockfisch
CD-Mastering Moritz Freise
Produziert von Hermann von Löwensprung
SuperVision: Werner Pieper

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